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Full text of "Aus drei Jahrhunderten der hamburgischen Geschichte (1648-1888)"

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5. Beiheft 

zum 

rahrl)uch der Hambnrgisclien Wissenschaftlichen Anstalten 

XIV. 1896. 



Aus drei Jahrhunderten 



der 



Hamburgischen Geschichte 

(1648—1888). 



Von 
Adolf Wohlwill. 



Hamburg 1897. 

Commissions -Verlag von Lucas Gräfe .& Sill ein. ./ 



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THE NEW YORK 

PÜBUCUBRARY 

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Vorwort 

Es war meine ursprüngliche Absicht, nm die Zeit der Einweihung 
unseres neuen Eathhauses auf Grund meiner mehr als zwanzigjährigen 
Vorarbeiten eine Darstellung der neueren Hamburgischen Geschichte zu 
veröffentlichen. Leider bin ich veranlasst, dies auf einen späteren Zeit- 
punkt zu verschieben. Was ich heute vorzulegen vermag, ist nur etwas 
Fragmentarisches, eine Aneinanderreihung von Specialstudien und knapp 
gehaltenen historischen Skizzen, die allerdings 240 Jahre der Hamburgischen 
Geschichte umfassen, aber in keiner Beziehung etwas Vollständiges und 
Abgerundetes zu bieten beanspruchen. Die Hamburgische Handelsgeschichte 
und den Antheil Hamburgs an dem geistigen Leben der deutschen Nation 
habe ich nur streifen können; und selbst wichtige Theile der politischen 
Geschichte Hamburgs, z. B. die bürgerlichen Wirren im Ausgang des 
17. Jahrhunderts und die Leiden der Stadt während der Schreckensherrschaft 
Davouts, sind von mir nur kurz berührt oder völlig übergangen worden. 
Trotzdem wird man hoffentlich einen gewissen Zusammenhang in den von 
mir dargebotenen Bruchstücken nicht verkennen. Es war meine Absicht, 
die Beziehungen Hamburgs zu den grossen weltgeschichtlichen Ereignissen 
der neueren Jahrhunderte zu veranschaulichen und insbesondere zu zeigen, 
wie sich die wechselnden Geschicke der deutschen Nation in der Geschichte 
unserer Heimat gespiegelt, und wie sich die Bande, die Hamburg mit dem 
übrigen Deutschland verknüpfen, immer mehr gefestigt haben. 

Manches in dieser Arbeit nur kurz Angedeutete weiter auszuführen, 
die Abweichungen meiner Darstellung von der anderer Autoren im einzelnen 
zu begründen und die Angaben über die benutzten Quellen zu ergänzen, 
muss ich mir für spätere Veröffentlichungen vorbehalten. Auf vollständige 
Anführung des von mir verwertheten Materials, namentlich des ungedruckten, 
musste ich dieses Mal schon deshalb verzichten, weil wiederholt die Ergebnisse 
langwieriger archivalischer Studien in wenige Zeilen zusammenzufassen 



ii 



waren. Die von mir benutztea Archive liabe ich (unter HiiizufBgung der 
von mir gebrauchten) Abkürzungen unten verzeichnet'). Den Verwaltungen 
derselben bin ich insgesammt flir die meinen Forschungen gewährte Förderung 
verpflichtet. Mit besonderer Dankbarkeit aber muss ich die Hülfsbereitschaft 
anerkennen, die mir speciell während der letzten Wochen and Monate, da 
es galt, für den Zweck der vorliegenden Arbeit viele der früher von mir 
durchgesehenen Documente nochmals zu prüfen und so manche andere zur 
Ergänzung heranzuziehen, von den Torständen und Angestellten des Staats- 
archivs in Hamburg, des Archivs der Handelskammer in Hamburg, des 
Staatsarchivs in Bremen, des Königl. Geh. Staatsarchivs in Berlin, des 
Keichsarchivs und des Archivs im Ministerium der auswärtigen Angelegen- 
heiten zu Kopenhagen bewiesen worden ist. Auch die Unterstützung, die 
mir von Seiten der hiesigen Bibliotheken zu Theil geworden, muss ich 
dankend erwähnen. 

Hamburg, im October 1897, 

A. W. 



') Vaa Staatsarchiv in Hamburg (Hamb. A.), Ans Archiv der Handelskamnier in 

Hamburg (Comm. Ä,), die Staatsarchive in Bremen und Lübeck (Brem. A. und Lüb. A,), 

das Königl. Geh. Staatsarchiv in Berlin (Berl. A.), die Küniglichen Staatsarchive in Hannover, 

Marburg und Breslau, das Herzogl. Landeshauptarchiv in WolfenbUttel, das Stadtarchiv 

iu Brauns chweig, Ana KönigL Eauptstaatsarctiiv in Dresden (Dresd. A.), das K. K. Haus-, 

Hof- und Staatsarchiv in Wien (Wien. A.\ das Eeichsarchiv in Kopenhagen (Kophg. A.), 

des auswärtigen Ministeriums in Kopenhagen (Kopbg. Answ. A.), das Reicbs- 

itockholm, das Nationalarchiv in Paria (Paria. Nat.-A.) und daa Archiv des 

a der Auswärtigen Angelegenheiten in Paris (Paris. Ausw, A.) — Ausserdem 

L handschriftlichen Quellen benutzt: die Protokolle der Hamburger Kämmerei, 

■Ue der patriotischen Geaeüachaft, verschiedene Manuacripte der Stadtbibliothek, 

rzbibliothek und des Vereins für Hamburgische Geschichte, Papiere aus dem 

:s Wasserbantechnikers Reinhard Woltman, die mir durch die Ottte dea Herrn 

idey, z. Zt. in Cbarlottenburg, zugänglich worden und mancherlei im Privat- 

dliche Briefschaften und Aufzeichnungen. 



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5, i Inhaltsverzeichniss. 



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Seite: 

I. Aus dem 17. Jahrhundert 3— 62 

1. Hamburg um die Mitte des 17. Jahrhunderts (1648—1670) 3— 26 

2. Hamburg und der grosse Kurfürst 26 — 62 

II. Aus dem 18. Jahrhundert 62—108 

1. Hamburgs Beziehungen zu Preussen, insbesondere im 
Zeitalter Friedrichs des Grossen 62 — 88 

2. Hamburgs Beziehungen zum deutschen Reich, insbesondere 

im Zeitalter der französischen Revolution 88 — 108 

III. Zur Geschichte Hamburgs im Zeitalter Napoleons 108—145 

IV. Aus der Zeit von 1814—1888 145—193 

1. Zur Geschichte der nationalen Gesinnung in Hamburg . 145 — 156 

2. Hamburg und der Zollverein 157 — 193 



Schlussbetrachtung 193—195 



( 



L Aus dem 17. Jahrhundert. 

I. Hamburg um die Mitte des 17. Jahrhunderts (1648—1670). 

Durch Dankgottesdienst, Glockengeläute und Festmusik, die von den 
ehrwürdigen Thtirmen der Stadt herabtönte, durch Kanonensalven von den 
Wällen, wie durch Freudenschüsse der Garnison, die mit fliegenden Fahnen 
und klingendem Spiel auf den öffentlichen Plätzen zusammengetreten war, 
wurde in Hamburg am 29. October 1648 die Kunde von dem Frieden 
gefeiert, nach dem auch hier viel tausend Herzen geseufzt hatten. 

Ungeachtet seiner trefflichen Befestigungen und seiner umsichtigen 
Neutralitätspolitik war Hamburg von den Schrecknissen des dreissigj ährigen 
Krieges nicht gänzlich unberührt geblieben. Dem Druck der Machthaber 
und Heerführer nachgebend, musste die Stadt bald der einen, bald der 
andern Partei ansehnliche Geldsummen zur Verfügung stellen ; und obwohl 
zur Abwendung von Durchzügen Contributionen gezahlt wurden, war es 
doch unmöglich gewesen, das Hamburgische Landgebiet von dem kriegerischen 
Treiben völlig frei zu halten. Die eigentliche Stadt blieb freilich von der 
Einquartierung fremder Soldatesca verschont; aber mit den zahlreichen 
Flüchtlingen drangen die Geleitplagen des Krieges, die Pest und andere 
ansteckende Krankheiten ein, die in einzelnen Stadttheilen mehr als die 
Hälfte der Bevölkerung dahinrafften. Trotzdem hatte Hamburg im Vergleich 
mit so vielen anderen Gliedern unseres Vaterlandes allen Grund, sich 
glücklich zu schätzen, dass es doch noch verhältnissmässig so gut über 
die schlimmen Zeiten hinweg gekommen war. Während andere Ortschaften 
während des Krieges völlig zu Grunde gerichtet oder doch des grösseren Theiles 
ihrer Bevölkerung beraubt worden waren, hatte Hamburgs Einwohnerschaft 
sich nicht unerheblich vermehrt. Der im Anfang des Krieges in die neue 
Befestigung hineingezogene Grund und Boden der heutigen Neustadt war 
schnell bebaut worden und die Zahl der dort Angesiedelten bis gegen 

1* 



Ende des Krieges auf mehr als 20 000 angewachsen, sodass bereits 1647 
die Absonderung des neuzubildenden Michaelis-Kirchspiels von St. Nicolai 
für nöthig erachtet wui-de. Auch der Handelsverkehr und der Wohlstand 
der Stadt erlitten keine Einbussen, die nicht in der einen oder andern 
Weise leicht wieder ausgeglichen werden konnten. Es ist bemerkenswerth, 
dass sich der Ertrag des Schosses, d. i. der Vermögenssteuer, im Verlaufe 
des Krieges beinahe verdoppelt hatte*). Wenn man auch vorgab, — so 
heisst es in einer Predigt vom Jahre 1646 — dass die Zeiten schlecht, 
die Nahrung gering, die Contributionen drückend seien, so hindere dies 
alles dem Augenschein nach nicht an herrlichen Gebäuden, prächtigen 
Kleidern und köstlichen Gastgeboten*). 

Nachhaltiger, als die Ereignisse des Krieges, griffen die Bestimmungen 
des westfälischen Friedens in die Verhältnisse Hamburgs ein. Zunächst 
lag es der Stadt ob, ihren Antheil an den Schweden zugesicherten Kriegs- 
entschädigungsgeldern im Betrage von 96 120 fl. aufzubringen. Bis zur 
Entrichtung dieser Summe hatte die schwedische Regierung das Recht, das 
Hamburger Gebiet zu besetzen. In der That haben schwedische Truppen 
in der Zeit vom Januar bis September 1649 in verschiedenen Ortschaften 
des Hamburgischen Landgebiets, wie auch in den der Stadt mit Lübeck 
gemeinsam gehörigen Vierlanden Quartiere bezogen und dort übel gehaust ; 
bekanntlich war die schwedische Soldatesca jener Zeit durch den Krieg 
arg demoralisirt und weit verschieden von den trefflich disciplinirten 
Truppen, mit denen Gustaf Adolf seine Siege erfochten hatte. Doch tritt 
diese kurze Schwedenplage erheblich hinter den dauernden Nachwirkungen 
des westfälischen Friedens zurück. 

Für den gesammten weiteren Verlauf der Hamburgischen Geschichte 
war es verhängnissvoll, dass die Eeichsgewalt noch mehr als früher ein- 
geschränkt und geschwächt wurde, und dass fremde Mächte auf deutschem 
Boden Herrschaft und verfassungsmässigen Einfluss erlangten. 

Besonders bedeutsam war es für Hamburg, dass Schweden das 
Herzogthum Bremen erhielt. „Was sind Rhein, Weser, Elbe und Oderstrom 
nunmehr anders, als fremder Nation Gefangene", so klagte der grosse 
Kurfürst in seiner 10 Jahre später in Hamburg gedruckten Denkschrift an 
den „Ehrlichen Teutschen". Da seit dem westfälischen Frieden Schweden 
am linken Ufer der unteren Elbe herrschte, wie Dänemark am rechten 
Ufer, so war die Elbe gleichsam in zwiefacher Gefangenschaft. Insbesondere 
haben die Hamburger es wiederholt schwer empfinden müssen, dass ein so 



Der Schoss, der bekanntlich Vi Procent des Vermögens betrug, brachte ein Jahr 
vor dem Kriege (1617) 54 409 Wi ß, ein Jahr nach dem Kriege (1649) 102 171 Jl£ 4 /J 
(Nach den von Herrn Dr. J. F. Voigt mir gütigst zur Verfügung gestellten Auszügen aus 
den Kämmereirechnungen). 

2) Predigt von Jodocus Edzardi Glanaeus vom 5. April 1646 (Ausgabe von 1750, S. 11). 






mächtiger Staat wie Schweden in den Besitz des Stader Zolls gelangt 
war. Femer gab der umstand, dass das Amt Eitzebüttel fortan aaf der 
Landseite von schwedischem Territorium eingeschlossen war, zu mancherlei 
Grenzstreitigkeiten Anlass. Nicht minder führte es hin und wieder zu 
Conflicten, dass auch die Bechte, die früher der Erzbischof von Bremep 
an dem Hamburger Dom gehabt, im westfälischen Frieden an Schweden 
gefallen waren und diese Macht somit gleichsam einen Fuss innerhalb der 
städtischen Wälle hatte. Trotz so manchen Anlasses zu Reibungen und 
thatsächlich eingetretener Misshelligkeiten ist jedoch das zur Zeit Gustaf 
Adolfs begründete freundschaftliche Verhältniss Hamburgs zu Schweden 
im grossen und ganzen während des 17. Jahrhunderts bestehen geblieben 
und kam es der Stadt mitunter auch zu gute, dass diese mit Dänemark 
rivalisirende Macht zu den Ständen des niedersächsischen Kreises gehörte 
und daher gegen dänische Bedrohungen und üebergriffe einen gewissen 
Rückhalt gewähren konnte. 

Für die Folgezeit von noch grösserer Bedeutung war es, dass sich 
seit dem westfälischen Frieden auch das brandenburgische Herrschaftsgebiet 
in den niedersächsischen Kreis hineinerstreckte. Bekanntlich erlangte der 
grosse Kurfürst 1648 das Bisthum Halberstadt und die Anwartschaft auf 
das Erzbisthum Magdeburg. Durch die Erwerbung des letzteren wurde 
zugleich Brandenburgs Position an der Elbe verstärkt, woraus sich eine 
bedeutsame Interessengemeinschaft mit Hamburg, anderseits freilich auch 
der Anlass zu mancherlei Streitigkeiten ergeben sollte. 

Eine gewisse Differenz der Anschauungen zwischen Hamburg und 
Brandenburg tritt uns zunächst jedoch auf einem ganz andern Gebiet, dem 
der religiösen Duldung, entgegen. Unter Berufung auf den 7. Artikel des 
westfälischen Friedens, durch den der Streit darüber, ob die Reformirten 
unter die Augsburger Confessionsverwandten zu rechnen seien, im bejahenden 
Sinne entschieden worden, richtete der Kuiiurst im April 1649 an den 
Hamburger Rath die Ermahnung, die Reformirten, die sich in Hamburg 
häuslich niedergelassen oder künftig nach Hamburg oder dessen Gebiet 
begeben möchten, dieser Bestimmung des Friedens gemäss zu behandeln, 
ihnen in Bezug auf die Ausübung ihrer Religion in Zukunft nichts zu ver- 
sagen, sondern sie in allem den übrigen Büi*gern und Einwohnern gleich 
zu achten.*) 

Die Antwort des Hamburger Raths hat sich nicht erhalten. Sicher 
ist, dass er sich der Auffassung, die Reformirten seien auf Grund des 
westfälischen Friedens den Lutheranern gleichzustellen, nicht anschloss. 
Insbesondere galt der Gottesdienst der Reformirten als ein der Stadt 
fremder; ihn zu dulden glaubte man umso weniger verpflichtet zu sein. 



Schreiben vom 20. April 1649. Hamb. A. 



als die Reformirten auch in dem für die Entscheidung solcher Fragen 
massgebenden Normaljahr 1624 nicht das Recht der Religionsübung 
besessen hatten.^) 

Als der grosse Kurfürst in späteren Jahren auf diese Angelegenheit, 
die ihm Herzenssache war, zurückkam, führte der Hamburger Rath wohl 
zur Rechtfertigung seiner ablehnenden Haltung an: wenn man den Refor- 
mirten Zugeständnisse mache, so würden die Katholiken das Gleiche 
beanspruchen. Er gab auch gelegentlich zu erkennen, dass derartige 
Neuerungen nicht ohne Zustimmung der Bürgerschaft erfolgen könnten, 
und warf die Frage auf, ob es dem Kurfürsten genehm sei, dass über 
sein Begehren in der Bürgerschaft verhandelt werde. Davon wollte der 
Kurfürst allerdings nichts wissen; denn er musste besorgen, dass die in 
solchem Fall zu erwartende öffentliche Zurückweisung seines Anliegens 
zur Folge haben würde, ihm das Eintreten für die Reformirten in Zukunft 
nm' noch mehr zu erschweren.*) 

In der That verharrte die Hamburger Bürgerschaft noch länger und 
entschiedener als der Rath auf dem Standpunkt, dass der durch den Augs- 
burger Religionsfrieden, wie durch den westfälischen Frieden gewährleistete 
lutherische Charakter des Gemeinwesens keinerlei Abbruch erleiden dürfe. 
Jeder Versuch, dem aus Gründen des Völkerrechts nicht zu beanstandenden 
katholischen und reformirten Gottesdienst in den Capellen der auswärtigen 
Gesandten, die in Hamburg residirten, zu einem Gemeindegottesdienst zu 
erweitem, gab daher zu heftigen Reclamationen Anlass. 

Von den sonstigen Beziehungen zwischen Hamburg und dem grossen 
Kurfürsten soll im nächsten Abschnitt ausführlicher die Rede sein. An 
dieser Stelle genüge es anzudeuten, dass die Entfaltung Brandenburgs zu 
einem^ machtgebietenden Staatswesen — so oft es auch mit Hamburg in 
Conflict gerieth — dennoch fttr diese Stadt nicht minder, als für das 
gesamrate Deutschland, von vorwiegend segensreicher Bedeutung war. Weit 
nachhaltiger und wirksamer, als es je von Schweden hatte erwartet werden 
können, trat Brandenburg seit den letzten Zeiten des grossen Kurfüi'sten 
Dänemark gegenüber für Hamburg ein. 

Nach dänischer Auffassung war Hamburg im 17. Jahrhundert eine 
zwar mit mancherlei Freiheiten und Privilegien ausgestattete, dennoch 
aber zum Herzogthum Holstein gehörige und daher dem Könige von 

^) Später wurde wohl von brandenburgisch-preussischer Seite darauf hingewiesen, 
dass innerhalb des sogenannten englischen Courts reformirter Gottesdienst stattgefunden 
habe, wogegen die Hamburger geltend machen konnten, dass dies in Anbetracht der 
ganz exceptioneUen Rechtsverhältnisse, unter denen die englische HandelsgeseUschaft in 
Hamburg lebte, für die Stadt im übrigen nicht massgebend sein könne. 

^) Ueber die einschlägigen Verhandlungen aus der letzten Zeit des grossen Kur- 
fürsten findet sich im Hamb. Staatsarchiv etwas reicheres Material. Vgl. auch die 
Zeitschrift „Hamburg und Altona" Jahrgang 1805, Band 3, S. 242 ff. 



Dänemark erbunterthänige Stadt. Das Reichskammergericht zu Speier 
hatte freilich schon im Jahre 1618 nach einem langen Process 
entschieden, dass Hamburg dem Kaiser und Reich „ohne Mittel 
zuständig, unterworfen und verwandt, auch von männiglich dafür zu 
erkennen sei." Christian IV. aber hatte dagegen Revision eingelegt, 
und wenn auch der Kaiser dies aus verschiedenen Gründen für 
unzulässig erklärte und die stricte Durchführung des Speirer Urtheils 
wünschte, so stellte es sich doch heraus, dass die Fürsten des nieder- 
sächsischen Kreises wenig geneigt waren, ihn hierbei energisch zu unter- 
stützen. Die Stadt Hamburg selbst sah sich genöthigt, am 8. Juli 1621 
in den Steinburger Vertrag zu willigen, in dem sie sich verpflichtete, der 
Revision in keiner Weise zu widerstreben und, so lange sie schwebe, dem 
Hause Holstein gegenüber „in unterthänigster Devotion" zu verharren, 
mit einem Wort sich bis auf weiteres so zu verhalten, als ob der Process 
in Speier nicht zu Gunsten von Kaiser und Reich, sondern zu Gunsten 
von Dänemark und Holstein entschieden wäre. Aehnlich versprachen 
BürgeiTOeister und Rath der Stadt noch in einem an Christian IV. gerichteten 
Gesuch vom 25. Mai 1643, beim Könige von Dänemark „Unsern Vorfahren 
gleich, als frommen Leuten bei ihren natürlichen, erbgeborenen Landes- 
fürsten und Herren zu thun gebühret, soviel an uns ist, steif unverbrüchlich 
zu halten." In beiden erwähnten Fällen hatte der Rath jedoch sicher nur 
dem Drang der Verhältnisse nachgegeben und sich zu solcher Demüthigung 
und Verzichtleistung nur verstanden, weil die Stadt, aller Aussicht auf 
Unterstützung ermangelnd, sich in Gefahr befand, von der dänischen 
Militärgewalt erdrückt zu werden. Im übrigen lässt es sich nicht 
leugnen, dass Hamburg geraume Zeit hindurch seinen Vortheil darin zu 
erblicken meinte, eine gewisse Mittelstellung zwischen Dänemark und dem 
Reich einzunehmen. Das Reich sollte gegen dänische Herrschaftsansprüche 
Rückhalt gewähren, eine gewisse Anlehnung an Dänemark, die Anerkennung 
einer dänischen oder holsteinischen Schutz- und Schirmgewalt die Möglich- 
keit geben, unbequeme Anforderungen des Reiches von sich abzulehnen. 
Auf diese Weise hatte man gehofft, dem Ideal einer vöUig freien Stadt 
möglichst nahe zu kommen. Angesichts der im Verlaufe des dreissigjährigen 
Krieges stets aufs neue hervorgetretenen Pläne Christians IV., nicht nur 
der politischen Freiheit, sondern auch dem Handel und der Schiffahrt 
Hamburgs den Garaus zu machen oder sie doch zum Vortheil Dänemarks 
einzuschränken, musste sich jedoch bei den Männern, die das Hamburgische 
Staatswesen leiteten, immermehr die üeberzeugung Bahn brechen, dass 
das Heil für Hamburg nur im engen Anschluss an das Reich zu suchen sei. 
Ganz unerwartet bot sich übrigens bereits 1650, zwei Jahre 
nach dem Tode Christians IV., die Aussicht, die dänischen Ansprüche 
schneller und vollständiger, als durch ein Reichskammergerichtsurtheil, 



8 

zu beseitigen.^) Die neue dänische Regierung erklärte sich mit Rücksicht 
auf den ungünstigen Stand der dänischen Finanzen bereit, in Verhandlungen 
einzutreten, deren Zweck war, die Ablösung der dänisch-holsteinischen 
Ansprüche auf Hamburg durch Auszahlung einer bestimmten Geldsumme 
anzubahnen. Der Rath ging mit Eifer auf die Sache ein. Die Entsagungs- 
urkunde, vermittelst welcher der König von Dänemark und der Herzog 
von Holstein auf ihre Hoheitsrechte über Hamburg verzichten und die Stadt 
als eine freie Reichsstadt, wie Lübeck, anzuerkennen versprechen sollten, 
war bereits vom Syndicus Broderus Pauli entworfen und, wie es scheint, 
beiderseits genehmigt worden.*) Aber die Sache scheiterte, weil die 
bürgerlichen CoUegien und die sonstigen Vertreter der Bürgerschaft, die 
man hinzuzog, verabsäumten, die günstige Gelegenheit bei der Stimlocke 
zu ergreifen. Sie fanden die dänische Forderung zu hoch; sie wünschten 
zugleich vom dänischen Hof Zugeständnisse hinsichtlich des Sundzolles zu 
erlangen und glaubten überdies den Umstand, dass der Rath zur Beschaffung 
der für den erwähnten Zweck erforderlichen Geldmittel auf die Bürgerschaft 
angewiesen war, benutzen zu sollen, um eine Reihe auf die inneren 
städtischen Verhältnisse bezüglicher, zum Theil sehr weit gehender Anträge 
durchzusetzen. Die dänisch-holsteinischen Commissare zeigten sich im 
ganzen entgegenkommend. Was den Geldpunkt betraf, so war man 
schliesslich nur noch um 2000 Thaler auseinander. Auf Unterhand- 
lungen über den Sundzoll glaubten die Commissare allerdings nicht 
eingehen zu dürfen. Sie erklärten, dieser Gegenstand müsse in Kopenhagen 
mit dem Reichsrath verhandelt werden. Aus einem Gutachten des dänischen 
Reichsraths vom 21. Juli 1651 erhellt übrigens, dass dieser durchaus nicht 
abgeneigt war, den Wünschen der Hamburger zu willfahren.*) So sehr aber 
auch die dänische, wie die holstein-gottorpsche Regierung eine für alle 
Theile befriedigende Erledigung der Angelegenheit herbeizuführen suchte, 
so riss ihnen doch schliesslich die Geduld. Nachdem die Verhandlungen 
sich ungefähr 2V2 Jahre hingezogen hatten, erklärte der dänische 
Bevollmächtigte (am 30. September 1652), der König sei anderen Sinnes 
geworden. Einige Zeit vorher war das Wort gefallen : die Leute, die das 
Abkommen verhindert, möchte man wohl zum ewigen Andenken an die 
Sache im Stadtbuch verzeichnen lassen. 

Der dänische Gesandte, der seiner Regierung über die damals in 
Hamburg herrschende Stimmung berichtete, deutete an, dass es den Bürgern 

^) Nach einer Handschrift der Hamb. Commerzbibliothek nnd Acten des Eophg. 
Reichs-Archivs. 

^) In einem Schreiben an den dänischen Reichskanzler Griffenfeld vom 7. August 1675 
(vergl. S. 37.) bezieht sich der Senat auf „das hiebevor in Anno 1652 beliebte und 
bereits voUzogene Instrumentum Transactionis". 

^) Nach einer mir von Herrn Dr. Fridericia in Kopenhagen gütigst zur Verfügung 
gesteUten Archival-Notiz. 



I 



9 

mit den Verhandlungen gar kein rechter Ernst gewesen; sie hätten eine 
völlige Loslösung Hamburgs von Dänemark für nachtheilig gehalten, nicht 
zum wenigsten in der Besorgniss, dass der Rath, wenn er keiner höheren 
Gewalt untergeben wäre, ein absolutes Regiment in der Stadt aufrichten 
wiirde. Unzweifelhaft sind diese Angaben einseitig und gefärbt. Anderseits 
ist es ja bekannt genug, dass die bürgerschaftliche Opposition noch 
geraume Zeit eine gewisse Hinneigung zu Dänemark bekundete und erst 
gegen Ende des Jahrhunderts, durch die Erfahrung klug geworden, 
ebenfalls zu der üeberzeugung gelangte, dass man sich unter keinen 
Umständen vom Reich trennen dürfe. 

Wie der Hamburger Rath, hielt auch die Reichsgewalt seit der Mitte 
des 17. Jahrhunderts fortwährend an der Behauptung fest, dass Hamburg 
reichsunmittelbar sei, — ohne freilich diesen Anspruch zur vollen Geltung 
bringen zu können. 

Nicht weniger als der Reichsverband war die hanseatische Ver- 
bindung um die Mitte des 17. Jahrhunderts gelockert. Trotzdem war 
der Hamburger Rath eifrigst bemüht, zur Erhaltung dessen, was von der 
alten Hansa übrig war, beizutragen.^) Obwohl Hamburg zuvor durch 
AusserachtlassuDg des hanseatischen Gesammtwillens nicht unerheblich 
zum Verfall der Hansa beigetragen hatte, erachtete es die Stadt jetzt ihrem 
Interesse gemäss, im Verein mit Lübeck und Bremen dafür zu sorgen, dass 
der Bund nicht seiner völligen Auflösung entgegengehe. Im Jahre 1629 war 
zu Lübeck zum letzten Mal vor dem westfälischen Frieden eine grössere Zahl 
von Städten zusammengetreten. Damals beschloss man, zunächst mit Bezug 
auf eine bestimmte Angelegenheit, die drei Städte Lübeck, Bremen und 
Hamburg zu ermächtigen, das gemeinsame Interesse der Hansestädte 
wahrzunehmen, weil die Tagfahrten künftig nicht mehr so oft stattfinden 
könnten. Diesem Auftrag zufolge glaubten die genannten drei Städte 
auch fernerhin berechtigt und verpflichtet zu sein, im Interesse der 
Gesammtheit vorzugehen. Sie vereinten sich zu einer Art von Sonder- 
bündniss auf den Zusammenkünften von 1630 und 1641, Hessen es sich 
aber doch nach dem Frieden angelegen sein, wieder einen wahren Hanse- 
tag zu berufen. Ein solcher wurde für den September 1651 in Aussicht 
genommen. Unter den Beweggründen zur Berufung war in ei'ster Linie 
angeführt, dass andernfalls es fast das Ansehen gewinnen dürfte, als 
wenn die hanseatische Einigung bereits erloschen und aufgehoben sei. 
Als besondere Gegenstände der Berathung wurden u. a. bezeichnet: wie 
die hansischen Privilegien zu bewahren und zu besserer Observanz zu 
bringen, wie man fernere Handelsbegünstigungen bei den spanisch-nieder- 
ländischen Friedenstractaten erringen möchte, wie die hansischen Contore 

^) Das Folgende nach den Hanse-Acten der Archive in Brannschweig, Bremen und 
Lübeck. 



10 

in London. Antwerpen und Bergen, wennschon sie nicht zu vorigem Flor 
und Wohlstand gebracht werden könnten, doch so gut wie möglich zu 
unterhalten seien. Beachtenswerth ist, dass ausserdem in Erwägung gezogen 
wurde, mit den hervorragenderen binnenländischen Reichsstädten, namentlich 
mit Strassburg, Augsburg, Frankfurt und Nürnberg im gemeinsamen commer- 
ciellen Interesse Verbindungen anzuknüpfen. Der Hansetag kam jedoch nicht 
zu Stande. Auch drei andere Einberufungen wurden wieder „krebsgängig", 
weil bald von der einen, bald von der anderen Seite ein Aufschub gewünscht 
oder angerathen wurde. Ein neuer Anlauf wurde im Jahre 1668 genommen ; 
doch Hess sich damals ausser Hamburg und Bremen nur noch Brannschweig 
in Lübeck vertreten. Man vertagte deshalb die Berathungen bis auf das 
folgende Jahr, in der Hoffnung, dass alsdann die Versammlung etwas 
vollständiger sein werde. Zur Beförderung der Sache beschwor Lübeck 
insbesondere die grösseren, zuvor nicht vertretenen Hansestädte, — wie 
der charakteristische Wortlaut ist — „aus innerlicher sincerer Zuneigung 
zu der annoch übrigen hansischen Reliquien Conservirung" wenigstens 
eine Person zu dem angegebenen Termin zu entsenden. ^) Bei der enieuerten 
Zusammenkunft, Ende Mai 1669, waren doch wenigstens acht Städte ver- 
treten: Lübeck, Bremen, Hamburg, Braunschweig, Osnabrück, Köln, 
Rostock, Danzig. Während der Zusammenkünfte wurden alle Fragen 
erörtert, welche die damalige Hansa zu interessiren vermochten. Auch 
von der Verpflichtung zu wechselseitiger Unterstützung im Falle der 
Bedrängniss war die Rede und eine hierauf zielende, wenn auch vorsichtig 
gehaltene Vereinbarung wurde in den Recess aufgenommen. Bemerkens- 
werth ist femer, dass aufs neue von einer Verbindung mit den ober- 
deutschen Reichsstädten die Rede war. Hamburg, das diese Sache vor- 
zugsweise betrieben zu haben scheint, konnte berichten, dass Strassburg, 
Frankfurt und Nürnberg durchaus geneigt seien, der an sie ergangenen 
Anregung Folge zu geben. 

Wie mancherlei wichtige Beschlüsse aber auch gefasst wurden, es 
fehlte die Kraft oder der Wille sie auszuführen. Mit Recht hat man die 
Versammlung von 1669 mit dem Todeszucken eines Sterbenden verglichen.*) 
Fortan erstreckte sich die hanseatische Verbindung nur auf die drei Städte 
Lübeck, Bremen und Hamburg. Auch die Annäherung der norddeutschen 
und süddeutschen Reichsstädte blieb ein blosses Project. Dasselbe war 
sicher von Hamburg so eifrig gefördert und im Süden Deutschlands so 
freudig begrüsst worden, weil der Zug der Zeit bekanntlich dahin ging, 
die ganz- und halbfreien Städte fürstlicher Gewalt zu unterwerfen. 1661 war 



^) Schreiben des Lübecker Ratbs nacb Danzig nnd Köln vom 27. März und 
21. April 1668. Ltib. A. 

2) Qeorg Sartorius, Qescbichte des Hanseatischen Bandes, Band 3, S. 639. 



I 



11 

Münster von dem Bischof Bernhard von Galen bezwungen und drei Jahre 
später Erfurt mit Hülfe französischer Trappen dem Kurfürsten von Mainz 
unterthänig gemacht worden. In den folgenden Jahren war Bremen in Gefahr, 
seine Unabhängigkeit an Schweden zu verlieren. 1671 büsste Braun- 
schweig und 1681 Strassburg seine Freiheit ein. Dass während dieser 
ganzen Zeit über Hamburg das Damoklesschwert der dänisch-holsteinischen 
Ansprüche schwebte, ist hinlänglich bekannt. Wie wenig freilich solchen 
Gefahren durch ein engeres oder weiteres Städtebündniss begegnet werden 
konnte, hat die Geschichte gelehrt. Als Bremen in Bedrängniss gerietb, 
hielt die Besorgniss, Schwedens Feindschaft hervorzurafen, Hamburg und 
Lübeck von energischen Massregeln zurück.*) Als 1671 Braunschweigs 
Freiheit auf dem Spiel stand, da mahnte Hambui'g allerdings, die bedrängte 
Stadt, die so manches Jahr getreulich zu den Seestädten gestanden, 
schleunigst mit Rath und That zu unterstützen, wie dies im Anfang des 
Jahrhunderts in so wirksamer Weise geschehen war. Aber die Lübecker 
hielten es unter Hinweis auf die Machtstellung der braunschweigischen 
Herzöge für klüger, sich auf eine lahme diplomatische Action zu 
beschränken.*) Sie betonten, dass es mit dem Hansabund nunmehr eine 
ganz andere Beschaffenheit habe als vordem, und dass unter den Städten 
„fast gar keine Obligation" vorhanden sei, einander in dergleichen widrigen 
Fällen zu unterstützen. Es war nach einer solchen Kundgebung des einst 
so stolzen Oberhauptes der Hansa klar genug, dass auch Hamburg in 
Zeiten der Noth nicht auf den Beistand der Schwesterstädte rechnen durfte. 
Hamburg war daher im weiteren Verlauf seiner bedrängnissvollen 
Geschichte darauf angewiesen, von Fall zu Fall nach geeigneten Bundes- 
genossen, Fürsprechern und Beschützern Umschau zu halten. Wenigstens 
an Fürsprechern hat es Hamburg selten völlig gefehlt. Das Hauptziel 
der Hamburgischen Staatskunst aber musste unter den obwaltenden 
Verhältnissen sein, mit allen deutschen und europäischen Staaten auf 
gutem Fuss zu stehen und Conflicten nach Kräften vorzubeugen. Es 
entsprach daher dem Hamburgischen Interesse, während aller Kriege und 
europäischen Verwicklungen sich möglichst neutral zu verhalten und nicht 
nur jede Parteilichkeit, sondern auch jeden Schein einer Parteilichkeit zu 
vermeiden. Das war freilich in der Zeit nach dem westfälischen Frieden 
nicht minder schwierig, als während des dreissigj ährigen Krieges. Charak- 
teristisch ist in dieser Beziehung die missliche Lage, in die Hamburg 
während der auf den Tod Karls I. folgenden Zeiten zu wiederholten Malfen 
England gegenüber gerieth. 



*) Vgl. A. Köcher, Geschichte von Hannoyer und Braonschweig 1648—1714, 

1. Theü, S. 494. 

^) Ueher die yergehlichen Vennlttlungsversnche der drei Städte vgl, A. Köcher, 

a. a. 0. 2. Theil, S. 168 tl 170. 



12 

Dass die Stadt in die Parteigegensätze der englischen Bevolution 
hineingezogen wurde, ist namentlich der in ihrer Mitte geduldeten eng- 
lischen Handelscompagnie zuzuschreiben.*) Es war vergeblich, dass der 
Rath deren Mitglieder ermahnte, sie möchten sich als Kaufleute hüten, 
sich in die politischen Streitigkeiten ihrer Landsleute zu vertiefen 
und dadurch sich und die Stadt in Verlegenheit zu stürzen. Die Partei- 
kämpfe, welche England durchtobten, wiederholten sich in verkleinertem 
Massstab unter den britischen Bewohnern Hamburgs, und auch der 
Hamburger Eath vermochte trotz des lebhaften Wunsches, sich mit keiner 
der kämpfenden Parteien zu überwerfen, dem Vorwurf nicht zu ent- 
gehen, von der Linie der stricten Neutralität abgewichen zu sein. Die 
Haltung, die er alsbald nach der Hinrichtung Karls I. dem englischen 
Parlament gegenüber beobachtete, konnte als Anerkennung der englischen 
Republik aufgefasst werden und wurde daher nicht nur von dem Vertreter 
Karls II., sondern auch vom kaiserlichen Gesandten entschieden missbilligt. 
Anderseits aber wurde der Rath von dem englischen Staatsrath (in einem 
bekannten Brief vom 10. August 1649) bezichtigt, verschiedene in Hamburg 
und dessen Nachbarschaft verübte Qewaltthätigkeiten, ein Attentat auf 
den Geistlichen der englischen Compagnie in Hamburg und die versuchte 
Entführung des Vorstehers (Courtmasters) und zweier anderer Mitglieder 
dieser Handelsgesellschaft, nicht verhindert oder nach Gebühr geahndet 
zu haben. 

Nicht minder wurde Hamburg die Zielscheibe von Beschuldigungen 
aus beiden Lagern, als es einige Jahre später zwischen England und 
Holland zu einem erbitterten Kampf gekommen war. Beide kriegführende 
Parteien glaubten Anlass zu haben, sich über Hamburgs parteiische und 
neutralitätswidrige Haltung zu beschweren. 

Immerhin gingen die Kämpfe des Zeitalters der englischen Revolution 
vorüber, ohne für Hamburg nachhaltige Schädigung im Gefolge zu haben. 
Bedenklicher wurde die Lage der Stadt, als in dem ersten Jahrzehnt der 
Regierung Karls II. aufs neue ein englisch-holländischer Kiieg ausgebrochen 
war. Obwohl damals nicht nur von den Hansestädten, sondern auch vom 
Kaiser der dringende Wunsch ausgesprochen worden, dass die Elbe und 
Weser als neutrale Ströme von den Kriegführenden respectirt werden 
möchten, so geschah es doch im August 1666, dass bei Neumühlen, also 
unweit Hamburg, aber im Gebiet der dänischen Jurisdiction, von 
holländischen Kriegsschiffen zwei englische Kauffahrer in Brand gesetzt, 



^) Vergl. H. Fernow, Hamburg und England im ersten Jahre der englischen 
Republik. Ergänzungen entnahm ich den Berichten des kaiserlichen Gesandten Plettenberg 
im Wiener Staatsarchiv. 



I ; 



13 

zwei andere genommen und weggeführt wurden.*) Hierfür machte die 
englische Regierung Hamburg verantwortlich. Sie forderte, dass die Stadt 
entweder Holland zum Schadenersatz anhalte oder solchen selbst leiste. 
Von Holland Genugthuung zu fordern, wäre nun wohl Sache der kaiserlichen 
Diplomatie gewesen, die es aber bei sehr sanftmüthigen Vorstellungen im 
Haag bewenden Hess. Da diese begreiflicher Weise eben so wenig 
wirksam waren, wie die Beschwerden, die von den ausschreibenden Fürsten 
des niedersächsischen Kreises und von dem Kurfürsten von Brandenburg 
wegen der Verletzung der Neutralität des Eibstroms bei den Generalstaaten 
erhoben wurden, so erhellt, wie wenig Aussicht auf Erfolg es gehabt hätte, 
wenn von Hamburg versucht worden wäre, die englische Schadenereatz- 
forderung auf Holland abzuwälzen. Die Engländer glaubten unter diesen 
Umständen berechtigt zu sein, sich an Hamburg zu halten. Auf Befehl 
der britischen Regierung wurde die Sache zuerst von eigens dazu ernannten 
Gommissaren untersucht und dann an den königlichen Geheimrath in 
Whitehall gezogen, der bereits am 12. Juli 1667 zu Ungunsten Hamburgs 
entschied und verlangte, dass die Stadt den englischen Schiflfsinteressenten 
Genugthuung und Entschädigung zu Theil werden lasse, widrigenfiiUs der 
König zu Mitteln greifen werde, wie sie die Behauptung seiner Ehre und 
der Schutz seiner Unterthanen erfordere. Der Hamburger Rath bestritt 
der englischen Regierung jedoch die Berechtigung zu solchem Vorgehen 
und erklärte, dass er sich in dieser Sache nur der Gerichtsbarkeit des 
Reiches, welche die Engländer ja selbst durch Beschwerdeführung beim 
Kaiser als zuständig anerkannt hätten, nicht aber der eines fremden Königs 
unterwerfen könne. Der Kaiser, der bei dieser Gelegenheit die Interessen 
Hamburgs und die Ehre des Reichs so wenig nachdrücklich vertreten 
hatte, gab doch schliesslich, nachdem der englische Geheimrath am 
3. December 1669 die Schadenersatzverpflichtung Hamburgs nochmals 
decretirt hatte, am 6. Februar 1670 die Erklärung ab, er könne „kraft seines 
kaiserlichen Amtes keineswegs nachgeben, dass fremde und ausländische 
Potentaten sich einer Botmässigkeit auf des Reiches Strömen anmassten und 
des Reiches Unterthanen an ihr Gericht zögen." Gleichzeitig untersagte er 
den Hamburgern ausdrücklich bei seiner und des Reiches schwerer Ungnade 
und der in den Reichsgesetzen vorgesehenen Pön, sich dem Gebot der 
Engländer zu fügen. In einem an den deutschen Reichstag gerichteten 
Schreiben suchte der Hamburger Rath auch bei diesem einen gewissen 
Rückhalt den englischen Forderungen gegenüber. Es scheint, dass er 
wünschte, das deutsche Reich solle mit Gegenmassregeln wider die im 
Jahre 1597 durch kaiserliches Mandat aus dem Reich verbannte und 



Docamenta, so die Action der in Anno 1666 den 24. Angasti anf der Elbe unter 
Nen-Mühlen yon den Holländern verbrandter und weggeführter Schiffe sampt ihren 
nmbständlichen Beschaffenheit zu erkennen geben. 



u 

bisher nur nachsichtigerweise geduldete englische Eaufinannscompagnie in 
Hambarg drohen. Die drei Stände des Beichs bekundeten allerdings in 
einem förmlichen Reichsgutachten, dass durch das Vorgehen des Königs 
von England der Gerichtsbarkeit, Hoheit und Reputation des heiligen 
römischen Reiches zu nahe getreten werde; aber welches Mittel schlugen 
sie zur Abhülfe vor? Der Kaiser solle sich in seinem und des Reiches 
Namen beim König von England ;,durch ein bewegliches Schreiben und 
andere dienliche Wege" verwenden u. s. w. Dadurch wurde begreiflicher- 
weise nicht verhindert, dass am 27. Juli 1670 zu Whitehall beschlossen 
wurde, den Klägern Repressalienbriefe einzuhändigen. *) Auch jetzt noch 
setzte Hamburg eine Zeit lang seinen Widerstand gegen die unbillige 
Forderung fort. Endlich wurde es durch die englische Gewaltthätigkeit 
und die bedrohlichen Zeitläufe im Anfange des folgenden Jahrzehnts zur 
Nachgiebigkeit genöthigt. 

Wie in diesem Falle, so hat Hamburg gar häufig bei Verwicklungen 
mit mächtigeren Staaten den Kürzeren gezogen, doch fast nie ist es ohne 
lebhaftes Widerstreben durch das Joch gegangen, fast nie, ohne sein 
Recht und die Wohlfahrt seiner Angehörigen zu vertheidigen, so lange 
nicht jede Aussicht auf Erfolg geschwunden war. Wesentlich beeinträchtigt 
wurde die Widerstandsfähigkeit Hamburgs allerdings durch die bürgerlichen 
Parteikämpfe, zufolge deren das Gemeinwesen den auswärtigen Staaten 
gegenüber doppelt ohnmächtig erscheinen musste. Ihre verderblichen 
Wirkungen traten so recht erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts hervor, 
doch beginnen die Wirren schon in dem hier näher zu betrachtenden Zeitraum, 
und um sie zu begreifen, muss man sich noch weiter zurückliegende 
Verhältnisse vergegenwärtigen. 

Wie so oft in den städtischen Parteikämpfen, tritt uns' auch in 
Hamburg als nächster Anlass des Frontmachens gegen die Obrigkeit der 
Argwohn entgegen, dass diese oder einzelne ihrer Mitglieder zum eigenen 
Frommen oder zur Beförderung ihrer Fi^eunde und Angehörigen die 
allgemeine Wohlfahrt hintenangesetzt haben möchten. Der wahre Grund 
lag jedoch tiefer. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre es nicht schwer 
gewesen, solcher Opposition durch Entkräftung des Argwohns oder durch 
Beseitigung thatsächlicher Missstände zu begegnen, wenn ein allgemein 
anerkannter verfassungsmässiger Zustand bestanden hätte. In Wirklichkeit 
aber herrschte erhebliche Meinungsverschiedenheit in Hamburg darüber, 
was in öffentlichen Angelegenheiten Rechtens sei. Insbesondere gingen 
die Ansichten über die Grenzen der Befugnisse von Rath und Bürgerschaft 
weit auseinander. 



^) S. Calendar of State Papers, Domestic Series 1670, S. 351, 446 f. 



15 

Um diesen für die Hamburgische Geschichte bis zum Hauptrecess 
von 1712 so überaus bedeutsamen Sachverhalt zu erläutern, erscheint es 
zunächst erwünscht, wenn auch nur in aller Kürze, an die Hauptepochen 
der Hamburgischeu V erfassungsentwicklung seit dem Ausgang des Mittelalters 
zu erinnern. 

Dass in den Hansestädten die obrigkeitliche Gewalt ausschliesslich 
dem Eath zukomme, hatte für einen althansischen Grundsatz gegolten, 
und noch im J. 1417 sah sich der Hamburger Eath auf Andringen der 
Hansa zur Zurücknahme des Becesses von 1410 genöthigt, in welchem er 
der Bürgerschaft sehr erhebliche Zugeständnisse gemacht hatte. Indessen 
trat der Einfluss der letzteren im öffentlichen Leben Hamburgs immer aufs 
neue hervor, und es steht fest, dass bereits gegen Ende des Mittelalters 
die Bürgerschaft nicht nur dem Herkommen nach berufen wurde, wenn es 
galt, über wichtige städtische Angelegenheiten zu entscheiden, sondern 
dass sie sich bereits im Besitz ihr ausdrücklich zugesicherter Rechte befand. 
Eine weitere Stufe in der Entwicklung des Hamburgischen Verfassungslebens 
wurde im Beginn des 16. Jahrhunderts unter dem Einfluss der Reformation 
erreicht. Es ist bekannt, dass die zunächst zur Ausübung der Armenpflege 
eingesetzten Gotteskasten-Yerwalter oder Diakone und deren Beigeordnete 
(Subdiakone) nicht nur in kirchlicher, sondern auch in politischer Beziehung 
die Vertreter der Kirchspiele wurden und, aus allen vier Kirchspielen 
zusammentretend, die bürgerlichen CoUegien der Achtundvierziger und 
Hundertvierundvierziger bildeten, die schon wegen ihrer geschlossenen 
Zahl und häufigeren Zusammenkünfte die Interessen des Gemeinwesens 
wirksamer zu vertreten vermochten, als die Versammlung der Bürgerschaft. 
Von grosser Wichtigkeit war es überdies, dass die 12 Aelterleute der 
Diakone, je 3 aus jedem Kirchspiel, die später sogenannten Oberalten, die 
Befugniss erlangten, eine fortdauernde ControUe über die Handlungen des 
Raths auszuüben. 

Die mannigfachen Kämpfe und Conflicte, in die Hamburg im weiteren 
Verlauf des 16. Jahrhunderts durch seine Betheiligung am schmalkaldischen 
Krieg und sein gesinnungstreues Festhalten an der Sache des Protestan- 
tismus gerieth, veranlassten neue Einschränkungen der Machtvollkommenheit 
des Raths, der darauf angewiesen war, bei der Bürgerschaft moralischen 
und materiellen Rückhalt zu suchen. Dies trat vielleicht am anschaulichsten 
im J. 1548 hervor, als Karl V. von Hamburg die Einführung des 
sogenannten Interims forderte. Um der Stimme des Gewissens folgend 
diesem Ansinnen desto erfolgreicheren Widerstand entgegensetzen zu 
können, vereinbarte der Rath mit 40 Vertretern der Bürgerschaft einen 
Eecess, in dem er den Bürgern eine Reihe überaus wichtiger Befugnisse 
der ControUe und der Mitarbeit auf den verschiedensten Gebieten des 
öffentlichen Lebens einräumte, während die Bürgerschaft ihrerseits ver- 



1 



16 

sprechen musste,, alle Gefahren, MUhe, Last und Beschwerung, die sich 
aus der Ablehnung des Interims ergeben würden, getreulich tragen zu 
helfen und insbesondere die nöthigen Steuern, sowie die erforderliche 
Erhöhung von Zoll und Accise zu bewilligen. Das gute Einvernehmen, 
das durch diesen Recess hergestellt oder befestigt worden, war freilich 
nicht von langer Dauer. Namentlich gab der bedenkliche Zustand, in dem 
sich die Hamburger Finanzen befanden, zu wiederholten Misstrauens- 
kundgebungen der Bürgerschaft Anlass,*) bis es im J. 1563 schliesslich 
soweit gekommen war, dass es hiess, in der Kämmerei sei nicht mehr 
soviel Geld vorhanden, um ein Paar Schuhe dafür zu kaufen,*) und der 
Rath deshalb darein willigen musste, dass die Finanzverwaltung den zu 
seinem Collegium gehörigen Kämmereiherren genommen und den Acht- 
männem, d. i. je zwei aus jedem Kirchspiel gewählten Bürgern, den später 
sogenannten Kämmereibürgern, übertragen wurde. 

Obwohl nun aber der Rath durch den Kämmereirecess von 1563 eine 
seiner wichtigsten Gerechtsame eingebüsst hatte, obwohl er sich 
im J. 1603 nach längerem Widerstreben eine neue Formulirung des 
Rathseides und im J. 1663 sogar Vorschriften über das bei neuen Raths- 
wahlen zu befolgende Verfahren von der Bürgerschaft auferlegen liess, so 
liielt er doch daran fest, dass er trotz solcher Zugeständnisse der einzige 
Träger der öffentlichen Gewalt in Hamburg sei und begründete seinen 
Anspruch durch die Behauptung, diese Gewalt vom Kaiser empfangen zu 
haben, oder durch Hinweis auf das göttliche Recht der Obrigkeit. An die 
Lehren der Vertheidiger des absoluten Königthums erinnert es, wenn 
im J. 1602 ein Hamburger Bürgermeister der oppositionellen Bürgerschaft 
gegenüber die Ansicht vertrat: „Wenn schon eine Obrigkeit gottlos, 
tyrannisch und habgierig ist, so gehöret dennoch den Unterthanen nicht, 
dass sie sich dagegen auflehnen und zuwidersetzen, sondern sie sollen 
dasselbe vielmehr für eine Strafe des Allmächtigen, so die Unterthanen 
mit ihren Sünden verwirket haben, erkennen." Demgegenüber führte bei 
der Bürgerschaft das Bewusstsein, dem Rath thatsächlich wiederholt ihr 
Gebot auferlegt zu haben, im Verein mit der freilich wohl nur unbewusst 
befolgten Theorie von der Volkssouveränität zu der Anschauung, dass die 
erbgesessene Bürgerschaft die Trägerin der höchsten Gewalt in Hamburg 
sei, und dass der Rath nur die ihm von letzterer übertragene Amts- 
gewalt ausübe. In diesem Sinne richtete die Bürgerschaft bereits 
im J. 1562 die Forderung an den Rath, er möge sich künftig des ver- 
derblichen Protestirens gegen seine Mitbürgerschaft gänzlich enthalten, 
da dies wider die Eigenschaft seines Amtes sei. 



^) K. Koppmann, Kämmereirechnimgen der Stadt Hamburg. Band 7, S. Xf. 
^ Kämmereiprotokoll vom 24. Septbr. 1566. 



11 

Sehr viel weiter noch ging die Erklärung, die am 7. December 1665 
von den Oberalten im Namen der Bürgerschaft abgegeben wurde: Die 
Hoheit, Herrlichkeit und Gerechtigkeit dieser Stadt sei bei der gesammten 
erbgesessenen Bürgerschaft; da diese ihrer Menge halber sich nicht selbst 
regieren und ihr Recht sprechen könne, so habe sie eine ordentliche, durch 
gewisse Gesetze umschränkte Macht der Regierung einigen ihrer Mitbürger 
aufgetragen, sich selbst aber eine ausserordentliche Gewalt vorbehalten, 
vermöge welcher sie ihre mit dem Regiment betrauten Mitbürger, wenn sie 
die Gesetze überschreiten würden, zur Gebühr anweisen könnte. Die 
Bürgerschaft erachtete sich hiemach befugt, wenn ihrer Ansicht nach der 
Rath gefehlt hatte, ohne ihn Beschlüsse zu fassen und ihn zu deren 
Annahme zu zwingen, indem sie sich weigerte, Rathsanträge anzuhören, 
oder indem sie die Rathshonorare einzog. 

Die Wortführer der Bürgerschaft behaupteten, dass die erwähnte 
Theorie auf „der Stadt uralten Fundamental Verfassungen" begründet sei; 
doch Hessen sich solche Staatsgrundsätze nur durch sophistische Deutung 
oder Verdrehung des Wortlauts aus den alten Recessen herleiten. Immerhin 
darf man annehmen, dass die meisten derjenigen, die sich zu dieser Auffassung 
bekannten, von deren Richtigkeit überzeugt waren, und dass sie, ob- 
schon auch* persönlicher Ehrgeiz an ihrem Vorgehen Antheil gehabt haben 
mag, zugleich von dem Wunsche geleitet wurden, zur Beseitigung der 
üebelstände im öffentlichen Leben Hamburgs beizutragen. 

Sicher fehlte es an Missständen während der ins Auge gefassten 
Periode nicht. Dass jedoch damals nicht etwa die Hamburgische Regierung 
in ihrer Gesammtheit der Verderbniss und Pflichtvergessenheit zu zeihen 
war, erhellt aus der Thatsache, dass die Fürsorge für die öffentliche Wohlfahrt 
in Hamburg zu keiner Zeit völlig ruhte. 

Im Vordergrund standen begreiflicherweise die Bemühungen zur 
Förderung des Handels. Wenn Hamburg bereits im 17. Jahrhundert 
eine hervorragende commercielle Stellung erlangt hatte, so verdankt es 
das nicht nur seiner geographischen Lage und der Rührigkeit seiner 
Kaufmannschaft, sondern zugleich jener umsichtigen Handelspolitik, die 
während des steten Wechsels der Weltlage die günstigen Zeitverhältnisse 
geschickt auszunutzen und die Nachtheile der ungünstigen nach Kräften zu 
vermeiden bemüht war. Bald galt es im Verein mit den anderen Hanse- 
städten Handelsverträge abzuschliessen, bald durch besondere Entsendung 
von Hamburgischen Rathsmitgliedern an auswärtige Höfe Zugeständnisse für 
Hamburgs Handel und Schiffahrt zu erlangen oder deren Schädigung 
abzuwenden. Manche erhebliche Errungenschaften wurden der Stadt auf 
diese Weise zu Theil, obwohl die Rathsdeputirteu bei solchen Missionen 
bisweilen harte Geduldsproben zu bestehen hatten und auch Misserfolge 
nicht ausblieben. 

2 



18 

Nicht minder, als durch auswärtige Verhandlungen, galt es daheim 
durch zweckentsprechende Anordnungen und Einrichtungen den Erfordernissen 
des zunehmenden Verkehrs gerecht zu werden. Es sei hier nur an die 
unablässigen Bemühungen, das Fahrwasser der Elbe in gutem Stande zu 
erhalten, und an die Ausrüstung von Convoyschiffen zum Schutze der 
Hamburgischen Eauffahrer gegen afrikanische Seeräuber und europäische 
Kaper erinnert. 

Dass fast immer die für den Handel nothwendigen und nützlichen 
Massregeln ergriffen wurden, dafür hätte schon der Umstand bürgen müssen, 
dass es weder im Rath noch in der Bürgerschaft an kaufinännischen und 
handelskuudigen Männern fehlte. Es bestanden jedoch überdies seit dem 
Anfang des 16. Jahrhunderts besondere Vertretungen der Kaufmannschaft*). 
Aus den Mitgliedern der drei grossen Kaufmannsgesellschaften, der Flander- 
fahrer, der Englandfahrer und der Schonenfahrer, war schon 1517 ein 
Kaufmannsrath hervorgegangen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erschienen 
an der Spitze der Kaufmannschaft die Kaufmannsälterleute, die zugleich 
den Vorstand der im Jahre 1558 gegründeten Börse bildeten und daher 
seit dem 17. Jahrhundert Börsenalte genannt werden. Ausserdem wurde im 
Jahre 1623 die Admiralität, eine besondere, aus Rathsherren und Deputirten 
der Kaufmannschaft zusammengesetzte Behörde geschaffen, der zunächst die 
Ausrüstung der Convoyen, dann auch die Aufsicht über den Hafen, das 
Tonnen- und Baakenwesen, fenier Einfluss und Mitwirkung in allen 
Angelegenheiten, die den Seehandel betrafen, und überdies die Gerichts- 
barkeit erster Instanz in allen See-, Fracht- und Assecuranzsachen zufiel. 
Endlich wurde im Jahre 1665 die Commerzdeputation begründet, eine Ver- 
tretung der zur See handelnden Kaufleute, welcher die Aufgabe zufiel, den 
commerciellen Interessen Hamburgs ihre unausgesetzte Aufmerksamkeit zu 
widmen, dem Rath von den Drangsalen und Beschwerden, die dem Handel 
zustossen würden, rechtzeitig Kenntniss zu geben und mit ihm zu deren 
Beseitigung zusammenzuwirken. 

Wie nun alle die erwähnten Factoren in ihrer Vereinigung zur 
Förderang der Handelsblüthe Hamburgs beitrugen, kann hier nicht im 
Einzelnen ausgeführt werden. Ebensowenig ist hier der Platz darzuthun, 
wie sich der Handelsbetrieb um die Mitte des 17. Jahrhunderts nach 
Ländern und Waaren vertheilte. Es genügt anzudeuten, dass die Stadt 
mit fast allen europäischen Häfen in Verkehr stand, dass sie ein Hauptsitz 
des nordeuropäischen Zwischenhandels war, und dass an Wichtigkeit für 
die Ausfuhr deutscher Waaren und für die Einfuhr fremder Waaren nach 
Deutschland ihr schon jener Zeit kein Handelsplatz des deutschen Reiches 



^) Vgl. EircheDpaaer, Programm zur Einweihungsfeier der neuen Börse in Hamburg. 
Hamburg 1841. S. 36 ff. 






19 

gleichkam. Concurrenz bereitete den Hamburgern freilich in der letzteren, 
wie in so mancher andern Beziehung, der weltumfassende Handel Hollands. 
So sehr übrigens dieser damals den Hamburgischen Handel an Ausdehnung 
überragte, so ist es doch bemerkenswerth, dass die Holländer einerseits 
wiederholt den commerciellen Bestrebungen Hamburgs gegenüber eine 
gewisse Eifersucht an den Tag legten, anderseits aber auch gelegentlich 
wieder für das Hamburgische Interesse eintraten, da sie sehr wohl zu 
berechnen vermochten, von welch unschätzbarem Nutzen für ihr eigenes 
Land der Geschäftsbetrieb der Hamburger Kaufleute war. Es lag darin 
vielleicht die glänzendste Anerkennung der commerciellen Bedeutung, zu dem 
sich Hamburg aller Schwierigkeiten und Rivalitäten ungeachtet empor- 
geschwungen hatte. Und nicht nur im Westen, auch im fernen Osten 
Europas war die Handelsmacht Hamburgs bereits im 17. Jahrhundert zu 
Ansehen gelangt. Das bezeugt der allerdings tibertreibende Schmerzensruf 
des slavophilen serbischen Schriftstellers Krishanitsch, Russland sei den 
Engländern, Niederländern und Hamburgern tributpflichtig geworden.^) 

Obwohl nun der Handel im Leben Hamburgs von vorwiegender und 
mitunter anscheinend allein massgebender Bedeutung war, so fehlte es hier 
doch keineswegs an anderweitigen Interessen. Insbesondere seit der im 
Jahre 1613 erfolgten Begründung des akademischen Gymnasiums galt 
Hamburg für einen der wichtigsten Mittelpunkte wissenschaftlicher 
Bestrebungen in Deutschland. 

Die Bestimmung der genannten Anstalt war, von der jener Zeit etwas in 
Verfall gerathenen Gelehrtenschule zur Universität hinüberzuleiten. ^ Obwohl 
anfänglich Gymnasium schlechthin genannt, sollte sie doch nicht sowohl 
eine Oberclasse oder Selecta des Johanneums als vielmehr eine akademische 
Anstalt bilden. Sie sollte es ermöglichen, wie es in dem Antrag des Raths 
an die Bürgerschaft vom 10. August 1610 heisst, dass, „wenn die studirenden 
Jünglinge nach Akademien kämen, dieselben sich nicht lange mit Philosophicis 
aufhalten düiften und vielmehr sofort ad Facultates schreiten könnten". 
Auf eine Anstalt war es abgesehen, die ausschliesslich der höheren humanen 
Geistescultur und keinerlei praktischen Zwecken diente. Es galt von ihr 
zu allen Zeiten, was Busch im 18. Jahrhundert als Vorzug pries, dass sie 
mit Ausschliessung der sogenannten Brodstudien alle diejenigen Wissen- 
schaften pflegte, durch die Jünglinge zu allgemeiner Bildung gelangen 
könnten. Es begreift sich, dass sie früher und später die mannigfachsten 
Anfechtungen erfahren hat. Der Nutzen, den sie stiftete, das Ansehen, 



*) Vergl. A. Brückner, Culturhistorische Studien (Riga 1878) 11 S. 24. 

^ Vgl. J. A. R. Janssen, Ausführliche Nachrichten über die Kirchen und Geistlichen 
der freien und Hansestadt Hamburg, sowie über deren Johanneum, Gymnasium etc. (Hamb. 1 82(1) 
S. 427 ff., W. Sillem, die Matrikel des akademischen Gymnasiums in Hamburg S. II — IV 
und K. Eriedländer, Zur Geschichte der Hamburgischen Bildung (in der Festschrift des 
Realgymnasiums des Johanneums vom J. 1884) S. 9 if. 



20 

das sie innerhalb der Stadt und auswärts genoss, war selbstverständlich 
durch die Eigenart der an ihr wirkenden Gelehrten bedingt. Auf Zeiten 
der Blüthe folgten stets Perioden des Niedergangs und gar des Verfalls. 
Aber alles in allem genommen ist die Anstalt der Stadt zum Segen 
geworden, indem sie eine Reihe von Männern, die vorzugsweise dem 
Dienste der Wissenschaft lebten, an Hamburg fesselte und daher zur Pflege 
geistiger Interessen und idealer Sinnesart in erheblichster Weise beitrug. 

Dass schon zur Zeit des dreissigjährigen Krieges, wie in den zunächst 
darauf folgenden Jahren das Hamburgische Gymnasium zu den gepriesensten 
deutschen Bildungsanstalten gehörte, das ist namentlich der Wirksamkeit 
von Joachim Jungius zuzuschreiben. Ein Gelehrter von seltener Viel- 
seitigkeit, hat er die verschiedensten Wissenschaften behen-scht und durch 
eigene Arbeit, zum Theil mit hei-vorragendem Erfolg, zu fördern gesucht, 
insbesondere aber durch seine Kritik der Naturlehre des Aristoteles einen 
ehrenvollen Platz unter den Erneuerern der Naturwissenschaft errungen. 
Zugleich galt er für einen ausgezeichneten Lehrer. Sicher ist, dass er 
durch seine wissenschaftliche Methode, wie durch seine ausgesprochene 
Abneigung gegen allen blinden Autoritätsglauben und nicht zum wenigsten 
durch die selbstlose Hingebung, die er seiner Wissenschaft wie seinen 
Mitmenschen bewies, seinen Schülern als edelstes Vorbild dienen musste. 

Neben ihm sind unter den Professoren, die in der Mitte des 17. Jahr- 
hunderts am Gymnasium lehrten, sein Freund, der Mathematiker Tassius, 
sein Schüler Vagetius, femer der Orientalist Gutbier und endlich der 
Historiker P. Lambeck zu nennen, der ausser vielen andern Schriften 
auch den anerkennenswerthen Versuch einer Darstellung der älteren 
Hamburgischen Geschichte hinterlassen hat. 

Aber auch abgesehen von den Lehrkräften des Gymnasiums fehlte 
es jener Zeit in Hamburg nicht an Vertretern der Wissenschaft und Litteratur. 
Als Kalands-Decan am Domstift in unabhängiger Stellung, lebte Friedrich 
Lindenbrog meist seiner wissenschaftlichen Arbeit. Wegen seiner viel- 
seitigen Gelehrsamkeit seiner Zeit im In- und Auslande geschätzt, hat er 
sich als einer der ersten in Deutschland, die nicht nur den Geschichts- 
und Rechtsquellen, sondern auch der Sprache der germanischen Vorzeit 
ihre Aufmerksamkeit zuwandten, durch die von ihm ausgegangene Anregung 
ein dauerndes Verdienst erworben. 

Unter den Geistlichen, die an die Hamburger Hauptkirchen berufen 
wurden, und von denen so manche durch theologische Gelehrsamkeit, 
Kanzelberedsamkeit und litterarische Leistungen ausgezeichnet waren, 
ragte im 17. Jahrhundert besonders Balthasar Schupp hervor, der von 
1649 — 1661 an der Jacobikirche wirkte, und dessen Schriften, abgesehen 
von ihrem religiösen und sittlich-erziehlichen Gehalt, durch ihre un- 
gewöhnliche Frische der Darstellung und sonstige stilistische Vorzüge 



21 

bemerkenswerth und für die Nachwelt überdies durch den Reichthum 
des in ihnen enthaltenen culturhistorischen Materials interessant sind. 
Auch den übrigen Facultäten fehlte es nicht an tüchtigen Vertretern. 
Kenntnissreiche und zugleich geschäftsgewandte Juristen fanden sich zu 
allen Zeiten unter den Mitgliedern des Hamburger Raths. Zufolge der 
Dürftigkeit unserer Nachrichten können wir die Verdienste mancher 
allerdings mehr ahnen, als mit Sicherheit feststellen. In scharfen Zügen 
tritt uns jedoch die wahrhaft bedeutende Persönlichkeit des Dr. Brodenis 
Pauli (Syndicus 1639—1670, Bürgeimeister 1670—1680) entgegen, des ebenso 
muthigen, wie unermüdlichen Vorkämpfers für die Unabhängigkeit seiner 
Vaterstadt, der die erste umfangreiche Vertheidigung der reichsstädtischen 
Rechte Hamburgs (die sogenannte Apologia Hamburgensis) lieferte. Unter 
den Vertretern der Medicin aus jener Zeit ist namentlich der Subphysicus 
Paul Marquard Siegel (oder Schlegel) hervorzuheben, bekannt als eifriger 
Anhänger der Lehre Harveys vom Kreislauf des Blutes und als erster, der 
in Hamburg anatomische Demonstrationen vornahm. *) 

Dass hier die Bildung jedoch keineswegs bloss in den Kreisen der 
akademisch geschulten Männer zu Hause war, bezeugt kein geringerer, als 
der Dichter Joh. Rist, der, 1607 in Ottensen geboren, seit 1635 Pastor 
in Wedel, in jungen wie in späteren Jahren häufig genug in Hamburg, 
dieser von ihm so besonders geliebten Stadt, geweilt hat und daher auf Grund 
der von ihm persönlich gewonnenen Eindrücke berichten konnte, dass man 
hier selbst in den Wirthshäusem bisweilen solche nachdenkliche Reden zu 
hören bekommen könne, aus welchen mancher mehr Klugheit zu schöpfen 
vermöge, „als wenn er 50 Blätter in des Aristotelis Politica mit höchstem 
Fleiss durchstudirt hätte".*) In der That kam damals in Hamburg bereits 
zu der gelehrten Bildung die praktische Bildung hinzu, die sich der 
Kauftnann auf Reisen und im Weltverkehr und wohl nicht zum wenigsten 
durch die Betheiligung an den öffentlichen Angelegenheiten seiner Vaterstadt 
erworben hatte. 

Zu den damaligen Vertretern der schönen Litteratur in Hamburg 
muss wegen seiner nahen Beziehungen zu dieser Stadt vor allem Rist 
selbst gezählt werden. Mehrere erhaltene Ueberreste legen Zeugniss dafür 
ab, dass hier im Beginn des 17. Jahrhunderts das niederdeutsche Drama 
gepflegt wurde; auch an Aufführungen englischer und niederländischer 
Schauspielergesellschaften fehlte es nicht; epochemachender aber waren in der 
Geschichte des deutschen Dramas und Theaters die in Hamburg veranstalteten 
AuflEührungen von Rists Irenaromachia (1630) und seines ergreifenden, 
von feurigem Patriotismus durchglühten dramatischen Zeitgemäldes „das 
friede wünsch ende Deutschland" (1647). 

^) Gernet, Mittheilnngen aus der älteren Medicinalgeschichte Hamburgs S. 190. 
^ Joh. Rist, das aUeredelste Leben der ganzen Welt S. 175. 



1 



22 

Aus patriotischer Gesinnung ist auch Bists 1G42 in Hambuig pseudonym 
herausgegebene kleine Schiift „Rettung der edlen teutschen Hauptsprache" ^) 
hervorgegangen, in der er gegen diejenigen Deutschen eifert, die ihre 
Rede mit tausenderlei fremden Namen und ausländischen Worten gleich 
einem Bettlermantel zusammenflicken. Zweifellos hat er hierduixh den 
verwandten Bestrebungen Zesens vorgearbeitet, der hier im J. 1643 die 
deutschgesinnte Gesellschaft stiftete und auf deren Veranlassung im selben 
Jahre ebenfalls in Hamburg seine „hochdeutsche Sprachübung" veröfifent- 
lichte. Jedenfalls ist es bemerkenswerth, dass das in seinen Handels- 
beziehungen weltbürgerliche, in seinem innersten Wesen aber kerndeutsche 
Hamburg einer der Ausgangspunkte jener, einzelner Uebertreibungen 
ungeachtet, durchaus berechtigten und anerkennenswerthen Bemühungen 
war, der deutschen Sprache wieder zu ihrer ursprünglichen Reinheit und 
Schönheit zu verhelfen oder, um mit Rist zu reden, „diese alleredelste 
Sprache aus den finstersten Kluften der barbarischen Unwissenheit 
getreulich hervorzusuchen." *) 

Unter den in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Hamburg weilenden 
Vertretern der deutschen Litteratur sei schliesslich noch Georg Gref linger 
genannt, dessen litterargeschichtliche Bedeutung darauf beruht, dass er in 
der Periode des Vorwiegens der Gelehrten- und Stubenpoesie einen frischeren, 
natürlicheren Ton angeschlagen hat. In Hamburg, wohin er 1646 
kam, entfaltete er eine ungemein rege und vielseitige schriftstellerische 
Thätigkeit, er verfasste hier u. a. gegen 400 Leichen- und Gratulations- 
gedichte, ^) ferner „die grausam blutige Tragödie vom Teutschlande," d. h. ein 
erzählendes Gedicht vom dreissigj ährigen Krieg in Alexandrinern, und machte 
sich insbesondere durch eine üebersetzung von Corneilles Cid wie durch 
die Herausgabe des „Nordischen Mercurius" verdient, eines Wochenblatts, 
das — wenn auch mit Unterbrechung — bis zur Gründung des 
„Hamburgischen Correspondenten" fortbestand und zu den angeseheneren 
Erzeugnissen jener älteren Periode des deutschen Journalismus gehört zu 
haben scheint. 

Unter den Künsten wurde in Hamburg besonders die Musik gepflegt. 
Rist rühmte namentlich die Vortrefi'lichkeit der Kirchenmusik. Auf diese 
wurde in der That damals grosser Werth gelegt. Besonders eifrig bemühte 
man sich darum, das Amt des Cantors am Johanneum, mit dem in der 

^) Baptistae Annati Vatis Thalosi Bettung der Edlen Teutschen Hauptsprache. 
Hamburg 1642. 

^ lieber das Verdienst, das sich ungefähr um dieselbe Zeit der Schreib- und 
Rechenmeister Ghristoffer Achatius Hager um die Einbürgerung eines reinen Hochdeutsch 
in Hamburg erworben haben soU, vgl. Otto Rüdiger, Festschrift für die deutsche Lehrer- 
yersammlung von 1896 S. 29. 

^) Vgl. C. Walther im Anzeiger für deutsches Alterthum X S. 80 ff. 



23 

Regel auch das eines Musikdirectoi-s verbunden war, und die Organisten- 
stellen an den Hauptkircbeu mit tüchtigen Musikern zu besetzen. Als Cantor 
wirkte um die Mitte des 17. Jahrhunderts der von den Zeitgenossen hoch- 
geschätzte Thomas Sellius. Von den Organisten ist zunächst der von 
St. Catharinen zu nennen, Heinrich Scheidemann, der zu den heiTorragendsten 
Kfinstlem seiner Zeit gerechnet wird. Er hatte auf Kosten der Kirchenver- 
waltung den Unterricht des berühmten holländischen Organisten Swelinck 
genossen und wurde seinerseits wieder der Lehrmeister von Johann Adam 
Eeincke und anderen tttchtigen Hamburger Musikern. Der Organist derJacobi- 
kirche, Matthäus Weckmann, machte sich um die Musikpflege in Hamburg, 
namentlich durch Gründung des CoUegium Musicum verdient, einer 
Gesellschaft von Musikern und Musikfreunden, deren Wirksamkeit es 
nicht zum wenigsten beizumessen ist, dass Hamburg zu einem Mittelpunkt 
musikalischer Kunstübung für das nördliche Deutschland wurde. Die von 
ihr veranstalteten Kirchenconcerte galten für mustergültig. Begeistert 
ruft Joh. Eist aus: „0 sollte mancher in dem CoUegio Musico, welches 
wöchentlich in Hamburg von etlichen Studiosis, Kaufgesellen, Musicanten 
und anderen rühmlichen Liebhabern dieser edlen Kunst absonderlich wird 
gehalten, nur ein paar Stunden zuhören, er würde entzücket müssen 
bekennen, dass dessen gleichen in Teutschland schwerlich zu finden.'' 
Allmählich kam es dahin, dass auswärtige Gomponisten als Ziel ihres 
Ehrgeizes betrachteten, von dieser Gesellschaft anerkannt zu werden und 
ihre Werke durch sie dem Hamburgischen Publicum vorführen zu lassen.*) 
Dass auch der Sinn für bildende Kunst in Hamburg nicht fehlte, 
beweist schon die Zahl der Maler und Kupferstecher, die sich hier in der 
Mitte des 17. Jahrhunderts aufhielt, vielleicht auch der Umstand, dass 
man — nach einem Gedichte Greflingers zu schliessen — gelegentlich 
auch in der Hamburger Börse neue Gemälde ausstellte. *) Von dem Talent 



') Yergl. Sittard, Geschichte des Musik- nnd Goncertwesens in Hamburg, 8. 10 u. 60. 
^ In einem Hochzeitsgedicht Greflingers vom 12. November 1650, auf das mich 
Herr Dr. C. Walther aufmerksam machte, heisst es: 

Alss ich diesen Jahr-Marckt über 

unter unsrer Börsche stund' 
und f&r manche tausend Stüber 

schöne Schildereyen ftind', 
unter andern Busch und Auen, 

die in vier getheilte Zeit, 
tapfre Männer, schöne Frauen, 
aUes YoU Geschicklichkeit, 
Sah ich auch Herr Ruland stehen 

und diess sehens-werthe Werck 
Scharff-yemünftig übersehen. 
Durch den Ausdruck „scharff-vemünftig'' soUte offenbar der kunstkritische Verstand des 
WolEhrnvesten Peter Buland gerühmt werden. 



24 

und der auf den Einfluss der stammverwandten Niederländer hinweisenden 
Kunstrichtung der Hamburger Maler dieser Zeit zeugen noch manche ihrer 
in den Kirchen, wie in öffentlichen und privaten Sammlungen Hamburgs 
aufbewahrten Schöpfungen. Leider ist die grössere Zahl ihrer Werke 
durch die Ungunst der Zeiten, insbesondere durch den Brand von 1842, 
zu Grunde gegangen. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass in diesen 
Zeitraum wenigstens die Anfänge des Schaffens von Matthias Scheits 
fallen, dessen künstlerische Bedeutung und Vielseitigkeit erst neuerdings 
wieder nach Gebühr gewürdigt worden ist. 

Unter den Bauuntemehmungen dieser Periode seien zum Schluss 
namentlich diejenigen hervorgehoben, die, abgesehen von ihrem grösseren 
oder geringeren künstlerischen Werth, unser Interesse erwecken, weil in 
ihnen die politischen, religiösen und wissenschaftlichen Tendenzen des 
damaligen Hamburgs ihren Ausdruck gefunden haben. 

Nachdem im Jahre 1648 das Bathhaus auf der Trostbrücke durch 
einen Ausbau erweitert worden, ward im folgenden Jahre (1649) die Front 
der neueren Theile des Gebäudes durch Aufstellung von 21 steinernen 
Statuen deutscher Kaiser geschmückt und ausserdem über dem Portal des 
neuen ßathhauses das Hamburgische Stadtwappen in Sandstein derartig 
angebracht, dass es das dort befindliche Nesselblatt, das holsteinische 
Wappen, verdeckte.*) Ersichtlich handelte es sich bei dieser Neuaus- 
schmückung des Eathhauses nicht nur um künstlerische Zwecke, sondern 
um eine Demonstration von grösster politischer Bedeutung. Das Vorhanden- 
sein des Nesselblattes auf alten Hamburger Münzen, an dem Millemthör 
und verschiedenen öffentlichen Gebäuden, insbesondere am Portal des 
Eathhauses, war von den Dänen noch kürzlich als Beweismittel angeführt 
für ihre Behauptung, dass Hamburg von Alters her eine holsteinische 
Stadt gewesen sei ^ und deshalb dem König von Dänemark die Huldigung 
nicht versagen dürfe. Indem der Hamburger Eath nun das Nesselblatt am 
Bathhause verhüllen und die Front des Gebäudes mit Kaiserstatuen 
schmücken liess, gab er in unzweideutiger Weise zu verstehen, dass man die 
holsteinisch-dänischen Ansprüche für veraltet und hinfällig erachte und 
keine irdische Gewalt über sich anzuerkennen Willens sei, als Kaiser 
und Beich. 

In demselben Jahre, am 26. April 1649, fand unter besonders weihevollen 
Festlichkeiten die Grundlegung der grossen Michaeliskirche statt. Mit 
lebhaftem Eifer wurde das Werk unternommen, der erste grössere Kirchen- 



C. F. Gaedechens, Geschichte des Hamburger Rathhanses, S. 19 fif. 

^ In der Kemonstration, die 1642 von dänischer Seite der Apologia Hamborgensis 
entgegengesetzt wurde. Die betreffende Stelle ist auch bei Westphalen Monumenta inedita 
IV, S. 173 abgedruckt 



4 
i 



25 

bau in Hambui-g seit den Tagen der Keformation,^) Die Vollendung scheint 
allerdings dadurch etwas verzögert worden zu sein, dass die flnanciellen 
Kräfte des Gemeinwesens jener Zeit vielfach anderweitig in Anspruch 
genommen waren. Doch wurden immer wieder aufs neue öfifentliche Mittel 
und freiwillige Spenden zur Verfugung gestellt, sodass die Kirche am 
14. März 1661 eingeweiht und in den Jahren 1665 — 1668 mit einem statt- 
lichen Thurm versehen werden konnte. Der Erbauer dieses Thurmes w^ar 
Peter Marquard aus Plauen im Voigtlande, ein schon von den Zeitgenossen 
hochgeschätzter Künstler, der einige Zeit zuvor den baufälligen Thurm der 
St. Nicolaikirche durch einen neuen ersetzt, dem Thurm der St. Catharinen- 
kirche seine heutige Gestalt gegeben und somit dem Stadtbild seinen 
charakteristischen Schmuck verliehen hatte. 

Neben diesen bedeutenderen architektonischen Werken, zu deren 
Herstellung und künstlerischer Ausschmückung politische und religiöse 
Beweggründe den Antrieb gegeben, mag schliesslich noch eines baulichen 
Unternehmens gedacht werden, durch das veianschaulicht wird, dass 
Hamburg in der Mitte des 17. Jahrhunderts auch für die Wissenschaft 
Opfer zu bringen geneigt war. Im Jahre 1648 wurde die Stadt- 
bibliothek begründet^. Die Herstellung einer „Liberie" hatte schon 
Bugenhagen in seiner Kirchenordnung verfügt, doch war dieser Anord- 
nung bisher nur in unvollkommener Weise entsprochen worden. Die 
Bücher standen in Schränken, die in der Prima des Johanneums, 
auch wohl in anderen Classen, später auch im Local des akademischen 
Gymnasiums aufgestellt waren. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts 
aber hatte die Sammlung, namentlich durch das Verdienst des Bürgermeisters 
Sebastian vonBergen, manche Schenkungen erhalten, und weitere Erwerbungen 
standen in Aussicht, sodass die Beschaffung eines geeigneten Locals unab- 
weisbar erschien. Dafür wurden denn die Eäume des Johannisklosters 
ins Auge gefasst, die den Namen Liberei führten, weil früher die 
Dominicaner ihre Bücher dort aufbewahrt hatten. Und obwohl die Kloster- 
jungfrauen, die letzthin ihre Wäsche dort zu trocknen pflegten, einigen 
Widerstand leisteten, so wurde doch am 8. October 1648 der Beschluss 
gefasst, die „Klosterliberei^ unter Hinzuziehung eines anstossenden Ganges 
zur „gemeinen Bibliothek" einzurichten. Bald darauf wurden die gewählten 
Räumlichkeiten in zweckentsprechender und nach Auffassung jener Zeit 
prächtiger Weise umgebaut und verziert. Ausserdem wurde beschlossen, 
einen eigenen Bibliothekar zu ernennen und eine Bibliotheksordnung zu 
entwerfen. Diese Neuerung gab unzweifelhaft die Anregung dazu, dass 



Vgl. Johannes Geffcken, die grosse St Michaelis-Kirche in Hamburg (Hamburg, 
1862), S. 18 ff. 

^) Vgl. J. A. B. Janssen, a. a. 0., S. 475 if. und Christian Petersen, Geschichte der 
Hambiurgischen Stadtbibliothek (Hamburg 1838), S. 11 ff. 



26 

der Bücliei'scliatz der Bibliothek während der nächsten Zeit durch zum 
Theil recht ansehnliche Vei-mächtnisse noch erheblich veimehrt ward. Da 
nun damals auch Naturalien, physicalische und mathematische Instrumente 
auf der Bibliothek aufbewahrt wurden, so erhellt, dass die für Hambni^ 
in so vieler Beziehung denkwürdigen Jahre der Mitte des 17. Jahrhunderts 
auch für die Entwicklung der wissenschaftlichen Sammlungen und Anstalten 
dieser Stadt von grösster Bedeutung waren. 

2. Aus dem Zeitalter des grossen Kurfürsten. 

„Einen besseren Bund konnte der preussische Staat nicht schliessen, 
als mit dem auf richtigem Wege sich fortentwickelnden Geiste der deutschen 
Nation". Gleichsam in weiterer Ausfuhrung dieser Worte von Kanke hat 
Heinrich von Treitschke in der Einleitung zu seiner deutschen Geschichte 
im 19. Jahrhundert darzulegen versucht, wie aus der Verbindung der 
beiden genannten Factoren, der politisch-militärischen Kraft des preussisch- 
brandenburgischen Staatswesens einerseits und der deutschen Geistesbildung, 
dem Gedankenreichthum der deutschen Wissenschaft und Litteratur ander- 
seits, das neue Deutschland hervorgegangen. 

So wenig die Richtigkeit dieser Auffassung angefochten werden kann, so 
darf doch nicht übersehen werden, dass neben den beiden erwähnten Haupt- 
factoren noch manche mehr oder minder bedeutende Nebenfactoren mit- 
gewirkt haben. Je tiefer wir in die Geschichte eindringen, um so mehr 
werden wir zu der tröstlichen Ueberzeugung gelangen, dass, was irgend 
wie und wo von dem deutschen Volke oder einem noch so kleinen Bruch- 
theil desselben wahrhaft Gutes und Nützliches geschaffen und geleistet 
wurde, mittelbar oder unmittelbar auch dem Ganzen genützt hat; und so 
sind auch die Leistungen der Hansestädte für die Entwickelung der 
deutschen Gesammtheit nicht verloren gewesen. 

Die Bedeutung der alten Hansa für Deutschland ist wohl nie ernstlich 
bestritten worden. Nicht ganz so allgemein anerkannt aber ist es, dass die 
drei Städte, durch die der Name der Hansa auf die Jetztzeit gekommen 
ist, auch nach dem Verfall der alten umfassenderen Verbindung unter den 
deutschen Städten einen hervorragenden Eang einnahmen, dass sie durch 
Bethätigung ihres Gemeinsinns dem deutschen Bürgerthum als Muster dienten 
und durch ihren Handel lange Zeit fast allein die Verbindung Deutschlands 
mit dem Meere aufrecht erhielten und daher als ein nicht ganz unerheblicher 
Factor auf die Gestaltung der heutigen deutschen Verhältnisse eingewirkt 
haben. 

Von Interesse dürfte es jedenfalls sein, geschichtlich zu verfolgen, wie 
sich das hansestädtische Wesen zu jenen beiden Hauptfactoren der deutschen 
Geschichte, dem Preussenthum und dem deutschen Geistesleben, verhalten hat. 



27 

* 

Die folgende Darstellung soll vorzugsweise die Beziehungen Hamburgs 
zu Brandenbui'g-Preussen und zwar zuvörderst die Beziehungen der Stadt 
zu dem grossen Kurfürsten erläutern, so weit sie nicht etwa schon in dem 
vorigen Abschnitt berührt worden sind. 

Vorausgeschickt werde die nicht nur auf die zunächst zu behandelnde 
Periode bezügliche Betrachtung, dass hansestädtisches und preussisches 
Wesen einander bald angezogen, bald abgestossen haben, dass es zwischen 
den Hansestädten und Preussen nicht an vorübergehenden Conflicten 
und auch nicht an langwierigen Differenzen gefehlt hat, denen jedoch fast 
immer Versöhnung und Ausgleich folgte. Es konnte nicht anders sein; 
denn die Hansestädte, wie Preussen, suchten zunächst die eigene Wohl- 
fahrt zu erhalten und zu mehren, trugen dadurch aber zugleich bewusst 
oder unbewusst zur Förderung der deutschen Gesammtinteressen bei. Somit 
ergänzte einander, was sich scheinbar mitunter feindselig gegenüberstand. 

Wie schwer es aber häufig war, selbst dann, wenn eine Gemeinsamkeit 
der Interessen am Tage zu liegen schien, zur Verständigung zu gelangen, 
zeigte sich kurze Zeit nach dem westfälischen Frieden, als die rege, 
weltumspannende Phantasie des grossen Kurfürsten den Plan erfasst hatte, 
eine ostindische Handelsgesellschaft zu gründen. Damals, wie bei späteren 
Projecten ähnlicher Art, beseelte ihn der Wunsch, den Deutschen einen Antheil 
an dem für unermesslich gehaltenen Reichthum Ostindiens zu erringen. 
Zur Betheiligung an seinen Projecten wünschte er auch die Hansestädte 
heranzuziehen. Seine hierauf zielenden Anträge waren im Jahre 1650 im 
Hamburger ßath, wie in den Kreisen der Hamburgischen Kaufmannschaft 
Gegenstand einer ernsten Erörterung. Man gab zu, dass es sich um ein 
nützliches Werk handle; die Kaufleute zollten dem Project ihren Beifall; 
indessen überwog doch das Bedenken, dass die Holländer eine solche 
Gründung unfreundlich aufnehmen und durch Chicane, Beunruhigung, ja 
vielleicht durch eine directe Kriegserklärung ihren Unwillen an den Tag 
legen möchten. Um derartiges über sich ergehen zu lassen, so lautet die 
charakteristische Aeusserung, hätte die Stadt „nicht Eückens genug." Man 
konnte ja nicht darauf rechnen, dass Brandenburg gegen das seemächtige 
Holland hinlänglichen Schutz gewähren werde, und so hielt man es für 
das Beste, dem grossen Kurfürsten eine ausweichende Antwort zu ertheilen. ^) 

Wenn nun auch in diesem Falle Hamburg seine Dienste versagte, so 
blieb doch seine Bedeutung für die brandenburgischen Lande noch immer 
gross genug. Sie wurde noch erhöht, als im Jahre 1668 der Müllrose- oder 



^) Dies ist, kurz zusammengefasst, der Inhalt dessen, was sich über diesen Gegenstand 
im Hamb. Staatsarchiv findet Es stimmt im wesentlichen mit den Angaben von 
B. Schuck, Brandenbnrg-Prenssens Eolonialpolitik unter dem Grossen Kurfürsten und 
seinen Nachfolgern, Band 1, S. 27 ff. 



28 

Friedrich-Wilhelms- Canal vollendet wurde, durch den die Oder mit der 
Spree und daher auch mit der Elbe verbunden, eine directe Wasser- 
verbindung von Breslau und Frankfui't a. d. Oder nach Hamburg geschaffen 
wurde und die Oder gleichsam eine neue Mündung nach der Nordsee 
erhielt. Es war ein grosses Ereigniss in der wirthschaftlichen Entwicklung 
Norddeutschlands, als im Jahre 1G69 das erste Hamburgische Schiff in 
Frankfurt a. d. Oder eintraf. Von einer regelmässigen directen Schiffahrts- 
verbindung zwischen Hamburg und den Oderstädten musste allerdings wegen 
des Berliner Umladezwangs abgesehen werden.^) 

Weiter ist zu beachten, dass zufolge dieses Canalbaues und anderseits 
der Erwerbung Magdeburgs die Eibschiffahrt für Brandenburg steigende 
Wichtigkeit erlangte. Die Eibschiffahrt gehörte freilich zu den Punkten, 
bei welchen ebenso wohl die Interessengemeinschaft, wie auch die 
Interessenverschiedenheit Hamburgs und Brandenburgs hervortrat 
Gemeinsam war beiden daran gelegen, dass die Schiffahrt auf der Elbe 
nicht von Mecklenburg, Lauenburg, Lüneburg etc. durch willkürlich erhöhte 
Zölle erschwert würde. Wiederholt berief der Kurfüi-st Elbschiffahrts- 
conferenzen, die gelegentlich auch in Hamburg stattfanden, und deren 
Zweck u. a. darin bestand, dem Zollunwesen jener Eibuferstaaten zu steuern. 
Der Erfolg war leider unzureichend. Immerhin ist es bemerkenswerth, 
dass der Kurfürst nicht nur von den Hamburger Schiffern, sondern auch 
gelegentlich von dem Hamburger Eath um Beistand gegen unbillige 
Ansprüche, die von jenen Staaten erhoben wurden, angegangen ward. 

Auf der andern Seite aber glaubte der grosse Kurfürst sich auch über 
die Hamburger Zölle und insbesondere über die Handhabung des Hamburger 
Stapelrechts beschweren zu müssen. Wenn die Hamburger auf Grund des 
ihnen im Jahre 1482 von Kaiser Friedrich III. verliehenen Privilegs*) den 
Anspnich erhoben, dass sämmtliche aus der Oberelbe kommenden Schiffe in 
Hamburg anlegen und löschen sollten, so verwies der grosse Kurfürst 
darauf, dass Kaiser Maximilian I. 1518 den Brandenburgern das jus 
praeternavigandi verliehen habe, d. h. die Befugniss, unbekümmert um die 
Hamburgische Stapelgerechtigkeit an Hamburg vorüberzufahren. Er betonte 
überhaupt wiederholt, dass den Hamburgischen Privilegien gegenüber den 
Vorrechten, welche den Kurfürsten reichsverfassungsmässig zuständen, keine 
Geltung zukomme. 

Nur vorübergehend zeigte sich der Hamburger Rath geneigt, seinen 
Wünschen nachzukommen. Im Jahre 1671 erklärte er sich erbötig, was 



*) Toeche-Mittler, der Friedrich- Wilhelms-Canal und die Berlin-Hamburger Flussschiff- 
fahrt (Lpzg. 1891) S. 34 u. 40. 

^ Dies viel besprochene Privileg befindet sich in der Threse des Hamb. Staats- 
archivs. — Auf die Anfänge des Hamburger Stapelrechts näher einzugehen, muss ich mir 
vorbehalten. 



29 

für des Kurfürsten Hofstatt, Magazine, Zeughaus, Armee etc. begehrt würde, 
so wie auch das für das brandenburgische Land bezogene Seesalz zollfrei 
passiren zu lassen. Doch war er keineswegs gewillt, ein dauerndes Zu- 
geständniss zu machen oder gar auf die Geltung des Hamburgischen Stapel- 
rechtes den Brandenburgern gegenüber Verzicht zu leisten. Als daher 
1674 Thomas von dem Knesebeck im Namen des Kurfürsten nicht nur 
die früheren Forderungen wiederholte, sondern das sehr viel weitergehende 
Ansinnen stellte, dass der Rath dem Kurfürsten die freie Schiffahrt nach 
und aus der See bedingungslos zugestehe, d. h. alle dem Kurfürsten gehörigen 
Waaren, Getreide, Holz, Wein, Gewürz, Munition, Kriegsnothdurft, 
„auch dero Landen Zuwachs", ohne Zoll oder sonstige Abgaben zu verlangen, 
frei passiren lasse und überdies durch schriftlichen Revers die Befreiung 
der Brandenburger vom Hamburger Stapelrecht anerkenne, da erfolgte 
eine ausweichende Antwort. Der Begriff „Waaren des Kurfürsten" schien 
dem Rath offenbar ein zu unbestimmter zu sein. Er begnügte sich daher 
damit, zu versprechen: er werde diejenigen Waaren des Kuifürsten frei passiren 
lassen, denen auch in anderen Territorien freie Durchfuhr zugestanden 
würde*). Anstandslos wollte er — wie es scheint — nur den für die 
Hofstätte des Kurfüi-sten bestimmten Waaren die gewünschte Befreiung zu- 
erkennen. Für durchaus unthunlich aber hielt er es, sich in der Handhabung 
des Stapelrechts die vom Kurfürsten geforderte Beschränkung gefallen zu 
lassen. Auf diesem Standpunkt verhan-te er auch später. Man war in 
Hamburg der Ansicht, dass dem Privileg Maximilians L nicht die ihm von 
den Brandenburgern beigemessene Tragweite zukomme, und dass es das 
Privileg Friedrichs HI. nicht zu entkräften vermöge. Uebrigens erbot man 
sich zum Process, damit auf dem Wege Rechtens zwischen der Stadt und 
dem Kurfürsten entschieden werde. Letzterem schien es jedoch „so wenig 
gerathen als nöthig, sich auf solche Art mit der Stadt einzulassen". Es 
ist leicht zu begreifen, dass er sein Verhalten in einer für sein Land so 
überaus wichtigen Frage nicht von der Entscheidung der in jeder Beziehung 
unberechenbaren Reichsjustiz abhängig machen wollte. Die Hamburger 
aber zeigten durch ihr Erbieten, wie überhaupt durch ihr ganzes Verhalten in 
diesem Streit, wie sehr sie von ihrem guten Recht überzeugt waren. 

Aber gleichviel wie begründet oder anfechtbar das Hamburgische 
Stapelrecht sein mochte, war es nicht vielleicht kleinlich, den Nachbar- 
staaten und namentlich Brandenburg gegenüber mit solcher Starrheit daran 
festzuhalten ? Man hat den Hamburgern in der That den Vorwurf gemacht, 
dass sie durch egoistische und beschränkte Stadtpolitik die weiterblickende 
Tenitorialpolitik zu hemmen und zu durchkreuzen gesucht hätten. Nun lässt 
es sich gewiss nicht leugnen, dass in der volkswirthschaftlichen Entwicklung 

*) BathsprotokoU vom 1., 19. und 22. Juni 1674. Vgl. SchmoUer, Jahrb. f. Gesetz- 
gebung, B. $ S. 1033 if., und Nande, Deutsche städtische Getrcidehandelspolitik S. 40 ff. 



I 



30 

die Territorialwirthschaft einen Fortschritt gegenüber der städtischen 
bedeutet. Aber Hamburg war doch nun einmal nur eine Stadt, die zufolge 
besonderer Verhältnisse den Beruf hatte, als selbständiges städtisches 
Gemeinwesen der deutschen Gesammtheit Dienste zu erweisen, die in 
dieser Art von keinem anderen Eeichsstande geleistet wurden. Es ist 
bemerkenswerth, dass alle jene Regierungen, die wegen der Handhabung 
des Stapelrechts oder aus ähnlichen Gründen über Hamburg Klage führten, 
doch immer wieder durch Wort und That zu erkennen gaben, welche 
Bedeutung Hamburg für die Wohlfahrt ihi'er Länder hatte. Wie durften 
sie den Hamburgern verdenken, dass sie nicht auf die Mittel und Hand- 
haben verzichten wollten, durch die sie allein meinten in der bisherigen 
Weise leistungsfähig bleiben zu können! Vielleicht aber — so könnte man 
einwenden — war dieses Meinen ein irrthümliches. Es muss in der That 
dahingestellt bleiben, ob es nicht im eigensten wirthschaftlichen Interesse 
Hamburgs richtiger gewesen wäre, früher, als es thatsächlich geschehen, 
auf das Stapelrecht zu verzichten. Zur historischen Erklärung des 
Verhaltens Hamburgs genügt es, daran zu erinnern, dass die Stadt fort- 
dauernd einen schweren Kampf ums Dasein zu führen hatte, dass sie, als 
ein kleines, fast schutzloses Gemeinwesen, stets auf der Wacht sein musst«, 
um sich ungerechtfertigter Zumuthungen von Seiten deutscher und ausser- 
deutscher Staaten zu erwehren. Da sie keine oder doch nur unzulängliche 
Waffen anderer Art den Mächtigeren gegenüber zur Verfügung hatte, 
so musste sie die alten Urkunden und Privilegien ins Gefecht führen; 
und sie durfte auf ihr gutes Recht oder das, was sie für ihr 
gutes Recht hielt, nicht ohne zwingende, unwiderleglich einleuchtende 
Gründe verzichten, wenn sie sich nicht selbst preisgeben wollte. Jedes 
Abweichen von diesem Standpunkte hätte enieute Zumuthungen, jede über- 
eilte Nachgiebigkeit einer Macht gegenüber hätte bei anderen Mächten 
das Verlangen nach ähnlicher Nachgiebigkeit hervorgerufen. 

Dass ein allzu starres Festhalten an dem überlieferten Recht, wie an 
den überkommenen Anschauungen, mitunter auch zum Widerstand gegen 
segensreiche und nothwendig gewordene Neuerungen führte, soll nicht 
bestritten werden. Doch gilt es, um derartige Fälle nicht einseitig zu 
beurtheilen, stets das Einzelne im grösseren Zusammenhang zu betrachten. 

Zu den bedeutendsten Leistungen der Regierung des grossen Kui-fürsten 
gehörte die durch Michael Matthias ins Leben gerufene Organisation der 
Post, die nicht nur den brandenburgischen Landen, sondern allen von ihr 
berührten Territorien zum Vortheil gereichte. Es mag daher auf den ersten 
Blick ausserordentlich wunderlich, ja fast unverständlich erscheinen, dass 
Hamburg dem Streben des Kurfürsten, auch diese Stadt in das neue Post- 
system hineinzuziehen, Jahrzehnte hindurch die grössten Schwierigkeiten 



31 

• 

bereitete^). Aber man muss sich vergegenwärtigen, dass die Hansestädte, 
lange ehe eine brandenburgische Post bestand, ihr städtisches Botenwesen 
auf eine für die Verhältnisse der damaligen Zeit angemessene Weise ein- 
gerichtet hatten. Auch waren die Hamburger noch in der Mitte des 
17. Jahrhunderts fest davon überzeugt, dass ihr Postwesen von den ein- 
heimischen, durch Caution und Eid der Stadt verpflichteten, unter Aufsicht 
der Börsenalten stehenden Boten aufs beste gehandhabt werde. Ergänzt 
durch ähnliche Institute befreundeter Handelstädte, wie z. B. Amsterdam 
und Danzig, schien es dem kaufmännischen Bedürfniss zu genügen. Gegen 
alle anders gearteten Postorganisationen hegte man das grösste Misstrauen 
und suchte ihr Uebergreifen in den Bereich des städtischen Botenwesens 
möglichst abzuwehren oder einzuschränken. Freilich nur mit vorübergehendem 
Erfolg. Bekanntlich war 1615 Lamoral von Taxis mit der erblichen Würde 
eines Reichsgeneralpostmeisters belehnt worden. Auch wurde seitdem das 
Postregal als ein kaiserliches Reservatrecht hingestellt. Diesem Anspruch 
widersprachen allerdings alle Reichsstände, welche eigene Posten hatten, 
und so natürlich auch Hamburg. Auf wiederholtes Andringen des kaiserlichen 
Hofes musste der Hamburger Rath es jedoch zugestehen, dass eine kaiserliche 
reitende Post für den Verkehr nach Köln und Frankfurt in Hamburg ein- 
gerichtet wui'de, doch auch das nur unter der Bedingung, dass dafür nur 
der Stadt durch Bürgereid verpflichtete Postverwalter eingesetzt werden 
sollten. Die immer wieder hervortretende Tendenz der Reichspost, sich 
auch des übrigen Hamburgischen Postverkehrs zu bemächtigen, wurde unter 
Berufung auf die uralten Gerechtigkeiten des Hamburgischen Botenwesens 
mit Entschiedenheit bekämpft. 

Trotz des Festhaltens an diesen „uralten Gerechtigkeiten" musste 
man sich gefallen lassen, dass sich immer mehr fremde Posten in 
Hamburg einnisteten. Wohl nur vorübergehenden Bestand hatten die 
Anstalten, die Oxenstjema während des dreissigjährigen Krieges getroffen, 
um über Hamburg und Lübeck eine Postverbindung zwischen dem innem 
Deutschland und Schweden herzustellen. Doch sicher ist, dass in das 
17. Jahrhundert nicht nur die Anfänge der kaiserlichen (Thuni und 
Taxis'schen) und brandenburgischen, sondern auch der schwedischen, der 
dänischen, der braunschweig-lünebui'gischen (hannoverschen) und der 
mecklenburgischen Post in Hamburg fallen. Konnten die Hamburger aber 
auch nicht leicht verhindern, dass auswärtige Staaten Postcurse von und 
nach Hamburg errichteten, so verwahrten sie sich doch solange wie 
möglich dagegen, dass die fremden Postverwaltungen in ihrer Stadt eigene 
Posthäuser und besondere Postmeister hatten. Abgesehen davon, dass 



^) Das Folgende meist nach Acten des Hamb. Staatsarchivs und dem „Extract des 
Alterthumbs" bezeichneten Sammelband der Commerzbibliothek Vgl. dazu Stephan, Ge- 
Bchichte der prenssischen Post (Berlin 1850). S. 19 ff. 



32 

man dadurch die Rechte und Freiheiten Hamburgs bedroht glaubte, schien es 
auch im Interesse des Verkehrs zu liegen, dass dem Hamburgischen Gemein- 
wesen nicht verantwortliche Beamte von dem Postwesen in dieser Stadt 
ferngehalten wurden, üeble Erfahrungen hatte man in dieser Beziehung 
gemacht, als von Seiten der Reichspost, den Reversalien zuwider, ein 
Postmeister, der nicht Hamburger Bürger war, eingesetzt worden, woraus 
sich „allerhand beschwerliche Unordnung und Confusion" ergeben haben 
soll. Der Rath unterliess es nicht, in einem an den Kaiser gerichteten 
Schreiben vom 9. Juli 1651 hiergegen Verwahrung einzulegen und über- 
haupt dringend darum anzuhalten, dass er mit jeder Neuerung im Post- 
wesen verschont werde. 

Die Erkenntniss, wie sehr jedes auf diesem Gebiet gemachte 
Zugeständniss die Gefahr des Missbrauchs in sich schloss, machte den Rath 
offenbar noch vorsichtiger, als bald darauf die dänische, wie die branden- 
burgische Post in Hamburg festen Fuss zu fassen versuchte. Die Anfänge des 
brandenburgischen Postwesens in dieser Stadt gingen allerdings noch in ältere 
Zeiten zurück. Seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts verkehrte hier die 
sogenannte kurfürstliche „Küchenpost", gegen deren Betrieb, soweit es sich 
nur um den kurfürstlichen Haus- und Hofhalt handelte, nichts eingewandt 
werden konnte. Doch wurde von den Börsenalten wiederholt darüber 
geklagt, dass sie auch Briefe, Passagiere und selbst Kaufmannswaaren 
befördere. Aber auch abgesehen von der Küchenpost bestand schon in 
der ersten Zeit des grossen Kurfürsten ein Postcurs zwischen Berlin und 
Hamburg, der, wie es scheint, der Obhut des Hamburgischen Stadtpost- 
meisters anempfohlen war. 

Bestimmtere Verabredungen und voUkommnere Einrichtungen schienen 
jedoch erforderlich, als der Kurfürst das Postwesen seiner weit zerstreuten 
Länder und der dazwischen liegenden Gebiete nach grossen Gesichtspunkten 
zu organisiren begann. Zu diesem Behuf entsandte er den Leiter des 
brandenburgischen Postwesens, den bereits genannten Amtskammerrath 
und Hofrentemeister Michael Matthias, nach Hamburg. In dem an den 
Rath gerichteten Schreiben vom 6. Juli 1656, in dem er diesen beglaubigte, 
begründete er dessen Sendung durch die Erklärung, dass er auf alle 
Mittel und Wege bedacht sei, den Handel und die Schiffahrt zwischen 
Hamburg und Frankfurt an der Oder und Breslau wieder in Schwung zu 
bringen, wofür es förderlich sein werde, wenn die Posten von Hamburg 
nach Berlin, Frankfurt an der Oder und Breslau etwas besser als bisher 
eingerichtet würden. Zugleich sprach er die Hoffnung aus, dass der 
Rath diesem Vorhaben seine Beihülfe nicht versagen werde. Der Rath 
scheint jedoch einer directen Verhandlung mit Matthias aus dem Wege 
gegangen zu sein. Vermuthlich verwies er diesen sofort an die Böraen- 
alten, die dem Post- und Botenwesen in Hamburg vorgesetzt waren. Mit 



ä3 

ihnen vereinbarte Matthias zur Beförderung der erwähnten Postverbindungen 
ein mündliches Abkommen, dessen Inhalt und Tragweite von beiden Par- 
teien verechieden gedeutet wurde. Das war der Ausgangspunkt von 
Streitigkeiten, die sich durch viele Jahre hinzogen. Immer wieder 
wurde von Brandenburg Über Schädigung des kurfürstlichen Postregals 
durch Hamburg, von Hambui'g über Beeinträchtigung des Hamburgischen 
Botenwesens durch die kui-furstliche Regierung Klage geführt. Nur 
scheinbar handelte es sich dabei um geringfügige Dinge; in der That 
standen einander zwei Verkehrssysteme gegenüber: das dem kaufmännischen 
Interesse angepasste alte hansestädtische und das dem sich entwickelnden 
Beamtenstaat entsprechende preussische Postwesen. Das letztere hatte 
die Zukunft für sich. Aber es begreift sich, dass den Hamburgern dessen 
Vorzüge nur theilweise zum Bewusstsein gelangten und dass sie deshalb 
seinem weiteren Vordringen Widerstand entgegensetzten. 

Dabei leistete der Kaiser nicht unwillkommenen Beistand. Nach- 
drückliche Weisungen ei^ingen von ihm nach Hamburg, „die unter der 
Hand eingeschlichenen fremden Posten heraus- und abzuschaffen". Mit 
dem Heraus- und Abschaffen der fremden Posten hatte es allerdings gut^^ 
Wege. Allmählich wurzelten sie immer fester. Was einer auswärtigen 
Postverwaltung in Hamburg ausdrücklich oder stillschweigend zugestanden 
war, wurde in der Eegel auch von den andern gefordert und konnte ihnen 
auf die Dauer kaum verweigert werden. So entstand jenes buntscheckige 
Postwesen, dessen sich Hamburg zwei Jahrhunderte hindurch zu erfreuen 
hatte. In das Zeitalter des grossen Kurfürsten fallen nur die Anfange 
dieser Entwicklung. Sie zu verhindeni, war Hamburg nicht im Stande; 
aber gerade im Hinblick auf das allmähliche Ueberwuchem der fremden 
Posten muss es begreiflich erscheinen, dass Hamburg das alte städtische 
Botenwesen eifersüchtig zu schützen suchte. 

Wenn trotz des Widerstrebens der Hamburger das brandenburgische 
Postwesen in ihrer Stadt schon zu Zeiten des grossen Kurfürsten nicht 
unerhebliche Fortschritte machte, so erklärt sich das theils aus dem Werth 
der neuen Einrichtungen, theils aus dem pei-sönlichen Eingreifen des 
Kurfürsten, der auch auf diesem Gebiet, wie es seine Art war, bald schroff 
verfuhr, bald aber auch in kluger Weise den obwaltenden Verhältnissen 
Rechnung trug. Da es ihm nicht unbekannt sein konnte, dass der Versuch, 
einen eigenen brandenburgischen Postmeister in Hamburg zu ernennen, 
dort den gi'össten Widerstand finden würde, so begnügte er sich 1656 
damit, die Obliegenheiten eines solchen dem Hamburgischen Stadtpostmeister 
Dietrich Gerbrandt zu übertragen. Nach dessen Tode wurde auch der 
neuerwählte Leiter des Hamburgischen Botenwesens, Namens Lüders, in 
brandenburgischen Dienst genommen. Es ist charakteristisch, dass der 
Rath damaJs vorschlug, der Unterschrift des Diensteids, den Lüders dem 



34 

Kurfürsten zu leisten hatte, die Worte „seinem Bttrgereid und hiesigem Stadt- 
botenwerk unverfänglich '^ hinzuzufügen, dass aber die Börsenalten die 
Weglassung der Worte „und hiesigem Stadtbotenwerk" anriethen, weil sie 
beim Kurfürsten leicht „widerliche Gedanken" erwecken könnten, „als wenn 
etwa unser Botenwerk dero Botenwerke in einigen Dingen entgegenliefe". 
Misstrauen gegen üebergriffe des Kurfürsten und Bespect vor seiner Person 
und seiner Macht gingen neben einander her. Obwohl aber die Vorgänge 
der nächstfolgenden Jahre in jeder Beziehung dazu geeignet schienen, 
den Respect vor ihm zu steigern, so konnte der grosse Kuifürst auch 
während seiner letzten Regierungsjahre nicht erreichen, dass der branden- 
burgischen Post in Hamburg ein besonderes Posthaus zugestanden wurde. 
Ein Abschluss der Kämpfe wegen der brandenbui^ischen Post in Hamburg 
wurde erst während des nachfolgenden Jahrhunderts erreicht. 

Noch später erfolgte ein Ausgleich zwischen dem Hamburgischen und 
brandenburgischen Standpunkt bezüglich der Eeformirten, denen in Hamburg 
ein grösseres Mass von Duldung zu erwirken der grosse Kurfürst — wie 
bereits erwähnt — zeitlebens vergeblich bemüht war. 

Wechselreicher und schliesslich erfreulicher gestalteten sich die 
Beziehungen zwischen Hamburg und dem Kurfürsten auf dem rein 
politischen Gebiet. 

Der Ruhm des grossen Kurfüi^ten in Deutschland und Europa ist 
vorzugsweise durch die Thaten begründet worden, die er im Kampf gegen 
Frankreich und Schweden während des Krieges vollbrachte, den der Einfall 
Ludwigs XIV. in Holland 1672 hervorgerufen hatte. 

Im Jahre 1674 war dieser Krieg zum Reichskrieg geworden. Während 
aber damals in manchen Theilen von Deutschland die vaterländische Be- 
geisteiung aufloderte und zahlreiche patriotische Flugschriften das Volk 
ermahnten, sich aufzuraffen, um dem Erbfeind mannhaften Widerstand zu 
leisten,^) war in den Hansestädten von derartiger nationaler Erregung nichts 
zu verspüren. Während in den erwähnten Flugblättern die Losung 
gegeben worden, den Franzosen keinerlei Waaren mehr abzukaufen, oder 
doch den Handel mit ihnen einzuschränken, damit die französische Gold- 
grube verriegelt, der Brunnquell französischer Wohlfahrt verstopft werde, 
setzten die Hansestädte ihre einige Jahre zuvor begonnenen Bemühungen fort, 
die Prolongirung ihres im Jahre 1655 mit Frankreich geschlossenen und im 
Jahre 1 670 abgelaufenen Handelsvertrages zu erwirken, üeberdies suchten 
sie in Frankreich wie in Holland im Interesse ihres neutralen Seehandels die 
Anerkennung des Gnindsatzes „Frei Schiff, frei Gut^ zu erlangen ; denn in 



^) Vgl. Zwiedineck-Südenhorst, Die öffentliche Meinung in Deutschland im Zeitalter 
Ludwigs XIY., in der Zeitschr. für Allgemeine Geschichte, Band 5, und desselben 
Verfassers Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gründung des preussischen Eönigthums, 
Band 1, S. 323. 



85 

diesem wie in den nächstfolgenden Reichskriegen wünschten sie den aus- 
wärtigen Mächten gegenüber für neutral zu gelten und hofften, dass auch 
der Kaiser ihre Neutralitätspolitik nachsichtig dulden werde. 

Indessen, obwohl man am kaiserlichen Hof nicht verkannte, dass die 
Hansestädte sich in Zeiten eines Reichskriegs in einer besonders exponirten 
Lage befanden, und dass überdies die Fortdauer des hanseatischen Handels 
mit dem Reichsfeinde auch für das übrige Deutschland nicht ohne Vortheil 
sei, verstand man sich dort fast nie dazu, die Städte soweit, wie diese es 
wünschten, von der Befolgung aller in Veranlassung des Reichskriegs 
angeordneten Massregeln freizusprechen. Insbesondere bemühte sich Hamburg 
in der Regel vergeblich um die Erlaubniss, nachdem der Reichskrieg erklärt 
war, die Gesandten der reichsfeindlichen Mächte innerhalb seiner Grenzen zu 
dulden. Der Umstand, dass während des dreissigj ährigen Krieges diplomatische 
Bevollmächtigte Schwedens und Frankreichs hier residirt hatten, mochte 
allerdings den Hamburger Rath in der Hoffnung bestärken, dass es auch 
während des seit 1674 gegen Frankreich und später ebenfalls gegen Schweden 
geführten Reichskrieges möglich sein werde, die Ausweisung der Vertreter 
dieser Staaten zu vermeiden. Er widersetzte sich den betreffenden Befehlen 
der Reichsregierung, wenigstens so lange es irgend möglich war. Wenn 
er durch diese Rücksichtnahme auf die guten Beziehungen zu den beiden 
genannten Staaten zu erreichen hoffte, dass die Stadt von den nachtheiligen 
Folgen des Krieges verschont bleiben werde, so entsprach das thatsächliche 
Ergebniss allerdings solcher Erwartung keineswegs. Hamburg zog sich durch 
sein Verhalten den Zorn des Kaisers und seiner Verbündeten, insbesondere 
des Königs von Spanien und des Kurfürsten von Brandenburg zu, ohne sich 
deswegen das Wohlwollen der französischen Regierung zu sichern; denn 
in der rücksichtslosesten Weise wurden Hamburgische Schiffe von den 
französischen Kapern angehalten und beschlagnahmt. 

Um so bedenklicher erschien unter diesen Umständen die Lage Ham- 
burgs, als die Besorgniss entstand, Dänemark werde die Zeitverhältnisse 
benutzen, um seine Ansprüche auf Oberhoheit über die Stadt gewaltsam 
durchzuführen. 

Da auch England damals zufolge des vom Jahre 1666 stammenden 
und erst 1675 völlig beglichenen Conflicts Hamburg entfremdet war, so konnte 
jener Zeit unter den europäischen Mächten Schweden allein als Hamburg 
wohlgesinnt bezeichnet werden. Freilich hatten sich erst letzthin wieder 
zwischen Hamburg und Schweden Differenzen über den Stader Zoll ergeben. 
Es handelte sich dabei um die Frage, ob auf Grund der Urkunde Barbarossas, 
nach welcher die Hamburger mit ihren Schiffen, Waaren und Leuten 
zwischen der Eibmündung und der Stadt von allem Zoll frei sein sollten, auch 
dem Hamburger Bürgergut auf fremden Schiffen Zollfreiheit gewährt werden 
müsse. Dieses wurde von Hamburg behauptet, von Schweden bestritten. 

8* 



3Ö 

Obwohl man sich hierüber noch nicht geeinigt hatte, gab der schwedische 
Resident Eberhard von Graventhal Ende Mai 1674 dem Rath zu erkennen, 
dass Schweden im Hinblick auf die der Stadt während der damaligen 
Zeitläufe drohenden Gefahr bereit sei, mit ihr ein engeres Bftndniss zu 
schliessen und ihr gegen Zusicherung gewisser flnancieller Vortheile Schutz zu 
gewähren^). Der Hamburger Rath bekundete sofort Geneigtheit, auf dieses 
Angebot einzugehen, wie man sich ausdruckte: „damit man einen Racken 
habe, auf den man sich im Fall der Noth verlassen könne". Im 
August 1674 wurden zwei Vertreter des Raths nach Stockholm geschickt. 
Das Ergebniss ihrer Unterhandlung konnte in zwiefacher Beziehung als 
ein ausserordentlich erfreuliches bezeichnet werden. In einer Resolution 
vom 26. November schloss sich die schwedische Regierung bezüglich der 
Streitfrage über den Stader Zoll der Hamburgischen Auifassung an, und 
am selbigen Tage versprach der schwedische König, den Hamburgern mit 
Rath und That beizustehen, um die Freiheit, die Schiffahrt und den Handel 
der Stadt vor allen unbilligen Zumuthungen und vor Gewalt zu bewahren. 
1200 Mann zu Fuss und 300 Reiter sollten stets bereit gehalten werden, 
um der Stadt, sobald sie deren bedürfe, zu Hülfe zu kommen und in ihren 
Eid zu treten. Bei grösserer Gefahr verhiess der König ihr mit aller seiner 
Macht Beistand zu leisten, bis die Gefahr abgewendet sei. 

Noch waren nicht sieben Monate nach Ausstellung dieser Versicherung 
vergangen, als der in dieser Urkunde vorgesehene Fall wirklich einzutreten 
schien. Dänemark war inzwischen ein Glied der gegen Frankreich und 
Schweden verbundenen Coalition geworden, und da zufolge dessen beträchtliche 
Truppenmassen in Holstein zusammengezogen waren, konnte das Gerücht 
entstehen, dass Dänemark einen Angriff auf Hamburg oder doch auf das 
Hamburgische Gebiet beabsichtige. Gegen eine derartige Bedrohung glaubte 
der Hamburger Rath unter den damaligen Umständen nirgends besseren 
Schutz finden zu können, als bei den Schweden. Er wandte sich deshalb 
an den schwedischen Feldmarschall Wrangel mit der Frage, ob man auf 
seine Hülfe rechnen könne, und fügte für den Fall, dass dieser nicht über 
die Intention seiner Regierung unterrichtet war, dem Schreiben eine 
Abschrift der königlichen Urkunde vom 26. November 1674 hinzu.*) 

Das Hülfsgesuch des Hamburger Raths war vom 18. Juni a. St. 
datirt — vom Tage der Schlacht bei Fehrbellin. Es erklärt sich hieraus 



^) „Damit nun diese Stadt nicht [fahre], wie die HoUänder, die sich auch anf Ihre 
Königliche Majestät von Schweden verlassen, aber anf ein Gewisses mit deroselben sich 
einzulassen cnnctiret, so würde am besten sein, dass diese Stadt bei Zeiten dazu thäte, 
mit Ihrer Königl. Majestät einen gewissen Vergleich aufzurichten." Hamb. Rathsprotokoll 
vom 29. Mai 1674. 

^ Berl. A. 



37 

ZOT Qenfige, dass das Hamburgische Schreiben mitsammt seiner Beilage 
nicht in die Hände Wrangeis, sondern in die des grossen Kurfürsten 
gelangte.*) 

Auch Hamburg sollte den Wandel gewahr werden, der durch die 
Schlacht von Fehrbellin in der Weltlage eingetreten war. Schweden hatte 
seinen militärischen Nimbus eingebüsst und Brandenburg eine neue Stellung 
in Deutschland und Europa errungen. j 

Begreiflicherweise verursachte die Kunde von dieser ^hlacht in 
Hamburg grosse Bestfirzung'). Allerdings vermochte man nicht sofort die 
ganze Tragweite des Ereignisses zu ermessen. Gab doch der schwedische 
Gesandte der Hoffnung Ausdruck, die Sonne werde bald wieder besser 
scheinen, ein glücklicher Streich zu Wasser oder zu Lande könne alles 
ändern*). Aber keine Aenderung folgte zu Gunsten Schwedens. 

Die Hamburger konnten sich nicht mehr der Nothwendigkeit entziehen, 
den französischen und dann auch den schwedischen Gesandten aufzufordern, 
ihre Stadt zu verlassen. Die dringendste Aufgabe aber war, sich der 
von dänischer Seite drohenden Gefahr zu erwehren. Die dänischen Truppen 
waren mittlerweile immer näher gerückt, und im Laufe des Sommers 
wurden Hamburgische Dörfer thatsächlich von ihnen besetzt und gebrand- 
schatzt. Um wenigstens die Stadt selbst vertheidigen zu können, liess 
der Bath Truppen anwerben und den Bürgern unter öffentlichem Trommel- 
schlag anempfehlen, sich auf ein Jahr zu verproviantiren und mit Kraut 
und Loth zu versehen, auch ihre Gewehre in gutem Stand zu halten. 
Anderseits hielt er es für geboten, Deputirte an den König von Dänemark 
zu senden, um womöglich die Gefahr durch Vorstellungen zu beschwören. 
In der Folge fanden wiederholt Besprechungen zwischen Vertretern des 
Hamburger Baths und dem dänischen Kanzler Griffenfeld statt, die 
anfänglich einen sehr günstigen Verlauf zu nehmen schienen. In der Zeit 
der grössten Noth konnte sich der Hamburger Rath wenigstens vorüber- 
gehend aufs neue an der Hoffnung laben, dass es gelingen werde, die 
Hauptursache der gegenwärtigen und früheren Bedrängnisse, den dänischen 
Anspruch auf Erbhuldigung, durch gütliche Verhandlung aus dem Wege zu 
schaffen.^) Offenbar war das Absehen Dänemarks darauf gerichtet, 

*) Dass der Enrfürst das aufgefangene Schreiben und dessen Beilage alsbald dem 
Kaiser mittheilte, ist aus den Urkunden und Actenstücken zur Geschichte des Kurfürsten 
Friedrich Wilhelm von Brandenburg, Band 14, S. 837 ersichtlich. 

^ „Allhie ist durchgehent eine grosse perplexit6", schrieb Graventhal nach Stock- 
holm am 25. Juni 1675. 

^) Grayenthals Berichte yom 10. und 28. August d. J. 

*) In einem an Griffenfeld gerichteten Schreiben yom 7. August 1675 erwähnt der 
Senat die yon dem dänischen Kanzler „eröffneten Mittel zu Hinlegung deren aus der 
also genannten Huldigungs- oder Annehmungssache bis hiezu entsprungenen Irrungen** und 
gibt der Hoffiiuug Ausdruck, dass „die yon dem Hochfärstlichen Hause Holstein an diese 



38 

Hamburg gegenüber halb drohend, halb entgegenkommend in die Stelle 
Schwedens einzurücken, d. h. als Schutzmacht Hamburgs anerkannt zu 
werden und dementsprechend financiellen Nutzen von der Stadt zu ziehen. 
Indessen kam es zu keiner Verständigung. Vielmehr wurde in der folgenden 
Zeit eine nicht geringe Zahl Hamburger Schiffe von Dänemark aufgebracht. 
Von einem unmittelbaren Angriff auf Hamburg wai* allerdings zunächst 
nicht die Rede, aber die Gefahr war nur hinausgerückt, nicht beseitigt. 

Da auf Schweden nicht mehr gerechnet weitlen konnte, war es von 
Bedeutung, dass der Hamburger Bürgermeister Meurer durch mehrere 
Verträge der Stadt die Freundschaft und den Beistand des Herzogs 
Georg Wilhelm von Zelle, wie überhaupt des Hauses Braunschweig- 
Lüneburg, zu sichern bemüht war. In dem Vertrag vom 10. August 1676 
versprachen die Herzöge Georg Wilhelm und Budolph August — ähnlich, 
wie es der König von Schweden im November 1674 gethan — der Stadt 
auf Erfordern des Saths mit 1200 Mann zu Fuss und 300 Reitern und 
nöthigenfalls mit noch weiterer Hülfe beizuspringen. Ueberdies wurden 
im Hinblick auf die Eventualität, dass sich die Widersacher Schwedens über 
eine Theilung des Herzogthums Bremen einigen würden, der Stadt Zu- 
sicherungen im Interesse ihrer Eibschiffahrt gemacht und ihr zugleich die 
Aussicht eröffnet, die Hoheitsrechte über das Hamburgische Domcapitel 
gegen eine Geldzahlung zu erlangen. Es handelte sich also um eine Art 
von Rückversicherungsvertrag für den Fall, dass die Schweden, die bis- 
herigen Hauptverbündeten Hamburgs, ihre frühere Stellung in Deutschland 
nicht wieder erlangen sollten.^) 

Während die Beziehungen zu Braunschweig-Lüneburg sich immer 
freundschaftlicher gestalteten, trat in dem Verhältniss Hamburgs zu 
Brandenburg eine zunehmende Spannung ein. Abgesehen von der franzosen- 
und schwedenfreundlichen Richtung der Hamburger Politik wurde der 
Stadt von brandenburgischer Seite namentlich zum Vorwurf gemacht, dass 
sie sich sträubte, einen französischen Kaper, der, von einer brandenburgischen 
Fregatte verfolgt, in den Hamburger Hafen eingelaufen war, dem Kurfürsten 
zu überlassen.*) Nach der Auffassung der Hamburger hatten nur sie ein An- 



Stadt prätendirende Gerechtsamkeiten^ auf dem Fnss der Verhandinngen von 1652 abgelöst 
werden könnten. Dass man hamborgischerseits in der Hoffoung, nicht nur Befreiung aus 
der gegenwärtigen Klemme, sondern einen derartigen dauernden Vortheil erzielen zu 
können, dem Kanzler eine für diesen allerdings verhängnissvoU gewordene Verehrung yon 
10 000 Eeichsthalem zukommen liess, kann in Anbetracht der damaligen Zeitverhältnisse 
nicht besonders aufifallig erscheinen. Vgl. übrigens A. D. J^rgensen, Peter Schuhmacher 
Griffenfeld, II 263 f. und 510. 

Mir lag die im Wolfenbüttler Archiv befindliche Ausfertigung des Vertrages 
vor. Ein Auszug findet sich bei Bartels, Der Hamburgische Büi'germeister Heinrich Meurer 
(Hamburg 1836) S. 50 ff. 

2) Beri. A. 



i 



39 

recht auf den französischen Kaper, der ihnen mehrere Schiffe weggenommen, 
um dann, vor Helgoland durch Sturm beschädigt, in die Elbe und den 
Hamburger Hafen einzulaufen. Von brandenburgischer Seite aber wurde 
behauptet, was die Hamburger freilich bestritten, dass der französische 
Kaper eine sichere Beute der kurfürstlichen Fregatte geworden wäre, 
wenn er sich nicht in den Hamburgischen Hafen gerettet hätte, und der 
Kurfürst glaubte mit umso grösserem Recht die Auslieferung des 
französischen Schiffes beanspruchen zu können, als seiner Ansicht nach die 
brandenburgische Fregatte, solange sie auf der Elbe und in See gewesen, 
den Hamburger Kauffahrern vor den französischen und schwedischen Kapern 
Schutz gewährt hatte. Da Vorstellungen nichts nützten, glaubte der grosse 
Kurfürst die Anerkennung seiner Ansprüche durch Gewalt erzwingen zu dürfen. 
Anfang Januar 1676 wurde in Magdeburg eine Anzahl Hamburger Kaufleute, 
die von der Leipziger Neujahrsmesse kamen, nebst ihren Waaren festgehalten. 
Die Kaufleute selbst wurden nach einiger Zeit gegen Caution freigelassen, 
ihre Güter aber solange mit Beschlag belegt, bis sich die Stadt dazu 
bequemt hatte, dem Kurfürsten durch eine Geldzahlung Satisfaction und 
Ersatz für das ihm vorenthaltene Schiff zu geben.^) Kaum war dieser 
Conflict beglichen, so gerieth man in einen neuen. Der Kaiser hatte den 
Kurfürsten im Interesse des fortdauernden Reichskrieges gegen Schweden 
befugt, drei Jahre hindurch Beträge von je 50 000 Thalern für die Winter- 
quartiere (sog. Assignationsgelder) von Hamburg zu erheben. Die Stadt 
aber hatte die Zahlung verweigert, indem sie sich auf ein Abkommen mit 
dem Herzog von Zelle berief^ in welchem dieser gegen eine bestimmte 
Summe die Vertretung Hamburgs in Veranlassung des Reichskiiegs und 
Schutz gegen anderweitige Zumuthungen gewährleistet hatte. Auch in 
diesem Falle trug Friedrich Wilhelm kein Bedenken, seiner Forderung 
durch Gewaltmassregeln Nachdruck zu geben. Im Laufe des Jahres 1679 
wurde von den brandenburgischen Kriegsschiffen eine grosse Zahl 
Hamburgischer Kauffahrer aufgebracht und nicht eher herausgegeben, als 
bis sich Hamburg zur Zahlung von 125 000 Thalem verstanden hatte. 

Noch waren die Verhandlungen, die zur Regelung dieser Angelegen- 
heit führten, nicht abgeschlossen, als Dänemark nach Beseitigung des 
allgemeinen Kriegszustandes im Norden durch die Friedensschlüsse von 
St. Germain und Fontainebleau freie Hand zu haben und den günstigen 
Moment, da Hamburg mit so vielen Mächten auf schlechtem Fusse stand^ 
ausnützen zu können meinte, um die Stadt zur Willfährigkeit zu nöthigen. 

König Christian V. zog seine Truppen in der Nähe von Hamburg 
zusammen und Hess alsdann (am 26. September 1679) den nach Pinneberg 

^) Hamburg zahlte dem grossen Eorfürsten 30000 Reichsthaler and lieferte über- 
dies eine Schnldyerschreibung des EnriUrsten Georg Wilhelms über ein Darlehen von 
5943V2 Beichsthalem aus. 



40 

berufenen Rathsdeputirten eine Proposition verlesen, in der das Urtheil des 
Eeichskamniergerichts von 1618 als ungerecht bezeichnet und den Hamborgem 
vorgehalten ward, dass sie sich der Huldigung bisher unter nichtigen Vorwänden 
entzogen und deshalb zu erklären hätten, ob sie nunmehr ihrer Schuldigkeit 
gemäss die Erbhuldigung leisten, dem König für die ihm durch die bis- 
herige Zögerung zugefügte Beschimpfung Genugthuung geben und auch 
fiir die Zukunft eine befriedigende Versicherung ertheilen wollten. Für den 
Fall, dass die Stadt sich füge, versprach der König, sie beschützen, ihi*e 
Privilegien achten und ihre Blüthe befördern zu wollen, andernfalls protestire 
er vor der Stadt und der Welt, dass er unschuldig sei an dem Unglück 
so vieler tausend Familien, wie an der Vergiessung so vielen unschuldigen 
Blutes und dem sonstigen Unheil, das aus fortgesetztem Widerstände 
Hamburgs hervorgehen werde. 

Durch Einschüchterung war die Stadt jedoch nicht so leicht gefügig 
zu machen. Wie selbst ein dänischer Agent schrieb, ging die öffentliche 
Meinung bei den Hamburgern dahin, man müsse lieber alles daran setzen, als 
die Huldigung leisten, und wenn man sie hierzu zwinge, würden sie sich 
erst recht an fremde Potentaten hängen.') Vorläufig hofften sie jedoch 
dem Zwang noch entrinnen zu können. An der neuen Befestigung, die 
sich vom Hammerbrook nach der Alster erstreckte, dem sogenannten „neuen 
Werk," wurde rastlos gearbeitet und überhaupt nichts verabsäumt, um 
Hamburg widerstandsfähig zu machen. In dieser Haltung wurde die Stadt 
von dem Herzog von Zelle bestärkt, der dem Abkommen vom Jahre 1676 
gemäss sich beeilte, ihr mit Infanterie und Cavallerie zu Hülfe zu kommen. 
Trotzdem hoffte der König sein Ziel noch zu erreichen, indem er darauf 
rechnete, dass unter den obwaltenden Verhältnissen die übrigen Mächte 
sein Vorhaben nicht hemmen, ja ihm vielleicht sogar Vorschub leisten 
würden.*) Die dänischen Diplomaten erhielten Befehl, bei den verschiedeneu 
Regierungen seine Absicht zu rechtfertigen oder doch in möglichst 
günstigem Licht erscheinen zu lassen. Der Kaiser sollte an die guten 
Dienste, welche die Dänen während des letzten Krieges dem Reiche ge- 
leistet hatten, erinnert und zugleich gegen das Haus Braunschweig-Lüneburg, 
das sich absolute und kaiserliche Autorität im niedersächsischen Kreise 
angemasst, und gegen Hamburg, das sich zum grössten Nachtheil des 
Reichs um französische Protection bemüht habe, aufgehetzt werden. Von 
Frankreich und von Brandenburg erwartete Christian V., dass sie auf den 
Herzog von Zelle einen Druck ausüben würden, um ihn von der Unter- 
stützung Hamburgs abzubringen. Den grossen Kurfürsten ersuchte er 
geradezu, zu diesem Behufe Truppen nahe der lüneburgischen Grenze 



Bericht des dänischen Commissars SteUe vom 3. Octoher 1679. Eophg. A. 
^ Das Folgende nach der Geh. Eegistxatnr vom J. 1679 im Kophg. A. 



41 

zusammenzuziehen. Indessen stellte es sich bald genug heraus, dass das 
dänische Vorhaben weder von Ludwig XIV., noch vom Kurfürsten von 
Brandenburg unbedingt gut geheissen wurde. Der erstere liess durch den 
Grafen von Rebenac ausdrücklich erklären, er könne nicht dulden, dass 
der Stadt Hamburg Gewalt zugefugt werde, und auch der grosse Kuifürst 
legte sich ins Mittel. Dieser intervenirte damals freilich weniger aus 
besonderer Zuneigung für Hamburg, als im Interesse des Friedens, „damit 
keine neue Feuersbrunst im niedersächsischen Kreise entstehe." Nach 
allem, was vorausgegangen, kann es nicht Wunder nehmen, dass seine 
Vermittlung eine etwas dänenfreundliche Färbung trug. Er bezeichnete 
in der Instruction an seine Bevollmächtigten als nicht unbillig, dass 
Hamburg dem dänischen König den Huldigungseid leiste. Jedenfalls sollten 
sie darauf sehen, dass der König mit Ehre und Reputation aus der Sache 
komme und von den Hamburgern gebührende Satisfaction empfange.^) 
Eine offenbare Vergewaltigung der Stadt hätte jedoch auch der Kurfürst 
nicht geduldet. Da nun aber Hamburg, nicht nur vom Herzog von Zelle, 
sondern auch vom kaiserlichen Gesandten ermuthigt, die Leistung des 
Huldigungseides entschieden verweigerte, so musste der König von Dänemark 
in den Pinneberger Interimsrecess vom 1. November 1679 willigen. Nach 
demselben blieb die Frage, ob Hamburg zu huldigen habe, bis zu einer 
künftigen gütlichen Verhandlung oder . rechtlichen Entscheidung in der 
Schwebe. Ausdrücklich wurde festgestellt, dass durch diesen Recess weder 
die Rechte des Königs, noch die der Stadt, noch die des Kaisers Abbruch 
erleiden sollten.^) Indessen musste der Rath im eignen Namen, wie in 
dem der Bürgerschaft versprechen, dem König „in unterthänigster ge- 
ziemender Devotion" zugethan zu bleiben, sein Bestes zu fordern und 
Schaden und Nachtheil, so viel an der Stadt sei, von ihm abzuwenden. 
Ueberdies musste eine Satisfactionssumme von 220000 Thalern entrichtet 
werden. 

Das Abkommen war fiir Hamburg weder besonders vortheilhaft noch 
ehrenvoll, sondern nur eine zweite und wenig verbesserte Auflage des 
verhängnissvollen Steinburger Vergleichs. Immerhin war das Schlimmste 
verhütet worden. Die Gefahr konnte freilich jeden Augenblick wieder- 
kehren, und deshalb war es für die Stadt von grosser Bedeutung, dass 
sich ihr Verhältniss zu dem grossen Kurfürsten im Laufe der nächsten 
Zeit günstiger gestaltete. Dies zeigte sich namentlich, als Friedrich 
Wilhelm im Jahre 1682 persönlich in Hambui-g erschien. Er wurde 
dort mit ausserordentlichen Ehrenbezeugungen begrüsst, und seinerseits 



^) Instractioii und Nebeninstrnction für Christoph und Friedrich von Brandt und 
den Kanzler von Crockow yom 15. October 1679. Berl. A. 

^ Aus den dänischen Acten ergibt sich, dass der Vorbehalt der kaiserlichen 
Rechte auf Andringen der Hamburger in den Vergleich aufgenommen wurde. 



42 

gab er mit Hinblick auf die gerade kurz vorher aufs neue hervor- 
getretenen Besorgnisse vor dänischen Anschlägen die Versicherung, dass 
er Hamburg im Fall der Gefahr mit der erforderlichen Truppenmacht zu 
Hülfe kommen werde. ^) Obwohl es auch fernerhin nicht an Differenzen 
auf wirthschaftlichem Gebiete fehlte, so scheint es doch, dass sich bei 
Friedrich Wilhelm zunehmend mehr die Ueberzeugung befestigte, wie eng 
die Interessen seiner eigenen Unterthanen mit der Unversehrtheit und 
Wohlfahrt Hamburgs verknUpft waren. Dies kam Hamburg um so mehr zu 
statten, als die bürgerlichen Unruhen in der Stadt während der nächst- 
folgenden Jahre stetig zunahmen und Zustände herbeiführten, durch die 
eigensüchtiger Einmischung auswärtiger Staaten der bequemste Zugang 
eröflfhet wurde. 

Vergeblich hatte sich der Kaiser wiederholt angelegen sein lassen, 
eine Versöhnung unter den streitenden Parteien in Hamburg herbeizuführen. 
Mit grossem Gepränge war am 4. März 1674 Graf Windischgrätz in einer 
Rath- und Bürgerschaftssitzung erschienen, um unter Berufung auf die 
kaiserliche Autorität das Versöhnungswerk einzuleiten, aber es fehlte doch 
viel, dass der von diesem mit dem Eath und 26 Vertretern der Bürgerschaft 
vereinbarte und schliesslich auch von der gesammten erbgesessenen 
Bürgerschaft genehmigte sogenannte Windischgrätzer Eecess that- 
sächliche Geltung erlangt hätte. Eath und Bürgerschaft bereuten bald, 
ihre Zustimmung gegeben zu haben. Und als die allein durch diesen 
Eecess völlig zufrieden gestellten Oberalten durch eine besondere Sendung 
nach Wien die kaiserliche Bestätigung desselben erwirkt hatten, brach 
in der Bürgerschaft ein Sturm gegen sie los. Wider diejenigen von ihnen, 
welche die Sendung vorzugsweise betrieben hatten, wurde ein Process 
eingeleitet; insbesondere gegen den inzwischen zum Eathsherm gewählten 
Nicolaus EruU, von dem es hiess, dass er Kloster- und Armengelder 
verwandt habe, um im Interesse der erwähnten Angelegenheit in Wien 
Gönner zu gewinnen. Der öffentlichen Meinung nachgebend, musste der 
Eath sich entschliessen, ihn zu suspendiren. Hiergegen beklagte sich 
KruU beim Eeichshofrath, der im Jahre 1682 seine Wiedereinsetzung 
anbefahl. Der weitere Verlauf der bürgerlichen Win-en gestaltete sich 
nun so, dass die Zwistigkeiten zwischen Eath und Bürgerschaft fortdauerten, 
beide aber zusammenstanden, um dem Kaiser gegenüber die Autonomie 
der Stadt zu behaupten. Als daher im Jahre 1683 der Kaiser dem Herzog 
von Zelle und der Eeichsstadt Bremen die Commission auftrug, sowohl 
die bürgerliche Ordnung herzustellen, als in der Krull'schen Sache dem 
kaiserlichen Gebote Geltung zu verschaffen, da wurde nicht niu* von der 



^) Bericht des kaiserlichen Besidenten Bondeck vom 30. Juli 1682 im Wiener 
Staats-Archiv. 



43 

Bargerschaft besclilossen, die kaiserliche Commission abzulehnen, sondern 
auch der Bath musste sich dazu bequemen, den von Zelle und Bremen im 
December 1683 nach Hamburg gesandten Subdelegirten am H.März 1684 
zu erklären, dass durch die Commission die Privilegien und wohlfundiiten 
Freiheiten der Stadt nicht wenig gekränkt würden, weshalb man gebeten 
haben wolle, von ihr verschont zu bleiben. Der bremische Subdelegirte, 
der hierüber berichtete, fiigte allerdings hinzu, der EathsheiT Schlüter, der 
im Namen des Eaths das Wort geführt, habe diese Erklärung wider seine 
Meinung und seinen Willen mit Thränen in den Augen zu Protokoll 
gegeben. Es zeigte sich deutlich, dass der Bath, indem er gegen den 
Kaiser Opposition machte, immermehr in Abhängigkeit von der städtischen 
Opposition gerieth. 

Die Ablehnung der kaiserlichen Commission aber hatte zur begreiflichen 
Folge, dass sich die Stadt die Ungnade des Kaisers und den Zorn des 
Herzogs von Zelle zuzog. Die Erbitterung beider wider Hamburg wurde 
noch gesteigert, als kurze Zeit darauf Bürgermeister Meurer, der im Bath 
bis dahin am entschiedensten der Bürgerschaft und ihren Wortfahrern 
getrotzt hatte, den Angriffen seiner politischen Gegner erlag. Auf Grund 
der wider ihn erhobenen Anklagen wurde er zeitweilig seiner Freiheit 
beraubt und nach einigen Tagen nur unter der Bedingung wieder entlassen, 
dass er sich verpflichtete, seiner Bathswürde zu entsagen, in Hamburg 
als ruhiger Privatmann zu leben^ sich nicht zu rächen und keinerlei Hülfe 
von auswärts zu erbitten. Da er diese Versprechungen nicht hielt, sondern 
Hamburg verliess und sowohl den Kaiser, wie den Herzog von Zelle um 
Beistand anging, wurden seine Güter mit Beschlag belegt. Während nun 
der Kaiser sich begnügen musste durch diplomatische Drohungen und 
allenfalls durch Auferlegung einer Geldstrafe seine Unzufriedenheit mit 
dem Verhalten der Stadt kund zu thun, vermochte der Herzog von Zelle 
seinen Unmuth durch Festhalten Hamburgischen Eigenthums und durch 
Occupation Hamburgischen Gebiets nachdrucksvoller zu äussern. 

Lebhafte Besorgniss nicht nur in Hamburg, sondern auch in weiteren 
Kreisen erregte es, dass er u. a. auch Moorwerder besetzen liess und 
somit an dem Punkt festen Fuss fasste, an dem sich Norder- und Süderelbe 
von einander trennen. Es entstand daher die Besorgniss, dass er diese 
Position benutzen werde, um die bei Hamburg vorüberfliessende Norderelbe 
zu schliessen und auf diese Weise die Schiffahrt zu Gunsten Harburgs zu 
befördern. Eine solche Umgestaltung der Strom- und Schiffahrtsverhältnisse 
hätte aber nicht nur Hamburg, sondern fast alle Eibuferstaaten, insbesondere 
auch Brandenburg geschädigt. Aber auch die Occupation der Vierlande, 
durch welche die Stadt selbst bedroht und ihre Verbindungen nach Osten 
hin abgeschnitten wurden, rief grosses Aufsehen hervor. Proteste gegen 
die allzu harte Behandlung, welche der Herzog von Zelle Hamburg zu Theil 



u 

werden liess, erfolgten vom Kaiser wie von Dänemark, von Eursachsen 
wie von den Generalstaaten. Das Uebel aus dem Grande zu heben 
bestrebte sich aber vor allem der grosse Kurfürst, indem er unablässig 
daran arbeitete, einen* Vergleich zwischen Zelle und Hamburg herbeizuführen 
und nicht müde wurde, den Herzog zu glimpflicherem Verfahren gegen die 
Stadt aufzufordern und die Stadt zu grösserer Nachgiebigkeit gegen den 
Herzog zu ermahnen. 

Zur Vervollständigung dieser Versöhnungspolitik sollte es beitragen, 
dass der Kurfürst auch zwischen dem Kaiser und der Stadt zu vermitteln, 
jenen zur Ermässigung seiner Satisfactionsforderung, diese zu grösserer 
Fügsamkeit gegen das Beichsoberhaupt zu bestimmen suchte. Das 
rücksichtslose militärische Vorgehen Georg Wilhelms und die in Wien 
hervortretende Tendenz, einerseits der kaiserlichen Majestät volle Genug- 
thuung zu verschaffen, anderseits die Situation im financiellen Interesse 
auszubeuten, erschwerten den Ausgleich. Unmöglich aber wurde er durch 
die Herrschaft, welche die von der Bürgerschaft gewählte Commission der 
Dreissig unter dem vorwaltenden Einfluss der Volksführer Suitger und 
Jastram über Rath und Bürgerschaft ausübte. 

Grösseren Erfolg als Friedrich Wilhelms Vermittlungsbestrebungen 
hatten die Bemühungen Christians V., die Hamburgischen Wirren im 
dänischen Interesse zu verwerthen. Zu diesem Behuf wurden seit dem 
Anfang des Jahres 1684 der Resident Lincker, der Geheimrath Andreas 
Paul von Liliencron und der zu politischem Eänkespiel sich besonders 
eignende Canzleirath Jacob Heinrich Pauli nach und neben einander mit 
schlau berechneten Instructionen versehen.^) Sie sollten die Misshelligkeiten 
in Hamburg schüren und den Argwohn nähren, dass der Kaiser und der 
Herzog von Zelle das Regiment in Hamburg einigen wenigen von ihnen 
abhängigen Personen in die Hände spielen wollten, sie sollten anderseits 
vor engerem Anschluss an Brandenburg wamen, durch den man die jeder- 
zeit so ängstlich angestrebte Neutralität gefährden und in Abhängigkeit 
von einer fremden Macht gerathen würde. Sie sollten die Häupter der 
bürgerlichen Opposition, die bald genug als „Wohlintentionirte" be- 
zeichnet werden, an sich heranziehen und mit Vertrauen zu den wohl- 
wollenden Absichten des Königs erfüllen. Später sollten sie ihnen klar zu 
machen suchen, dass für Hamburg keine Wahl sei, als sich dem Kaiser 
unbedingt zu unterwerfen, was aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer 
blutigen Reaction und zu Brandschatzungen fuhren, ja den Jesuiten das 
Eindringen in die Stadt erleichtern werde, oder aber einen kühnen Ent- 
schluss zu fassen, d. h. die verdächtigen und freiheitsfeindlichen Mitglieder 
aus dem Rathe auszustossen und sie durch Freiheitsfreunde zu ersetzen, 



1) In der Geh. Eegistratar Tom Jahre 1686 im Eophg. A. 



45 

wobei man auf die thatkräftige Üntersttttzang des Königs von Dänemark 
rechnen könne. Von der Erbhuldigung, die zu erreichen selbstverständlich 
des Königs letztes Ziel war, ist in seinen Weisungen anfänglich nicht die 
Rede. Doch wussten die Bevollmächtigten unzweifelhaft, was gemeint 
war, wenn der König sie am 10. Mai 1686 beauftragte, es dahin zu 
dirigiren, dass die Wohlintentionirten „solche Resolution ergreifen mögen, 
wozu ihr natürliches und wahres Interesse sie anweiset." Grosse Vorsicht 
war allerdings nöthig. Im Jahre 1684 hatte Lincker geschrieben: den 
Vorwurf, für gut dänisch gehalten zu werden, scheue jeder als ein Brandmal, 
und noch später hatte Pauli geäussert: den Hamburgern von dänischer 
Hülfe sprechen, sei so viel, als wenn man dem Mönch vom Teufel rede. 
Indessen gelang es beiden dänischen Diplomaten, die demokratischen 
Parteiführer immer mehr zu umgarnen und ihnen die Ueberzeugung bei- 
zubringen, dass für sie persönlich und ftir das Hamburgische Gemeinwohl 
nur bei Dänemark Heil und Rettung zu finden sei. 

Endlich am 6. Juli vermochten Lincker und Pauli dem König zu 
melden, dass Snitger und Jastram wegen des Homagialpunktes „gute und 
heilsame Intention" zu erkennen gegeben hätten.^) Hierüber hoch erfreut, 
sprach der König in seinem Erlass vom 8. Juli die Erwartung aus, dass 
alle üebrigen, die es mit der Stadt gut und getreu meinten und deren 
Wohlfahrt und wahres Interesse recht beherzigten, gleiche Gesinnungen 
wie Snitger und Jastram hegten. 

Unzweifelhaft hat die HoflEhung, dass eine mächtige Partei in Hamburg 
sich den dänischen Plänen günstig erweisen werde, nicht unerheblich dazu 
beigetragen, dass sich der König entschloss, das im Jahre 1679 vereitelte 
Project im Jahre 1686 wieder aufzunehmen. *) Dazu kam das Vertrauen auf den 



^) Am 8. Juli 1GS6 schrieb Christian V. aus Gottorp an Lincker nnd Pauli, er 
habe ans ihrer Relation vom 6. Jnli ersehen, „wohin sich Jastran nnd Schnitger wegen 
des homagial pnncts gegen Euch vernehmen lassen. Gleich nnss nnn ermelter Jastran 
nnd Schnitgers wegen solchen homagial pnncts bezeigte gnte nnd heilsahme intention 
sn yemehmen, besonders lieb ist nnd nicht zweifeln, dass alle nbrige, so es mit gemeiner 
Stadt wohl nnd getrewlich meinen, nnd deren Wohlfahrt nnd wahres interesse recht 
behertzigen, gleiche gedancken führen werden, also habt Ihr dieselbe nach gelegenheit zu 
versichern^ etc. (Bnchstäblich nach der Geh. Begistratnr im Eophg. A.) 

^ Das dänische Unternehmen gegen Hamburg ist während der letzten 15 Jahre 
wiederholt in Artikeln der Zeitschrift des Vereins für Hamb. Geschichte behandelt worden, 
von Fleischfresser, Erdmann nnd Lieboldt im 8. Bande, von Th. Schrader im 9. Bande. 
Ausserdem möge von neueren Pnblicationen über diesen Gegenstand noch die sorgsam und 
unparteiisch gearbeitete Skizze von A. Tnxen „Overfaldet paa Hamburg 16S6*' in der 
Historisk Tidsskrift, Serie 6 Band 4 S. 519—- 562 erwähnt werden. Auch der 14. Band der 
Urkunden und Actenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg 
enthält einiges einschlägige Material. Für die folgenden Mittheilungen und zum Theil 
auch für die vorausgehenden konnten Actenstücke der Archive in Berlin, Hannover, 



46 

guten Stand der dänischen Militärmacht zu Wasser und zu Lande und die 
Beurtheilung der politischen Gesammtlage, die nach dänischer Auffassung 
so beschaffen war, dass man bei einem Anschlag auf Hamburg von 
keiner Seite erheblichen Widerstand zu erwarten hatte. Mit Frankreich, 
das damals allgemein als die erste Macht Europas angesehen wurde, war 
Dänemark im Bunde. Der Kaiser war in den Türkenkrieg verwickelt. 
Brandenburg, Braunschweig-Lüneburg und Kursachsen hatten einen Theil 
ihrer Truppen dem Kaiser zur Verfügung gestellt oder sie sonst zerstreut. 
Schweden hatte nur wenig Kriegsvolk auf deutschem Boden. Der König 
von England schien durch die inneren Angelegenheiten seiner Länder 
hinreichend in Anspruch genommen zu sein.^) Der Verlockung, die 
in diesen Umständen lag, standen allerdings mancherlei Bedenken entgegen, 
die jedoch nicht zum Verzicht auf das Unteniehmen gegen Hamburg 
bewogen, sondern nur dazu führten, es umsomehr zu beschleunigen und 
die Vorbereitungen um so vorsichtiger zu betreiben. 

Erst am 21. Juli gab der Konig seinen endgültigen Entschluss za 
erkennen,- demnächst gegen Hamburg mit MUitärgewalt vorzugehen. Doch 
auch damals machte er nur seinen politischen und militärischen Vertrauens- 
männern davon Mittheilung. Der Beginn der Action war auf den 20. August 
festgestellt. Alles sollte im tiefsten Geheimniss vorbereitet werden. Selbst 
die Befehlshaber der für diese Expedition aus Seeland heranzuziehenden 
Mannschaften sollten erst 2 — 3 Tage vor der Einschiffung erfahren, dass 
die Truppen nach Holstein bestimmt seien.*) 

Da nun unter allen Umständen zu erwarten stand, dass das Vorgehen 
gegen Hamburg bei einer grossen Anzahl deutscher und ausserdeutscher 
Regierungen peinliches Aufsehen erregen werde, so galt es, diese durch 
Sendschreiben, die theils von Christian V. an eine Reihe von Herrschern 
gerichtet, theils den dänischen Gesandtschaften in den betreffenden Ländern 
zugestellt wurden, zu beschwichtigen. Allen diesen in der Zeit vom 
12—20. August beförderten Schriftstücken gemeinsam war die Anklage 
gegen die Hamburger, welche die Langmuth des Königs allzusehr auf die 
Probe gestellt hätten. Im übrigen wurde je nach der vorausgesetzten 
Stimmung und Gesinnung der einzelnen Regierungen eine andere Tonart 
angeschlagen. Dem Wiener Hof gab der König die Versicherung, er 
wolle Hamburg nicht behalten, auch die Bürger nicht ihrer Privilegien 
berauben; ja er verhiess sogar, die Stadt dazu anhalten zu wollen, dass 

Wolfenbüttel, Marburg, Wien nnd Kopenhagen benutzt werden. Meine Abweichungen 
von früheren DarsteUungen durch Einzelnachweise zu begründen, muss ich mir mit Rück- 
sicht auf den zur Verfügung stehenden Raum für eine andere Gelegenheit vorbehalten. 

^) Vgl. das von H. Erdmann mitgetheilte Actenstück in Ztschr. des V. f. Hamb. 
Gesch. Band 8 S. 210 fif. 

2) Vgl. Tuxen a. a. 0. S. 544 f. 



47 

sie ihre Pflichten gegen das Reich erfülle. In dem flir Zelle bestimmten 
Schreiben wurde der Erwartung Ausdruck gegeben, der Herzog werde es 
gern sehen, wenn der Hochmuth der Hamburger gedämpft werde. Der 
dänische Gesandte im Haag wurde angewiesen, die Generalstaaten durch 
den Hinweis zu gewinnen, dass Hamburg in dänischen Händen den 
Holländern weniger unangenehme Concurrenz bereiten werde, als bisher. 
Die englische Regierung suchte man mit dem wider Hamburg geplanten 
Unternehmen auszusöhnen, indem man versprach, den Interessen der dort 
privilegirten englischen Eaufmannsgesellschaft besondere Berücksichtigung 
schenken und, falls ihnen dennoch durch etwaige kriegerische Vorgänge ein 
Nachtheil erwachsen sollte, ftti* Schadenersatz einstehen zu wollen. In den 
flir Frankreich und Brandenburg bestimmten Schiiftstücken war auf die 
mit beiden Staaten geschlossenen Allianzen Bezug genommen^). 

Da der König jedoch wohl zweifeln mochte, ob er bei einem Vorhaben 
gegen Hamburg auf die bundesfreundlichen Gesinnungen des grossen 
Kurfürsten rechnen könne, so wies er seinen Gesandten am branden- 
burgischen Hof an, kundzuthun, dass, wenn auch fremdes Kriegsvolk in 
die Stadt aufgenommen werden sollte, solches zwar den Vergleich erschweren, 
jedoch die Dänen nicht verhindern werde, der Stadt mit Feuer und Bomben 
zuzusetzen. 

In der That war von den Dänen alles vorbereitet, um Hamburg 
durch gewaltsame Mittel zur Unterwerfung zu bringen. Anderseits bestand 
doch noch die Hoffnung, dass die Stadt es nicht zum Aeussersten kommen 
lassen werde. Durch einen Erlass vom 16. August wurden die königlichen 
Bevollmächtigten Liliencron, Lincker und Pauli beauftragt, den Rath auf- 
zufordern, am 21. Deputirte in das königliche Hauptquartier zu senden, 
um einen gütlichen Vergleich über die Huldigungsfrage herbeizufuhren. Vorher 
aber sollten sie die „Wohlintentionirten" von dem dänischen Vorhaben 
in Kenntniss setzen und sie überreden, ihren Einfluss bei dem CoUegium 
der Dreissiger und der gesammten Bürgerschaft dahin geltend zu machen, 
dass die Forderungen des Königs bewilligt würden. Dabei sollten sie die 
Versicherung ertheilen, dass es des Königs Absicht nicht sei, sich der 
Stadt zu bemächtigen oder eine Garnison hinein zu legen oder ihr sonst etwas 
Nachtheiliges anzumuthen. Aufs neue sollten sie den „Wohlintentionirten'* 
vorhalten, wie sehr es in ihrem eigenen Interesse liege, des Königs Vor- 
haben zu befördern, und wie gross für sie die Gefahr einer andernfalls zu 
erwartenden politischen Reaction sei, durch die sie leicht um ihre zeitliche 
Wohlfahrt, Ehre, Leib und Leben gebracht werden könnten. Wenn sich 
die Stadt dagegen unter ihrer Mitwirkung gebührend füge, so werde der 
König darauf bedacht sein, dass nicht nur die Dreissiger beibehalten, 
sondern auch die übelwollenden und verdächtigen Personen aus dem Rath 

^) Nach der Geh. Registratur vom J. 1686 im Eophg. A. 



4g 

geschafft und die erledigten Stellen aus den Reilien der „Wohlintentionirten" 
oder nach deren Vorschlag wieder besetzt würden. Auch im übrigen 
werde sich der König ihnen und ihren Familien durch Ehren- und Gnaden- 
bezeugungen erkenntlich beweisen. 

Durch Toretellungen und Verheissungen ähnlicher Art hatten Lincker 
und Pauli sicherlich schon vorher auf die Hamburger Volksfuhrer zu 
wirken vermocht. Es ist jedoch zweifelhaft, ob sie sich mit denselben 
unmittelbar vor der geplanten Action der königlichen Weisung vom 
IG. August gemäss unterredet haben*). Es lässt sich daher auch nicht 
genau feststellen, wieweit das Einverständniss zwischen den Dänen und 
den Hamburger Parteiführern gediehen war.*) 

Seit längerer Zeit war der Kath von den verschiedensten Seiten vor 
bedenklichen dänischen Anschlägen gewarnt worden. Die herrschende 
Partei hatte jedoch alle Vorsichtsmassregeln vereitelt, indem sie jene Aus- 
sprengungen für unbegründet erklärte und wohl geradezu behauptete, der- 
artiges sei erfunden, um den Sturz Snitgers und Jastrams herbeizuführen. 
Es ist kein Grund zu bezweifeln, dass die Mehrheit derjenigen, die das 
Vorhandensein einer dänischen Gefahr leugneten, in gutem Glauben war. 
Ob das Gleiche aber auch von den Führern gilt, muss dahin gestellt bleiben. 
Eine Besetzung der Veddel und anderer damals noch holsteinischer Elbinseln 
durch dänische Trappen hatten sie früher ausdrücklich begehrt, um freilich 
etwas später die Eäumung des Grevenhofs zur Vermeidung unerwünschter 
Besorgnisse zu befürworten. Zu einigem Verdacht gibt auch der Umstand 
Anlass, dass Snitger die ihm am 4. August von der Kämmerei als Julisold 
der Hamburgischen Eeiterei überwiesene Summe nicht rechtzeitig ausgezahlt 
hat, sodass die Eeiter sich sehr schwerig zeigten, als es galt sie gegen die 
Dänen zu verwenden.^) 



^) Zu dem ansfnhrUcheren Rescript an Liliencron, Lincker nnd Panli vom 16. August 1G86 
findet sich in der Geh. Registratur hemerkt: „Dieses ist zwar ausgefertiget und obigen 
Ministem eingehändiget. Es wird aber nur dasjenige, was in dem vorhergehenden (kürzeren) 
Rescript enthalten, der Stadt proponirt sein.*' 

^ Auf die Briefe Paulis, von denen leider nur wenige im Original erhalten sind, 
kann hier nicht näher eingegangen werden; es genüge hervorzuheben, dass sie für die 
oben erwähnte Frage keinen Aufschluss gewähren. 

^) Zum Kämmereiprotokoll vom 3. September IGSG findet sich Folgendes über 
frühere Vorgänge nachgetragen: Anno 1GS6 d. 4. Aug. sind laut der Cämerey-Cassabuchs 
an Jeronymus Schnitker bezahlet zu Ablohnung der Reuter für den Monat Julinm 
t 2274. — den 21. ejusdem aber ist auif dem Rahthause aussgekommen durch den Ritt- 
meister Hieronymum Möller, dass die Reuter noch kein Geld für dem Monat Jul. bekommen 
hetten, und desfalls seer schwierig weren. Wie nun solches weiter unter die bürger 
kund worden, sind einige bey der Cämerey Verordnete gekommen, und haben desfalls 
Rede gemachet, da es dann auch in Senatu bekant worden, welcher durch Ihr Wollwh. 
Herr Franz Mattfeld desfalls nachfrage bey der Cämerey thun lassen, da dann die 
Verordnete demselben obiges berichtet, mit ersuchen, Jer. Schnitker desfalls zu rede zu 



49 

Sicher zttm Theil auch aus der thatsächlich ungünstigen Finanzlage ist 
es zu erklären, dass die Eänimereibürger im Juni und Juli die vom Bath 
geforderten Beiträge für Befestigungsarbeiten verweigerten oder doch 
erkläiten, dass man sich auf das AUemothwendigste beschränken müsse. 
Erst in der zweiten Woche des August zeigten sie grössere Geneigtheit 
zum bewilligen. Mittlerweile war die Gefahr allerdings immer näher 
gerückt. Eine immer schwülere Atmosphäre lagerte über Hamburg, wie 
vor einem Gewitter. Bereits am 19. Morgens wollte verlauten, der 
König habe von der Stadt nicht nur die Erbhuldigung, sondern auch die 
Auslieferung der Schlüssel des Millemthors gefordert, das mit dem könig- 
lichen Wappen versehen und durch dänische Truppen besetzt werden 
solle. Ueberdies — hiess es — verlange der König eine jährliche Tribut- 
zahlung von 150 000 Thalem. Wenn die Stadt sich weigere, diese 
Forderungen zu bewilligen, habe sie ein Bombardement zu erwarten. 
Diese Meldungen waren theils vei-früht, theils völlig aus der Luft gegriifen, 
aber sie trugen wesentlich dazu bei, einen Wandel in der öffentlichen 
Meinung herbeizuführen. Wer jetzt noch bestritt, dass Gefahr von 
dänischer Seite im Anzüge sei, galt für einen Verräther an der städtischen 
Freiheit. Ein Makler, der an der Börse die Warnungen vor Dänemarks 
Absichten noch immer für unbegründet erklärte, wurde von den Fäusten 
andersgesinnter Börsenbesucher übel zugerichtet und musste ohne Hut und 
Perrücke nach Hause gehen. 

Wenn es bisher zur Erhaltung der dänischen Sympathien in Hamburg 
beigetragen hatte, dass man vor stets erneuten Gewaltthätigkeiten des 
Herzogs von Zelle auf der Hut sein musste und zu deren Abwehr des 
dänischen Beistandes nicht entbehren zu können glaubte, so war auch 
darin eine Aenderung eingetreten. Zunächst war dem Kath von den 
kaiserlichen Gesandten die Zusicherung ertheilt worden, dass die Stadt 
von dem Herzog von Zelle keine weiteren Feindseligkeiten zu erwarten 
habe. Ueberdies hatte Ernst August, der Herzog von Hannover und 
Bischof von Osnabrück, ein Bruder Georg Wilhelms, am 11. August den 
Baron Görtz als seinen Bevollmächtigten nach Hamburg geschickt und 
durch diesen die Erklärung abgegeben, dass Hamburg von den in der 
Nähe befindlichen zellischen Truppen nicht nur keinen Angriff zu besorgen 
habe, sondern dass man vielmehr auf ihren Beistand gegen die Dänen 
rechnen könne. Auch hannoversche Truppen seien im Anzug, um der 
Stadt zur Verfügimg gestellt zu werden. 



BteUen, weilen unter den Bärgeren viel redens davon were, Woranff den 22. Ang. 
Vormittags sein Diener anff die Cämerey kähme, nnd im Namen Jeronymns Schnitkers 
Eheliebste 800 Rthlr. in specia darlegte, mit vermelden, weilen viele Leute für ihre Thür 
gekommen und desfalls viel wesens gemachet, ihr Eheman aber nicht zu Hause wäre, so 
hatte sie die Kiste geöffnet und diese SOG Bthlr. daraus genommen u. s. w. (Buchstäblich.) 

4 



50 

Als daher in der auf den 19. August anberaumten ßath- und 
Bürgerschaftssitzung der Rath darauf hinwies, dass stündlich eine Be- 
rennung und Einsperrung der Stadt zu gewärtigen sei, da zögerte die 
Bürgerschaft nicht, die zum Besten der Vertheidigung gemachten Anträge 
zu bewilligen und bekundete überhaupt in nachdrücklichster Weise ihre 
Bereitschaft, „für der Stadt Wohlfahrt und Conservirung der löblichen 
bürgerlichen Freiheit neben E. E. Eath Gut und Blut einzusetzen." 

Selten ist die Stadt von ernsterer Gefahr bedroht gewesen, 
selten aber auch zeigte sich eine so erfreuliche Einmüthigkeit. Niemand 
wagte Ton Zugeständnissen an die Dänen zu reden. Das Ansehen 
der Dreissiger war erloschen. Snitger und Jastram wurden von allen 
gemieden und als Verräther angesehen. Am 23. August folgte ihre 
Verhaftung. Bald darauf wurde ein allerdings in mehrfacher Beziehung 
anfechtbares Eechtsverfahren gegen sie eingeleitet. Noch ehe diese beiden 
von der Volksgunst emporgetragenen und nicht zum wenigsten durch die 
Volksstimmung gestürzten, vom Freiheitsenthusiasmus zu unverantwoitlichem 
Thun verleiteten Parteiführer ein tragisches Ende auf dem Schaflfot geftinden, 
war Hamburg von der durch sie mitheraufbeschworenen Gefahr befreit 
worden. Diese Errettung dankte die Stadt zunächst der entschlossenen 
Haltung seiner eigenen Angehörigen. 

Obwohl der Rath die ihm am 20. zugekommene Aufforderung, 
Deputirte an den König nach Pinneberg zu schicken, mit einem Schreiben 
beantwortete, das keineswegs eine schroffe Ablehnung enthielt, sondern 
unter Ausdrücken des tiefen Bedauerns über die Ungnade des Königs den 
Wunsch zu erkennen gab, „dass dem dieser Stadt und anliegenden Ländern 
verderblichen Vorhaben Anstand gegeben werden möge", so traf er doch 
gleichzeitig alle erforderlichen Massregeln zur .militärischen Abwehr und 
wurde dabei von der Bevölkerung aufs lebhafteste unterstützt. Nicht nur 
die Hamburgischen Soldaten wurden dem Feind entgegengestellt, auch 
20 Bürgercompagnien bezogen die Wälle, und die Alten der Handwerks- 
ämter verpflichteten sich, im Fall der Noth ihre Gesellen, ja selbst ihre 
Lehrburschen für die Vertheidigung der Stadt zur Verfügung zu stellen. 

Es wird bezeugt, dass die Hamburgischen Truppen bei den Kämpfen, 
namentlich bei verschiedenen Ausfällen, ausserordentlichen Muth bezeigten. 

Seit dem 21. nahmen braunschweig -lüneburgische Truppen an dem 
Kampf theil. Am 29. trafen auch brandenburgische Truppen ein, die später 
noch erheblich verstärkt w^urden. Ihre Anwesenheit war für Hamburg 
von grösstem Werth; doch kamen sie nicht mehr ins Gefecht, da bereits 
am 26. August von den Dänen eine Waffenruhe bewilligt und später mehrfach 
verlängert wurde. 

Dass die Dänen sich sobald dazu verstanden, ihre militärischen 
Operationen gegen Hamburg zu unterbrechen und schliesslich gänzlich 



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einzustellen, war zum guten Theil der Dazwischenkunft Brandenburgs 
zuzuschreiben. Allerdings nicht dieser allein; denn mit dem grossen 
Kurfürsten zugleich oder wenig später verwahrte sich ganz Deutschland, 
ja — fast könnte man sagen — das halbe Europa gegen die Ver- 
gewaltigung Hamburgs. 

Die Speculation auf Hamburgs Hülflosigkeit und alle jene diplo- 
matischen Schachziige, die darauf abgezielt hatten, die Stadt in ihrer 
Isolirung zu erhalten, bewiesen nur, wie sehr die Sachlage von Christian V. 
und von seinen Rathgebem verkannt worden war. Der Kaiser und der 
Herzog von Zelle unterdrückten ihren Groll gegen die Stadt. Der letztere 
stellte ihr, wie erwähnt, seine militärische Kraft zur Veifügung, und der 
erstere machte sein volles Ansehen als Keichsoberhaupt geltend, um an 
den verschiedensten Stellen zum moralischen und militärischen Beistand 
für Hamburg aufzufordern, am Eeichstag in Regensburg, beim nieder- 
sächsischen, obersächsischen, westfälischen, fränkischen Kreis, ausserdem 
speciell beim Landgrafen von Hessen, bei den Herzögen von Braunschweig- 
Lüneburg, sowie bei dem grossen Kurfürsten, üeberall fand der Ruf, 
für Hamburg einzutreten, patriotischen Widerhall. 

Die erwähnten norddeutschen Fürsten hatten bereits einige Zeit, 
ehe die kaiserlichen Schreiben an sie gelangt waren, ihre Theilnahme 
für Hamburg bekundet. Ueberhaupt trat hinter den selbständigen Kund- 
gebungen dieser die Action des Reiches erheblich zurück, und das von 
dem Kaiser an den Kurfürsen von Brandenburg und Herzog Georg Wilhelm 
von Zelle als ausschreibende Fürsten des niedersächsischen Kreises 
gerichtete Commissorium, gegen den König von Dänemark als Friedens- 
brecher und Unruhstifter auf Grund der Reichsexecutionsordnung zu ver- 
fahren und ihn mit der Reichsacht zu bedrohen, diente diesen Fürsten 
nur als eine der Handhaben, um den König ihren Wünschen gefügig zu 
machen. Immerhin ist es von Wichtigkeit festzustellen, dass die Rettung 
Hamburgs als eine für das ganze Reich wichtige Angelegenheit betrachtet 
wurde. Dass sie als Reichssache zu behandeln sei, wurde auch vom 
grossen Kurfürsten wiederholt betont. Er legte Gewicht darauf, dass sie 
soweit wie möglich mit Ausschluss auswärtiger Mächte betrieben werde. 

Erwünscht wäre ihm allerdings wenigstens anfänglich eine Diversion 
Schwedens gewesen, das ja wegen seiner Besitzungen im Reich nicht als 
eine völlig fremde Macht gelten konnte. Der brandenburgische Gesandte 
in Stockholm wurde angewiesen, darauf aufmerksam zu machen, dass, wenn 
Hamburg in dänische Gewalt gerathe, auch das Herzogthum Bremen 
gefährdet sei. In der That zeigte die schwedische Regierung grosse 
Geneigtheit, im Hamburgischen Interesse einzuschreiten, und wenn es auch 
nicht zum Bruch mit Dänemark kam, so wurde doch unter der Hand 



52 

eine Anzahl schwedischer Officiere der Stadt zu Hülfe gesandt, von 
denen namentlich der Ingenieur-Officier Gyldengranat sehr dankenswerthe 
Dienste leistete. 

Nicht so augenfällig, aber immerhin bedeutsam genug äusserte sich 
die Theilnahme anderer europäischer Mäclite für Hamburg. Jacob IT. von 
England richtete ein persönliches Schreiben an Christian V., in dem er 
das dänische Unternehmen sowohl mit Hinblick auf die gesammte politische 
Weltlage, als mit Rücksicht auf die Handelsinteressen der Engländer und 
das Wohlwollen, das er für Hamburg hegte, aufs entschiedenste missbilligte. 
Holland erklärte sich sogar bereit, zu Hamburgs Unterstützung Schiflfe in 
die Elbe zu schicken. Ja selbst die Annahme, dass der dänische Anschlag 
auf Hamburg von Frankreich gutgeheissen würde, wie man in Dänemark 
gehoflft, in Deutschland gefürchtet hatte, stellte sich als iirig heraus. 

Unter den Diplomaten, die im August und September sich beim dänischen 
König für Hamburg verwandt, spielten neben den Vertretern des Kaisers, 
der Kui-flirsten von Brandenburg und Sachsen, der Herzöge von Zelle, 
Hannover und Wolfenbtittel und des Landgrafen von Hessen-Cassel auch 
die Gesandten von Schweden, England und Frankreich eine mehr oder 
minder hervorragende Rolle. Während nun aber die meisten dieser 
Diplomaten sich auf einen gelegentlichen und gleichsam stossweise geübten 
Einfluss beschränken mussten, während die Intervention der kaiserlichen 
Gesandten zu Gunsten Hamburgs unzweifelhaft dadurch an Wirksamkeit 
verlor, dass sie gleichzeitig angewiesen waren, den König von Dänemark 
um militärischen Beistand wider die Türken anzugehen, wurde von den 
Bevollmächtigten Kurbrandenburgs, der Herzöge von Braunschweig- 
Lüneburg und des Landgrafen von Hessen-Cassel planmässig und unaus- 
gesetzt mit Dänemark verhandelt. Dass auch Landgraf Karl von Hessen 
auf Veranlassung des Kaisers sich an der Intervention zu Gunsten Ham- 
burgs betheiligte, erklärt sich theils aus dem guten Ruf, den er als eifriger 
deutscher Patriot genoss, theils aus seiner nahen Verwandtschaft mit dem 
dänischen Königshause, um deren willen von seiner Mitwirkung ein 
günstiger Einfluss auf die dänische Regierung erwartet werden durfte. 
Anderseits freilich legten diese verwandtschaftlichen Beziehungen dem 
Landgrafen und seinem Bevollmächtigten, dem Oberst v. Baumbach, bei 
den Verhandlungen mit Dänemark eine gewisse Zurückhaltung auf, so dass' 
seiner Betheiligung doch nur eine secundäre Bedeutung beigemessen werden 
kann. Man darf daher behaupten, dass die Rettung Hamburgs vorzugs- 
weise durch Kurbrandenburg und Braunschweig -Lüneburg herbeigeführt 
wurde. Den gemeinsamen Bemühungen dieser kam es zu statten, dass 
der grosse Kuifürst während seiner Mitte August stattfindenden Rückreise 
von Cleve nach Berlin Gelegenheit hatte, mit den Herzögen Ernst August 
und Georg Wilhelm persönlich zusammenzutreffen. Hierdurch wurde 



53 

es erleichtert, wenigstens dem Anschein nach wegen der zum 
Schutze Hamburgs zu ergreifenden Massregeln ein vollkommenes Ein- 
verständniss zu erzielen. In der weiteren Behandlung der Angelegenheit 
trat allerdings ein nicht ganz unerheblicher Unterschied zwischen den 
Tendenzen der braunschweig-lüneburgischen Herzöge und denen des grossen 
Enrffirsten zu Tage. Die enteren wollten, ebenso wie der Kaiser, den 
Anlass benutzen, die Immedietätsfrage gänzlich aus der Welt zu schaffen, 
und es dahin bringen, dass Dänemark ein für alle Mal seinen Ansprüchen 
auf Hamburg entsagte. Bei diesen Bestrebungen wurden sie jedoch vom 
grossen Kurfttrsten nicht unbedingt unterstützt. Der letztere trug 
offenbar Bedenken, diese Forderung allzusehr in den Vordergrund 
zu stellen, weil daiüber leicht das zunächst anzustrebende Ziel ver- 
fehlt oder wenigstens dessen Erreichung verzögert werden konnte. 
Je länger aber die Entscheidung hinausgeschoben wurde, um so 
grösser war die Gefahr, dass der Hamburgische Streit zu weiteren 
europäischen Verwickelungen führe. Wie sehr stand zu besorgen, dass 
Ludwig XIV., wenn er auch dem Unternehmen Christians V. ursprünglich 
gänzlich fem gestanden, doch nachträglich, wenn die Wirren an der 
Niederelbe einen ernsteren Charakter annahmen, sich doch noch einzu- 
mischen suchen oder den Zeitpunkt, da die Aufmerksamkeit Deutschlands 
auf Hamburg gerichtet war, ausnutzen werde, um einen erneuten Angriff 
auf die Bheinlande zu unternehmen. Nun lag ja freilich der Gedanke 
an eine Abrechnung mit Frankreich dem grossen Kurfürsten während 
seiner letzten Lebensjahre durchaus nicht fem. Es ist bekannt, welche 
Hoffnungen für Europas religiöse und politische Freiheit er auf eine 
Coalition gegen Frankreich setzte. Doch die Vorbedingung eines erfolgreichen 
Kampfes war, dass zuvor jene Umwälzung in England stattgefunden, die in 
Cleve den Gegenstand seiner Besprechungen mit Wilhelm III. von Oranien 
gebildet hatte ^), und dass der Türkenkrieg zu siegreichem Ende geführt 
worden. Zur Zeit musste es ihm jedenfalls geboten erscheinen, dem erneuten 
Ausbrach eines deutsch-französischen Krieges vorzubeugen. Es galt daher, 
der Hamburgischen Angelegenheit möglichst schnell eine erwünschte 
Wendung zu geben. Der Kurfürst suchte deshalb das Selbstgefühl des 
dänischen Königs möglichst zu schonen. Ebenso liess er es sich an- 
gelegen sein zu verhüten, dass die Verhandlungen über Hamburg 
durch Verquickung mit der von verschiedenen Seiten gewünschten 
Intervention für den Herzog von Gottorp erschwert und verzögert würden. 
Anderseits aber behielt er die Hauptsache unentwegt im Auge und suchte 
die ihm unerlässlich scheinenden Zugeständnisse dem Dänenkönig durch 
ebensoviel Klugheit, wie Festigkeit abzunöthigen. 

Vgl. ErdmannsdÖrffer, Deutsche Geschichte yom westfälischen Frieden his zum 
Begierangsantritt Friedrichs des Grossen, Band 1 S. 703. 



54 

So bekundete er die ihm eigenen staatsmännischen Vorzüge, politischen 
Weitblick, Menschenkenntniss, kluge Mässiguug und Thatkraft, auch 
bei diesem Anlass. Sie verliehen ihm das Uebergewicht über seine 
braunschweig-lüneburgischen Bundesgenossen und den erwünschten Erfolg 
bei Christian V. 

Es sei gestattet, sein Verfahren im Einzelnen noch etwas genauer 
zu verfolgen. Nachdem das Schreiben Christians V., in dem dieser sein 
Vorhaben wider Hamburg angekündigt hatte, in seine Hände gelangt war, 
beauftragte er den dänischen Gesandten, seinem Herrn zu melden: er wolle 
jetzt sehen, ob der König die Beibehaltung seiner Freundschaft höher und 
werther als die Occupirung der Stadt Hamburg achte, die er doch nicht 
behalten werde, wenn er sie gleich eingenommen.^) Bei einer anderen 
Gelegenheit aber äusserte er gegen denselben Gesandten: er meine es so 
gut mit dem König von Dänemark, dass er nimmer von dem Sentiment 
abstehen werde, die Stadt müsse Sr. Königl. Majestät alle gebührende 
Deferenz und Eespect erweisen. Auch deutete er wiederholt an, dfiss er 
hauptsächlich deshalb Truppen nach Hamburg schicke, um zu verhindern, 
dass sich die Hamburger den Lüneburgem völlig in die Arme würfen.') In 
solcher Weise suchte er den Eindruck zu erwecken, dass er nicht sowohl 
ein parteiischer Gegner Dänemarks, als vielmehr ein wohlwollender 
Vermittler sei. Anderaeits liess er es nicht an entschiedeneren Kundgebungen 
seines Willens fehlen. Hierfür aber bediente er sich der Diplomaten, die 
er ins dänische Hauptquartier entsandte. Zu seinem Bevollmächtigten 
hatte er noch auf der Eeise von Cleve nach Berlin am 18. August in erster 
Linie Wolfgang von Schmettau ausersehen. Da aber dieser nicht in 
seiner Nähe weilte und daher bis zu dessen Aufbruch noch einige Zeit 
verstreichen musste, beauftragte er am 20. August in Diesdorf den ihn mit 
der Eitterschaft des Districts begrüssenden Thomas von dem Knesebeck, 
sich sofort zum dänischen König zu begeben und so schleunig wie möglich 
auf Einstellung der Feindseligkeiten zu dringen. Bemerkenswerth ist, 
dass der Entwurf einer Instruction für Schmettau vom 19. August und die 
sonst mehrfach abweichende Instruction für Knesebeck vom 20. August 
übereinstimmend die Erklärung enthalten, dass es dem Kurfürsten fast gleich 
gelte, ob Hamburg oder Berlin angegriffen wüi'de. *) 



^) Nach den Berichten des dänischen Gesandten v. Lente im Kopenhagener 
Eeichsarchiv. 

^) Die Gemeinsamkeit des Vorgehens gegen Dänemark verhinderte den grossen 
Kurfürsten in der That nicht, eifersüchtig darüber zu wachen, dass unter den obwaltenden 
Verhältnissen sich das Haus Braunschweig-Lüneburg in Hamburg nicht aUzusehr festsetze. 
Vgl. auch Urkunden und Actenstöcke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, 
Band US. 1318. 

^) Knesebeck wurde angewiesen, dem König zu erklären „dass wir fast keinen 
Unterschied wüssten, ob die Stadt Hamburg oder Berlin attaguiret würde**; und in dem 



55 

Bereits am 23. August traf Knesebeck im dänischen Lager ein, und 
am 24. hatte er Gelegenheit, dem dänischen König gegenüber sich seines 
Auftrags zu entledigen. Aus seinem Bericht vom selbigen Tage ist zu 
entnehmen, welch tiefen Eindruck seine Worte hervorriefen.*) 

Der Hamburger Rath konnte mit Recht von Knesebeck rühmen, er 
sei der Erste gewesen, der das Eis gebrochen.*) Seinem Auftreten war 
es vorzugsweise zu verdanken, dass der König, wie erwähnt, bereits am 
26. August eine — wenn auch zunächst nur kurze — Waflfennihe 
zugestand. 

Welches Gewicht der grosse Kurfürst auf eine schleunige und erfolg- 
reiche Beendigung der Sache legte, zeigte er femer, indem er kurze Zeit 
nachher einen seiner hervorragendsten Staatsmänner, Paul von Fuchs, 
ins dänische Hauptquartier sandte. Dieser setzte in der geschicktesten 
Weise die Bemühungen Knesebecks fort. Dänischerseits bemühte man sich 
freilich nicht wenig, dem einflussreichen brandenburgischen Diplomaten die 
Unverfänglichkeit des dänischen Erbhuldigungsverlangens einleuchtend zu 
machen. Man setzte ihm auseinander, die Erbhuldigung wäre „mehr eine 
Ceremonie und äusserliche Ehrenbezeugung, als dass dem König dadurch 
etwas zuwüchse." Fuchs verkannte jedoch die Gefahr nicht, dass die 
verba honoris sich mit der Zeit in verba obligationis oder gar subjectionis 
verwandeln könnten. Indessen erklärte er sich, der massvollen Politik des 
grossen Kurfürsten entsprechend, damit einverstanden, dass die Huldigungs- 
frage nicht sofort erörtert, sondern einer späteren besonderen Verhandlung 
vorbehalten werde. Aufs entschiedenste aber mahnte er den König von 
Erneuerung der Feindseligkeiten gegen Hamburg ab. Im Verein mit 
anderen deutschen und auswärtigen Diplomaten, die er übrigens insgesammt 
an Bedeutung überragt zu haben scheint, bewirkte er, dass bereits am 
8. September mit Hinwegführung der dänischen Truppen begonnen und 
zwei Tage später die Gesammtheit der dänischen Truppen eine Meile weit 
von der Stadt weggezogen wurde. 

War zufolge dessen die drohendste Gefahr abgewandt, so fehlte doch 
viel, dass die Angelegenheit hierdurch zum Abschluss gekommen wäre. 

Entwurf der allerdings nicht ausgefertigten Instmction für Schmettan finden sich die 
Worte : „indem es Uns wegen Unsers dabei habenden höchst importirenden Interesse fast 
gleich scheinet, ob die Stadt Hamburg oder Berlin attaqniret werden sollte.'' Berl. A. 

*) Knesebeck schreibt dem Kurfürsten, der König habe ihn in Gegenwart des Grafen 
von Reventlow und der Geheimräthe von Juel und Ehrenschild gar gnädigst angehört, 
fügt dann aber hinzu: „wiewol ich angemerket, dass sie etlichemahl ihr Gesichte und 
absonderlich da ich die Expression gethan, dass Ew. Gh. D. fast keinen Unterscheid wüsten, 
ob Hamburg oder Berlin attaqniret würden, in etwass geendert, und es ziemlich angeschienen, 
alss wenn sie über dem, dass E. Ch. D. diese Sache so gar sehr zu Hertzen nemen, 
etlichermassen constemiret weren". Berl. A. 

^ Antrag an die Kämmereibürger vom 1. September 1686. 



56 

Noch hatten die Dänen eine Anzahl Hamburgischer Schiffe mit den darauf 
befindlichen Waaren in Händen, und ehe sie sich bereit erklärten, diesen 
Unterpfändern zu entsagen und überhaupt den Handelsverkehr mit Hamburg 
zu Wasser wie zu Lande wieder völlig frei zu geben, wünschten sie einen 
neuen Interims- oder Präliminarrecess aufzurichten, durch dessen Inhalt 
und Wortlaut der Schein vermieden werden sollte, als ob sie vor Hamburg 
oder seinen Schutzmächten zurückgewichen seien. Aber auch den Hamburgern 
musste daran gelegen sein, dass der Streit mit Dänemark ausdrücklich 
fiir beendigt erklärt und ihnen dadurch eine gewisse Sicherheit gegen 
Wiederauftiahme der Feindseligkeit gegeben werde. Ungemein schwierig 
war es freilich, dem Interimsvergleich eine Gestalt zu geben, die den 
Wünschen beider Parteien entsprochen hätte. Die Hamburger hatten dem 
König wiederholt in respectvoUer Form ihr Bedauern über das eingetretene 
Zerwürfhiss und den Wunsch nach Wiederherstellung des guten Verhältnisses 
zu erkennen gegeben. Sie verwahrten sich aber aufs äusserste dagegen, 
dass in der Einleitung des Interimsrecesses — wie in dem königlichen 
Entwurf zu lesen war — das Wort „Deprecation" gebraucht werde. Ebenso 
erregte es ihren Widerspruch, dass ihnen in dem dritten Paragraphen des 
königlichen Entwurfs angesonnen wurde, 300 000 Thaler als Ersatz für die 
dänischen Kriegskosten zu entrichten. Falls der König durchaus darauf 
bestehe, dass dieser Anspruch in den Becess hineingebracht werde, 
wünschten sie wenigstens, dass auch ihre Schadensersatzforderung, 
die sich auf 5 — 600 000 Thalern belief, darin Erwähnung finde. 
Abgesehen hiervon stellten sie dem dänischen Entwurf einen andern völlig 
ihren Anschauungen entsprechenden gegenüber, in dem der städtischen 
Ersatzforderung mit grosser Ausführlichkeit, der königlichen aber mit 
keinem Wort gedacht und jede Verhandlung über die Huldigungsfrage 
von der Zustimmung des kaiserlichen Hofes abhängig gemacht war. Es 
begreift sich, dass dieses Project dem König ebenso unannehmbar erschien, 
wie das königliche den Hamburgern. Zwischen den beiderseitigen 
Anschauungen und Forderungen einen Ausgleich herbeizuführen, war die 
mühselige Aufgabe, die den mit der Vermittelung speciell beti'auten Ge- 
sandten oblag. Die Vertreter Brandenburgs, Braunschweig - Lüneburgs 
und Hessen-Cassels Hessen es insgesammt hierbei nicht an gutem Willen 
fehlen, und auch die erhöhte Schwierigkeit, die sich dadurch ergab, dass 
der König und seine Minister sich am 14. Septbr. nach dem Schloss Gottorp 
in Schleswig zurückgezogen, während der Hamburger Kath dorthin — 
über die Grenzen des Eeiches hinaus — seine Deputirten zu schicken 
Bedenken hatte, vermochte ihren Eifer nicht zu lähmen. An der Spitze 
dieser vermittelnden Gesandten stand Wolfgang von Schmettau, der nach 
der Abreise von Fuchs als der einzige Bevollmächtigte des grossen Kurfürsten 
in den Conferenzen mit den dänischen Ministern stets das Wort führte 



57 

und, wie es scheint, sowohl dem Ansehen des von ihm vertretenen Fürsten 
entsprechend, als zufolge seiner eigenen diplomatischen Tüchtigkeit auf 
die Verhandlungen den grössten Einfluss übte. Er ermahnte die Ham- 
burger mehrfach zur Nachgiebigkeit und Ehrerbietung gegen Christian V. 
und liess sich überhaupt ebenso sehr, wie Fuchs, angelegen sein, den 
dänischen Herrscher glimpflich zu behandeln. Andei*seits kann man ihm 
das Zeugniss nicht versagen, dass er äusserst bemüht war, sich in die 
Anschauungen der Hamburger hineinzuversetzen und ihnen, soweit möglich, 
Benachtheiligungen und Demfithigungen zu ersparen. Abgesehen von den 
bereits erwähnten Punkten bereitete bei den Berathungen über den Interims- 
recess namentlich die Fassung desjenigen Paragraphen Schwierigkeit, in dem 
die Entscheidung über die Huldigungsfrage künftiger Verhandlung vorbehalten 
werden sollte. Der König wollte ungern auf das Recht verzichten, falls die 
gütliche Verhandlung fehlschlüge, seine Ansprüche in der ihm gut scheinenden 
Weise zur Geltung zu bringen, wogegen die vermittelnden Gesandten 
Hamburg auch in der Zukunft vor dänischen Gewaltstreichen gesichert 
zu sehen wünschten. 

Dem Druck der Gesandten nachgebend, liess sich der König dazu 
herbei, seinem Entwurf (am 20. Septbr.) eine neue Fassung zu geben, die 
wenigstens hier und da sich den Wünschen der Stadt und der Gesandten 
näherte. Doch auch in seiner modiflcirten Gestalt wurde der königliche 
Entwurf in der Conferenz vom 1. October von den Gesandten nicht völlig 
gut^eheissen. Nochmals suchte der König sein Entgegenkommen zu 
zeigen, indem er einige weitere Zugeständnisse machte. Unter anderem 
erklärte er sich bereit, die Entscheidung über die von ihm geforderte 
Satisfactionssumme bis zur Verhandlung über die Huldigungsfrage aus- 
zusetzen. Die Kluft zwischen den dänischen und Hamburgischen 
Anschauungen war dadurch ireilich nicht überbrückt. Die Hamburger 
fanden an dem königlichen Entwurf auch in seiner dritten Fassung, die 
ihnen von Schmettau vorgelegt wurde, noch manches auszusetzen. Sie 
wünschten einiges getilgt, anderes modiflcirt, wieder anderes hinzugesetzt 
zu sehen. Der König aber, der am 8. October nach Kopenhagen abzureisen 
beabsichtigte, war der Verhandhmgen überdrüssig geworden. Er erklärte 
Schmettau, der ihm am Morgen dieses Tages den Abänderungsvorschlag 
der Hamburger vorlegte, er ersehe aus dem Verhalten der Stadt, dass sie 
überhaupt keine Lust zu einem neuen Vergleich hätte. Er schlug deshalb 
vor, den Streit durch wechselseitige Declarationen zu beendigen, womit 
der Gesandte, als dem unter obwaltenden Umständen allein zum Ziel 
fährenden Auskunftsmittel, einverstanden war. 

In der That versprach der König noch am 8. October in einem 
besonderen Document, die Ungnade gegen die Stadt fallen zu lassen, die 
angehaltenen Haraburgischen Schiffe, Waaren, Güter und Effecten zurück- 



1 



58 

zugeben, den freien Handelsverkehr mit ihr wieder herzustellen und die 
Entscheidung über die von ihr geforderte Satisfaction bis zu der bevor- 
stehenden Verhandlung über die Huldigungsfrage auszusetzen, in der 
Voraussetzung, dass auch Hamburg alles wieder in den vorigen Stand 
setze, die Hülfstruppen entlasse und sich hierzu, wie zur Befolgung des 
Pinneberger Recesses durch ein schriftliches ^'ersprechen verbindlich mache. 
Die erwartete Gegenerklärung der Stadt erfolgte am 16. October. Diese 
Lösung des Conflicts war ein Erfolg der Hamburgischen Zähigkeit. Es 
hatte sich herausgestellt, dass ein erneuter Interimsrecess für Dänemark 
nur dann Werth hatte, wenn er wenigstens den einen oder andern 
Hamburg zui' Demüthigung oder zum Nachtheil gereichenden Artikel 
enthielt. Deshalb entsprach es dem Hamburgischen Interesse, dass ein 
solcher ßecess überhaupt nicht zu Stande kam. 

Seine Gegenerklärung vermochte der Rath so zu formuliren, dass sie 
den Anforderungen des Königs leidlich genügte, ohne doch den Rechten 
der Stadt Abbruch zu thun. Um aber auch zu verhüten, dass aus der 
königlichen Erkläning vom 8. October oder aus den während der voraus- 
gegangenen Conferenzen von Christian V. und seinen Ministem erhobenen 
Ansprüchen etwas Nachtheiliges für die Stadt gefolgert werden könne, 
Hess sich der Rath von den Gesandten, die bei der Vermittelung betheiligt 
gewesen, ein besonderes Attest ausstellen, durch welches die Hamburgischen 
Vorbehalte beglaubigt und einer für Hamburg ungünstigen Deutung 
gewisser während der Conferenzen gethanen Aeusserungen vorgebeugt 
werden sollte. So wurde z. B. bezeugt, dass auch nach dänischer Auf- 
fassung das der Stadt gestellte Ansinnen, die Hülfstruppen zu entlassen, 
keineswegs das jus praesidii Hamburgs, d. h. das Recht, nach Belieben 
zum Schutze der Stadt Truppen anzuwerben, in Frage stelle. Ausserdem 
wurde im Jahre 1687 der Stadt in einer besonderen Assecurationsurkunde 
von dem Kurfürsten von Brandenburg, den Herzögen von Braunschweig- 
Lüneburg und dem Landgrafen von Hessen-Cassel der Inhalt der könig- 
lichen Erklärung vom 8. October noch einmal ausdrücklich garantirt und 
ihr Hülfe zugesagt für den Fall, dass künftig wider Vermuthen etwas im 
Widerspruch mit jener Erklärung vorgenommen werden sollte. 

Bemerkenswerther Weise ist eine ähnliche Garantie von kaiserlicher 
Seite nicht erfolgt, weil die wechselseitigen Erklärungen eine Bestätigung 
des Pinneberger Interimsrecesses enthielten, in dem die Rechte und die 
Autorität des Reiches nicht hinreichend gewahrt worden waren. ^) Vom 
Standpunkt des Reichsrechts hatte man allerdings auch im Jahre 1686 nur 



*) Ein Erlass an die kaiserlichen Gesandten vom 4. Decbr. IGSG schärfte diesen ein, 
sorgfältig darauf Acht zu geben, dass der Piuneberger Recess neque tacite, neque expresse 
confirmirt werde. Wiener St.-A. 



59 

einen unvollkommenen Erfolg zu verzeichnen. Trotzdem war man in Wien 
einsichtig genug, um dem, was die jiorddeutschen Fürsten und insbesondere 
der grosse Kurfürst für Hamburg geleistet hatten, die lebhafteste 
Anerkennung zu zollen. 

Gingen auch noch acht Jahrzehnte vorüber, bis der Hamburger 
Immedietätsstreit endgültig in einem für Hamburg und Deutschland 
günstigen Sinne entschieden wurde, so war doch im Jahre 1686 en'eicht, 
dass deutlicher, als je zuvor, aller Welt kundbar geworden, wie sehr dem 
deutschen Eeich, wie sehr den angesehensten deutschen und ausser- 
deutschen Staaten daran gelegen war, dass Hamburg in seiner bisherigen 
Unabhängigkeit erhalten bleibe. 

Im aUgemeinen pflegte sich die öffentliche Meinung während der 
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bei Anschlägen von Fürsten gegen 
deutsche Städte nicht allzu sehr zu erhitzen. Die Bedrohung Hamburgs 
aber wurde anders angesehen, als die von Erfurt und Braunschweig; denn 
obwohl der König von Dänemark seine Ansprüche auf Hamburg als 
Herzog von Holstein, also als deutscher Reichsfürst, erhob, herrschte doch 
darüber allgemeine Uebereinstimmung, dass die Unterwerfung Hamburgs durch 
Christian V. eine Entfremdung der Stadt vom Reiche bedeutete. Diese zu 
hintertreiben, hat Deutschland eine in jener Periode seltene Einmüthig- 
keit und Thatkraft bekundet, die umso bemerkenswerther ist, als sie 
y fünf Jahre nach dem Fall von Strassburg zu Tage trat. Vielleicht ist die 

Annahme gerechtfertigt, dass der Schmerz und die patriotische Scham 
wegen des Verlustes von Strassburg nicht wenig dazu beigetragen habe, 
den Wunsch hervorzurufen oder zu verstärken, dass nicht auch noch eine 
zweite deutsche Grenzwarte dem Reiche verloren gehe. Sicher legt ein 
Vergleich der Haltung Deutschlands im Jahre 1686 mit der von 1681 
Zeugniss dafür ab, dass die patriotischen Gesinnungen in Aufschwung 
hegriffen waren. ^) 

Auch in dem Verhalten des grossen Kurfürsten zu den nationalen 
Fragen hat sich während dieser fünf Jahre ein bedeutsamer Wandel voll- 
zogen, und wenn es auch feststeht, dass er bei seinem Eintreten für 
Hamburg zugleich ein besonderes Interesse Brandenburgs vertheidigte, und 
wenn er, wie erwähnt, auch schon aus Gründen seiner europäischen Politik 
veranlasst war, eine möglichst schleunige Beendigung der Hamburger 
Angelegenheit herbeizuführen, so wird dadurch doch weder ihmAnoch 
Hamburg die Ehre verkümmert, dass er als deutscher Patriot die demsche 
Stadt Hamburg vor dem Schicksal der Fremdherrschaft zu bewahren 
suchte. Sicher entsprach seiner innersten Ueberzeugung, was er am 
24. August 1686 dem sächsischen Kurfürsten geschrieben: es sei daran 

Mit Eecht sagt Taxen a. a. 0. S. 562: Det er et af de ganske faa Tilfselde, 
hyor man i det ITde Aarhundrede kan tale om „Tyskland". 



60 

gelegen, dass ein solches voniehmes Emporium und Schlüssel des Reiches 
nicht in auswärtiger Potentaten Gewalt und Botmässigkeit gerathe. 

Wie sehr nun aber auch in dieser Periode der grosse Kurfürst seine 
Theilnahme für Hamburg und anderseits der Hamburger Kath seine 
dankbare Gesinnung dem Kurfürsten gegenüber an den Tag gelegt hatte, 
so fehlte doch viel, dass dadurch aller Zwiespalt zwischen ihnen Ijeendigt 
worden. Abgesehen davon, dass der Kurfürst den Rath beschuldigte, gegen 
die nunmehr gestürzte bürgerliche Partei mit zu wenig Milde vorgegangen zu 
sein, blieben, wie bereits angedeutet, auch in dieser Zeit die Bemühungen 
Friedrich Wilhelms, seinen handelspolitischen Forderungen und seinen zu 
Gunsten der Reformirten, wie im Interesse des brandenburgischen Postwesens 
geäusserten Wünschen in Hamburg Eingang zu verschaffen, ohne Ergebniss. 
Es begreift sich daher, dass in den Kundgebungen des Kurfürsten aus der 
letzten Zeit seiner Regierung mitunter wieder ein recht ungnädiger Ton 
Hamburg gegenüber angeschlagen ward. 

Besonders kräftig äusserte sich die Erbitterung des Kurfürsten über 
Hamburg in einem Erlass an die kurfürstlichen Bevollmächtigten, die im 
Anfang des Jahres 1688 über die erwähnten Punkte vergeblich mit Deputirten 
des Senats verhandelt hatten.^) Die erneuerte Weigerung, den branden- 
burgischen Beschwerden wegen der Handhabung des Stapelrechts und der 
Zollforderungen in Hamburg abzuhelfen, veranlasste ihn zu der schroffen 
Aeusserung, er habe „nicht geringe, sondern fast gewisse Nachricht, ihr 
(der Hamburger) ganzes Zollwesen sei mehr auf eine eigenthätig eingeführte 
und angemasste Usurpation, als auf gewisse und in denen Rechten bestehende 
privilegia gegründet". Zu der von den Hamburgern betheuerten Dankbarkeit 
und Willfährigkeit stehe ihr thatsächliches Verhalten in Widerspruch ; und 
wenn man hamburgischerseits, gleichsam um sich ein wenig von der Pflicht der 
Dankbarkeit zu entlasten, daraufhingewiesen, dass das Eintreten für Hamburg 
Dänemark gegenüber im eigenen Interesse des Kurfürsten und seiner Lande 
geschehen sei, so blieb auch das nicht ohne scharfe Entgegnung. „Wir be- 
greifen zwar genugsam," — heisst es in dem Erlass — „dass Wir und Unsere 
Lande, wie des Raths Deputirte euch auch vorgestellt, bei der Conservation 
der Stadt Hamburg interessirt wären. Gleich wie wir aber in Unsrer der 
Stadt bisher geleisteten Assistenz um ein Grosses weiter gegangen, als es 
solch Unser eigen Interesse nicht eben erforderte, zumal wir dann gedachte 
Stadt bishero nicht anders, als unsere Residenz selber consideriret und 
vertheidiget, also könnte auch hinkünftig, wann die Stadt in solchem ihrem 
ungebührlichen Verfahren weiter continuiren sollte, in solchem Unserm 
Eifer wohl in etwas nachgelassen werden." 

Friedrich Wilhelm an Paul von Fuchs und Conradt Barthold StiUe (Potsdam 
d. 24. Jannar/3. Februar IGSS auf seiner Churfl. Durchl. gnädigsten Specialbefehl. Meinders) 
im Hamb. Staatsarchiv. 



61 

Man 4arf überhaupt nicht verkennen, dass wenn auch — wie im Vorigen 
dargestellt worden — zur Zeit, als die Stadt von den Dänen bedroht 
wurde, in den verschiedensten Theilen Deutschlands ein lebhafter Eifer 
zu ihrer Rettung beizutragen hervorgetreten war, daraus doch keineswegs 
geschlossen werden kann, dass sich das Hamburgische Geroeinwesen 
allgemeiner Sympathie zu erfreuen hatte. Es ist bezeichnend, dass 
schon im Jahre 1675 eine Schrift unter dem Titel „Hamburgs Wohlstand 
gut für Deutschland" *) erschienen war, deren Verfasser — er nennt sich 
Sincems Germanus — sich die Aufgabe gestellt hatte, offenbar herrschenden 
Vorurtheilen gegenüber die Bedeutung und die Verdienste Hamburgs in ein 
recht helles Licht zu rücken. Es galt nicht zum wenigsten diejenigen 
aufzuklären, die der Handelsstadt Hamburg schon deswegen nicht gerecht 
zu werden vennochten, weil ihnen der kaufmännische Beruf als ein minder- 
werthiger erschien. Zur Belehrung dieser wird historisch ausgeführt, dass 
der Handel den Ländern zur Ehre gereiche, und dass insbesondere Hamburg 
wegen seines ganz Europa umfassenden, den Eegierungen wie den Unter- 
thanen Deutschlands Nutzen bringendeii Handels eine Zierde des Vaterlandes 
sei. Aber auch abgesehen von der Würdigung der commerciellen Leistungen 
Hamburgs und auch von der Anerkennung der Verdienste, welche sich die 
Stadt und ihre Bank um das deutsche Münzwesen erworben, insofein man 
dort die Münzsorten „nicht höher aestimiret, als ihr Valor nach des Reiches 
Fuss an Schrot und Korn austrägt", wird der Stadt vom Verfasser gar 
manches begründete und auch wohl manches unbegründete Lob gespendet, 
um den an die Spitze der Schrift gestellten Satz zu illustriren, dass durch Ham- 
burg der deutschen Nation nicht nur Vortheil, sondern auch „Renommee und 
Ansehen" zugewachsen sei. Nur eines der von ihm hervorgehobenen 
Verdienste Hamburgs sei hier noch gedacht, weil es in der bisherigen 
Darstellung nur kurze Erwähnung gefunden. Ein besonderer Ruhmestitel 
der Stadt war es nach der Ansicht des Verfassers der Flugschrift, 
dass sie ihre Kauffahrteischiffe durch eigene Convoy sicherstellen konnte. ^ 
Wohl räumt er ein, man möge es im Vergleich mit dem, was andere Völker 
zur See leisteten, für geringfügig halten, wenn in Deutschland zwei, drei, 
höchstens vier bewaflfnete Schiffe ausgerüstet würden. Doch fügt er, die 
nationale Bedeutung des Hamburgischen Convoywesens treffend würdigend, 
hinzu: „Verständige wissen, dass die Hamburger Convoyschiffe, so wenig 
ihrer auch seien, der Welt zum Exempel dienen der Macht, die Deutschland, 



Der YoUständige Titel lautet: Hamburgs Wohlstand gntt yor Deutschland oder 
kurtze Betrachtung des Ansehens und Nutzens, so der gantzen hochlOblichen deutschen 
Nation aus dieser ihrer weltbekanten Ansee* und Handels-Stadt Hamburg entspringe, zum 
Druck befördert dureli Sincerum Germanum. Anno 1675. 

^ Eine ausführliche Behandlung hat neuerdings E. Baasch in seinem Buch „Hamburgs 
Convoyschiffahrt und Convoywesen" dem Gegenstand gewidmet. 



62 

wenn es e ratione Status, sowohl zu Wasser in Hamburg und andern See- 
liäfen als zu Lande kann ausrüsten, und dass es nicht gar entblösset sei 
au Leuten, die der Manier zur See zu streiten erfahren seien." 

Mit solcher Auszeichnung konnte der Verfasser allerdings der 
bescheidenen Hamburgischen Kriegsfahrten zur See nur in einer Zeit 
gedenken, da es noch nicht hinreichend bekannt war, dass der grosse 
Kurfürst sich anschickte, eine brandenburgische Seemacht zu schaflfen. 
Anderseits muss man sich vergegenwärtigen, dass jene Zeilen geschrieben 
wurden, ehe der nachmals gefeiertste Hamburgische Convoyfahrer zu 
grösserer Berühmtheit gelangt war. Erst in die Jahre, die dem Erscheinen 
der Schiift folgten, fallen die glänzendsten Leistungen Karpfangers, deren 
Abschluss jener Unglücks- und Ruhmestag in der Bucht von Cadix 
bildete, an dem sein Schiff von den Flammen ergriffen wurde und er 
selbst seinen Untergang fand, auf dem Posten ausharrend, pflichtgetreu 
bis zum letzten Athemzuge. Hätte der Verfasser der erwähnten Flug- 
schrift hiervon Kunde gehabt, so wäre er in noch höherem Masse befugt 
gewesen, seine dem Hamburger Convoywesen gewidmeten Zeilen mit den 
Worten zu schliessen: Ex unguibus leones. 



IL Ans dem 18. Jahrhimdert. 

I. Hamburgs Beziehungen zu Preussen, insbesondere im Zeitalter 

Friedrichs des Grossen. 

Kaum ein sprechenderes Zeugniss lässt sich anfuhren für die bahn- 
brechende Bedeutung der Regierung des grossen Kurfürsten, als dass auch 
die Politik seines ihm so ungleichen Nachfolgers in so manchen Beziehungen 
seinen Traditionen folgte. Dies gilt nicht zum wenigsten von dem Ver- 
halten Friedrichs III. gegen Hamburg. Im Anfang seiner Regierung, nach 
Wiederausbruch des Krieges mit Frankreich, kam es zwischen Brandenburg 
und Hamburg zu erneuten Conflicten, ähnlich denen aus der Zeit von 1674 
bis 1679, die im vorigen Abschnitt geschildert worden.^) Gleich seinem 
Vater hat Friedrich III. die Rechte und Interessen seiner ünterthanen gegen- 
über der Hamburger Stapel- und Zollpolitik zu schützen gesucht. Anderseits 
hat auch er, als Kurfürst wie als König, es als seine Pflicht betrachtet, 
für Hamburg einzutreten, so oft die Stadt aufs neue von Dänemark 
bedroht ward. Es kam Hamburg zu gute, dass auch nach dem Tode des 
grossen Kurfürsten der mit den dänischen Tendenzen wohl vertraute 
Paul von Fuchs hervorragenden Einfluss auf die brandenburgische Politik 



*) Vgl. K Fester, Die annirten Stände und die Eeichskriegsverfassnng IGSl — 1697 
S. 147 ff. 



ßS 

übte. Aber auch Rüdiger von Hgen, in dessen Händen später die 
Leitung der auswäi1;igen Angelegenheiten Preussens vorzugsweise lag, 
behielt Hamburg stets im Auge. Auch ihm erschien es geboten, der Stadt 
nicht etwa nur im Augenblick der Bedrängniss Beistand zu leisten, sondeni 
der Gefahr vorzubeugen. Gefahrdrohend erschien vor allem die Fort- 
dauer der bürgerlichen Wirren, weshalb der brandenburgische Gesandte 
in Hamburg einmal über das andere angewiesen wurde, zur gütlichen 
Beilegung der Paiteikämpfe beizutragen. Da dies nicht gelang und 
überdies der Verdacht sich mehrte, dass Dänemark bei den städtischen 
Unruhen wiederum die Hand im Spiele habe, so hielt die preussische 
Eegierung es im Herbst 1707 für geboten, in Stockholm und Wolfenbüttel 
die Frage anzuregen, welche Mittel von Seiten des niedersächsischen 
Kreises zu ergreifen seien, um die Ordnung in Hamburg wieder herzu- 
stellen. Zufolge dessen verständigten sich die Regierungen von Preussen, 
Schweden, Wolfenbüttel und Hannover über gemeinsame energische Mass- 
regeln zur Unterdrückung der Hamburgischen Unruhen. Das ursprünglich 
nur als Sache des niedersächsischen Kreises geplante Unternehmen wurde 
allerdings durch die nachträglich erfolgende kaiserliche Sanction und 
durch das Hinzutreten des kaiserlichen Bevollmächtigten Hugo Damian 
von Schönborn zu einer Reichssache gestempelt. Immerhin bleibt der 
preussischen Regierung das Verdienst, zu der kaiserlichen Commission von 
1708 — 1712, die in die Geschicke Hamburgs so tief und im wesentlichen 
segensreich eingegriffen hat, den ersten Anstoss gegeben zu haben.*) 

Im grossen und ganzen bewegte sich auch die Politik des zweiten 
preussischen Königs, Friedrich Wilhelms I., Hamburg gegenüber in den bis- 
herigen Bahnen. Auch während seiner Regierung kam es zu unerquicklichen 
Verhandlungen und zu ernsten Zerwürfnissen mit dieser Stadt. Anlass zu 
Conflicten gaben aufs neue angebliche und wirkliche ßenachtheiligungen 
preussischer Unterthanen durch Hamburgische Behörden, sowie auch Be- 
schwerden der Reformirten in Hamburg, die neben den Generalstaaten auch 
die preussisch-brandenburgischen Herrscher beständig als ihre Beschützer 
betrachteten. Anderseits fehlte es auch nicht an Klagen Hamburgs über 
Preussen, insbesondere über widerrechtliche Forderungen und Uebergriffe der 
preussischen Residenten. Gelegentlich fanden diese Klagen beim kaiserlichen 
Hofe Gehör und Berücksichtigung. Trotzdem hatte die Stadt allen Grund, fort- 
dauernd mit dem starken Willen und der rücksichtslos durchgreifenden Art des 
Königs zu rechnen. Aber nicht nur die schroffen Seiten seines Wesens zeigte 
er den Hamburgern. Wie menschenfreundlich und milde klang es, wenn er, 
als bald nach seinem Regierungsantritt in Hamburg die Pest ausgebrochen, 
dem Rath der Stadt schrieb, wenn er auch Schutzmassregeln wegen der 



*) Nach Acten der Archive in Berlin, Wien und Stockholm. 



64 

in Hamburg herrschenden Epidemie habe ergreifen müssen, so sei es 
doch in einer Weise geschehen, aus der ersichtlich, dass er der Stadt 
wehe zu thun und ihr Unglück zu mehren nicht gewillt sei! Gleichzeitig 
sicherte er Hamburg seinen Beistand zu, um zu verhüten, dass — wie 
man damals allerdings irrthümlich besorgte — durch den von Dänemark 
zum Zweck der sanitären AbspeiTung nördlich von der Stadt und zwar 
auf deren eigenem Territorium postirten Truppencordon die Unabhängigkeit 
Hamburgs in Gefahr gerathe. Auch als die Stadt während der folgenden 
Jahrzehnte zufolge der Streitigkeiten über den Schauenburger Hof und 
wegen der Hamburger Münzverordnungen ernstlicher von Dänemark 
bedrängt wurde, trat Friedrich Wilhelm I. mit grosser Entschiedenheit 
für sie ein. Seine etwas polternde Art hat allerdings in Kopenhagen, 
wie es scheint, mehr verstimmt als eingeschüchtert. Immerhin ist es 
bemerkenswerth, dass sich gerade in einer Flugschrift aus dieser Zeit 
die Aeusserung findet: der Hamburger Bath habe den preussischen 
Hof als seinen rechten Schirmhalter angesehen.^) Einen sehr wesentlichen 
Dienst erwies Friedrich Wilhelm I. den Hamburgern jedenfalls, als im 
Jahre 1734 zufolge der zwiespältigen polnischen Königswahl ein erneuter 
Reichskrieg gegen Frankreich ausgebrochen war. Die preussische Für- 
sprache erwirkte damals, dass der Stadt die Ausweisung des französischen 
Gesandten und die YeröfiTentlichung der kaiserlichen Mandate gegen den 
Reichsfeind erlassen wurde. 

Das Vertrauen Hamburgs zu Preussen wurde zweifelsohne noch 
gesteigert, als Friedrich der Grosse zur Regierung gelangte. Es ist bekannt, 
dass Friedrich H. während der ersten Monate seiner Regierung jeden 
Anlass benutzte, um seinen Einfluss in Reichsangelegenheiten geltend zu 
machen, und dass er dem Oberst von Camas, den er im Juni 1740 nach 
Paris schickte, die Weisung gab, von seiner lebhaften und stürmischen 
Sinnesart zu sprechen*). Mit Beschämung und verhaltenem Zorn hatte er 
erlebt, dass sein Vater sich während der letzten Jahre manche Demüthigung 
hatte gefallen lassen müssen. Nun aber galt es, durch Kundgebungen 
aller Art die Welt davon zu überzeugen, dass eine neue Aera in Preussen 
begonnen habe. Diese Stimmuog und Tendenz Friedrichs ist auch Hamburg 
zu gute gekommen. 

Im Jahre 1736 war zwischen Hamburg und Dänemark der Kopen- 
hagener Vergleich vereinbart worden. Aber dieser Vergleich bedeutete 



*) Vertraute Schreiben eines zn Amsterdam wohnenden patriotisch-gesinnten Ham- 
burgers an seinen Bruder, betreffend die wahre Veranlassung und rechte Beschaffenheit 
der königlichen dänischen wider gedachte Stadt seit verschiedenen Jahren geführten 
Beschwerden etc. 1734. 

^ Vgl. Polit. Correspondens Friedrichs des Grossen, Band 1, S. 4, und Eoser, KOnig 
Friedrich der Grosse. Band 1, S. 19. 



65 

keinen Frieden, sondern höchstens einen Waffenstillstand; denn wegen 
verschiedener Streitpunkte war nur ein vorläufiges Abkommen erzielt worden, 
andere waren völlig unerledigt geblieben. Zu den letzteren gehörte die 
Frage, ob der Baaksand, der heutige Baakenwerder, als Hamburgisches 
oder dänisches Territorium anzusehen sei. Da dieser Sand, der sich seit 
dem Ende des 17. Jahrhunderts in der Elbe gebildet hatte, dicht am grossen 
Grasbrook und am Oberhafen gelegen war, so erhoben die Hamburger 
Ansprüche darauf; da er aber auch nicht weit von der damals holsteinischen 
oder dänischen Insel „Veddel" entfernt war, so behaupteten die Dänen, 
der Baaksand sei dänisches Besitzthum. Eine Begleichung der beiderseitigen 
Ansprüche war 1736 weiteren Verhandlungen vorbehalten worden. 
Noch ehe es jedoch zu solchen gekommen, war dänisch erseits der Ent- 
scheidung vorgegriffen worden. Ein auf der Veddel ansässiger 
Pächter liess, offenbar auf Veranlassung der dänischen Regierung, am 
Baaksand eine Anzahl grosser Pfahle einrammen, um Holzflösse daran 
zn legen. Der Hamburger Rath gab seinem Verdruss hierüber in heftigen 
Beschwerden und Rechtsverwahrungen Ausdruck und verlangte, dass auf 
dem Baaksand alles wieder in den früheren Stand gesetzt werde. Er verharrte 
bei dieser Forderung, obwohl der dänische Gesandte seine Verwunderung 
darüber zu erkennen gab, dass die Hamburger kein Bedenken trügen, wegen 
einer Anzahl elender Pfähle sich den Unwillen des Königs zuzuziehen. Für 
die Stadt handelte es sich eben nicht um die Pfähle, sondern um das gute 
Recht, das man nicht preisgeben durfte, und vor allem um die Gefahr, dass 
die Dänen im Besitz des Baaksandes den Hamburger Oberhafen schliessen und 
ausserdem eine mit Hamburgs Sicherheit unverträgliche Position gewinnen 
könnten^). Kaum hatte nun Friedrich der Grosse von dieser Angelegenheit 
gehört, als er sich bereit erklärte, „Hamburg die hülfreiche Hand zu bieten"*). 
Um dieselbe Zeit empfahl der dänische Gesandte in Hamburg seiner 
Regierung, zu überlegen, ob es nicht im Hinblick auf den leidenschaftlichen 
Thatendrang der neuen Regierung in Preussen dem Interesse Dänemarks 
entspreche, zu verhindern, dass der Berliner Hof einen Anlass finde, sich 
in die Hamburger Angelegenheiten zu mischen.^) Thatsache ist, dass sich 
zufolge der preussischen Intervention Dänemark den Hamburgischen Vor- 
stellungen zugänglicher zeigte. 

Auch bezüglich des Cardinalpunkts der Hamburgischen Politik, bei seinem 
Streben nach endgültiger Anerkennung der Reichsunmittelbarkeit, wurde 
Hamburg von Friedrich dem Grossen unterstützt. Bereits im Jahre 1744 
deutete Friedrich in einem Schreiben an seinen Gesandten in Moskau den 



Nach den Berichten des dänischen Gesandten von Johnn vom October 1740 nnd 
den dabei liegenden Hambnrgischeu Schriftstücken über diese Angelegenheit. Kophg. A. 

^ Eriass an den prenssischen Residenten Destinon in Hamburg vom 18. October 1740. 
Berl. A. 

3) Johnnys Bericht vom 18. October 1740. 



66 

Weg an, wie durch Vermittelung Russlands in gütlicher Weise der alte 
Streit zwischen Hamburg und dem Hause Holstein beglichen werden könne. *) 
Es war annähernd derselbe Weg, der 23 Jahre später thatsächlich beschritten 
ward und zum erwünschten Ziel führte. Wie beim dänischen und russischen 
Hofe, so hat Friedrich der Grosse gelegentlich auch bei dem 1 742 gewählten 
Kaiser Karl VII. und ebenso auch in Frankreich Hamburgs Interessen 
zu verfechten gesucht. Kurz, in der Zeit von 1740—1745 konnte Preussen 
mit noch weit grösserem Recht, als in der Periode Friedrich Wilhelms I., 
für den Schirmhalter Hamburgs gelten. Alsdann trat eine Wendung 
ein. Der jetzt wieder und zwar stärker als früher hervorbrechende 
Gegensatz auf wirthschaftlichem Gebiet musste auch die politische Intimität 
beeinträchtigen. Dieser Umschwung hatte sich langsam vorbereitet. Im 
Beginne seiner Regierung, nicht lange nach dem Ausbruch des ersten 
schlesischen Krieges, hatte Friedrich allerdings den Hamburgern das 
ausdrückliche Versprechen ertheilt, auch ihren Handel erhalten und 
mehren zu wollen. *) Die Eroberung Schlesiens durch Friedrich den Grossen 
hatte in der That ja zunächst zur Folge, dass Hamburg in wirthschaft- 
licher Beziehung für Preussen noch wichtiger wurde als zuvor. Galt doch 
Hamburg seit langer Zeit als der geeignetste Hafenplatz für den Export 
der Leinewand, des schlesischen Haupterzeuguisses. Eine andere Folge 
der Eroberung Schlesiens aber war, dass die Oder, von dem für die 
Schiffahrt nicht in Betracht kommenden obersten Lauf abgesehen, ein 
völlig preussischer Fluss wurde, wodurch die Bedeutung Stettins für 
Preussen erheblich gesteigei-t ward. Erst jetzt konnte daran gedacht 
werden, diese im Jahre 1720 von Schweden abgetretene Stadt an Stelle 
Hamburgs zum Hauptplatz für Preussens Einfuhr und Ausfuhr zu erheben. 
Bereits im Jahre 1741 bemerkte der Hamburgische Syndicus Lipstorp 
nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Berlin, der preussische Hof sei 
gegen Hamburg sehr gut gesinnt, von dort sei für sie nichts zu besorgen, 
„es wäre denn, dass, um der preussischen Unterthanen und insonderheit 



^) Vgl. meine Abhandlung zur Geschiebte des Gottorper Vergleichs in dem Jahrbuch 
der Hamb. Wissenschaftl. Anstalten XIII. Jahrgang S. 16. 

^) In einem Erlass an den Residenten Destinon vom 3. Januar 1741 (Abschrift im 
Comm. A.) heisst es: Demnach ich aus eurer Relation vom t?9. verwichenen Decembers 
ersehen, dass die vornehmsten französischen Handelsleute zu Hamburg einige Sorge gegen 
euch vermerken lassen, als ob meine Expedition in Schlesien der Handlung dieser Stadt 
mit Frankreich nachtheilig sein möchte, so befehle ich euch hiemit, alle Hamburgische 
Handelsleute, sowohl auswärtige als einheimische, wider diese übelgegründete Beisorge zu 
versichern und ihnen positive zu declarireu, dass ich der Handlung besagter Stadt im 
geringsten keinen Tort thun, sondern vielmehr eine besondere Aufmerksamkeit tragen 
wolle, dieselbe zu conserviren und gar zu vermehren, dass ich mit Vergnügen alle 
Mittel ergreifen werde, welche mir dieselbe florissanter zu machen an die Hand gegeben 
werden können u. s. w. 



67 

der Stettiner Commercium zu befördern, einige präjudicirliche Verfügungen 
gemacht werden möchten, inmassen der König auf alle und jede Weise 
sich angelegen sein liesse, Stettin florissanter zu machen; jedoch stünden 
diesem Dessein noch gar viele Hindemisse im Wege."^) Manche der 
Hindemisse, welche Lipstorp vorschweben mochten, wurden indess während 
der nächsten Jahre gehoben. Die Swine wurde vertieft, und durch die 
Gründung von Swinemünde erhielt Stettin einen Hafen unmittelbar am 
Meere. Dazu kam, dass, wenn der grosse Kurfürst — wie erwähnt — 
durch die Anlage des Friedrich -Wilhelm -Canals der Oder einen neuen 
Abfluss über Hamburg nach der Nordsee vermittelt hatte, durch den 
Finow- und Plaueschen Canal für die mittlere Elbe eine neue Mündung 
in die Ostsee geschaffen ward, üeberdies war Friedrich bemüht, die 
Schiffahrt auf der Oder durch die Herabsetzung der hier erhobenen Z)Ue 
zu begünstigen. Ging also des Königs Bestreben offenbar dahin, den Fluss- 
verkehr auf der Oder gegenüber dem auf der Elbe zu heben, so behielt 
selbstverständlich dessen ungeachtet auch fernerhin die Eibschiffahrt für 
Preussen ihre Bedeutung. Zum Nachtheil Hamburgs strebte Friedrich aller- 
dings dahin, den Antheil seiner Unterthanen daran erheblich zu steigern. 
Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts war die Schiffahrt zwischen 
Hamburg und Berlin fast ausschliesslich in den Händen der Hamburger 
gewesen. Erst im Jahre 1700 wurde eine sogenannte Reihefahrt verein- 
bart, an der sowohl brandenburgische wie Hamburgische Schiffer Antheil 
haben sollten. Indess kam es wegen dieser Eeihefahrt zu mancherlei 
Streitigkeiten. Die Hamburger fühlten sich durch die betreffenden An- 
ordnungen beengt und benachtheiligt, weshalb auch weder beim Regierungs- 
antritt Friedrich Wilhelms I. noch bei dem Friedrichs II. eine Bestätigung 
des Reglements nachgesucht wurde. Anderseits aber klagten die kur- 
märkischen Schiffer, dass sie von den Hamburgern „in der Frachtung und 
Fahrt beständig nachgesetzet und zur Ungebühr aufgehalten würden" und 
das Streben obwalte, sie gänzlich von der Fahrt zu verdrängen. Um die 
vorhandenen Missstände zu beseitigen und insbesondere um sich seiner 
Unterthanen anzunehmen, liess sich nun Fiiedrich II. angelegen sein, eine 
neue Reihefahrtsordnung durchzuführen. Da aber die Hamburger mehrere 
Jahre zögerten, auf die Vorschläge der preussischen Regierung einzugehen, 
so verfügte diese in dem Reglement vom 21. Februar 1748, dass in 
Zukunft kein Hamburgischer Schiffer sich mehr an der Reihefahrt 
betheiligen, diese vielmehr der kurmärkischen Schiffergilde allein zustehen 
solle. ^ Zweifelsohne waren die Hamburger nicht ganz ohne Schuld an 



*) Bericht des Syndicus Lipstorp in der Rathssitziing vom 21. Juli 1741. (Nach 
dem Rathsprotokoll- Auszug im Hamb. A.) 

^ Vgl. E. Baasch, Zur Geschichte der Berlin-Hamburger Reihefahrt in der Ztschr. 
des Vereins f. Hamb. Geschichte, Bd. 9, S. 182—201 und Toeche-Mittler a. a. 0. S. 61—88. 



68 

dieser Wendung. Dass es jedoch mit der Fahrt zwischen Hamburg und 
Berlin erheblich besser geworden, seitdem sie sich ausschliesslich in den 
Händen der Brandenburger befand, lässt sich nicht behaupten. Yielmehr 
scheint es, dass sich zufolge der mangelnden Concurrenz Unzuträglichkeiten 
der verschiedensten Art herausstellten. Im Jahre 1769 klagte ein 
preussischer Minister geradezu, dass die Schiffahil zwischen Hamburg und 
Berlin beschwerlich, kostbar, langsam und unsicher sei. Er hob u. a. her- 
vor, dass allzu grosse und schwer zu fiberwachende Schiffe benutzt und 
zufolge dessen die Waaren häufig gestohlen oder verßLlscht wurden. *) Aus 
diesen und anderen Missständen erhellt, dass die Privileginmg der 
märkischen Schiffergilde die Hamburger geschädigt hat, ohne doch für die 
preussischen Lande den erwünschten Nutzen zu bringen. 

Bereits ein Jahr, ehe die Hamburger endgültig von der Beihefahrt 
verdrängt worden waren, hatte Friedrich der Grosse eine andere ihnen 
nachtheilige Massregel ergriffen, die Wiederherstellung des Magdeburger 
Stapelrechts. Die alte Gerechtsame Magdeburgs, zufolge welcher alle 
dahin konunenden Waaren dort auszuladen und zum Verkauf auszubieten 
waren und, wenn sie keinen Käufer fanden, nur durch Magdebui^er weiter 
befordert werden durften, war nach der Katastrophe von 1631 ausser 
Uebung, doch nie ganz in Vergessenheit gerathen. Jahrelang mussten die 
Schiffer, die bei Magdebmg vorbei elbabwärts fahren wollten, einen Revers 
unterzeichnen, in dem sie bezeugten, dass ihnen auf ihre Bitte gestattet 
worden, durch die Brücke nach Hambiu-g zu fahren, dass diese Erlaubniss 
aber dem Eath und der Gemeinde von Magdeburg an ihier Stapelgerechtigkeit 
nicht zum Nachtheil gereichen solle. Das änderte jedoch an der Thatsache 
nichts, dass über ein Jahrhundert ein lebhafter directer Verkehr zwischen 
Dresden und Hamburg bestand, der sowohl für die Handelsbeziehungen 
Hamburgs mit Sachsen, wie auch für die mit Oesterreich von grösster 
Bedeutung war. Hierin trat im Jahre 1747 Wandel ein. Im März d. J. hatte 
die Magdeburger Kaufmannschaft eine Denkschrift eingereicht, in der unter 
Beschwerdefiihmng darüber, dass der Eibhandel ganz in die Hände der 
kursächsischen Schiffer gerathen sei, um Wiederherstellung des alten Stapel- 
rechts gebeten wurde. Dieser Anregung folgend, verfügte Friedrich während 
seines Aufenthalts in Magdeburg bereits am 17. Juni in einem Erlass an 
das Generaldirectorium, dass die Voibeifahrt bei Magdeburg aufgehoben und 
die Stadt bei ihrer Stapelgerechtigkeit geschützt werden solle ^). Der Schlag 
sollte zunächst Sachsen treffen, verursachte aber auch den Hamburgern, unter 
diesen nicht zum wenigsten den Anwohnern des Kehrwieders, an welchem 
bis dahin die Dresdener Schiffe zu liegen pflegten^), erheblichen Nachtheil. 

*) Xach einem weiterhin näher zn besprechenden Aufsatz des Ministers von der Horst. 
^ Preufis. Staatsschriften ans der Regieruugszeit König Friedrichs IL, Band 2, S. 322. 
^ VgL Busch, Versuch einer Geschichte der Hamburgischen Handlung. S. 105. 



69 

Noch empfindlicher waren für Hamburg die Massregeln, die von 
Friedrich dem Grossen gegen den Hauptplatz des sächsischen Handels 
gerichtet wurden. Zur Bekämpfung des von Leipzig geübten Stapelrechts 
und Strassenzwanges wurde nämlich von den nach Leipzig bestimmten 
Gütern bei der Durchfuhr durch das Brandenburgische ein erhöhter Transit- 
zoll erhoben. Um nun der sich hieraus ergebenden Beeinträchtigung des 
Hamburgisch - sächsischen Handelsverkehrs entgegenzuarbeiten, kam man 
in Sachsen auf die Idee, diesen Verkehr über neu anzulegende oder in 
besseren Stand zu setzende Strassen zu leiten, die das preussische Gebiet 
nicht berührten. Man plante, dass der Waarenzug von Hamburg bis Lüneburg 
zu Schiff, von dort aber auf der Achse zunächst bis Braunschweig und dann 
entweder auf der sog. Detourstrasse um den westlichen Rand des Harzes 
herum über Seesen, Osterode, Duderstadt oder auf einer quer durch den 
Harz führenden Strasse über Braunlage, Stolberg und Kossla nach Leipzig 
stattfinden solle. Behufs Herstellung oder Verbesserung dieser Verbindungs- 
wege wurden Verhandlungen mit Hannover und Braunschweig eingeleitet, 
die bei Hannover sofort, bei Braunschweig wegen der dort auf Preussen 
zu nehmenden Rücksicht erst nach längerer Zeit zum Ziel führten. 
Nachdem die Detourstrasse leidlich in Stand gesetzt worden, empfahl 
der sächsische Resident in Hamburg den dortigen Kaufleuten, sich dieses 
Handelsweges zu bedienen. Versuche wurden alsbald gemacht. Indessen 
schreckten zunächst gar zuviele Hindernisse zuiiick. Wenn die Güter zu 
Schiff nach Lüneburg gebracht waren, fehlte es dort an hinreichendem 
Fuhrwerk zur Weiterbeförderung. Zur Leipziger Messe bestimmte Waaren 
versäumten daher den rechten Termin, oder sie verdarben gar zufolge des 
langen Lageins. Da nun freilich der hannoverschen Regierung nicht 
minder, als der sächsischen, daran gelegen war, die neuen Strassen in 
Aufnahme zu bringen, so wurde baldige Abhülfe in Aussicht gestellt. 
Anderseits bemühte sich der preussische Gesandte, den Hamburgern Miss- 
trauen gegen die Detourstrasse einzuflössen. Da hiess es, sie sei auf der 
durch das kurmainzische Eichsfeld führenden Strecke völlig unfahrbar. Der 
sächsische Resident gab das für eine preussische Erfindung aus. Aber bald 
mussten auch die Hamburger Kaufleute bestätigen, dass die Strasse im 
Kurmainzischen zufolge des häufigen Befahrens mit schwerem Fuhrwerk so 
eingesunken sei, dass zwei Ellen hoch Morast und Wasser darüber ständen. 
Noch schlimmer sah es mit der Harzstrasse aus, die auch günstigsten 
Falls nur wenige Sommermonate hindurch befahrbar war. Es erklärt 
sich hieraus zur Genüge, dass die Hamburger es in der Regel doch vor- 
zogen, die hohen preussischen Durchgangszölle zu zahlen und die nach 
Leipzig bestimmten Waaren zu Wasser oder zu Lande über Magdeburg 
zu senden. Um nun freilich hiervon zurückzuschrecken, wurde im Verlauf des 
preussisch-sächsischen Handelskrieges von der sächsischen Regierung ange- 



70 

ordnet, dass Waaren, für die man sich beim Transport durch das 
Preussische den dortigen Zollforderungen gefugt, in Leipzig ebenfalls mit 
einer erhöhten Abgabe zu belegen seien. Vorstellungen der Hamburgei- 
bewirkten jedoch im Verein mit dem eigenen Interesse Sachsens, dass 
der Hamburger Handel mit dieser sächsischen Ketorsionsmassregel ver- 
schont ward. Man begreift daher, dass die neuen Handelsstrassen 
anfänglich von der Hamburger Kaufmannschaft nur wenig benutzt wurden. 
Indessen scheint man sich doch allmählich an sie gewöhnt zu haben. 
Wenigstens wurde im August 1769 von preussischer Seite Klage darüber 
erhoben, dass so viele Waaren von Hamburg über Lüneburg statt über 
Magdeburg befördert würden. 

Wie der Handel, wurde auch die Industrie Hamburgs durch die Wirth- 
schaftspolitik Friedrichs des Grossen erheblich benachtheiligt. Von den beiden 
Hauptfabrikationszweigen Hamburgs hatten die Kattundruckereien schon 
durch die Einfuhrverbote Friedrich Wilhelms I. gelitten. Dui'ch Friedrich 
den Grossen wurde auch den Hamburger Zuckersiedereien ein empfindlicher 
Stoss versetzt. Um diesen Concurreuz zu bereiten, suchte er anfänglich 
Hamburgische Zuckersieder ins Preussische zu ziehen. Da dies nicht 
gelang, privilegirte er die 1749 in Berlin gegründete Splittgerbersche 
Zuckersied erei, zu deren Schutz die Einfuhr raffinirten Zuckers anfanglich 
durch einen Prohibitivzoll erschwert und später völlig untersagt wurde. 

Wenn in allen den erwähnten Fällen Hamburg sich durch die Mass- 
regeln, die Friedrich zu Gunsten des eigenen Landes getroffen, beeinträchtigt 
fühlen musste, so wurde anderseits in Preussen stets aufs neue darüber 
geklagt, dass Hamburg die preussischen Interessen schädige oder sich 
ihnen doch nicht in dem erwünschten Masse dienstbar erweise. Der im 
Jahre 1750 von Friedrich privilegirten Asiatischen Handelsgesellschaft in 
Emden fehlte es nicht ganz an Hamburgischer Betheiligung*); doch war 
diese recht gering im Vergleich zu den ausserordentlichen Anstrengungen, 
die gemacht worden waren, das Interesse der Hamburgischen Kaufinann- 
schaft für das Unternehmen zu gewinnen. 

Zur Verstärkung der zwischen Preussen und Hamburg obwaltenden 
Missstimmung trug der Umstand sehr erheblich bei, dass sich Preussen zur 
Zeit Friedrichs ganz ebenso, wie früher Dänemark, durch die Hamburgische 
Münzverfassung, die es z. B. unmöglich machte, dem Friedrichsd'or einen 



^) Nach den Protokollen des Hamb. Senats und der Hamb. Commerzdepntation, 
sowie nach den Berichten des sächsischen Besidenten von der Lith in Hamburg (Dresd. A.)* 
Vgl. auch Schmoller, Jahrbuch für Gesetzgebung, Band 10 S. 712 flf. und Hermann HeUer, 
die Handelswege Innerdeutschlands im 16. — 18. Jahrhundert und ihre Beziehungen zu 
Leipzig im Neuen Archiv f. sächsische Gesch. Band 5 S. 68 ff. 

Vgl. V. Ring, Asiatische Handelscompagnien Friedrichs des Grossen, S. 79 f. 



71 

festen Cours zuzuerkennen, beeinträchtigt fühlte. Der preussische Münz- 
Director Graumann galt daher für einen der erbittertsten Widersacher 
der Stadt. 

Alle diese Differenzen verhinderten selbstverständlich nicht, dass 
auch in Hamburg die ungewöhnlichen Herrschergaben Friedrichs des Grossen 
Bewunderung fanden.') In gesteigertem Masse war dies in der Zeit des 
siebenjährigen Krieges der Fall. Wenn es nun im Folgenden meine Aufgabe 
ist, die Stellung Hamburgs während dieses Krieges zu veranschaulichen, 
so ist es selbstverständlich erforderlich, zwischen der officiellen Haltung des 
Eaths und den Gesinnungen der Bevölkerung zu unterscheiden. Unzweifelhaft 
hätte der Eath am liebsten unbedingte Neutralität bewahrt. *) Da es sich 
jedoch um einen Reichskrieg handelte, konnte er sich dem Verlangen 
des Wiener Hofes nicht entziehen, jährlich zur Ablösung des Reichscontingents 
75 000 fl. zu zahlen. Dafür erreichte er jedoch, dass ihm das Anschlagen 
der kaiserlichen Mandate gegen den Reichsfriedensstörer und die Aus- 
weisung des preussischen Gesandten erlassen und überdies die Fortsetzung 
des Handelsverkehrs mit Preussen, selbstverständlich mit Ausschluss der 
Lieferung von Kriegsmaterial, zugestanden wurde. Annähernd war daher 
die Stellung der Stadt während dieses Reicliskriegs gegen Preussen 
so beschaffen, wie sie es während der Reichskriege gegen Frankreich 
— obschon in den meisten Fällen vergeblich — erstrebt hatte. 

Allerdings fehlte es auch dieses Mal nicht an Conflicten mit beiden 
Parteien. Dass die Reichsregierung die Unterdrückung der preussischen 
Werbungen in Hamburg verlangte, war begreiflich genug. Der Rath begnügte 
sich aber nicht damit, der kaiserlichen Forderung nachzukommen, sondern er 
untersagte alle Werbungen der kriegführenden Staaten, was gewiss nicht im 



In den von Wilhelm Adolph Panlli herausgegehenen „Poetischen Gedanken von 

politischen und gelehrten Neuigkeiten" Jahrg. 1749 S. 362 finden sich folgende Verse zum 

Lohe Friedrichs: 

Man sucht umsonst in der Geschichten 

Den König, welcher Friedrich gleicht, 

und durch ErfüUung kluger Pflichten 

Der Nachwelt Stoff zum Lohe reicht 

Man sieht erstaunt, wie er im Kriege 
Der Feinde Schaaren niederlegt 
Und nach beglückt erfochtnem Siege 
Für seine Länder Sorge trägt. 

Er, der in dem erhabenen Busen 

Verstand und Tapferkeit vermählt, 

Ist selbst ein Gönner kluger Musen etc. 

^ Das Folgende meist nach den Hamb. EathsprotokoUen und den Berichten des 
kaiserlichen Gesandten, sowie der Residenten von Preussen und Sachsen. Für Finzelheiten 
wurden auch die Berichte der Vertreter Frankreichs und Dänemarks benutzt. 



72 

Sinne des Wiener Hofes war. Wiederholt wurde von kaiserlicher Seite 
das Ansinnen an Hamburg gestellt, den Eoinbandel mit Preussen ein- 
zustellen, aber der Kath weigerte sich dieser Zumuthung Folge zu geben, 
indem er einerseits auf die der Stadt im Anfang des Krieges zugesicherte 
Handelsfreiheit hinwies und anderseits geltend machte, dass man sich im 
Fall der Nachgiebigkeit gegen die Wünsche des Wiener Hofes dem 
Unwillen und den Repressalien Preussens aussetzen würde. 

Aehnliche Argumente wurden ins Gefecht geführt, als der Wiener 
Hof im Jahre 1759 verlangte, dass von Hamburg die kaiserlichen Patente, 
in denen die von den Preussen auf den Streifzttgen im fränkischen Kreise 
erpressten Wechsel für ungültig erklärt worden, in Hamburg durch öflFent- 
lichen Anschlag bekannt gemacht und ebenso wie die Weisungen des Reichs- 
hofraths, welche die Veniichtung der minderwerthigen preussischen Münzen 
anbefahlen, aufs strengste befolgt würden. Hinsichtlich jener Wechsel, von 
denen manche direct auf Hamburgische Handlungshäuser ausgestellt waren, 
musste sich die kaiserliche Regierung nach längeren Verhandlungen damit 
begnügen, dass die Ungültigkeitserklärung durch einen den Inhalt der Patente 
verkürzt wiedergebenden Zeitungsartikel zur öffentlichen Kenntniss gelangte. 
Bezüglich der preussischen Münzen aber durfte der Rath die völlige Ablehnung 
des Ansinnens damit begründen, dass die preussischen Münzen, wie alle 
fremden, in Hamburg keinen festen Cours besässen, sondern als Waaren 
nach dem Bancomassstab bemessen würden. 

Kaum minder häufig, als durch solche Versuche, die freie Bewegung 
und Neutralität des Hamburgischen Handels zu hemmen, kam die Stadt 
durch die Anfechtungen und Zumuthungen, denen die Hambnrgische Presse 
ausgesetzt wurde, in die Gefahr, zwischen zwei Feuer zu gerathen. 

Ging auch das Streben des Raths und der vom ältesten Syndicus 
gehandhabten Zeitungscensur dahin, keinerlei Artikel und Mittheilungen in 
den Hamburger Blättern zu dulden, die bei einer der kriegführenden 
Mächte Anstoss erregen konnten, so war dies doch nicht völlig durch- 
führbar. Auch für die vorsichtigste Zeitungsredaction war es ungemein 
schwierig, von Friedrichs des Grossen Siegen bei Prag, Rossbach und 
Leuthen zu berichten, ohne in Wien Aergerniss hervorzunifen, oder über die 
Schlacht von Collin, ohne in Berlin Empfindlichkeit zu erwecken. Da nun 
bis Mitte 1758 die Erfolge Friedrichs des Grossen übei-wogen, so 
erklärt es sich leicht, dass der kaiserliche Gesandte die Redaction 
des Hamburgischen CoiTespondenten und den Hamburgischen Censor 
der Parteilichkeit für Preussen und Hannover bezichtigte. Nun war 
es ja allerdings auffällig, dass der Redacteur des Hamburgischen Cor- 
respondenten ^) zugleich Agent der hannoverschen Regierung war. Auch 

') Der Secretär Barthold Joachim Zinck. 



73 

galt der mit der Censur betraute Syndicus Klefeker in der That für einen 
Mann, der seinen Gesinnungen nach zu Preussen und Hannover hinneigte. 
Trotzdem fehlte viel, dass der Correspondent eine ausgesprochene preussische 
oder hannoversche Tendenz an den Tag gelegt, oder dass Klefeker sich 
irgend welcher Parteilichkeit schuldig gemacht hätte. Das beste Zeugniss 
für seine Unparteilichkeit lag vielmehr darin, dass nicht nur der kaiser- 
liche, sondeiTi auch der preussische Gesandte gegen ihn den Vorwurf 
richtete, sich der Gegenpartei allzu günstig oder doch nachgiebig erwiesen 
zu haben. Thatsächlich wurde es von dem preussischen Residenten, 
Johann Julius von Hecht, wie voii der preussischen Regierung übel ver- 
merkt, dass von Berlin eingesandte Artikel häufig nur verstümmelt in den 
Correspondenten aufgenommen wurden. Der Unwille hierüber kam mit 
besonderer Heftigkeit zum Ausbruch, als man preussischerseits die Wahr- 
nehmung zu machen meinte, dass Hamburg der kaiserlichen Regiening 
gegenüber sich gefügiger zeige. Der Vertreter des Wiener Hofes, Graf 
Raab, setzte es nämlich durch Drohungen durch, dass ein Artikel der 
Wiener Zeitung, in dem Preussen Prahlerei und Charlatanerie zum Vor- 
wurf gemacht wurde, im Correspondenten vom 21. October 1758 Aufnahme 
fand. Hecht beeilte sich, das Blatt mit der nächsten Post nach Berlin zu 
senden, worauf von dort verfügt wurde, dass dem Correspondenten sofort 
der Postdebit in Preussen entzogen werden solle. Ausserdem ging an Hecht die 
Weisung, der Stadt mit feindlichen Massregeln zu drohen und den schuldigen 
Redacteur zu ermahnen sich künftig mehr in Schranken zu halten, da man 
andernfalls schon Mittel finden werde, solch missfälliges Verhalten an seiner 
Person zu ahnden. Dieser Auftrag wurde von Hecht pünktlich ausgeführt. 
Grössere Schwierigkeiten bereitete das Verbot des Postdebits. Das Hof- 
postamt bezeichnete es als erwünscht, hiermit bis zum Schluss des Quartals 
anzustehen, um Verwirrung in der Abrechnung der Postämter unter einander 
zu vermeiden. Zufolge dessen wurde die Massregel in der That verschoben. 
Zugleich gab das Berliner Cabinet der Hoffnung Ausdruck, dass die Redaction 
des Correspondenten die ihr gewährte Frist benutzen werde, um „in sich zu 
gehen" und dadurch das in Aussicht genommene Verbot zu verhüten. Selbst- 
verständlich waren nun Zeitungsherausgeber und Censor doppelt bemüht, 
die preussische Regierung zufrieden zu stellen. Ueberdies wurde es jetzt 
noch mehr als früher üblich, dass die Entscheidung über die Aufnahme 
oder Zurückweisung von Zeitungsartikeln in allen irgendwie zweifelhaften 
Fällen von der Gesammtheit des Raths getroffen wurde. Als daher im 
November d. J. Graf Soltikow, der nissische Gesandte in Hamburg, ver- 
langte, dass eine am 22. September in Petersburg gedruckte, in einigen 
Ausdrücken für Preussen verletzende Relation von der Schlacht bei Zorndorf 
im Correspondenten abgedruckt werde, ward das Ansinnen zurückgewiesen. 
Die Folge hiervon war, dass jetzt der Wiener Hof für die russische Forderung 



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-»- > *r-:-l Zrlt TAr!>**^n. Tir. iif i:* Elinrl tr^x «irs Artikels keiDen 

k^,i:^r:A^rA ir.A^ *^ trU'e *^r^:l-Li-TL wir j-n^r Z^n ȟe AufcabiBe 

Är,fv^>,>«r,>/:;.? »T^rifr. Ir:.::.r?l:!i lia- 'lir:!! e:nr AnerkennoLx der Bedeatnng 
f]^. (\?.::.:i,\yj/zii H^.t/^ ir^i-vr-^n Zei^mnr^Ti'evriis- I»:e Strehi^keiteii wegen 
f\^r If^ifr.!. r;r s^Vhen Prr-sfr Trr^L.-oLa::I::Len iiil> zTLxIeioh anfs deotliclistey 
%\h *oL-A*:r ^ fk::^!« frlr HaiJar? war. während des Kampfes der 
<rr'''/--':r^:n .Stviaten nnaL2^ef"Cb:en zu lI^ileiL Aü»:]i vüLrend der spateren 
J/«f.r^ d^rs .^ieb^r.jir.rigfrn Krieges gab ier HambtLi^er Corresp«>ndent zn 
jf.Huth^rWi R^clamationen Anlass. 

5t/# w^rjV e5j ah er anoh dem Eathe nir.glioh war. allen Wünschen nnd 
IW-ch^hrdf-n der krieglTihrenden Mächte gerecht zn werden, so ei^t 
ftiV:h do^h an.« »einer Haltung fortdauernd das gewissenhafte Streben, die 
ÄtreTJir-t^ Unparteilichkeit zu bewahren. Mochten auch Ton den einzelnen 



75 

Rathsmitgliedem persönlich einige auf die preussische, andere aaf die 
österreichische Seite neigen, so hinderte dies nicht, dass man sich bei 
allen officiellen Schritten durch die im Interesse des Gemeinwesens fiii' 
richtig erkannte Neutralitätspolitik leiten Hess. Nicht die gleiche kalte 
Unparteilichkeit konnte man bei der Hamburger Bevölkerung beobachten. 
Die Gesandten der beiden kämpfenden Parteien stimmen mit dem des 
neutralen Dänemarks darin überein, dass die Hamburger ihre Sympathei 
den Preussen und Hannoveranern zugewandt hatten. Als Ursachen dieser 
Sympathie wurden die Religionsgemeinschaft, die Nachbarschaft und das 
commercielle Interesse bezeichnet. Sicher nicht mit Unrecht. Daneben 
wurde auch wohl gelegentlich von preussenfeindlicher Seite angeführt, die 
Hamburgische Bevölkerung sei durch die Piahlereien und Grosssprechereien 
des preussischen Gesandten gleichsam betäubt worden. Unzweifelhaft hat 
Hecht das Seinige dazu beigetragen, um die preussischen Sympathien 
während des siebenjährigen Krieges zu entfachen und immer wieder aufs 
neue zu beleben. 

Da der Rath auf Veranlassung des kaiserlichen Gesandten den 
Vertrieb der Schrift: „Unbilliges Verfahren des Erzhauses Oesterreich 
gegen die Evangelischen" ^) verboten hatte, liess Hecht diese Publication, 
die bekanntlich bestimmt war, den Kampf gegen Oesterreich als einen 
Religionskrieg erscheinen zu lassen, unentgeltlich unter die Bevölkerung 
vertheilen. Nach den Siegen von Rossbach und Leuthen veranstaltete er 
Dankfestlichkeiten in der unter seinem Schutz stehenden Capelle der 
französischen Reformirten, und stets war er bemüht, jeden grösseren oder 
kleineren Erfolg Friedrichs des Grossen zur allgemeinen Kunde zu bringen. Es 
ist möglich, dass er dabei mitunter etwas zu stark in die Posaune stiess. Das 
würde aber vielleicht das Gegentheil der bezweckten Wirkung hervorgerufen 
haben, wenn nicht ohnehin die Heldengrösse Friedrichs die Herzen der 
Hamburger zur Theilnahme und Bewunderung entzückt hätte. *) Wieweit man 
sich in Hamburg damals bewusst geworden, dass Friedrich, indem er seine 
eigene Sache verfocht, auch das deutsche Interesse vertrat und förderte, 
mnss dahingestellt bleiben. Dass aber das Reichsoberhaupt das wahre 
Interesse Deutschlands nicht vertrat, veranschaulichte den Hamburgern die 
Intimität des kaiserlichen Gesandten mit den Vertretern der AUiirten 



*) Wiederabgedruckt in den Prenssischen Staats Schriften ans der Begiernngszeit 
Friedrichs II., Band 3, S. 25G. 

^ Auch in Hamburg scheint namentlich die Schlacht bei Bossbach Friedrich den 
Grossen populär gemacht zn haben. Bei dem von Hecht nach dieser Schlacht veranstalteten 
Dankgottesdienst war die Betheilignng der Hamburger Bevölkerung eine recht lebhafte, 
und im Anfang des folgenden Jahres beschwerte sich der Vertreter Frankreichs beim Bath 
darüber, dass ein Lied von dem Siege der Preussen bei Bossbach auf den Gassen abgesungen 
und verkauft werde. (BathsprotokoU vom 3. Februar 175S.) 



7^3 

r>j>terrei«^n:^, Frankra^'os nvA RiL^-Ian^Is. eine Innmitan. ifie äch wiederiiolt 
in einer W«-t5e äii5s«rre. die für Ham^nrT ebenso na^ntieilig wie 
d#^ma*aiflren«l w.ir und w;ii;rli tli aii«^a D^rn'.-^-hldn'I n'J!at znr Enre sr^a^chte. 
El- g'rGilst Li'^r anznd'^ii'f-n. iL-> d-r kAL^erii-iie Gesandte jeiie bere^htfete 
od^r niirere«!hti:r'e Err^^^hTerde «ies rnsj^L^oiien otier franzi^-^irjchen Gesandten 
201 ?ein^r ei;rrnrn An:r^I*-cr*^i:l«-in m^-'fc'e. 

ALs dt=-r R;ir.a einrn trinzen T.iz 2:'=^zrir'^rt hatre. iwei rosFiscbe 
HiL-aren, d':^ d-r pr»^ii>>ijM'I>Q G'^f.mz'^ii.'^b.ir; entrcrm*-n waren, in die 
Stadr f-ir.znla.-^^-n. T^^rLin^-^e Graf E«i.ib. d,k-> dr-r Rath dra «trafen S»dtik«>w 
•ie^L.u'r» nm Ecr>ohaId:OTLZ rrr.e ntd aa-'h kirifrie wfSr den nsas^hen, 
wie fTir alle ü'-n^ren G^sandfr-n d-^r alliirtra i[a»!L:e. weL.'Iie sich so grosse 
und rühmliche 3[iie nni i!a.s Brsre d^-s deat^^ihen Rrbrhes ?aben. den 

Mehr als Graf S I:it«'»w mai-hte urTiz-ns der franz-T-^isülie Gesandte 
fHi^-r vi-Ini»-Lr — da •lir>er ^V <-t vi-!r'i'h T-n Haaibarz abwesen»! war — 
dessen S.-'r.n nr.d Vei^rr*»-n der j'ir.Z'-re ♦h.imieaiix. »Lra Hambnr^m zn 
s<haiF«-n. I^er d.lLi-oLe Ge^-aad^e s^rhildt-rt ihn al> einen jnnOTn Mann 
Ton nTini'.L''»=^m Ter.;! «-nimenr nnd >elr S4*LI»:^:Lri-Qi Cnarakter. der da 
L'^Iache, s«^ine Pers.n ni'^Lr andt-r^ mr G^Itljiz brir.:ren zn ki'^nnea. 
als iiid»=^m er dar h nnznreioh-Ld Trr- .'Irz^e >f:::l-Ll!in2'en in Paris Argwohn 
?eeen Harnt nr? erwecke ^ . Als B«rweis »iaiur. liass «iieses Urth«! nicht 
allzn hart ist. m-ze anzefllrt werien. dass »Jliampeanx eines Ta^es an 
den Herzoz Ton CQ-LieoI. den franz»3<isoLen Minister der answartigen 
AnzelezenLeiten. s*:Iirieb. Preossen zehe damit inn. einen preossisehen Geno^ 
znm Commandanren T^n Hamlurg" zu macLen. nm aLslann in dieser Stadt 
um so willkürlioLer s*:LaIten zu kOanen. Zur Beförderung dieses Vorhabens 
bem^Le si«:ji der prea>sis«.he Gesinite. es durch Vermittlung der Schwägerin 
des bisherir^^n Commaa-iaaten ins Werk zu setzen, dass dieser freiwillig 
zurü- ktrete. w.»f^ iLm Frie^lri.'a der Gp»sse it'^^*} Dukaten sofort nnd 
»:*••> Dukaten jf^Lrliob zu zahlen erl":iz sei^k Xa:arli«:h theilte Chanipeanx 
s^^iae Entiieckuaz anoh dem kaiserlioLen Gesandten mit. Es erfolgten 
XacLfra^en beim Hamburger Senat, lier TvU der Sache nichts wnsste 
und nichts wissen konnte. Dem kaL^erlichen Gesandten Tomochte man 
kiarzuli^-z-n, «la^s die ir.m Ton Chairpeaui zug^etragene Legoide anf 
Trill2^ irrii't^a Vorau-setzar.iren bemhe. i.\ es drrm C»»mmandanten dnrchaos 
LI. :.t zn-:rhe. s^iaer Stelle zu Gunsten eiaes aadem zu entsagen. Chanipeanx 
a^er ni'..a:te sich nichts*Iestoweaizer bei seiner Regierung, dass er eine 
s*> g-:^LrIi-he Intri^ue Tereirelt habe. Er suchte ilieses Verdienst in ein 
r'>:b hei! -res Licht zu stellen, indem er darauf hinwies, dass Herr von 



t^ 



• iv-rn; 



i;h: drs H«*iT» roa J hon t. ^•^. N T^r.**«?r IT' •. Answ. Artkir m E^^eakigeii. 



des Grif-ea Rub t;x i*/. De-cbr. ITC? im Wies«- Stk&r^arvhiT. 



77 

Hecht durch seine Gattin mit mehreren Mitgliedern des Senats verwandt 
sei ^). Zu den aus der Luft gegriffenen Beschwerden wider Hamburg kamen 
allerdings auch manche, die, von französischem Standpunkt beurtheilt, 
durchaus gerechtfertigt erscheinen mussten. Es begreift sich daher, dass 
man in Hamburg stets mit einer gewissen Sorge erfüllt war, wenn die 
Franzosen während des Verlaufs der kriegerischen Ereignisse im nieder- 
sächsischen Gebiet Posto fassten oder sich hierzu wenigstens anschickten. 
Ei-steres war 1757 der Fall gewesen, letzteres geschah im Jahre 1759. 

Im Anfang des Jahres 1759 hatten sich die Franzosen der freien 
Keichsstadt Frankfurt bemächtigt, im Juli des Jahres waren die französischen 
Heere, das des Herzogs von Broglie, wie die Hauptarmee unter dem Marschall 
von Contades bis nach Westfalen vorgedrungen; einzelne französische 
Abtheilungen streiften sogar bis nach Hannover. Wie leicht konnten da 
die Hamburger mit einem Besuch bedacht werden ! Ging doch das Gerücht, 
der kaiserliche Gesandte habe vor einiger Zeit geäussert, wenn Hamburg 
sich nicht gefügig zeige, so werde der Kaiser den Franzosen die Reichs- 
execution wider die Stadt übertragen*). Ist es nun auch nicht nachweisbar, 
dass Graf Raab eine so ungeheuerliche Drohung wirklich ausgesprochen 
habe, so veranschaulicht sie doch die Lage Niederdeutschlands im Sommer 
des Jahres 1759, eine Lage, die freilich am 1. August durch die Schlacht 
von Minden, den glorreichen Sieg Ferdinands von Braunschweig über die 
i^anzosen, mit einem Schlage verändert wurde. 

Die Kunde von diesem erfreulichen Wandel wurde den Hamburgern 
in eigenartiger Weise übermittelt. Am 2. August zwischen 12 und 1 Uhr 
Mittags hielt ein hessischer Major mit fünf blasenden Postillonen in der 
Stadt seinen Einzug, um die Nachricht von der Schlacht dem in Hamburg 
weilenden landesvertriebenen Landgrafen von Hessen zu verkünden. Doch 
begab sich der Trupp keineswegs direct nach der Wohnung des Land- 
grafen, sondern zog durch die belebtesten Theile der Stadt, beim Rathhaus 
und der Börse und nicht minder bei den Wohnungen des Grafen Raab 
und des Herrn von Champeaux vorbei, vor welchen die Postillone 
besonders kräftig geblasen haben sollen. Selbstverständlich erfolgte ein 
gewaltiger Auflauf von Menschen, die ihre Empfindungen über den Sieg 



*) Die Frau des preussischen Gesandten war eine Tochter des Bürgermeisters 
Wiese (f 1728), sie war in erster Ehe mit Bürgermeister Eulant (f 1742), in zweiter Ehe mit 
Bürgermeister Widow (f 1754) vermählt gewesen. Ein Bmder des Bürgermeisters M. H. 
Schele (1751—1774) war Hechts Schwager. 

^) Bericht von Hecht vom 17. Juli 1759. Sicher ist, dass jener Zeit aUerlei militärische 
Vorkehrungen getroffen wurden. Man heschloss, 150 Tonnen Büchsenpulver anzuschaffen 
und die im Zeughaus heiindlichen schadhaften Gewehre zu repariren. Auch wurden die 
Vögte von Moor bürg und Ochsen werder und der Amts Verwalter von Bergedorf angewiesen, 
von der Annäherung fremder Truppen sofort Bericht zu erstatten. 



78 

Ferdinands von Braunschweig nnbekfimmert um die Neutralität des 
officiellen Hamburgs durch lautes Frohlocken zu erkennen gaben. Diplo- 
matische Beschwerden konnten da nicht ausbleiben. Besonders entrüstet 
war der junge Champeaux. Der Eath that freilich das Seinige, um ihn 
zu beschwichtigen. Er entschuldigte sich damit, dass der Vorfall ihm 
selbst übeiTaschend gekommen und venirtheilte die Hamburger Fuhrknechte, 
die sich in die Livreen hannoverscher Postillone hatten kleiden lassen, 
zu einer Geldstrafe. Dies schien aber dem Vertreter Frankreichs keines- 
wegs ausreichend. In seinen Augen war das Vorgefallene nicht etwa 
bloss ein grober Unfug, sondern eine Beleidigung der Majestät des 
französischen Königs. In diesem Sinne berichtete ' er nach Paris, von wo 
zurückgeschrieben wurde, Hamburg habe sich wider die Ehre der 
französischen Nation vergangen, und es sei zur Sühne erforderlich, dass 
ein Hamburgischer Syndicus nach Paris komme und dort im Namen der 
Stadt um Verzeihung bitte. Ausserdem wurde den Hamburgern von 
Choiseul ein langes Sündenregister vorgehalten, das im wesentlichen 
den Angebereien von Champeaux entstammte. Indessen gelang es diesmal 
noch, den Zorn der Franzosen zu begütigen. Ludwig XV. erklärte sich 
bereit, das Veigangene zu vergessen, wenn Hambui'g in Zukunft seine 
Michten gegen das Reich und dessen Verbündete besser erfülle. 

Im Frühjahr 17G0 kam es jedoch zu einem neuen und folgenreicheren 
Conflict. Champeaux hatte mit zwei in Hamburg weilenden französischen 
Offtcieren und einem dort ansässigen französischen Kaufmann (Nagant) 
einen Anschlag verabredet, um eine für die hannoversche Armee bestimmte 
englische Geldsendung von mehr als 200 000 Thalem auf der Elbe abzu- 
fangen. Der Streich wurde durch die Wachsamkeit der zuständigen 
Hamburger Behörden vereitelt. Die Fahrzeuge, die bereits mit Waffen, 
Munition und Uniformen beladen, aber noch nicht bemannt waren, wurden 
am 1. April d. J. im Hafen beschlagnahmt. Erklärlicherweise gerieth 
der Hamburger Senat durch diesen Vorfall aufs neue in ein Kreuz- 
feuer der verschiedenartigsten Requisitionen. Die Regierungen von 
Preussen, Hannover und England oder deren diplomatische Vertreter 
verlangten strenge Untersuchung und Bestrafung der Urheber des 
Anschlags. Champeaux dagegen forderte sofortige Rückgabe der Schiffe 
und der Ladung, welche Eigenthum des Königs von Frankreich seien. 
Er beschwerte sich aufs heftigste über den Prätor, der die Beschlag- 
nahme veranlasst habe. Dieser hätte schon vor dem Hinweis auf den 
Auftrag des Königs von Frankreich zurückweichen müssen. „Durfte er 
ausser Acht lassen," — so schrieb Champeaux an den Hamburger Senat — 
„dass es niemand auf Erden zusteht, über die Befehle Seiner Königlichen 
Majestät ein vermessenes Urtheil zu fällen, dass Seine Königliche 
Majestät niemand Rechenschaft zu geben hat?" Dem Hamburger Rath 



79 

leuchtete jedoch keineswegs ein, dass er sich dem absoluten Herrscher- 
willen eines fremden Monarchen widerspruchslos zu ffigen habe. Er ant- 
wortete dem französischen Geschäftsträger, dass er das Verfahren des 
Prätors billige und sich wegen der Angelegenheit direct an den König 
wenden werde. In der That beschwerte er sich sowohl bei Ludwig XV. 
wie bei dem Herzog von Choiseul über das Vorgefallene und verlangte 
wegen der Verletzung der Hamburgischen Neutralität Genugthuung. Diese 
Forderung wurde freilich schroff zurückgewiesen. „Seine Majestät ist sehr 
erstaunt," schrieb Choiseul am 11. Mai an den Hamburger Rath, „dass 
Sie Satisfaction für einen Vorfall in Anspruch nehmen, bezüglich dessen 
es ihr zusteht, Satisfaction zu fordern." Hamburg habe kein begründetes 
Anrecht auf Neutralität. Als Reichsstadt sei Hamburg vielmehr verpflichtet, 
zum Erfolge der gemeinsamen Unteiiiehmungen wider den Störer des 
öffentlichen Friedens beizutragen. Besässen die Hamburger aber auch in 
der That einen Anspruch auf Neutralität, so hätten sie solchen durch ihre 
Parteilichkeit verwirkt. „Ich kann Ihnen nicht verhehlen", — heisst es 
weiter — „dass, wenn Sie fortfahren, gegen das Interesse des Königs von 
Frankreich, der für nichts anderes als für die germanische Freiheit kämpft. 
Beweise von Parteilichkeit an den Tag zu legen, Seine Majestät nicht 
umhin kommen wird, sich mit allen ihren Verbündeten zu vereinigen, um 
Ihnen die gerechten Wirkungen ihres gemeinsamen Unwillens fühlbar zu 
machen." Noch ehe der Senat in der Lage war, hierauf etwas zu erwidern, 
wurde die angedrohte Kundgebung der königlichen Ungnade schon zur That- 
sache. „Wegen der bei jeder Gelegenheit hervorgetretenen unverantwortlichen 
Parteilichkeit der Stadt" erklärte Ludwig XV. am 20. Mai den im Jahre 
1716 den Hansestädten bewilligten Handelsvertag, soweit er Hamburg 
angehe, für aufgehoben. Hamburg solle fortan gleich den wenigst 
begünstigten Staaten behandelt werden. Anfang Juni gelangte überdies 
die Nachricht nach Hamburg, dass in französischen Häfen auf Ham- 
burgische Schiffe Embargo gelegt sei. 

Wenn Hamburgs Handel sich während der ersten Jahre des Kriegs 
in gedeihlicher Weise entwickelt hatte und Busch später das Jahr 1759 
als das des grössten und solidesten Wohlstandes Hamburgs bezeichnen 
konnte, so drohten die französischen Massnahmen, diesem Zustand ein 
Ende zu bereiten. Selbstverständlich erweckte der schwere Schlag, der 
Hamburg betroffen, die Theilnahme Englands und Preussens, wie auch 
des neutralen Dänemarks ; Abhülfe konnten sie aber nicht schaffen. Diese 
durfte die Stadt — von ihren directen Bemühungen in Frankreich 
abgesehen — nur vom Kaiser erwarten. Doch nicht leicht war die 
kaiserliche Fürsprache zu erlangen. Der Wiener Hof stellte sich in dieser 
Angelegenheit durchaus auf die französische Seite. Er Hess dem Ham- 
burger Kath durch den Grafen Eaab zu erkennen geben, dass die Stadt 



80 

nur eine verdiente Züchtigung empfangen. Von einer Verwendung des 
Kaisers für die Stadt könne nicht die Rede sein, bis sie ihr Unrecht 
wieder gut gemacht habe. Der Rath möge eine Deputation an Champeaux 
schicken und ihm erklären: der Kaiser habe ihm anbefohlen, der Krone 
Frankreichs die gebührende Genugthuung zu geben und sich auch künftig 
so zu betragen, dass dem König von Frankreich keinerlei Ursache zum 
Missfallen gegeben werde. Solcher Demüthigung sich zu unterziehen, 
widerstand dem Senat aufs äusserste. Er zögerte, der kaiserlichen 
Weisung zu willfahren. Die Folge aber war, dass Raab nunmehr er- 
klärte, wenn Hamburg sich nicht schleunig füge, werde der Kaiser der 
Stadt nicht nur die gewünschte Fürsprache beim französischen Hof ver- 
sagen, sondern seinen Einfluss dahin geltend machen, dass die Begünstigungen, 
die Hamburg bisher in Frankreich genossen, fortan einer andern 
deutschen Stadt zu Theil würden. Nicht lange darauf, am 8. August, 
begaben sich zwei Vertreter des Hamburger Raths zu dem jungen 
Champeaux, um mündlich und schriftlich Erklärungen abzugeben, die dem 
französischen Geschäftsträger, wie auch dem kaiserlichen Gesandten wohl- 
gefällig waren. Champeaux Hess es sich nunmehr angelegen sein, durch 
ausgesuchteste Höflichkeit den Rathsdeputirten die Erfüllung ihrer Mission 
minder peinlich zu machen. Aber die Thatsache war dadurch nicht 
beseitigt, dass Hamburg abermals durch das Joch gegangen war. 

Die Betrachtungen, zu denen diese Vorgänge Anlass geben mussten, 
sind in einer im Juni des Jahres 1760 erschienenen Publication „Schreiben 
eines Gelehrten in Hamburg an seinen Freund in Amsterdam von den 
Ursachen des feindlichen Bezeigens der Krone Frankreichs gegen die Stadt 
Hamburg" niedergelegt worden. „Wie theuer" — heisst es darin gegen 
Ende — „kommt nicht die Freundschaft des Kaisers und des Hauses 
Oesterreich mit Frankreich den schwachen Ständen in Deutschland und 
insonderheit den freien Reichsstädten zu stehen. Dieser Freund des Kaisers 
führet sich nicht anders als ein despotischer Gebietiger in ganz Deutschland 
auf .... Man sollte glauben, dass man in Versailles selbst keine andern 
Gedanken hätte, als dass sich die despotische französische Gewalt über 
Deutschland nicht weiter erstrecken könnte, als es durch französische 
Truppen und Besatzungen unter dem Joche erhalten wird. Allein Sie sehen 
aus dem Vorfalle mit unserer Stadt, dass wirklich die Einbildung in Versailles 
herrschen muss, dass sich schon ganz Deutschland bis in seine äussersten 
Grenzen in der französischen Despoterei befindet. Urtheilen Sie selbst, ob der 
französische Hof von Dünkirchen oder St. Malo^ wenn sich eine von diesen 
Städten einem ungerechten seeräuberischen Anschlage widersetzt hätte, 
mehr hätte verlangen können, als dass der Magistrat mit aller ferneren 
Untersuchung gegen seine implicirten Einwohner sofort aufhören sollte, 
und ob er eine von diesen Städten härter hätte bestrafen können 



• . • 



81 

Freilich sollte sich unsere gute Stadt des Schutzes des kaiserlichen Hofes 
gegen dieses ausserordentlich harte und ungerechte Verfahren Frankreichs 
zu versprechen haben . . . ." 

Die Schrift, der diese Wendungen entnommen, wurde alsbald nach 
ihrem Erscheinen vom Rath verboten ^) und auf wiederholtes Verlangen 
des kaiserlichen Gesandten am 1. August 1760 von dem Frohn auf dem 
ehrlosen Block zerrissen und verbrannt. Hätte man aber auch den Vertrieb 
und freien Umlauf der Schrift gestattet, so würde sie schwerlich in 
höherem Masse dazu beigetragen haben, das kaiserliche Ansehen in Hamburg 
zu beeinträchtigen, als die Vorfalle, die sie beleuchtete. 

Ende 1760 wurde das auf die Hamburgischen Schiffe in Frankreich 
gelegte Embargo fllr aufgehoben erklärt. Vergeblich waren dagegen die 
Bemühungen, Frankreich zu bestimmen, den Vertrag von 1716 für Hamburg 
wieder in Ejraft zu setzen. Erst im Jahre 1769 erlangte die Stadt, dass ihr 
von der französischen Regierung ein neuer Handelsvertrag bewilligt wurde. 

Der Conflict mit Frankreich vom Jahre 1760 bedeutete für Hamburg 
zweifellos die nachhaltigste Schädigung, welche die Stadt im Laufe des 
siebenjährigen Krieges erfahren hat. Auch sonst freilich musste Hamburg 
während dieser Periode manche Unbill über sich ergehen lassen. Es sei 
nur an die mit Dänemark abgeschlossenen sogenannten Leih- und Freund- 
schaftsverträge von 1759 und 1762 erinnert, von denen der letztere durch 
militärische Gewaltmassregeln eizwungen ward. Anderseits ist es der 
Stadt während der ganzen Dauer des Krieges zu gute gekommen, dass 
— von den erwähnten französischen Nachstellungen und den unvermeidlichen 
britischen Rücksichtslosigkeiten abgesehen — ihr Handel, als der eines 
neutralen Gemeinwesens, namentlich auf dem Meere ungestört blieb, während 
z. B. der von Stettin durch Russland und Schweden gehemmt ward. 

Nach dem auch in Hamburg freudig begrüssten Frieden brachte hier 
freilich theils der Einfluss von Bankerotten in anderen Handelsstädten, 
theils die Ueberspeculation am Platze selbst eine Handelskrisis hervor, 
von der sich die Stadt jedoch allmählich wieder erholte. Die Zeit vom 
Hubertsburger Frieden bis zum Tode Friedrichs des Grossen war für 
Hamburg eine Periode von zwar nur bescheidenem Wohlstande, aber doch 
von gedeihlichem Fortschreiten auf den verschiedensten Gebieten. Das 
Gleiche gilt im grossen und ganzen auch von dem übrigen Deutschland. 
In Preussen wandte bekanntlich der König selbst seinen ganzen Eifer der 
Aufgabe zu, zur Heilung der VS^unden, die der Krieg geschlagen, durch 
Hebung der Landeswohlfahrt beizutragen. Es konnte dabei nicht fehlen, 
dass aufs neue ein gewisser Gegensatz der wirthschaftlichen Interessen 
Preussens und Hamburgs hervortrat. Bemerkenswerther aber war die 
Verschiedenheit der wirthschaftlichen Ansichten. 



^) Senatspro tokoU vom 30. Juni 1760. 



1 



82 

In Hamburg kamen immer mehr freihändlerische Anschauungen zur 
Geltung. Wenigstens neigte die Kaufmannschaft diesen zu. Wenn ihnen 
im Hamburger Staat nicht in höherem Masse Rechnung getragen wurde, 
so erklärt sich dies vorzugsweise aus financiellen Gründen. Man hegte 
die Besorgniss, dass sich für die Einnahmen aus den Zöllen nicht leicht 
ein ausreichender Ersatz finden lassen werde. Wo derartige Bedenken 
nicht im Wege standen, pflegte sich der Senat in allem, was den Handel 
betraf, den Gutachten und Rathschlägen der Commerzdeputirten anzu- 
schliessen, die jedem Zwang und jeder Bevoimundung auf commerciellem 
Gebiete abhold waren. Umgekehrt sollte in so manchen anderen deutschen 
Territorien das wirthschaftliche Leben von oben her regulirt und gefordert 
werden, und zwar möglichst schnell , möglichst durchgreifend. Da tauchten 
denn an allen Ecken und Enden jene Projectenmacher und Tausendkünstler 
auf, die den nationalökonomischen Stein der Weisen gefunden zu haben 
meinten, d. h. ein Mittel, um die Landesschulden zu tilgen und den Staats* 
Säckel zu füllen, ohne die Unterthanen zu drücken, die sich vermassen, die 
Blüthe von Ackerbau, Industrie und Handel mit einem Schlag hervorrufen, mit 
einem Wort ein verarmtes, verödetes und verschuldetes Land in ein irdisches 
Paradies verwandeln zu können. Solche Abenteurer trieben namentlich 
in den kleineren deutschen Füretenthümem ihr Wesen. Friedrich der Grosse 
war, wie sein Vater, jeder Windmacherei abgeneigt, und sein besonnener, 
staatskluger Sinn schützte ihn in der Regel davor, sich auf unreife Pläne 
und überstürzte Unternehmungen einzulassen. Doch gerade in den Jahren 
nach dem siebenjährigen Krieg verleitete ihn mitunter der Feuereifer, 
seinem Lande aufzuhelfen, auch seinerseits dem nationalökonomischen 
Wunderglauben jenes Zeitalters seinen Tribut zu zollen. Jedenfalls wurde 
er nicht müde, Kaufleute, Banquiers, Techniker, Industrielle der ver- 
schiedensten Art heranzuziehen, um ihre Vorschläge zum Besten der 
Landeswohlfahrt entgegenzunehmen und unter Umständen ihre Experimente 
zu unterstützen. Gelegentlich wurden auch Haraburgische Kaufleute vom 
König berufen und durch Bewilligung von Titeln und ansehnlichen Gehalten 
gefesselt; es waren das freilich meist Leute, die in Hamburg kein besonderes 
Ansehen genossen hatten und dann auch in Preussen nicht den gehegten 
Erwartungen entsprachen. 

Ein grösserer Achtungsbeweis, der Hamburg von Preussen zu Theil 
wurde, bestand darin, dass man die Beihülfe der Stadt zur wii'thschaft- 
lichen Förderung des Landes zu erlangen suchte, im Interesse des 
schlesischen Leinenhandels, wie für den Absatz der in Preussen fabricirten 

m 

Porzellanwaaren und nicht minder zur Wiederbelebung des Handels und 
der Schiffahrt von Magdeburg. Auch dadurch bekundete die preussische 
Regierung den Hamburgern eine gewisse Anerkennung, dass sie von ihnen 
gelegentlich Gutachten über commercielle Angelegenheiten einholte, so u. a. 



83 

über die Frage, wie den Messen in Frankfurt an der Oder aufzuhelfen 
sei. Die Ausarbeitung der Antwort übernahm Joh. Schuback, der Vicepräsident 
der Commerzdeputation. In der betreffenden Denkschrift bemühte er sich 
nachzuweisen, dass der Rückgang von Frankfurt an der Oder wesentlich 
durch das Prohibitivsystem herbeigeführt worden sei. Er schloss mit den 
Worten: „Freiheit muss die Losung werden." Die von Schuback 
kundgegebenen Anschauungen waren sicher die in Hambnrg heiTSchenden. 
Man kann sich danach vorstellen, welches Befremden es hervorrief, als im 
Juni 1769 der Commerzdeputation vom Senat die Mittheilung gemacht 
wurde, der preussische König beabsichtige, „die ganze Handlung mit Waaren 
in dero Landen" zu verpachten, wie dies mit dem Taback bereits vorher 
geschehen war, *) und wünsche zu wissen, ob die Hamburger sich hierbei zu 
betheiligen gedächten. Man gewinnt noch heute aus den betreffenden 
Protokollen den Eindruck, dass die Herren der Commerzdeputation bei der 
Kenntnissnahme dieses Projects ein gelinder Schauder überlief. Dass Hamburg 
sich auf etwas derartiges einlassen könne, erschien ihnen ausgeschlossen. 
Das Project durch Gegenvorstellungen zu bekämpfen, hielten sie für 
fruchtlos; sie konnten, wie sie dem Rath am 3. Juli schrieben, sich nur 
mit der Hoffnung beruhigen, dass die göttliche Vorsehung Äir Flehen 
erhören werde, einem so grossen und weisen Könige gnädigere Gedanken 
über das allgemeine, das Wohl aller Staaten fördernde freie Commercium 
einzuflössen. Zur Ausführung ist das Project in der That nicht gelangt; 
indessen scheinen ähnliche Ideen die preussische Regierung noch eine 
Weile beschäftigt zu haben. 

Im weiteren Verlauf des Jahres 1769 wurde der Commerzdeputation 
vom Senat aufgetragen, ein dem preussischen Minister von der Horst*) 
einzusendendes Gutachten über die Frage auszuarbeiten, wie dem 
Hamburgischen Handel mit Preussen zu grösserem Aufschwung zu ver- 
helfen sei. Die Abfassung der Denkschrift wurde wieder von Schuback 
übernommen.') Bemerkenswerth ist darin u. a. die Zurückweisung der 
in Preussen verbreiteten Ansicht, dass Hamburg dem preussischen Handel 
abgünstig und geradezu schädlich sei. Diesem Vorurtheil gegenüber 
betonte er, wie sehr Hamburgs Wohlstand von dem seiner Nachbaren 



Nach dem EathsprotokoU vom 21. Juni 1769 zu schliessen, war die Erklärung 
des preussischen Gesandten, die zu dieser Mittheilung Anlass gegeben hatte, aUerdings 
nicht 80 weit gegangen. Hier heisst es nur: „dass zufolge einer nächstens bevorstehenden 
Einrichtung die Einfuhr und Lieferung verschiedener Waaren von einigen auswärtigen 
Handelsleuten übernommen und mit Ausschluss anderer alleinig werde besorgt werden, 
wie denn die Engländer die Lieferung des Reises übernommen haben soUten; Er, der 
Herr Geh. Rath, liesse es also dahin gestellt sein, ob etwa auch einige hiesige Kaufleute 
die privative Lieferung ein oder anderer Waaren übernehmen wollten." 

^ Comm. A. 15. September. 

^ ProtokoU der Commerzdeputation vom 13. October 1769. 

6* 



84 

abhänge, und dass jede Einbusse des Kaufinanns in Berlin nnd Breslau 
auch in Hamburg fühlbar sei-, anderseits suchte er im einzelnen zu 
veranschaulichen, wie grosse Vortheile der Hamburgische Handel den 
preussischen Landen durch Vertrieb der preussischen Landesproducte und 
durch Creditgewährung verschaffe. Weiter bemühte er sich, die Vorzüge 
des Freihandels darzuthun, der Holland reich gemacht habe, während 
Schweden, wo das entgegengesetzte System vorwalte, arm geblieben 
sei. In Preussen wären sonst alle Voraussetzungen für die Wohlfahrt 
der ünterthanen vorhanden, „eine völlige Religions- und Gewissens- 
freiheit und eine kluge Beobachtung der strengsten Polizei"; nur die Handels- 
freiheit fehle zum Glück des Landes. Uebrigens verlangte Schuback 
keineswegs, dass man sofort durchweg mit dem bisher befolgten System 
brechen solle. Er machte vielmehr Vorschläge, wie man allmählich in freiere 
Bahnen hinüberlenken könne. Er empfahl, fremden rafflnirten Zucker noch 
eine Zeit lang um 5— 67o höher als preussischen zu belasten; wenn sich 
dann herausstelle, dass die heimischen Fabriken nicht mehr mit Vortheil 
arbeiten könnten, so sei erwiesen, dass sie keine Bevorzugung verdienten. 
Im übrigen rieth er, die Tabacksregie abzuschaffen und dafür ein im 
ganzen Lande kopfweise zu bezahlendes Tabacksgeld einzuführen. Die 
bestehenden Einrichtungen, durch welche die Elbschiffahit gehemmt und 
der Getreidehandel erschwert wurde, empfahl er ganz oder theilweise auf- 
zuheben. Insbesondere bezeichnete er es als erwünscht, die hohen Eibzölle 
zu ermässigen und die Verfügung, wonach anderes als preussisches Holz 
nur gegen eine (abgesehen vom gewöhnlichen Zoll) zu entrichtende 
Transito- Abgabe von 3373% die Elbe herunter geflösst werden durfte, zu 
beseitigen. 

Auf diese Abhandlung erfolgte alsbald eine Erwiderung aus Berlin, 
die den Minister von der Horst selbst zum Autor hatte. ^) Darin wurden 
Schubacks Ausführungen als die eines geschickten Verfassers bezeichnet 
und auch zugegeben, dass man ihnen beistimmen müsse, wenn man die 
allgemeinen Begriffe des Handels zur Gnmdlage nehme und die Wohlfahrt 
des ganzen Menscliengeschlechts ins Auge fasse. Zu anderen Anschauungen 
aber komme man vom Standpunkt des preussischen Staats; denn für 
diesen würde bei einer Systemänderung die Gefahr entstehen, eine 
starke Bevölkerung, wichtige Einkünfte und Mittel zur Erhaltung des 
ansehnlichsten Kriegsstaats zu verlieren. U. a. bemerkte v. d. Horst, dass 
die von Schuback bekämpfte Tabackspacht ein Mittel sei, dem König 
ohne sonderlich empfindliche Belästigung der Ünterthanen mehr Einkünfte 
zu verschaffen, als das grösste Fürstenthum in Deutschland abwerfen 

^) Diese Erwiderung findet sich in dem ProtokoU der Commerz-Deputation vom 
13. Decbr. 1769. Dass Freiherr von der Horst der Verfasser war, wird im Protokoll vom 
1$. Novbr. 1786 ausdrücklich gesagt. 



85 

könne. Obwohl er aber Scbubacks Argumente durch den Hinweis auf die 
Lebensbedingungen des preussischen Staats, für den der Handel gar nicht 
in erster Linie in Betracht komme, und durch mancherlei andere Einwände 
zu widerlegen suchte, so war er doch weit davon entfernt, ein Widei'sacher 
des Hamburger Handels zu sein. Auch meinte er, dass im preussischen 
Lande kein des Handels Kundiger lebe, der sich nicht schämen würde, zu 
behaupten, dass Hamburg dem preussischen Export schädlich sei. 

In dem letzten Theil seines Aufsatzes deutet v. d. Horst in einer 
Reihe von Vorschlägen an, wie verschiedenen der von Schuback vorge- 
brachten Beschwerden abgeholfen und überhaupt ein Ausgleich zwischen 
den Hamburgischen und preussischen Wünschen und Interessen bewerk- 
stelligt werden könne. Er hielt es für ausführbar, dass Hamburg, nicht 
die einzelnen Kaufleute, sondern die Stadt als commercielle Gesammtheit, 
durch Entschädigung eines Theils der gegenwärtigen Interessenten den 
Hamburger Schiffern aufs neue Antheil an der Fahrt zwischen Hamburg 
und Berlin verschaffen, und dass man durch Unterhandlung mit den Magde- 
burgern wieder freie Fahrt bis Pirna und Leitmeritz erlangen könnte. Die 
Benachtheiligung durch die Berliner Zuckersiedereien wäre durch einen 
Vertrag mit dem Splittgerberschen Hause oder durch Uebemahme des 
Betriebs nach Ablauf des diesem Hause gewährten Privilegiums hinweg- 
zuräumen. Auch an die Stelle der privilegirten Holzcompagnie könnten 
die Hamburger treten und endlich „durch eine allgemeine Verbindung der 
Commercirenden" sich des grössten Theils des Leinenhandels von Europa 
bemächtigen, was auch dem preussischen Interesse entsprechen würde. 
Merkwürdige Vorschläge, die einerseits den Anschauungen der Hamburger 
entgegenkamen, anderseits sich in schroffstem Gegensatz zu denselben 
bewegten, jedenfalls aber deutlich zeigen, wie sehr man in den mass- 
gebenden preussischen Kreisen den Werth der wirthschaftlichen Ki*äfte 
Hamburgs zu schätzen wusste. 

Dass eine Verständigung in der angedeuteten Weise nicht erzielt 
werden konnte, bedarf der Erwähnung kaum. Preussen und Hamburg 
gingen auch femer ihre eigenen Wege. Aber sie begegneten sich doch 
immer wieder. Wie Friedrich der Grosse schon im Anfang seiner Regierung 
dafür eingetreten war, dass liberale Grundsätze des Völkerrechts im See- 
kriege zur Geltung gelangten, so aufs neue gegen Ende seines Lebens. 
Während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges gehörte Preussen 
bekanntlich zu den Mächten, die sich zur Abwehr der von England gegen 
die neutrale Schiffahrt geübten Willkür verbündet hatten, und im Jahre 1785 
schloss Friedrich mit dem befreiten Nordamerika jenen Freundschafts- und 
Handelsvertrag, der zwar von geringem praktischen Nutzen, aber von 
desto höherem idealen Werth war. Nicht nur der Grundsatz „Frei Schiff, 
frei Gut'' war darin anerkannt, sondern es war darin ausdrücklich erklärt, 



86 

dass im Fall des Krieges keine Kaperei stattfinden, und dass der Krieg 
überhaupt nicht gegen Kauffahrteischiffe, nicht zur Unterbrechung des 
Handels geführt werden solle. Es begreift sich, dass Bestrebungen dieser 
Art gerade in Hamburg die lebhafteste Sympathie erweckten. 

Nicht zum wenigsten als Vorkämpfer eines liberalen Völker-Seerechts 
ist Friedrich der Grosse in den Schriften von Busch wiederholt gepriesen 
worden. Doch auch in mancher andern Hinsicht hat der weitblickende, 
noch immer nicht genug gewürdigte Hamburger Nationalökonom die 
Verdienste des preussischen Königs anerkannt. Der Wirthschaftspolitik 
Friedrichs gegenüber gehörte er freilich ebenso wenig zu den unbedingten Lob- 
rednem wie zu den blinden Tadlern. Freihändlerischer, als die Mehrheit seiner 
deutschen Vorgänger,*) gab er doch einem Mirabeau zu der charakteristischen 
Aeusserung Anlass, er sei tausend Meilen von den guten Principien der 
Nationalökonomie entfernt.^) Er hat über die Mängel und Einseitigkeiten des 
Mercantilsystems wiederholt aufs schärfste abgeurtheilt ; aber er verschloss 
sich doch nicht der Erkenntniss, dass Friedrichs des Grossen wirth- 
schaftliche Massregeln nicht wenig zur wirthschaftlichen Fördenmg der 
preussischen Lande beigetragen, und ebenso wenig verkannte er, dass der 
wirtlischaftliche Aufschwung Preussens auch Hamburg zum Nutzen gereichte. 
Als thöricht bezeichnete er es, zu wünschen, dass die Mark Brandenburg in 
ihren ehemaligen betrübten und kümmerlichen Zustand zurückversetzt 
werde, in welchem sie von Hamburg abhängiger gewesen. 

Wenn somit in Hamburg selbst Friedrichs Leistungen auf wirthschaft- 
lichem Gebiete gewürdigt und anerkannt wurden, so begreift es sich, dass 
sein Wirken in anderen Beziehungen noch rückhaltlosere Anerkennung 
fand. Auch darf man annehmen, dass seine Reformbestrebungen, wie in 
sovielen anderen Theilen Deutschlands, auch in Hamburg als Vorbild 
gedient haben. Seine Bemühungen zur Besserung der Lage der Bauern 
haben vermuthlich dazu beigetragen, dass i. J. 1772 in den Hamburgischen 
Walddörfern die Hofdienste für ablösbar erklärt wurden. Die von ihm 
während seiner ganzen Regierungszeit bekundete religiöse Toleranz hat 
sicher Einfluss darauf gehabt, dass sich in dieser Beziehung auch in 
Hamburg ein Fortschritt vollzog. Die Lage der Reformirten und Katholiken 
hatte sich insofern schon seit einiger Zeit gebessert, als ihre regelmässige 
Theilnahme an dem Gottesdienst in den Gesandtschaftscapellen der 
Diplomaten, die noch im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts heftigen 
Widerspruch hervorgerufen, zwar nicht recht- und verfassungsmässig, 
doch nachsichtigerweise geduldet ward. In eine ganz neue Rechtsstellung 
aber traten sie ein, als ihnen durch das Toleranzedict vom 19. September 



Wilh. Boscher, GescMchte der National-Oekonomik in Deutschland. S. 573. 
^) Lettres du comte de Mirabean ä un de tes amis en AUemagne (1792) S. 259. 



87 

1785 die freie und ungestörte Religionstibung und das Errichten von 
Bethäusem — freilich ohne Thürme, Glocken und andere in die Augen 
fallenden Kennzeichen einer öffentlichen Kirche — zugestanden wurde. 

Für die gemeinnützigen Bestrebungen in Hamburg, die ja in dieser 
Stadt stets heimisch gewesen, war die Zeit nach dem siebenjährigen 
Kriege, insbesondere die erste Periode des Bestehens der Patriotischen 
Gesellschaft, eine Art goldenes Zeitalter. Förderung des Gemeinwohls im 
weitesten Sinne des Worts war damals die Losung in Hamburg, genau so wie 
in Preussen. Doch tritt uns bei einer Vergleichung dessen, was hier und 
dort geschah, wie in wirthschaftlicher Beziehung, so auch bei Eeform- 
bestrebungen anderer Art immer wieder der Unterschied entgegen, dass in 
Preussen die Action vorzugsweise vom Staatsoberhaupt ausging, während 
in Hamburg sich die Bevölkerung selbst in höherem Masse regte. Gewiss 
hat auch hier sich der Staat der Förderung des Gemeinwohls nicht entzogen, 
indessen trat seine Initiative weniger hervor; er begnügte sich häufig, wie 
z. B. bei der Begründung der allgemeinen Aimenanstalt damit, dem, was 
kluge und patriotische Bürger ersonnen hatten, gesetzliche Geltung zu 
verschaffen. Trotz dieser Verschiedenheit aber war die Verwandtschaft der 
patriotischen Bestrebungen in Preussen und Hamburg gross genug, um es 
verständlich zu machen, dass man auch in letzterer Stadt für das uner- 
müdliche und aufopferungsvolle landesväterliche Walten Friedrichs des 
Grossen Bewunderung hegte. 

Ein Gemeinwesen wie Hamburg hätte nimmer Bestand haben, nimmer 
den hunderterlei von innen und aussen drohenden Gefahren gegenüber sich 
behaupten können ohne Festhalten an dem Princip der selbstlosen Hingebung 
des Einzelnen an das Gemeinwohl. Dieses Princip war in Friedrich dem 
Grossen gleichsam zu Fleisch und Blut geworden; es hatte in ihm 
eine Verkörperung erhalten, wie kaum zuvor in der Weltgeschichte. Daher 
konnte es nicht anders sein, als dass seine Persönlichkeit den Hamburgern 
Ehrfurcht einflösste. 

Nicht ganz so lebhafte oder ungetheilte Sympathien, wie für Friedrich, 
liegte man in Hamburg für den preussischen Staat. Neben vielen Institutionen, 
die man bewunderte, fand sich dort so manches, was den Hamburger befremdete 
oder abstiess, und obwohl die Existenz eines mächtigen Preussens vielleicht 
nicht wenig dazu beigetragen hat, dass Hamburg im Jahre 1768 in den 
Vollbesitz reichsstädtischer Unabhängigkeit gelangte, so ist doch im Zeitalter 
Friedrichs des Grossen wahrscheinlich nur wenigen in Hamburg das volle 
Verständniss dafür aufgegangen, was es für diese Stadt bedeutete, dass in 
Norddeutschland eine achtunggebietende, dauerverh eissende europäische 
Grossmacht erstanden war. Als eine dauerverheissende Macht durfte man 
in der That Preussen schon in der Zeit Fiiedrichs des Grossen bezeichnen. 
Im siebenjährigen Krieg hatte es seine erste Feuerprobe bestanden. Eine 



88 

zweite Feuerprobe folgte zwanzig Jahre nach dem Tode Friedrichs des Grossen, 
und diese vermochte Preussen anscheinend nicht zu bestehen. Einen Monat 
nach den Schlachten von Jena und Auerstädt veröffentlichte Archenholtz, der 
in seinen jungen Jahren im siebenjährigen Kriege mitgekämpft und später 
durch seine Geschichte dieses Krieges soviel zui' Begeisterung für Friedrich 
den Grossen beigetragen hatte, in seiner zu Hamburg erscheinenden Zeitschrift 
„Minerva" eine Abhandlung, die den Titel fahrte: „Betrachtungen am Grabe 
der preussischen Monarchie." Darin bezeichnet er Preussen als einen 
erkünstelten Staat, der nur als ein historisches Phänomen gelten könne. 
Aehnliche Aeusserungen finden sich in den Berichten des damaligen Vertreters 
der Hansestädte beim preussischen Hofe, des bekannten Historikers Woltmann. 
Wenn in solcher Weise Männer urtheilten, die als Autoritäten auf historisch- 
politischem Gebiet galten, so begreift es sich, dass man auch in weiteren 
Kreisen Preussen als einen Staat ansah, der zwar eine glänzende Vergangen- 
heit, aber keine Zukunft habe. Zum Glück aber waren solche Anschauungen 
nicht allgemein heiTSchend. Vielmehr verhaiTten viele der besten deutschen 
Männer innerhalb und ausserhalb Preussens in ihrem Glauben an die Zukunft 
des Staates Friedrichs des Grossen. In diesem Glauben lag Rettung und 
Heil. Was Friedrich der Grosse während seines langen, ebenso ruhmvollen, 
wie mühseligen Waltens geleistet, das ist fast mehr noch, als während 
seiner Regierung selbst, in der Zeit der Erhebung wider die Fremdherrschaft 
dem gesammten deutschen Volk und somit auch Hamburg zum Segen geworden. 

2. Hamburgs Beziehungen zum deutschen Reich, insbesondere im Zeitalter 

der französischen Revolution. 

Aus der zunehmenden Lockerung des Reichsverbandes seit dem west- 
fälischen Frieden erklärt es sich zur Genüge, dass die Beziehungen 
Hamburgs zu dem mächtigsten norddeutschen Staate bedeutsamer waren, 
als die zum Reichsoberhaupte. Immerhin darf nicht übersehen werden, 
dass die Reichsgewalt auch noch in der zweiten Hälfte des 17. und 
während des grössten Theils des 18. Jahrhunderts in den Reichsstädten 
Ansehen und Einfluss bewahrte. Wie sehr dies namentlich in Hamburg der 
Fall war, dürfte zum Theil schon aus der bisherigen Darstellung anschaulich 
geworden sein. Immer wieder aufs neue waren während der Zeit der bürger- 
lichen Wirren in dieser Stadt kaiserliche Commissionen eingesetzt worden, 
um zwischen den hadernden Parteien zu vermitteln, bis schliesslich in den 
Jahren 1708 bis 1712 unter der energischen Leitung und eifrigen Mitarbeit 
des vom Kaiser bevollmächtigten Grafen von Schönbom das Friedenswerk 
zu Stande kam. Unter dem Einfluss der kaiserlichen Autorität wurden 
somit die Verfassungsgesetze geschaffen, auf denen nahezu 150 Jahre das 
bürgerliche Leben in Hamburg beruhte, und um derenwillen wenigstens 



89 

im vorigen Jahrhundert Hamburg als das freieste und bestgeordnete 
deutsche Gemeinwesen gepriesen wurde. Wichtiger war, dass Hamburg 
in seinem Verhältniss zu den übrigen Staaten nicht des Eückhalts zu ent- 
rathen vermochte, den ihm Kaiser und Reich gewährten. Fast nach jeder 
neuen Kaiserwahl Hessen die Hamburger es sich angelegen sein, ihre zum 
Theil aus dem Mittelalter stammenden und während des 16. und 17. Jahr- 
hunderts in nicht unerheblicher Weise vermehrten kaiserlichen Privilegien 
von dem neuerkorenen Reichsoberhaupt bestätigen zu lassen ; denn, wie im 
Mheren Zusammenhang angedeutet, die Berufung auf die alten Freiheits- 
briefe musste ihnen als wichtigste Handhabe dienen, um sich der Zumuthungen 
und Uebergriffe zu erwehren, von denen Hamburg als ein kleiner 
und im wesentlichen schutzloser Staat beständig durch stärkere Nachbaren 
bedroht war. 

Vor allen Dingen wichtig war es für die Stadt, dass das entschiedene 
Eintreten des Kaisers für ihre Reichsunmittelbarkeit es ihr ermöglichte, 
Jahrhunderte hindurch den Hoheitsansprüchen des Hauses Holstein gegenüber 
ihre Unabhängigkeit zu behaupten. Allerdings sahen wir, dass die kaiserliche 
Autorität Hamburg nicht völlig davor zu bewahren vermochte, dass es in 
Zeiten der Bedrängniss den dänischen Forderungen mitunter recht weit 
entgegenkommen musste; und nicht minder wird aus den Mittheilungen 
der früheren Abschnitte anschaulich geworden sein, dass das Reichs- 
oberhaupt der Stadt nicht direct, sondern nur durch Vermittelung der von 
ihm beauftragten Reichsfürsten wirksame Hülfe zu leisten im Stande war. 
Häufig musste sich der Wiener Hof überhaupt darauf beschränken, 
zu Gunsten Hamburgs diplomatische Vorstellungen nach Kopenhagen 
zu richten oder allerlei Monitorien, Dehortatorien oder sonstige 
kaiserliche Patente zu erlassen oder auch vielleicht einmal anzudrohen, 
dass in Vergeltung der wider Hamburg verübten Gewalt alle dänischen 
Effecten im Reich und in den österreichischen Landen mit Beschlag 
belegt werden sollten. Die Ergebnisse solcher Kundgebungen waren 
anscheinend gering. Gelegentlich machte sich die dänische Regierung 
wohl das Vergnügen, einen Erlass des Kaisers, in dem dieser für „seine 
und des heiligen römischen Reiches Stadt" eingetreten war, durch ein 
Schreiben zu beantworten, in dem Hamburg drei- oder viermal als 
„erbunterthänige Stadt" der Unbotmässigkeit gegen ihren rechtmässigen 
Landeshemi bezichtigt wurde. Wenn jedoch der dänische Staatsminister 
Joh. Hartwig Ernst von Bemstorlf 1767 die Erklärung abgab, die 
Ansprüche auf Hamburg hätten der Krone Dänemark seit vielen Jahr- 
hunderten nur leere Streitigkeiten, Verdruss und Misstrauen, ja Beleidigungen, 
die nicht geahndet werden konnten, eingetragen, so darf man daraus vielleicht 
schliessen, dass die dänische Regierung die Zurechtweisungen des kaiserlichen 
Hofes doch nicht so ganz kaltblütig von sich abgeschüttelt hat. Ander- 



90 

seits verkannten die Hamburger nicht, dass zwar das Wohlwollen des 
Kaisers sie keineswegs jeder Gefahr zu entheben, dass aber dessen 
Ungnade die Grundlage ihrer politischen Existenz zu erschüttern vermöge. 
Nur zu gut wussten daher die Träger der kaiserlichen Regierung und ihre 
Bevollmächtigten, dass, wenn Hamburg ja auch durchaus nicht in allen 
Punkten dem Kaiser zu Willen war, es sich nach kürzerer oder längerer 
Frist doch immer wieder angelegen sein Hess und selbst erhebliche Opfer 
nicht scheute, um seine Gunst aufs neue zu erlangen. Man verstand 
sich in Wien auf die Kunst, diese Gesinnungen in flnanciellem Interesse 
auszunutzen, wie ja überhaupt die Reichsstädte, und unter diesen Hamburg 
zumeist, in unverhältnissmässiger Weise für die Zwecke der Reichs- 
regiening in Anspruch genommen wurden. Bezeichnend ist es, dass der 
genannte Graf Schönbom gelegentlich seine Unzufriedenheit darüber, dass 
man von den Hansestädten zuviel auf einmal gefordert habe, durch die 
Worte zu begründen suchte: „er habe allezeit dafür gehalten, dass die 
Kühe oft, nit aber auf einmal bis auf das Blut zu melken seien."*) 

Die Leistungen Hamburgs fllr das Reich dauerten fort, so lange das 
alte Reich überhaupt bestand, während die Leistungen des Reiches für 
Hamburg seit der Zeit der kaiserlichen Commissionen immer geringer 
wurden. Dass das alte Reich den Hansestädten zu keiner Zeit auf dem 
Meere genügenden Schutz zu gewähren vermochte, ist bereits wiederholt 
hervorgehoben und daraus das Streben der Stadt, sich während der Reichs- 
kriege von Feindseligkeiten gegen den Reichsfeind möglichst fernzuhalten, 
erklärt worden. Doch wenn die Reichsgewalt zu schwach war, um Hambui^ 
vor Demüthigungen durch Fremde zu schützen, so war sie stark genug, 
ihrerseits in directer und mittelbarer Weise Demüthigungen der Stadt 
hervorzurufen. Als Beispiel dafür möge zunächst an den Conflict zwischen 
Hamburg und dem Kaiser in den Jahren 1719 bis 1721 erinnert werden. 
Im Jahre 1719 hatte der Hamburgische Pöbel aus Wuth darüber, 
dass die zum kaiserlichen Qesandtschaftshaus gehörige katholische Capelle 
stattlicher und ansehnlicher, als ihre nächste Bestimmung erforderte, neu- 
aufgerichtet werden sollte, nicht nur die im Umbau begriflfene Capelle, sondern 
auch das Gesandtschaftshaus angegriffen und zum Theil zerstört. *) Der Rath 
richtete sofort ein Schreiben an den Kaiser, in dem er sein tiefes Bedauern 
darüber aussprach, dass er wegen der Menge des zusammengelaufenen 
Pöbels den Auflauf nicht so schleunig, wie er gewünscht, habe unterdrücken 
können. Er liess eine gründliche Untersuchung einleiten, um die Schuldigen 
zur Strafe zu ziehen, und erklärte sich bereit, für alles Zerstörte und 
Beschädigte vollständigen Ersatz zu leisten. Trotzdem machte der Kaiser 

*) Schreiben vom 18. Mai 1712. Wien. A. 

^) Das Folgende nach den Acten des Hamb. Staatsarchivs. Vgl. den Artikel über 
den Bürgermeister Garlieb SiUem (von Wilh. SiUem) in der Allg. Dentschen Biographie. 



91 

die ganze Stadt und namentlich deren Obrigkeit für den Vorfall, der 
als Majestätsbeleidignng aufgefasst wurde, verantwortlicli. Anfänglicli 
beabsichtigte er sich durch Bestellung einer neuen kaiserlichen Gommission 
Genugthuung zu verschaffen. Hiervon Hess er sich durch Vorstellungen 
der Hamburger abbringen, aber er verlangte nun, von anderen harten 
Bedingungen abgesehen, dass zwei Mitglieder des Eaths, darunter der 
Bürgermeister, der zur Zeit des Tumultes an der Spitze der Hamburgischen 
Regierung gestanden, nebst zwei Oberalten sich nach dem kaiserlichen 
Hoflager begeben und dort sich vor dem kaiserlichen Throne „fussfällig 
erniedrigen und auf den Knieen liegend die schuldigste Deprecation und 
Abbitte verrichten" sollten. Lange Zeit zögerte man in Hamburg, sich 
in der angedeuteten Form zu demuthigen. Schliesslich musste man sich 
fligen, um die Nachtheile kaiserlicher Ungnade von der Stadt abzuwenden; 
war ja doch angedroht worden, dass, wenn die Stadt sich nicht willig 
zeige, der Kaiser sich ihrer in keinem Punkte annehmen und gleich- 
giiltig zusehen werde, wenn sie mit Unglück überschwemmt werden, und 
selbst wenn sie einem der Nachbarn in die Hände fallen sollte. Im 
Frühjahr 1721 begaben sich der Bürgermeister Sillem und der Rathsherr 
Brockes, der bekannte Dichter, mit zwei Oberalten nach Wien, um dem 
Willen des Kaisers Genüge zu leisten. Es muss dahingestellt bleiben, 
wie weit es der Fürsprache des Prinzen Eugen oder dem diplomatischen 
Geschick Sillems, seiner von Brockes gerühmten „herzenszwingenden 
Beredsamkeit" oder den von Brockes selbst dem Kaiser zugeeigneten 
Versen*) zuzuschreiben war, dass nicht nur die übrigen Bedingungen in 
einigen Punkten ermässigt wurden, sondern auch die Inscenesetzung der 
unvermeidlichen Abbitte mit möglichstem Glimpf erfolgte. Nachdem diese 
stattgefunden, schrieben die beiden Abgesandten: Nicht das Geringste 
werde von diesem Act geredet werden können, was die Stadt bei der 
Nachwelt „verkleinerlich" zu machen geeignet sei. Auch beglückwünschten 
sie den ßath aus dem Grunde ihrer Seele, indem sie zugleich der Hoffnung 
Ausdruck gaben, dass die Wiedererlangung der kaiserlichen Gnade die 
feste Grundlage für das Gedeihen Hamburgs bis ans Ende der Zeiten 
bilden werde. 

Ein Zwiefaches ist bei den Verhandlungen, welche diesem Unter- 
werfungsact vorausgingen und ihm nachfolgten, bemerkenswerth. Auch 
dem Kaiser gegenüber erscheinen der Eath und seine Vertreter aufs 
äusserste bemüht, die Autonomie Hamburgs in politischer und religiöser 



^) Das Gedicht, das dem Kaiser am Abend vor der Andienz unter den Teller 
gelegt wurde, enthielt übrigens unter vielen überschwänglichen Ausdrücken der Verehrung 
die epigrammatische Wendung: 

Dein Hamburg lieget hie in uns zu Deinen Füssen, 
Das, was es theils gethan, theils nicht gethan, zu büssen. 



92 

BeziehuDg zu wahren. Man betonte immer wieder aufs neue, dass an dem 
Religionsstande der Stadt nichts geändert werden dürfe, und man lehnt« 
mit Standhaftigkeit und schliesslichem Erfolge die Forderung ab, dass das 
Haus des kaiserlichen Gesandten künftig von der städtischen Jurisdiction 
befreit sein solle. Auf der anderen Seite tritt uns aufs anschaulichste 
entgegen, wie sehr der Respect vor der Macht und dem Ansehen des 
Reichsoberhaupts die Gemüther der damaligen Regenten Hamburgs 
gefangen hielt. Um dies zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, 
dass der Kaiser jener Zeit unter dem Einfluss der gewaltigen Siege, die 
Prinz Eugen über Franzosen und Türken errungen hatte, wieder zu einer 
gewissen Vormachtstellung in Europa gelangt war. Dessen ungeachtet hatte 
jedoch jener kaiserliche Minister den Mund etwas zu voll genommen, der 
den Vertretern des Hamburger Raths erklärte, dass der Arm Seiner Kaiser- 
lichen Majestät im Reiche lang und stark genug wäre, um die Stadt 
wider alle ungerechten Vergewaltigungen zu schützen. Die Thatsachen 
stehen mit dieser Behauptung in schreiendem Widerspruch. 

Weniger noch, als bisher, vermochte der Kaiser Hamburg zu 
gewähren, seitdem Oesterreich von der Höhe, die es durch die Erfolge 
des Prinzen Eugen errungen hatte, allmählich herabgesunken war. Ja, 
es geschah sogar, dass Hamburg durch die Einbusse, die die Macht- 
stellung des Kaisers erlitten, in Mitleidenschaft gezogen wurde. 
Um Englands und Hollands offenbar überschätzte Bundesgenossenschaft 
zu gewinnen, hatte sich die österreichische Regierung genöthigt 
gesehen, in den 1731 und 1732 mit diesen Mächten geschlossenen Ver- 
trägen die 1723 in Ostende gegründete Handelscompagnie aufzuheben 
und den Bewohnern der österreichischen Niederlande überhaupt den 
Handel von und nach Ostindien zu untersagen. England und Holland 
benutzten dies Zugeständniss, um das Monopol ihrer ostindischen Compagnien 
zu allgemeiner Geltung zu bringen. Insbesondere richteten sie ihr Augen- 
merk darauf, zu verhindern, dass der ostindische Handel der Compagnie 
von Ostende unvermerkt auf Hamburg übergehe. Der Argwohn, dass 
dies im Werke sei, hatte sich ergeben, als im Jahre 1731 der „Apollo", ein 
SchiflF, fiir das die Directoren der Compagnie von Ostende schon im Jahre 
1729 einen preussischen Pass ausgewirkt hatten, im Jahre 1731 unter 
preussischer Flagge aus Chinia nach Hamburg gekommen war, und als im 
folgenden Jahre die „Marie Armande", ein auf Rechnung eines spanischen 
Kaufmanns befrachtetes französisches Schiflf, dessen Ladung aber nach 
Ansicht der Engländer und Holländer aus einem Schiflf der Compagnie von 
Ostende herübergenommen, in den Hafen von Hamburg einlief.^) In beiden 

^) Vgl. die Beilagen za dem handschriftlichen Rath- nnd Bttrgerschaftsrecess yom 
20. Jnli 1732 nnd J. J. Snrlands Schrift ,,Erläntertes Recht der Deutschen nach Indien 
zu handeln" (Cassel 1752) S. 83. Ergänzungen fand ich im VITiener Staatsarchiv. 



93 

Fällen verlangten der englische und der holländische Gesandte in Hamburg, 
dass das Schiff und seine Ladung mit Beschlag belegt würden. Der Eatb 
erblickte in dieser Zumuthung einen bedrohlichen Angriff auf die Freiheit 
von Handel und Schiffahrt, die er als ein unschätzbares Kleinod beschützen 
zu müssen glaubte. Er wollte es nicht dahin kommen lassen, dass 
Fremde sich zu Inspectoren über die Hamburgische Kaufmannschaft auf- 
würfen. Da die Gesandten in dem ersten Fall ihre Missbilligung 
darüber geäussert hatten, dass die Stadt einem rechts- und verti-agswidrigen 
Handel Zuflucht gewähre, so verwies der Rath darauf, dass die Elbe ein 
allgemeiner freier Strom des deutschen Reiches sei, dass nur dem Kaiser 
und den Reichsfürsten zustehe, den Verkehr auf demselben einzu- 
schränken, und dass daher die Hamburger alle Schiffe, die weder Reichs- 
feinden noch Seeräubern angehörten, in ihrem Hafen zulassen müssten. 
Diese Haltung des Hamburger Raths fand anfänglicli die volle Billigung 
des Kaisers; auch erklärte dieser ausdrücklich (12. Januar 1732), nicht 
dulden zu wollen, „dass die Freiheit eines zum römischen Reiche gehörigen 
Hafens gekränkt oder die Einwohner der Reichsstadt Hamburg wegen 
Vertheidigung solcher Freiheit von andern Mächten beunruhigt würden." 
Doch bald genug führte der kaiserliche Hof, dem Druck der Seemächte 
nachgebend, eine andere Sprache. Am 1. October 1732 forderte er, dass 
der Rath die Ladung des Schiffes „Marie Armande", soweit sie der ehemaligen 
Compagnie von Ostende oder seinen unter dem Verbot begriffenen Erb- 
unterthanen angehöre, bis auf weitere Verfügung sequestrire. Obwohl nun 
wenigstens nach Hamburgischer Auffassung die Voraussetzung dieses Befehles 
nicht zutraf, da laut dem Connossement die Ladung von dem spanischen 
Absender auf seine Rechnung und „als sein propres Gut" an eine 
Hamburgische Fiima geschickt worden war, so fühlten sich doch die 
Gesandten Englands und Hollands durch den Beistand des Kaisers 
ermuthigt, eine noch gebieterischere Sprache zu führen. Sie drohten damit, 
dass englische und holländische Fregatten vor der Eibmündung 
erscheinen würden, und sie verlangten, der Rath solle das Versprechen 
abgeben, den verbotenen Handel mit Ostindien weder in directer noch 
in indirecter Weise begünstigen und demgemäss nur solche ostindische 
VT'aaren zulassen zu wollen, die mit guten Certificaten versehen wären, 
aus denen ersichtlich, dass sie von den öffentlichen Verkäufen der privile- 
girten Compagnien Englands und Hollands herrührten. Der Rath war der 
Ansicht, dass sich die Seemächte durch solche übertriebenen Forderungen 
ins Unrecht gesetzt hätten. Nicht nur im eigenen Interesse, sondern 
gleichsam auch um gegen eine für das ganze Reich nachtheilige und 
demüthigende Abhängigkeit des deutschen Handels von auswärtigen Mächten 
zu protestiren, verfügte er im Einvernehmen mit der Bürgerschaft den 
Verkauf der Ladung des genannten Schiffes. Merkwürdig genug aber, 



94 

dass sich der Kaiser den Seemächten gegenüber aufs neue gefügiger 
zeigte, als Hamburg. Die englische Regierung liess in Wien erklären, man 
würde Gewaltmassregeln gegen Hamburg gern vermeiden, aber man könne 
nicht ruhig ansehen, dass der Vortheil, den man sich von der Aufhebung 
des Haildels der Compagnie von Ostende versprochen, verloren gehe, 
indem er auf einen Ort übertragen werde, wo er für den englischen Handel 
unendlich nachtheiliger sein würde, als er in den Niederlanden hätte sein 
können. Der Kaiser veranlasste hierauf seinen Gesandten in Hamburg, 
den Rath von dieser Kundgebung in Kenntniss zu setzen und ihn zugleich 
zu eimahnen, er möge in Güte aus der Sache zu kommen suchen, andern- 
falls habe er sich alle daraus entstehenden üngelegenheiten und widrigen 
Folgen ifeelbst beizumessen. Nunmehr musste sich der Hamburger Rath 
doch zur Nachgiebigkeit verstehen. Er liess in einem Mandat (vom 
15. Januar 1734) einschärfen, dass dem Verlangen des Kaisers gemäss 
künftig aus Ostindien kommende Schiffe, die der ehemaligen Ostender 
Compagnie oder andern niederländischen Erbunterthanen des Kaisers zu- 
gehörten, nicht mehr zuzulassen seien und auch deren Waaren weder gekauft, 
noch verkauft werden dürften. 

In der Verkündung dieses Mandats lag allerdings noch kein grund- 
sätzlicher Verzicht auf jeden Handel mit Indien. Es lief dem nicht 
zuwider, dass während der nächstfolgenden Jahre wiederholt einzelne 
Gruppen von Hamburgischen Kaufleuten sich mit Projecten befassten, um 
an diesem Handel Antheil zu erhalten. Auch rühmten Vertreter des Ham- 
burger Senats noch geraume Zeit später, dass Hamburg der geschilderten 
Haltung des kaiserlichen Hofes ungeachtet „libertatem navigandi in Indias" 
gegen England und Holland behauptet habe. Thatsächlich aber war es so 
gut wie unmöglich, von dieser Freiheit gegenüber dem durch die Nach- 
giebigkeit des Kaisers verstärkten eigensüchtigen Willen der Seemächte 
Gebrauch zu machen. 

Solche Erfahrungen waren es, die den Hamburger Senat im Jahre 1741 
veranlassten, einer an die Kurfürsten gerichteten Denkschrift die Wehklage 
einzufügen: Die geringe Fürsorge, welche den Hansestädten bisher von 
Reichswegen zu Theil geworden, habe ihre Widersacher so dreist gemacht, 
dass dieselben sie verfolgten und bei ihnen den Meister spielten, als ob 
sie gar nicht zum Reich gehörten. Der Zweck dieser Denkschrift war, 
zu bewirken, dass den Hansestädten durch einen Zusatz zur Wahl- 
capitulation ein kräftigerer Schutz gegen Bedrückungen und Beein- 
trächtigungen garantirt werden möchte. In der That wurde nunmehr für 
die bevorstehende Kaiserwahl die Wahlcapitulation mit einem Zusatz ver- 

^) Nach dem Auszug eines Schreibens von Lord Harrington an Sir Thomas Robinson, 
das dem Erlass des Kaisers an den Eesidenten Kurtzrock vom 29. Novbr. 1733 beigelegt 
ward. Wien. A. 



95 

sehen, durch den das Eeichsoberhaupt verpflichtet wurde, „wie die 
Handlung treibenden Städte überhaupt, also insonderheit die vor anderen 
zum gemeinen Besten zur See traflquirenden Städte Lübeck, Bremen und 
Hamburg bei ihrer Schiffahrt und Handlung, Rechten und Freiheiten dem 
Instrumente pacis gemäss zu erhalten und kräftigst zu schützen.'' Ein 
Erfolg wurde dadurch freilich nicht erreicht. 

Nicht nur während der Regierung des zunächst gewählten Karls VII., 
sondern auch unter Franz I. trat in dem Verhalten der Reichsgewalt 
gegen die Hansestädte keine Veränderung zu Gunsten der letzteren ein. 
Franz I. bekundete allerdings anfänglich für Hamburg sehr freundschaftliche 
Gesinnungen. Er zeigte sich ihren Wünschen entgegenkommend und 
verlieh ihnen u. a. (am 23. December 1746) ein Privileg, dem gemäss die 
Stadt „bei einem erfolgenden Reichskriege die freie Schiffahrt und 
Handlung mit Ausnahme der Contrebande aller Orten, auch in des 
Feindes Landen, sogleich geniessen" und mit Affigirung der Avocatorien 
verschont bleiben sollte. Auch sonst bekundete er ein überaus lebhaftes 
Interesse für den Hamburgischen Handel. Aber zu greifbaren Ergebnissen 
führte das nicht. Sehr werthvoll wäre es für die Hamburger gewesen, 
wenn der kaiserliche Schutz ihren Schiffen im mittelländischen Meere 
Sicherheit gegen die Gewaltthaten der nordafrikanischen Seeräuber 
gewährt hätte. Wenigstens eine gewisse Annäherung an dies Ziel schien 
es zu bedeuten, dass die Städte Hamburg und Lübeck mit in den Vertrag 
aufgenommen wurden, den der Kaiser 1747 mit den Türken abgeschlossen. 
Aber es war darin ausdrücklich bestimmt, dass die Hamburger und 
Lübecker nur dann den Unterthanen des Kaisers gleichgestellt werden 
sollten, wenn sie unter kaiserlicher Flagge führen und mit Pässen des 
Kaisers versehen wären. Da nun die Erwerbung kaiserlicher Seepässe 
mit grossen Kosten verbunden war und die Hamburger, wenn sie aus 
Besorgniss vor den Seeräubern auf die Benutzung der eigenen Flagge 
verzichteten, sich eben so leicht der holländischen, schwedischen u. s. w. 
zu bedienen vermochten, als der kaiserlichen, die ja doch im Grunde die 
österreichische, also auch eine fremde war, so wurde durch jene 
anscheinende Begünstigung die Lage des Hambuigischen Handels im 
mittelländischen Meere in keiner Weise gebessert. Die Stadt entschloss 
sich daher zu dem verhängnissvollen Schritt, nach dem Vorbild so mancher 
anderen Staaten mit dem Dey von Algier (im Februar 1751) einen Frieden 
zu schliessen, der ihr einige Sicherheit vor den Gewaltthätigkeiten der 
Barbaresken in Aussicht stellte, wofür sie sich, von ansehnlichen Ge- 
schenken abgesehen, zu einer jährlichen Lieferung und einer einmaligen 
grösseren Darbietung von Schiffs- und Kriegsmaterial verstehen musste.^) 



Vgl. E. Baasch, Die Hansestädte und die Barbaresken (Kassel 1897) S. 12 ff. 



96 

Was jedoch mächtigere Staaten im Interesse ihres Handels unangefochten 
gethan hatten, wurde Hamburg als schweres Vergehen angerechnet. Das 
Cabinet von Madrid drohte, sich dafür an Hamburg zu rächen, dass dieses 
zu dem unversöhnlichen Feinde der Spanier in ein freundschaftliches Ver- 
hältniss getreten, und bewirkte dadurch, dass die Stadt bereits am 
21. Juli 1752 den siebzehn Monate zuvor mit Algier geschlossenen Vertrag 
für nichtig erklärte. 

In der Hoffnung, die Spanier durch geringere Opfer beschwichtigen 
zu können, hatte Hamburg im November 1751 die Verwendung des 
Kaisers beim spanischen Hofe nachgesucht. In Wien war man jedoch 
über die Hamburger sehr aufgebracht, weil sie unter französischer Ver- 
mittlung mit Algier verhandelt und dem kaiserlichen Hof von dem abge- 
schlossenen Vertrage erst Mittheilung gemacht hatten, als sie durch die 
Angelegenheit in eine missliche Lage gerathen waren. Der kaiserliche 
Gesandte in Hamburg, Graf Raab, wurde daher angewiesen, dem Rath das 
Missfallen der Reichsregierung zu erkennen zu geben. Anderseits ent- 
wickelte der Wiener Hof in der That eine grosse Rührigkeit, fast 
möchte man sagen, eine geräuschvolle Vielgeschäftigkeit, um die Aus- 
söhnung Hamburgs mit Spanien herbeizuführen. Offenbar war Eifersucht 
auf Frankreich, das sich ebenfalls zu Gunsten Hamburgs bemüht hatte, 
dabei die Haupttriebfeder. Von allen Schritten, die der Wiener Hof oder 
der kaiserliche Gesandte in Madrid zu Gunsten der Stadt that, wurde 
Graf Raab aufs genaueste in Kenntniss gesetzt, um sie den Hamburgern 
gegenüber herauszustreichen. Endlich, am 23. December ^ 1752, nach 
erlangtem Ausgleich, hiess es in dem an ihn gerichteten Schreiben: „die 
Stadt möge sich wohl glücklich schätzen, dass kaiserlicher Schutz hiebei 
derselben mit so günstiger Wirkung zu statten gekommen".*) Aber im 
Grunde hatte die mit der französischen wetteifernde kaiserliche Diplomatie 
nichts anderes vermocht, als den Hamburgern die Wege zu ebnen, — um 
sich zu demüthigen. 

Trotzdem hielt man es in Hamburg für geboten, dem Kaiser durch 
eine Rathsdeputation für seine Verwendung zu danken. Sicher hatte diese 
Sendung zur Folge, dass sich die Beziehungen zwischen Hamburg und dem 
Kaiser in der nächsten Zeit wieder recht vertrauensvoll gestalteten, worauf 
allerdings die damals zwischen Hamburg und Preussen obwaltenden Miss- 
verständnisse Einfluss geübt zu haben scheinen. Ein Wandel trat hierin 
in der Periode des siebenjährigen Krieges ein. Es wurde bereits erwähnt, 
welche Nachtheile und Demtithigungen das Bündniss des Kaisers mit 
Frankreich und Russland für Hamburg mit sich brachte. Wie im vorigen 



*) Wien. A. Die oben angedeutete Auffassung wird namentlich auch durch die 
Berichte des dänischen Gesandten v. Johnn bestätigt. 



97 

Abschnitt bereits angedeutet worden, konnte es nicht ausbleiben, dass der 
Respect vor der Reichsgewalt in dieser Zeit erheblich erschüttert wurde; 
aber ganz geschwunden ist er weder damals, noch während der letzten 
Periode des heiligen römischen Reiches. 

Epochemachend war in der Geschichte der Beziehungen Hamburgs 
zum deutschen Reich der Regierungsantritt Josephs II. Die Hamburger 
Rathsdeputirten, die im Jahre 1766 nach Wien kamen, um ihn zu 
beglückwünschen, haben in der nach ihrer Rückkehr erstatteten Relation 
eine Charakteristik des jungen Herrschers entworfen, aus der sich ent- 
nehmen lässt, wie sehr seine Persönlichkeit sie mit Bewunderung und 
Sympathie erfüllte. Zugleich erkannten sie es dankbar an, dass im Gegen- 
satz zu den Anzapfungen, welchen die Hamburger Abgesandten in Wien 
sonst wohl ausgesetzt waren, diesmal keine ausserordentliche Forderung 
an sie gerichtet wurde, obwohl sich dazu mancher Vorwand geboten 
hätte. Von grösserer Wichtigkeit war es, dass Joseph II. bereits im 
Herbst 1766 die Visitation des Reichskammergerichts anordnete. An 
anderer Stelle^) ist von mir ausgeführt worden, wie hierdurch die Ver- 
handlungen angeregt wurden, welche die Beendigung des Immedietäts- 
streites herbeiführten. Formell fand dieser dadurch seinen Abschluss, dass 
der Kaiser am 30. Mai 1769 den Gottorper Vergleich bestätigte, durch 
welchen der Streit um Hamburgs Reichsunmittelbarkeit beendet wurde. 
Dass diese Verhandlungen einen für Hamburg so günstigen Verlauf nahmen, 
ist zum Theil auf die politische Lage im Norden, auf den Einfluss Salderns 
und Bernstorffs, sowie auf die Umsicht und Geschicklichkeit der Männer 
zurückzuführen, die Hamburgs Interessen während der entscheidenden 
Conferenzen vertraten. Als die Hauptuisachen der glücklichen Beendigung 
jenes langwierigen Streites müssen wir aber einerseits die Jahrhunderte 
hindurch bewiesene Standhaftigkeit Hamburgs, anderseits die Haltung der 
Reichsregierung anerkennen, die in dieser Angelegenheit wenigstens seit 
dem westfälischen Frieden der Würde des Reichs nichts vergeben hatte. 

Wie man in Hamburg bisher auf den Zusammenhang mit Kaiser und 
Reich vor allem Weith gelegt hatte, um zur Anerkennung der bestrittenen 
Reichsstandschaft zu gelangen, so erweckte der Wunsch, sich in dem 
Besitz dieses Guts zu behaupten, dass man in solcher Gesinnung verharrte. 

Diese gewiss rühmliche Geneigtheit, den Anforderungen von Kaiser 
und Reich gerecht zu werden, war immerhin recht wesentlich von dem 
verschieden, was wir heute unter Patriotismus verstehen. Wenn die 
Hamburger im vorigen Jahrhundert von Patriotismus redeten, so wollten 
sie damit in der Regel nicht sowohl die Liebe zum deutschen Vaterlande, 
als vielmehr die der Vaterstadt gewidmeten Gesinnungen der Treue und 
Hingebung bezeichnen. 

Jahrbuch der Hamb. Wissenschaftl. Anstalten, Jahrgang XTTT, S. 20. 

7 



98 

Liebe zur Vaterstadt hat mit yerbältnissmässig geringen Aosnahmen 
seit Jahrhunderten das Verhalten derjenigen bestimmt, die an der Spitze 
des heimischen Gemeinwesens standen. Von Liebe zur Vaterstadt zeugten 
die im Laufe des 18. Jahrhunderts stetig an Bedeutung zunehmenden 
gemeinnützigen Bestrebungen des Hamburger Bürgerthums. Wohl mochte 
dieser Localpatriotismus mitunter verzerrt erscheinen, insofern er sich 
vielleicht in Wirklichkeit bei manchen so äusserte, wie bei dem „Grobian" 
(in dem Borkensteinschen Lustspiel „der Bookesbeutel"), der nichts vom 
Reisen in fremde Städte wissen will, weil Hamburg ja doch der grösste 
und beste Ort in der ganzen Welt sei. Der Localpatriotismus mochte 
ferner manchmal auf politischem Gebiete zu engherzigen oder kurzsichtigen 
Entschliessuugen fuhren. Im ganzen wirkte er segensreich, nicht nur 
durch das, was er unmittelbar leistete, sondern weil er die Einzelnen 
daran gewöhnte, ihre Wünsche und Interessen der Wohlfahrt einer 
grösseren Gesammtheit unterzuordnen, und somit Charaktereigenschaften 
grosszog, welche die Hamburger befähigten, später auch den an sie 
herantretenden nationalen Pflichten in vollem Masse zu genügen. 

Zunächst freilich wai- es weniger vaterländische, als vielmehr welt- 
bürgerliche Gesinnung, die dem Particularismus als Gegengewicht oder als 
Ergänzung diente. In kosmopolitischer Richtung wirkte der Handelsbetrieb 
der Hamburger, der im Ausgang des 18. Jahrhunderts sich zum Welt- 
handel zu erweitern begann. Kosmopolitische Anregungen gingen aber 
auch von der deutschen Litteratur aus, zu deren wichtigsten Pflegestätten 
Hamburg im vorigen Jahrhundert gehörte. Die Begeisterung, mit der 
Klopstock in verschiedenen seiner Oden die französische Revolution verheiT- 
lichte, hat insbesondere in seiner Hamburger Umgebung lebhaften Wider- 
hall gefunden. Man glaubte in Hamburg die Freiheit schon zu besitzen, 
welche die Franzosen im stürmischen Kampfe zu erringen suchten. 

„0 dreimal selig unsere Vaterstadt, 

Dass Fried' nnd Freiheit sie Tor stolzen Nationen 

So hoch begnadigt hat!** 

So sang man im Januar 1790 bei der 125jährigen Jubelfeier der 
Commerzdeputation. Also nicht etwa, wie anderswo, in der Hoffnung, 
dass durch die französische Revolution auch die eigene Lage eine Ver- 
besserung erfahren könne, sondern aus uneigennütziger weltbürgerlicher 
Theilnahme jubelte man den französischen ümsturzhelden zu. Doch nicht 
lange währte dieser Enthusiasmus. Wie Klopstock, vor den Blutthaten 
der beginnenden Schreckensherrschaft zurückschaudernd, seine Lobpreisungen 
der Franzosen zurücknahm und wehmüthig klagte, dass ihn des goldenen 
Traumes Morgenglanz nicht mehr umschwebe, so ist auch bei so manchen 
anderen Hamburger Freiheitsfreunden , die frühere Bewunderung der 
Pariser Vorgänge, wenn nicht einer scharfen Verurtheilung, so doch einer 



99 

kühleren und kritischen Denkungsart gewichen. Nur der Leichtgläubigkeit 
oder der Klatschsucht, oder yielleicht auch dem Wunsche, Hamburg bei 
den monarchischen Regierungen in ein möglichst schlechtes Licht zu setzen, 
ist es zuzuschreiben, wenn immer wieder aufs neue ausgesprengt wurde, 
dass in Hamburg Jacobinerclubs tagten, wenn man die Zahl der in 
Hamburg und Altona lebenden Jacobiner auf etliche tausend veranschlagte 
und hochangesehene Kaufleute und selbst Männer, wie Klopstock, Professor 
Busch und den Domhen^n Meyer dazu rechnete, oder wenn gar gemeldet 
wurde, dass der Senat im Handschuh des Nationalconvents stecke, dass 
die Hamburger Marats und Robespierres das grosse Wort führten und die 
Biedermänner in der Minderheit seien. ^) 

Das Einzige, was die entschiedenen Widersacher der französischen 
Revolution der Stadt zur Last legen durften, war ihr Zögern, den Weisungen 
des Wiener Hofes und des niedersächsischen Kreises nachzukommen, als sich 
der Krieg Preussens und Oesterreichs gegen Frankreich in einen Reichskrieg 
verwandelt hatte. Man war in Hamburg darüber nicht im unklaren, 
dass es in diesem Kriege unmöglich sein werde, eine vollständige Neutralität 
zu beobachten, aber man strebte doch dahin, wenigstens einen allzu auf- 
fälligen Bruch mit Frankreich zu vermeiden, nicht aus besonderer 
Sympathie für Frankreich, sondern aus denselben Gründen, die schon in 
den Zeiten Ludwigs XIV. solche Wünsche hervorgerufen hatten. 

Durch Vorstellungen in Wien erlangte man, dass der Stadt die 
Affigirung der kaiserlichen Mandate wider den Reichsfeind erlassen 
wurde; aber vergeblich suchte man die Ausweisung des französischen 
Gesandten, sowie die Befolgung des Inhalts der Inhibitorien, d. h. der wider 
Frankreich gerichteten Handelsverbote, abzulehnen. Am 18. Februar 1793 
sah sich der französische Gesandte, Lehoc, veranlasst, Hamburg zu ver- 
lassen. Die Folge hiervon war ein Embargo auf die in französischen 
Häfen befindlichen Schiffe der Hansestädte, das freilich auf Ansuchen 
französischer Handelskammern sehr bald wieder aufgehoben wurde. Wie 
die Aufrechterhaltung der Handelsbeziehungen zwischen Hamburg und 
Frankreich in jener Zeit für letzteres Land von grosser Wichtigkeit war, 
so entsprach sie begreiflicherweise nicht minder dem Interesse Hamburgs. 
Es hatte deswegen in der letzteren Stadt nicht geringe Bestürzung 
erregt, dass die erwähnten Inhibitorien zwar den Handel mit dem Reichs- 
feinde nicht völlig untersagten, aber, abgesehen von der eigentlichen 
Kriegsmunition, eine ausserordentlich grosse Zahl von Waarengattungen 
(Getreide, Hülsenfrüchte, Heu, Stroh, Hörn- und Klauenvieh, Blei, Salpeter, 



Ueber solche Denunciationen berichtete der preussische Gesandte, Major 
von Goechhausen, seiner Regierung u. a. am 18. Decbr. 1792 und am 31. Januar 1793. 
Berl. A. 



136660 



100 

Schwefel, Kupfer, Messing, Eisen u. s. w.) als Contrebande bezeichneten. 
Nachdem jedoch wiederholte Dispensationsgesuche in Wien abschlägig 
beschieden worden waren, liess man es nicht an pflichtschuldigem Gehorsam 
gegen die Reichsgewalt fehlen. Der Hamburger Senat hatte seit dem 
Frühjahr 1793 umfassende Massregeln getroffen, um durch die allerschärfste 
ControUe jede Uebertretung der kaiserlichen Handelsverbote zu verhüten, 
und er wurde dabei von der Commerzdeputation nachdrücklich unterstützt. 
Trotzdem hielten die Gesandten des Kaisers, Preussens und Englands für 
geboten, auch ihrerseits die Unternehmungen der Hamburgischen Kauf- 
mannschaft zu überwachen. Der kaiserliche Gesandte hatte sich sogar 
mit einem Leinenhändler, der österreichischer Unterthan war, in Verbindung 
gesetzt, um von allen auffälligen Vorkommnissen an der Hamburger Börse 
Kenntniss zu erhalten. Thatsächliche üeberschreitungen der Handels- 
verbote konnten jedoch nur ganz ausnahmsweise zur Anzeige gebracht 
werden. Dagegen fehlte es nicht an verleumderischen Denunciationen, 
durch die nicht nur die Hamburger Kaufleute des Handels mit verbotenen 
Waaren geziehen, sondern sogar die Hamburgischen Behörden beschuldigt 
wurden, solchem strafbaren Treiben Vorschub zu leisten. Nun wird man 
nicht bestreiten können, dass der kaufmännische Speculationsgeist es in 
manchen Fällen verstand, verbotene Unternehmungen allen Controll- 
massregeln zum Trotz durchzuführen. Der beste Wille und die grösste 
Wachsamkeit der Behörden vermochte nicht völlig zu verhindern, dass 
Hamburgische Kaufleute den Franzosen die von der Reichsregierung ver- 
botenen Sendungen aus holsteinischen oder dänischen Häfen zukommen 
Hessen. Es unterliegt aber keinem Zweifel, dass die überwiegende Mehrheit 
der Hamburger Kauf leute sich derartiges nicht zu Schulden kommen liess, 
sondern den kaiserlichen Geboten Gehorsam leistete ~ freilich mit innerem 
Widerstreben, das um so grösser war, als in Hamburg die Ueberzeugung 
vorherrschte, dass durch die vom Reich auferlegten Handelsbeschränkungen 
nicht nur die Stadt selbst, sondern auch weite Kreise des übrigen Deutsch- 
lands geschädigt würden. Man gab daher die Hoffnung nicht auf, dass 
die deutschen Regierungen zu der gleichen Auffassung bekehrt werden 
könnten. 

Als Vertheidiger jener Anschauungen war insbesondere Professor 
Bttsch in verschiedenen seiner Schriften hervorgetreten. Aber dieser galt 
zu sehr für den Anwalt der Hamburgischen Interessen, als dass seine 
Auseinandersetzungen die gewünschte Wirkung zu üben vermocht hätten. 
In den Kreisen der Hamburgischen Kaufmannschaft tauchte daher der 
Gedanke auf, die Feder eines den Hamburgischen Verhältnissen sehr viel 
femer stehenden deutschen Publicisten in den Dienst ihrer Sache zu ziehen. 
Der Vorsitzende der Hamburgischen Commerzdeputation suchte (im September 
1794) den ihm persönlich befreundeten Göttinger Professor Schlözer zu 



101 

bestimmen, eine Denkschrift zu Gunsten der Neutralität des Hamburgischen 
Handels während des damaligen Krieges auszuarbeiten. Schlözer erklärte 
jedoch unter Betheuerung seiner Bereitwilligkeit, „Ihrem — oder viehnehr 
unser aller deutschem Hamburg" zu dienen, das ihm gestellte Ansinnen 
ablehnen zu müssen. Abgesehen davon, dass er als Göttinger Professor den 
Anschauungen der hannoverschen Eegierung nicht zuwider handeln dürfe, 
könne er sich auch von der Berechtigung der Sache, die er veitreten 
solle, nicht überzeugen. Er gesteht, dass, als er im vorausgegangenen 
Winter die Schriften von Busch gelesen, ihm dessen Ansichten eingeleuchtet 
hätten ; nachdem er aber im Sommer die einschlägigen Fragen zum Gegenstand 
eines dreimonatlichen Studiums gemacht, wären unauflösliche Scrupel in ihm 
entstanden. Dass zwei Völker, die mit einander Krieg führten, zugleich ihren 
Handel mit einander fortsetzen sollten, erschien ihm unerhört. Er fragt, 
ob es nicht etwas auffallend Widernatürliches habe, wenn „an einem Ende 
des Vaterlandes (in Zweibrücken, Trier u. s. w.) die vom Convent los- 
gelassenen Hunde Hunderttausende von Landsleuten zerfleischten und am 
anderen Ende Deutsche, Bremer u. s. w. diesen Conventssklaven nach 
Bordeaux in herziger Vertraulichkeit das Benöthigte zuführten und ihnen 
ihren Ueberfluss zu deren Besten abnähmen." Er gibt zu, dass Deutschland 
bei der Unterbrechung des Handels mit Frankreich leide. „Aber", fahrt 
er fort, „das Recht und die natürliche Begierde, zu gewinnen, ist höheren 
und edleren Gefühlen und Pflichten subordinirt. Wenn ein Schuster meinen 
Bruder grausam misshandelte und ich Hesse doch femer bei ihm arbeiten, 
weil er die besten und zugleich wohlfeilsten Schuhe macht, würden Sie 
mich nicht verachten müssen? nicht sagen, ich würfe mich bloss des Geld- 
interesses wegen zu Bassessen weg?" „Sagen Sie mir nicht," so schreibt 
er weiter „dass den Trierer und Bremer für Brüder zu erklären, ein gar 
altfränkischer Gedanke sei. Mir kam's selbst so vor, wie ich vorige 
Woche in den Zeitungen die Correspondenz zwischen Brandenburg, dem 
fränkischen Kreise, dem Bischof von Speier und dem Eeichsfeldmarschall 
las. Nur Hamburg ganz vorzüglich muss ignoriren, dass der Reichsverband 
so lax ist, noch minder agiren, als wäre kein Reichsverband mehr. Ohne 
denselben wäre Hamburg nie Hamburg geworden, ohne denselben hört es 
auf, Hamburg zu sein und wird in den nächsten Generationen ein Nest 
voll reicher Sklaven."*) 



*) Schreiben vom 18. Septbr. 1794 im Comm. A. — Am 7. April 1794 hatte übrigens 
der Senat in Veranlassung der von verscbiedenen Seiten wider Hamburg erhobenen, aller- 
dings nnerwiesenen Beschnldignngen eine erneute Warnung bezüglich des unerlaubten 
Handels an die Commerzdeputation gerichtet, in der es ganz ähnlich, wie in dem Schlözerschen 
Briefe, heisst: „Bei yemünftigem und ruhigem Nachdenken müsse es einem jeden ein- 
leuchten, wie sträflich es sei, wenn zu eben der Zeit, da ein beträchtlicher Theil des 
Eeiches den schrecklichsten feindlichen Verwüstungen und Erpressungen ausgesetzt ist, 



102 

Diese Kundgebung des berühmten Publicisten vermag in mehr als 
einer Hinsicht unser Interesse zu erwecken. Indessen darf nicht übersehen 
werden, ^'^ss die Ansichten, zu denen sich Schlözer bekannte, in Hamburg 
keinesw^j^s unvertreten waren. Insbesondere bezüglich der Anerkennung 
der Wirlitigkeit des Reichsverbandes für Hamburg bestand kein erheblicher 
Untere- hU^n zwischen seinen Anschauungen und dem Verhalten, das die 
Hamburger während dieses ganzen Zeitraumes bekundeten. Man knirschte 
häufig genug unter den Anordnungen des Reiches, durch die das eigene 
Gemeinwesen geschädigt und mit Gefahr bedroht wurde, aber undenkbar 
schien es, sich zu Kaiser und Reich in Widerspruch zu setzen, weil diese 
noch immer die Voraussetzung der selbständigen Existenz Hamburgs 
bildeten. Charakteristisch ist eine Aensserung, die sich in einem Briefe 
von Syndicus Matsen (v. 0. November 1793) an den Grafen Haugwitz findet: 
„Bei dem hiesigen Senat steht der Grundsatz fest, die französische Nation, 
soweit es mit den Reichspflichten bestehen kann, möglichst zu menagiren, 
weil sie uns unendlich schaden kann und die Nation fortdauert, wenngleich 
das Kannibalen -Regiment hoffentlich einmal ein Ende nimmt, bei einer 
Collision der Pflichten aber sich am deutschen Reich als an dem Stamm 
zu halten." 

An Collisionen der Pflichten sollte es allerdings in der Folge nicht 
fehlen. Eine solche ergab sich u. a. im Verlaufe des Jahres 1795, als 
der französische Wohlfahrtsausschuss den Entschluss gefasst hatte, die im 
Jahre 1793 durch die Ausweisung Lehocs abgebrochenen diplomatischen 
Beziehungen zu den Hansestädten wieder anzuknüpfen. Bekanntlich war 
der jener Zeit zur Vertretung der französischen Republik bei den Hanse- 
städten Auserlesene ein Deutsclier, der aus Würtemberg gebürtige 
Karl Reinhard,*) der, durch seine Begeistening für die französische 
Revolution an Frankreich gefesselt, in die Dienste der Republik getreten 
war. Als er am 28. September 1795 in Hamburg eintraf, hatte sich 
Preussen schon seit geraumer Zeit bemüht, die Neutralisirung Nord- 
deutschlands durchzusetzen. Abgesehen aber davon, dass diese Bemühungen 



da Seine Kaiserliche Majestät und die ersten Fürsten des Reiches nicht allein ihre Schätze, 
sondern anch das Blut ihrer Unterthaneu nnd alle ihre Kräfte grossmüthig aufopfern, nm 
das gemeinschaftliche deutsche Vaterland gegen die eindringenden feindlichen Schaaren za 
vertheidigen und in Sicherheit zu setzen, sogar deutsche Bürger diesen Feinden zur Fort- 
setzung ihrer Angriffe durch verhotenen schädlichen Briefwechsel und aUerlei heimliche 
Unterstützung wirksamen Vorschub leisten". (Comm. A.) 

^) Vgl. über diesen das Buch von Wilhelm Lang, Graf Reinhard. Ein deutsch- 
französisches Lebensbild 1761— IS.'H (Bamberg 1896). Die erste Sendung Reinhards nach 
Hamburg ist yon mir in den Hansischen Geschichtsblättem, Jahrgang 1895, auf Grund 
hansestädtischer Archivalien ausführlich behandelt worden. Erst später hatte ich Gelegenheit 
die Archive in Wien und in Paris zu benutzen. Ans dem in diesen neugewonnenen 
Material konnte ich einiges in der folgenden kürzeren Skizze verwerthen. 






103 

noch keineswegs als durchaus erfolgreich anzusehen waren, verharrten 
der Kaiser und ein Theil des Reichs im Kriege mit Frankreich. 
Begi-eiflich erweise ergab sich daher fttr Hamburg aus dieser Sendung eine 
nicht geringe Verlegenheit. Diese wurde anfänglich allerdings dadurch 
etwas verringert, dass die französische Regierung mit der Forderung, 
Reinhard officiell anzuerkennen, zurückhielt. Sie nahm zunächst den 
Standpunkt ein, dass es unter ihrer Würde sei, einem kleinen Staat wie 
Hamburg gegenüber auf eine solche Formalität besonderes Gewicht zu 
legen. Sie wünschte, dass die XJeberreichung des Creditivs als ein Freund- 
schaftsbeweis der französischen Republik hingestellt werde, den Hamburg 
durch Dienstbeflissenheit gegen Fi-ankreich und durch Lossagung von seiner 
bisherigen, den Verbündeten ergebenen Politik erst verdienen müsse. In 
dieser, gleichviel aus welchen Beweggründen stammenden, jedenfalls aber 
dem Hamburgischen Senat willkommenen Behandlung der Anerkennungs- 
frage trat ein Wandel ein, als der kaiserliche Geschäftsträger in Hamburg 
im Auftrage seiner Regierung die Erklärung abgegeben hatte, die Stadt 
werde sich durch eine übereilte und reichsverfassungswidrige Anerkennung 
Reinhards das grösste Missfallen und die gerechte Ahndung des Kaisers 
zuziehen. Nachdem die französische Regierung von dieser Kundgebung 
— wenn auch vielleicht nur in abgeschwächter Form — Kenntniss erhalten, 
wurde es ihr zur Ehrensache, die Anerkennung Reinhards durchzusetzen. 
Am 13. December übersandte der französische Minister des Auswärtigen, 
Delacroix, dem Gesandten ein neues, vom Directorium ausgestelltes Creditiv 
und zugleich den Befehl, Hamburg zu verlassen, wenn es nicht mit der 
gebührenden Achtung aufgenommen werde. Vergeblich bemühte sich der 
Hamburgische Senat, wie auch Reinhard selbst, durch Vorstellungen beim 
Directorium unter Hinweis auf die bedrängte Lage der Stadt die Forderung 
rückgängig zu machen. Es schien in der That, als ob Hamburg jetzt 
nur die Wahl habe, sich mit Frankreich oder mit dem Kaiser und seinen 
Verbündeten zu überwerfen. Der Senat hielt das letztere Uebel für das 
grössere. Er entschied sich am 25. Januar 1796 dahin, die öffentliche 
Anerkennung zu verweigern; doch wurde eine definitive Entscheidung 
dadurch verzögert, dass die Oberalten und Sechziger im entgegengesetzten 
Sinne stimmten und den Antrag stellten, dass die Angelegenheit in An- 
betracht ihrer ausserordentlichen Wichtigkeit an die Bürgerschaft gebracht 
werde. Mittlerweile beschäftigte sich auch die öffentliche Meinung mit 
der erwähnten Frage, und es ist von Interesse zu verfolgen, wie sie in den 
jener Tage erschienenen Flugschriften von verschiedenen Standpunkten 
beleuchtet wurde. 

Eine der damals erschienenen Schriften „Soll und kann Hamburg 
den bevollmächtigten Minister der Frankenrepublik anerkennen?" warnt die 
Hamburger, sich vor allem nicht durch Berufung auf nationale Gesinnungen 



104 

und Interessen gegen Frankreich aufbringen zu lassen. Weder Furcht 
vor Pitt, dem Feinde des Menschengeschlechtes, noch Respect vor der 
Eeichsverfassung dürfe von dem nöthigen Schritt zurückhalten. Der 
Kaiser selbst habe die Reichsverfassung durch verschiedene Handlungen 
verletzt. „Er weiss, dass der alte Stoflf zu derb ist, als dass ihm selbst 
diese grossen Löcher hätten schaden können, und wird es euch wahrlich 
nicht verargen, wenn ihr um eurer Selbsterhaltung willen auch ein kleines 
Löchelchen durch die Constitution macht." 

In viel besonnenerer Weise, als der unbekannte Verfasser dieser 
alsbald nach ihrem Erscheinen vom Senat verbotenen Publication, äussert 
sich Busch über die Anerkennungsfrage in der Schrift : „Darf Hamburg 
imd dürfen die Hansestädte den französischen Gesandten in den jetzigen 
Zeitumständen anerkennen?" Nach einer historischen Zusammenstellung 
der früheren Fälle, in denen Hamburg seine Neutralität in Zeiten eines 
Reichskrieges mehr oder minder vollkommen gewahrt habe, macht Busch 
die auch sonst von ihm erörterte Ansicht geltend, dass Hamburg schon 
um seiner Bank willen die Verpflichtung gegen ganz Deutschland und 
gegen die gesammte handeltreibende Welt habe, sich durch eine weitest 
getriebene Sorgfalt vor politischen Verwickelungen zu hüten, die eine 
feindliche Occupation zur Folge haben könnten. „Das Reichsband ist 
schlaff geworden", heisst es gegen Ende der Schrift. Busch unterlässt 
nicht hinzuzufügen: „Jeder deutsche Patriot wird mit mir wünschen, dass 
es ja nimmer reissen möge." Aber er deutet an, dass es zufolge der 
Lockerung des Reichsverbandes den einzelnen Reichsständen unverwehrt 
sei, auf ihre Sicherheit zu denken. Er schlug daher vor, die Hansestädte 
möchten den französischen Gesandten in ähnlicher Weise anerkennen, wie 
es der dänische Hof kurz zuvor gethan, nämlich so, dass die Erklärung 
weder auf eine engere Verbindung mit der noch bekriegten Nation, noch 
auf sonst etwas deute, was den verbündeten Mächten und dem Reich 
unangenehm sein dürfte. 

Mit voller Entschiedenheit gegen die Anerkennung wandte sich die 
von J. L. von Hess verfasste Broschüre: „Muss Hamburg den französischen 
Minister anerkennen?" Die Nothwendigkeit, das französische Ansinnen 
zurückzuweisen, wird aus dem allereigensten Interesse der Stadt, zugleich 
aber und zwar vornehmlich aus der Verpflichtung gegen das Reich her- 
geleitet. Die in dieser Schrift vertretenen Anschauungen waren auch die 
der Mehrheit des Senats und — man darf es hinzufügen — weiterer 
Kreise der Hamburgischen Bevölkerung. Es ist bemerkenswerth, dass 
man in Hamburg erwartete, auch die auf den 10. März einberufene 
Bürgerschaft werde dafür stimmen, dem französischen Gesandten die 
officielle Anerkennung zu verweigern. Doch ist es dazu nicht gekommen, 
da bereits einige Tage zuvor die Angelegenheit in eine andere Bahn 



105 

gelenkt wurde. Die Commerzdeputation, die von diesem Conflicte, gleich- 
viel nach welcher Richtung die letzte Entscheidung von Senat und Bürger- 
schaft ausfiel, die nachtheiligsten Folgen für Hamburgs Handel und 
Schiffahrt besorgen musste, verfiel auf die Idee, dass ein Vertreter der 
Hamburgischen Kaufmannschaft in Paris erlangen könne, was durch die 
Vermittelung amtlicher Organe bisher vergeblich angestrebt war, nämlich 
das Directorium zu bestimmen, auf die officielle Anerkennung des 
französischen Gesandten zu verzichten. Und in der That wurde auf diese 
Weise die Stadt vorläufig der Gefahr weiterer Verwicklungen enthoben. 
Ende Juni kam ein Vergleich zu Stande. Hamburg musste allerdings nicht 
unerhebliche financielle Opfer bringen ^), erreichte aber daflir, dass das dem 
Befehl des Directoriums gemäss am 12. April auf die in französischen 
Häfen befindlichen Schiffe gelegte Embargo aufgehoben, sowie dass von 
der Anerkennungsforderung bis zum allgemeinen Frieden Abstand genommen 
und Reinhard angewiesen wurde, seinen Sitz in Altona zu nehmen und 
von dort mit dem Senat eine nicht officielle Correspondenz zu unterhalten. 

Selbstverständlich war der Wiener Hof mit dieser Lösung der An- 
gelegenheit nicht einverstanden, und in erhöhtem Masse erregte es seinen 
Unwillen, dass der Hamburger Senat im Frühjahr 1797, bereits nach dem 
Präliminarfrieden von Leoben, durch den nicht einmal der Krieg zwischen 
Oesterreich und Frankreich, geschweige denn der Reichskrieg definitiv 
beendigt war, kein Bedenken mehr hatte, den französischen Gesandten 
officiell anzuerkennen. 

Nicht minder als diese formelle Aussöhnung Hamburgs mit Frankreich 
erregte es den Unwillen der kaiserlichen Regierung, dass die Hansestädte 
sich dem von Preussen zum Schutze des norddeutschen Gebietes ge- 
schaffenen Neutralitätsbunde angeschlossen hatten und für die zur Ver- 
theidigung der Demarcationslinie aufgestellte Observationsarmee alljährlich 
beträchtliche Beiträge lieferten. Der kaiserliche Gesandte in Hamburg 
liess sich angelegen sein, dem Senat klar zu macheu, dass die an Preussen 
gezahlten Summen weggeworfen wären. Er suchte auch sonst wohl Miss- 
trauen gegen Preussen zu erwecken; aber offenen Widerspruch gegen die 
den Hansestädten aufgedrungene Politik zu erheben, schien doch nicht 
zeitgemäss, zumal da der Wiener Hof weder geneigt noch im Stande war, 
während der erneuten Schwierigkeiten, in welche die Hansestädte durch 
die europäischen Ereignisse gerathen waren, ihnen den geringsten Rück- 
halt zu gewähren. Als sich Hamburg 1799 in einer besonders peinlichen 
Lage befand, erhielt der kaiserliche Gesandte von seinem Hofe die An- 
weisung, für den Fall, dass er um seine Meinung befragt werde, sich 
völlig „geschlossen" zu halten. Trotzdem glaubte die Reichsregierung befugt 



Vgl Hans. Geschichtsblätter, Jahrgang 1875. S. 100. 



1 



106 

zu sein, die Hansestädte fort and fort im financiellen Interesse zu den 
Lasten der Reichskriegsführung heranzuziehen. Und sie hatte allen Grund, 
mit dem Entgegenkommen Hamburgs zufrieden zu sein. Im Juli 1800 
konnte der kaiserliche Gesandte constatiren, dass Hamburg seit seiner 
Ankunft im Jahre 1796 dem Reiche die ansehnliche Summe von 
1 339 200 Gulden, davon 259 200 Gulden an Überpflichtigen Beiträgen, 
gesteuert habe. Auch war er unbefangen genug (schon in einem Briefe 
vom Jahre 1799) hervorzuheben, dass solche Leistungen um so anerkennens- 
werther seien, „als nur das schätzbarste Gefühl der Pflicht allein und keine 
wirkliche Anwesenheit irgend eines kriegerischen Schutzes auch in be- 
trächtlicher Entfernung dazu aufmuntern konnte."*) 

Weder die dem Reichsoberhaupt, noch die Preussen gebrachten Opfer 
vemiochten jedoch Hamburg vor der Nothwendigkeit zu bewahren, sich 
im Jahr 1798 aufs neue mit der Begehrlichkeit Frankreichs durch eine 
ansehnliche Tributzahlung abzufinden. Es schien für Hamburg um so mehr 
geboten, sich mit der französischen Republik auf guten Fuss zu stellen, 
als man nicht daran zweifelte, dass diese Macht auf dem Reichsfriedens- 
congress auch bei der Regelung der deutschen Angelegenheiten eine 
entscheidende Stimme haben werde. Bereits seit mehreren Jahren war 
Hambui-g im Verein mit Lübeck und Bremen bemüht gewesen, das 
Interesse der französischen Machthaber nicht minder als das des Wiener 
Hofes für die hanseatischen Desiderien zu erwecken, auf deren Berück- 
sichtigung man beim Abschluss des Reichsfriedens hoffte, und unter 
denen die Bestätigung der Reichsunmittelbarkeit der Hansestädte, sowie 
unbedingte Anerkennung ihrer Neutralität während künftiger Reichskriege 
in erster Linie standen. Abgesehen hiervon war Frankreich, ehe es zum 
Friedensabschluss gekommen war, jeden Augenblick in der Lage, Gewalt- 
massregeln wider Hamburg in Anwendung zu bringen. Vor Angriffen auf 
die Stadt und ihr Gebiet schien allerdings die preussische Militärmacht 
ausreichenden Schutz zu gewähren. Noch gegen Ende des 18. Jahr- 
hunderts gab ein preussischer Diplomat, an die berühmte Kundgebung 
des grossen Kurfürsten erinnernd, die Erklärung ab, sein König werde 
nicht zugeben, dass Frankreich etwas gegen Hamburg unternehme, sondern 
solches ganz ebenso ansehen, als wenn es gegen Berlin gerichtet wäre.*) 
Indessen waren ja die Hansestädte mehr, als die übrigen norddeutschen 
Staaten, auch ausserhalb ihrer durch die Deraarcationslinie gedeckten 
Territorien verwundbar. Bemerkenswerth ist es, dass die preussische 
Regierung im Januar 1798 durch ihren Gesandten den Hansestädten 



*) Ans den Berichten des kaiserlichen Gesandten Yon Bnol zu Schanenstein vom 
22. April 1799 nnd vom 2. Jnli 1800 im Wien. A. 

^ Ans dem Bericht des hanseatischen Agenten Wiggers ans Petersburg vom 
17. März 1799. Lttb. A. 



N 



107 

aasdrücklich zu verstehen gab, wenn Frankreich aufs neue ein Embargo 
auf hanseatische Schiffe lege, so werde Preussen nicht in der Lage sein, 
ihnen thätige Hülfe angedeihen zu lassen. Man empfahl ihnen, sich auf 
gütlichem Wege mit Frankreich abzufinden, wofür der eventuelle Beistand 
des preussischen Gesandten zu Paris in Aussicht gestellt wurde. Den 
gütlichen Weg, das heisst den Weg financiellen Entgegenkommens, konnte 
man freilich auch ohne preussische Hülfe beschreiten. 

Die Summe dessen, was Frankreich, allein in den Jahren 1796 bis 
1798 von Hamburg erpresst hat, ist auf 5 600 000 Mark Banco berechnet 
worden. Es begreift sich, dass solches Schröpfsystem wesentlich dazu 
beitrug, die in Hamburg etwa noch hie und da vorhandene Sympathie für 
Frankreich abzukühlen. Allerdings war noch immer die Ansicht vertreten, 
dass in commercieller Beziehung das Hamburgische und französische 
Interesse zusammenfalle, und man meinte wohl, es sei nur erforderlich, 
dies den Franzosen recht klar auseinander zu setzen, damit sie in Zukunft 
nicht nur Schonung gegen die Stadt übten, sondern auch für die Erhaltung 
ihrer Unabhängigkeit einträten. Aber es fehlte auch nicht an Männern, 
welche das Irrige solcher Hoffnungen durchschauten. 

Als im April 1799 in den Kreisen der Commerzdeputation der 
Voi'schlag erörtert ward, durch ein Memoire, in welchem man die 
Wichtigkeit Hamburgs für den französischen Handel nachzuweisen suchte, 
die französische Eegierung günstig zu stimmen, wurde von mehreren 
Seiten betont, dass man bei den gegenwärtigen Machthabem der Republik 
nur von solchen Argumenten, die mit vollen Geldbeuteln unterstützt 
würden, eine gute Wirkung hoffen könne. Am entschiedensten sprach sich 
der nachmalige Senator Joh. Ernst Friedrich Westphalen gegen den 
Vorschlag aus. Er machte geltend, dass Frankreich zur Zeit nicht einmal 
auf seinen eigenen Handel Rücksicht nehme, dass es überdies Hamburgs 
weder für die Einfuhr noch für die Ausfuhr sonderlich bedürfe, wogegen 
Beweggründe der Politik die Franzosen bestimmen müssten, Hamburgs 
Ruin zu suchen, um auf diese Weise einerseits England einen Stoss zu 
versetzen, anderseits Holland und Brabant zu heben. Wenn von anderer 
Seite die Wichtigkeit der Hamburger Bank für Frankreich hervorgehoben 
war, so bemerkte Westphalen dagegen: „Ein Attachement an unsere 
Bank wird Frankreich beweisen, sobald die republikanischen Arme lang 
genug sind, um die Silberbarren heraus holen zu können."^) 

Dass auch in weiteren Kreisen Hamburgs keine besondere Vorliebe 
für Frankreich herrschte, wie der Stadt noch vor kurzem zum Vorwurf 
gemacht worden war, das bewies die Haltung der Bevölkerung im October 
des Jahres 1800, als Admiral Nelson auf der Heimreise von Italien nach 

1) Comm. A. 



108 

England in dieser Stadt verweilte. Wo immer er erschien, in den Strassen, 
auf der Promenade, im Theater, wnrden dem Sieger von Abukir begeisterte 
Ovationen gebracht. 

Mit allen Völkern in Frieden und Freundschaft zu leben, das war 
noch immer die Losung der Hamburger. Während des gewaltigen Kampfes 
der beiden damals mächtigsten Nationen Europas aber neigte sich die 
Sympathie der Hamburger mehr und mehr England zu. Vorliebe für 
England, ja eine gewisse Anglomanie kam unzweifelhaft in Hamburg um 
die Wende des Jahrhunderts zur Geltung. Von den in manchen anderen 
Theilen Deutschlands schon damals wieder stärker hervorgetretenen 
deutschen Gesinnungen bemerkte man in Hamburg wenig; und doch 
bereitete sich auch hier ein Umschwung vor. Wenn, wie vorhin erwähnt, 
die deutsche Litteratur zeitweilig dazu beigetragen hatte, die kosmo- 
politische Strömung in Hamburg zu verstärken, so darf doch nicht über- 
sehen werden, dass die deutsche Poesie durch und seit Klopstock auch 
auf das nationale Selbstgefühl der Deutschen mächtig eingewirkt hat, und 
dass man fast aller Orten, wo die deutsche Litteratur gepflegt wui'de, 
in der Zeit, da Deutschland als politische Gesammtheit nichts mehr 
bedeutete, sich umsomehr der Gemeinschaft des geistigen Lebens bewnsst 
ward. Es fehlt nicht an Anzeichen dafür, dass dies auch in Hamburg 
der Fall war. Ein kräftigerer Patriotismus aber erwuchs in Hamburg erst 
allmählich während der folgenden Periode, da die Stadt mehr und mehr 
der GewaltheiTSchaft Napoleons anheimfiel. 



ni. Znr GescMclite Hamburgs im Zeitalter Napoleons. 

Ein französischer Staatsmann bezeichnete im Sommer 1798 die deutsche 
Nordseeküste als den für Frankreich wichtigsten Theil des Erdballes.*) 
Eine auffällige Aeusserung. Man sollte meinen, für die Franzosen wäre 
— von dem eigenen Territorium abgeselien — keine Strecke Landes 
wichtiger gewesen, als das linke Rheinufer, dessen Erringung ein von 
allen französischen Patrioten seit langem heiss ersehntes Ziel war. Doch 
dieser schöne Landstrich war im Jahre 1798 thatsächlich im Besitz der 
FranzDsen, wenn auch noch nicht endgültig abgetreten; und bekanntlich 
äussert sich auch auf politischem Gebiete nur gar zu oft die Schwäche 
der Menschen, höher zu stellen, was sie begehren, als was sie in Händen 
haben, unvergleichliche Vortheile schien den Franzosen die Besitz- 
ergreifung des nordwestdeutschen Küstengebietes in Aussicht zu stellen: 
die Eindämmung der preussischen Macht, die Beherrschung wichtiger 

Prenssen und Frankreich von 1795 bis 1807. Diplomatisclie Correspondenzen, 
herausgegeben von Panl BaiUen. Band 1, S. 481. 



109 

deutscher Stromgebiete, die Möglichkeit, durch Herstellung eines Canals 
zwischen Rhein und Elbe Frankreich mit dem Ostseegebiete in Verbindung 
zu setzen, wovon man sich, wie eine Denkschrift jener Tage ausführt, 
für die Versorgung der französischen Marine und für den Absatz der 
französischen Producte den erheblichsten Nutzen versprach. Die Hauptsache 
aber war, dass man auf diese Weise den Engländern, denen man nicht 
unmittelbar zu Leibe zu gehen vermochte, wenigstens indirect empfindlichen 
Schaden zufügen zu können hoffte. Man glaubte, England zu treffen, wenn man 
das Kurfurstenthum Hannover und die Hansestädte vergewaltigte. Obwohl 
England auf die hannoversche Politik einen nicht geringen Einfluss übte 
und es überhaupt dem Sachverhalt nicht entspricht, das Verhältniss 
zwischen England und dem Kurfurstenthum Hannover als eine reine 
Personalunion aufzufassen, so wurde doch anderseits die Bedeutung Han- 
novers für die englische Regierung von den Franzosen stark überschätzt. 
Sicher gingen sie fehl, wenn sie meinten, dass die Occupation dieses Landes 
die Engländer zur Herausgabe der französischen Zuckerinseln bestimmen, oder 
dass — wie eine Denkschrift sich ausdrückt — Georg der Brite sich aus 
Gefälligkeit für Georg den Hannoveraner zum Frieden bequemen werde. 
Aber auch wenn dieser Erfolg nicht erreicht wiu'de, erschien die Besetzung 
Hannovers als ein wirksames Kriegsmittel, insofern sie den Franzosen 
ennöglichte, den Engländeni die Verbindung mit der Weser und der 
Elbe abzuschneiden, eine Massregel, zu deren Vervollständigung gehörte, 
dass man auch Bremen und Hamburg besetzte oder doch wenigstens in 
Abhängigkeit von dem französischen Machtgebot brachte. 

Bereits zu den Zeiten des Nationalconvents war von den Franzosen 
gelegentlich gegen Hamburg der Vorwurf erhoben worden, dass es 
Frankreich durch parteiische Begünstigung des englischen Handels benach- 
theilige. Es begreift sich, dass diese Klage nach dem Jahre 1795 in 
verstärktem Masse wiederkehrte; denn seitdem Holland in politische und 
wirthschaftliche Abhängigkeit von Frankreich gerathen, wurde der eng- 
lische Handel mit dem Continent fast ausschliesslich von den Hansestädten 
vermittelt. Vergegenwärtigt man sich überhaupt, dass nach einer Angabe 
des Commercial- Agenten Patrick Colquhoun in London der Werth der 
britischen Ausfuhr nach Hamburg in dem Zeitraum von neun Jahren 
des letzten Kriegs nicht weniger als 70 Millionen Pfund Sterling betrug, 
und dass allein der Werth der Ausfuhr von englischen Manufacturwaaren 
nach Hambui'g in dieser Zeit von zwei bis auf acht Millionen jährlich 
angewachsen war,^) so wird man es nicht ganz ungerechtfertigt finden, wenn 
Bonaparte in seinem Bericht an das Directorium vom 23. Februar 1798 unter 
den verschiedenen zur Bekämpfung der verhassten Briten diensamen Projecten 

Nach einem Aufsatz vom Anfang d. J. 1S05. Es ist selbstverständlich der Zeit- 
raum vor Beginn der Eibblockade gemeint. Comm. A. 



110 

auch das anführte, nicht nur Hannover, sondern aach Hamburg „England zu 
entreissen^. Zur Ausführung eines solchen Unternehmens ist es damals be- 
kanntlich nicht gekommen, theils weil die gleichzeitig ins Auge gefasste 
Expedition nach Aegypten Bonapartes Phantasie in ganz anderer Weise zu 
locken vermochte, theils weil Preussen den entschiedenen Willen bekundet 
hatte, die Unversehrtheit des von der Demarcationslinie umschlossenen nord- 
deutschen Gebietes aufrecht zu erhalten, und jener Zeit weder Bonaparte 
noch das französische Directorium geneigt war, es auf einen Bruch mit 
Preussen ankommen zu lassen. Erst im Jahre 1803 war die Achtung des 
damaligeh ersten Consuls vor dem Staate Friedrichs des Grossen so weit 
gesunken, dass er, in dessen unmittelbare Macht- und Interessensphäre über- 
greifend, Hannover und das Hamburgische Amt Ritzebflttel besetzen liess. 
Doch schon vorher war es zwischen Bonaparte und Hamburg zu manchen 
für diese Stadt nicht eben erfreulichen Berührungen gekommen. 

Als im Herbste des Jahres 1799 der Hamburger Senat, den Drohungen 
Englands und den Gewaltthätigkeiten Russlands weichend, vier irländische 
Flüchtlinge, von denen zwei, Napper Tandy und Blackwell, mit französischen 
Officierspatenten versehen waren, der britischen Regierung ausgeliefert und 
dies Verfahren in einem ausführlichen, an die drei Consuln der französischen 
Republik gerichteten Schreiben zu entschuldigen versucht hatte, schrieb 
Bonaparte an die Bürgermeister und den Rath der Stadt zurück: Ihr Schreiben 
rechtfertige sie niclit. Sie hätten die Gastfreundschaft verletzt. Das wäre 
nicht unter den barbarischen Horden der Wüste geschehen. Das Blut der 
beiden Unglücklichen werde ihren Verfolgern mehr Unheil zuziehen, als 
eine Armee vermocht hätte. Nicht nur diese Antwort, sondern auch das 
Hamburgische Entschuldigungsschreiben liess Bonaparte im „Moniteur" 
abdrucken. Die VeiöiFentlichung des letzteren war offenbar ein Act 
raffinirter Bosheit. Denn der Hamburger Rath hatte nicht unterlassen, 
um sein Verfahren gegen die Irländer Frankreich gegenüber in ein 
milderes Licht zu rücken, einen guten Theil der Verantwortung auf 
England, Russland, den Kaiser und Preussen abzuwälzen, von denen die 
beiden ersten die Auslieferung kategorisch gefordert, das letztere aber 
Hamburg im Stich gelassen hatte, indem es sich geweigert, einen 
Schiedsspruch zu fällen oder sich sonst irgendwie in diese heikle 
Allgelegenheit einzumisclien. 

Es entsprach der bekannten Friedenspolitik Friedrich Wilhelms III., 
dass er, trotz seiner Stellung als Director des niedersächsischen Kreises und 
Garant der norddeutschen Neutralität, nicht geneigt gewesen, sich, um 
Hamburg aus der Verlegenheit zu helfen, mit der einen oder anderen der 
beiden grossen kriegführenden Parteien zu tiberwerfen. Immerhin bemühte 
er sich nachträglich, durch diplomatische Intervention den Zorn der 
französischen Regierung wider Hamburg zu beschwichtigen. Thatsächlich 



111 

wurde bereits Anfang 1800 das noch vom Directorium in einem Decret vom 
9. October 1799 über die Hambnrgischen Schiffe in französischen Häfen 
verhängte Embargo wieder aufgehoben, was freilich auch dem Interesse des 
französischen Handels entsprach und u. a. von der Kaufmannschaft in 
Bordeaux befdrwortet wurde. Die diplomatischen Beziehungen zwischen 
Frankreich und Hamburg aber, deren Abbruch jenes Decret vom 9. October 
ebenfalls verfügt hatte, wurden erst im Jahre 1802 wieder hergestellt. In der 
Zwischenzeit blieb das Yerhältniss zwischen Frankreich und Hamburg ein 
sehr gespanntes, was zu um so grösserer Besorgniss Anlass geben mnsste, 
als gerade dieser Zeitraum ein für die Zukunft Hamburgs ausserordentlich 
kritischer war. 

Am 29. März 1801 wurde die Stadt von einer dänischen Truppen- 
abtheilung unter Führung des Prinzen Karl von Hessen besetzt. Es 
war dies eine der verschiedenen Massnahmen, durch welche die aufs 
neue zum Schutze des Rechtes der Neutralität auf dem Meere verbündeten 
Mächte, Russland, Dänemark, Schweden und Preussen, der britischen 
Regierung Schach bieten und sie womöglich zur Anerkennung der von 
ihnen verfochtenen völkerrechtlichen Grundsätze bestimmen wollten. So- 
wohl von dänischer, wie auch von preussischer Seite wurde der Stadt die 
Yei-sicherung gegeben, dass es nur auf eine vorübergehende Besetzung 
abgesehen sei, dass nicht die Unabhängigkeit der Stadt, sondern nur ihr 
Handel mit England getroffen werden solle. Doch wurde man dadurch 
keineswegs völlig beruhigt, zumal gerüchtweise verlautete, dass Paul I., 
der in der letzten Zeit seiner Regierung ein ebenso fanatischer Feind 
Englands, wie zuvor Frankreichs war, dem König von Dänemark als Lohn 
für seinen Antheil an der gemeinsamen Action wider Grossbritannien den 
Besitz von Hamburg mitsammt seinem Gebiete verheissen hatte. Durch 
die Ermordung des Zaren war allerdings die Situation wesentlich geändert, 
keineswegs aber alle Gefahr beseitigt worden. Nicht geringes Aufsehen 
erregte in Hamburg eine Schrift, die den Titel führte: „Was könnte 
Hamburg im jetzigen Zeitraum zu seinem besten Glücke thun?", in der 
den Hambm'gem angerathen wurde, in Anbetracht der Hülflosigkeit, in 
der sich die Stadt während der grossen europäischen Conflicte befinde, 
den König von Dänemark als Schutzherm anzuerkennen.*) Als Verfasser 
dieser Schrift galt der Altonaer Etatsrath Lawaetz. Nicht unmöglich 
ist es, dass er seine Publication im Auftrage von Karl von Hessen verfasst 
hat.*) Dass diese den Anschauungen des Prinzen entsprach, ergibt sich 



*) Den hier ausgesprochenen Ansichten trat J. L. von Hess in seiner bekannten 
Schrift „Hamburgs bestes Glück nicht von aussen" entgegen. 

^ Verwandte Anschauungen sind übrigens auch in der Zeitschrift „Genius des 
19. Jahrhunderts'', Band 5, S. 229 angedeutet; sie wurden in der Zeitschrift „Hamburg 
mnd Altena'', Jahrg. 1S02, Band 4, S. 354 ff. zurückgewiesen. 



112 



sich im A n«?*; o!?f . *'«'^a°nt«n AdjutÄnten Bonapartes, Lavalette, der 

Consnk tl7 „V. '°, ^^"^^"^g a°fl»ielfc- Diesem Vertrauensmann des ereten 

wlTh^l^Tu^' ^'*"^** ^°^ ^^^ "^Ji<=h ««>"« geheimsten politischen 

aT dat%' f '\^ '"^'°- ^*^ ^'"« M*l <*«°tete er nur im allgemeinen 

lekhtll Q? r' ^°^'^^' ^'^ glänzenden Stellung, in der es sich befinde, 

diPsp, r. ^- ° ^*'' I^^oemark für die Opfer zu entschädigen, welche 

Enirlir t f*"*«'»«*"»« Sache, nämlich die Bekämpfung der üebennacht 

eiJllT'A . ^^^'^' ^''^^''''^^ ''«^«- ^^ zweite Mal rilckte er nach 

dass mn"^""? deutlicher mit der Sprache heraus. Er bekannte offen, 

bec-Phr« T . '"^"'^' ^^^^""^ ""'l Lauenbui^ als Entschädigung 

zu vJif- ",- ^'' *"sdrilcklich, den ersten Consul von diesem Wunsche 

BefZt^T . ^*"" °'*° Hamburg erlange, so werde man die 

übrilTr'" i?''. ^^'*^* "^''^ ^«'- ^It«»*^»- Seite niederlegen, ihr im 
UM h.lT *"^^*<''>t« lassen; der König werde sich mit dem Herrscher- 

zu verSn ^°' ' *''*'^** ^'"^ *!«'• ^'»^ so bescheiden aus, um 

bemerkte P l """" ^^^^"^^^^ den fetten Bissen missgönne. Schliessüch 
würde abp "'^ 1^ "**" *'^^® ^"l*!' 'l*^^ Preussen nicht einverstanden sein 
brineen >r''w" '^^'^ ®''^^^" ^°"^"'^ ^«'"^e sei° Murren zum Schweigen 

sind wir" Icpin ""," ^'■^"'"^ ^'^ Verhältnisse in Dänemark damals lagen, 
ohne weit^rrf "^^^^ l>erechtigt, von den Aeusserungeu des Prinzen von Hessen 
des Ministeriums ,!'l,r^'"""^'° der Regierung, d. h. des Kronprinzen und 
und Lübeck, ffl! !"..''*''*''*'f «»' «m so weniger, als die Erwerbung Hambui^s 
zu haben sei eln^M 'T? '" '''" Lieblingsideen Karis von Hessen gehört 
Besetzung dieser St'idf-r u^^' ^^^ *' ^^ dänischen Interesse, die 
die Action ^el f möglichst lange fortdauern zu lassen, auch nachdem 
worden war F f m*^ ^^''^'^^ ^'^^'^^ ^'"®" Waffenstillstand beendet 

der Frieden von T*™^ II ^^^^ »tizuwarten, welche Gebietsveränderungen 
Seit geraumer Zeit 317. T "l?"*"«''«» ^«'che zur Folge haben werde, 
weltlichen Fürsten , "*^^^' <l*ss als Entschädigungsmaterial für die 
die geistlichen FürJ fi?" ^'"^^" «''einufer Einbusse erlitten, nicht nur 
Ob alle ReichsstädridT^." '^"^''^ *"'•* Reichsstädte dienen sollten, 
waren, konnte damal« • f kleineren dem Untergange vertrauen 

dass wenigsten, die M"^'"^" '^'^'^^"- *'"'" wahrscheinlich musste gelten, 
interessirt waren die h^?'f , ' *" '^^^^'^ Existenz so viele Staaten 
aber auch diese' aus I?p •? Umwälzung überdauern würden. Sollten 
schwinden, so gebührte 1- , "^^^ selbständigen Glieder des Reiches 
^hr.G.vonBemstoi-ff-„„fu . '" Auffassung des dänischen Ministers 
" TbTV"" ^"^ ^'^ ""** ^"^''^ ^^"^ ^'^°^ ^''^ Dänemark 

^er ^^;^£^)rZ'':o^^ -- 20. «M 24. Genninal des Jahr. IX 

riclxtetA , '' '■^^O'e Pläne de« i.^^ ^°^- ^^""^«^ ^"«'^' A.) 
«»•tete de, bäuerliche Gesandte :S-.<^-e «^«^t -* Dänemirk zu vereinigen, be- 

« aamburg, Baron Binder, den 22. Auei 



August 17S9. Wien. A- 



118 

der erste Ansprach. Dieser Ansicht hatte er in den Weisungen an die 
dänischen Gesandten in Paris und Petersburg Ausdruck gegeben.^) Es 
berührte daher am Kopenhagener Hof aufs unangenehmste, als der preussische 
Gesandte in Kopenhagen dem Auftrage seiner Kegierung gemäss in 
nachdrücklicher, ja selbst in drohender Weise auf die Räumung Hamburgs 
drang. Indessen fügte man sich, und am 23. Mai wurde Hamburg zum grossen 
Jubel der dortigen Bevölkerung von den dänischen Truppen verlassen. Der 
dänische Kronprinz fand bald darauf Gelegenheit, sich über die Rücksichts- 
losigkeit Preussens im Gespräch mit Lauriston, einem in besonderer Mission 
nach Kopenhagen gesandten Adjutanten des ersten Consuls, aufs bitterste 
zu beschweren, und Eonaparte benutzte den nächsten sich bietenden Anlass, 
um in einer für Preussen beleidigenden Weise kund zu thun, dass er das 
A'^erfahren des Berliner Cabinets gegen Dänemark missbillige.*) Immerhin 
scheint der Gedanke, Hamburg den Dänen preiszugeben, ihm femgelegen 
zu haben. Zunächst richtete er vielmehr nach dem Beispiel des Directoriums 
sein Absehen darauf, die Hülflosigkeit der Stadt zum Besten seiner 
Finanzen auszunutzen. 

Am 16. März 1801 hatte ein Courier ein Schreiben Talleyrands in 
Hamburg überreicht, in dem dieser Minister im Auftrage des ersten Consuls 
Beschwerde über einen Hamburgischen Kaufmann führte, von dem es 
hiess, dass er mit der französischen Regierung Geschäfte gemacht und sie 
dabei um vier Millionen übervortheilt habe. Diese vier Millionen — so 
forderte Talleyrand — sollten vom Hamburger Senat, der sich deswegen 



In dem Erlass an den Gesandten in Paris vom 25. April ISOl heisst es: 
Je snppose qne Votre Excellence a eu connaissance d^nn plan que rEmpereor Paul ler 
nous a commnniqn^ ainsi qn'ä la conr de Berlin sons le nom de son nltimatnm. Snivant 
ce plan qne Tanimosit^ contre TAngleterre avoit dict6, le pays de Hanovre devoit 6tre 
occnp6 par le roi de Pmsse et r6nni ä jamais anx ^tats prnssiens, la ville de Hambonrg 
ayec son territoire 6toit destiuee ä, servir de d6dommagement an Dannemarc. Nons 
n^avons pas 6t6 ^blonis par Tavantage apparent qne ce projet nons offroit, nons y avons 
plutOt Tn nn lenrre an moyeu duqnel le Monarqne defnnt avoit compt6 rendre le 
Dannemarc Tinstniment de sa haine passionnee contre TAngleterre. Nons avons tonjonrs 
regard6 le principe de l'inviolabilite et de Tind^pendance de chaqne £tat, grand on petit, 
comme la premi^re base de la süret^ generale et comme le fondement le plns solide de 
tonte Fassociation politiqne des diiferens gonvememens de TEnrope et nons sommes trop 
attach6s ä ce principe ponr acc^der 16g^rement ä des plans fond6s snr la violence et 
Tnsnrpation. Si nons savions cependant que par nn accord entre les pnissances qni dans 
le moment präsent exercent nne inflnence d^cisive snr les affaires de TAllemagne, la 
destmction de la libert6 de tontes les villes imperiales 6toit irr6vocablement arretße, 
nons croirions sans donte devoir insister sur Tacqnisition des villes de Hambonrg et de 
Lnbeck qne nons ne sanrions voir passer sons la domination d'ancnne antre pnissance, 
sans en redonter ponr nons les inconv^niens et les dangers les plns 6videns. 
Kopbg. Answ. A. 

2) Vgl. (Sybels) Historische Zeitschrift, Band 62, S. 7. 

8 



114 

nachträglich an jenen Kaufmann halten könne, der französischen, 
Kegierung entrichtet werden, und zwar die erste Hälfte im nächsten 
Monat, die andere Hälfte nach sechs Monaten. Diese Zumuthung erregte 
in Hamburg begreiflicherweise das grösste Befremden. Es schien ebenso 
sehr aller Billigkeit zu widerstreiten, dass der Bath die französische 
Regierung flir den ihr angeblich durch einen Hamburgischen Privatmann 
zugefügten Verlust schadlos halten, wie dass er den letzteren, ohne dass 
Verhör und Untersuchung vorausgegangen, als schuldig betrachten sollte. 
Der Rath erklärte sich daher nur bereit, sofort eine Commission ein- 
zusetzen, um den Sachverhalt so schleunig wie möglich aufzuklären. 
Zugleich ersuchte er die französische Regierung darum, einen Bevoll- 
mächtigten nach Hamburg zu schicken. Aber bald musste man erkennen, 
dass dadurch Bonaparte nicht Genüge geleistet werde, und dass es sich 
überhaupt weniger um einen Rechtsanspruch, als um eine Ausbeutung 
der Situation handle. Ebenso wenig konnte man sich verbergen, 
dass bei der durch den Frieden von Luneville nothwendig gewordenen 
Neuordnung der Verhältnisse des deutschen Reiches niemand eine 
gewichtigere Stimme hatte, als ßonaparte. . Die Unabhängigkeit Hamburgs 
gerieth daher in die äusserste Gefahr, wenn es nicht gelang, ihn 
zufrieden zu stellen. Nachdem viele Monate lang vergeblich verhandelt 
worden, gelang es endlich im April 1802, ein Abkommen zu treffen. Unter 
der Mitwirkung Talleyrands, der zum Dank dafür nach dem leidigen 
Brauch der Zeit von Hamburg mit acht schönen Pferden und 300 Flaschen 
Wein aus dem Rathskeller beschenkt wurde, ward der Friede zwischen 
Frankreich und Hamburg wiederhergestellt, und im Juni erschien aufe 
neue ein französischer Gesandter in Hamburg. Es war der von seiner 
früheren Mission (1795 — 98) wohlbekannte, wegen seiner Charakter- 
eigenschaften und seiner geistigen Bildung geschätzte Schwabe Reinhard. 

Auf Jahre der Sorge und der beständigen Beunruhigung schien nunmehr 
eine Zeit dauernden Friedens folgen zu sollen. Der jüngste Reichsschluss 
vom Jahre 1803 sicherte Hamburg die Erhaltung seiner Unabhängigkeit, 
den Besitz des Domgebietes, das sich seit 1719 unter hannoverscher 
Hoheit befunden, und endlich — wonach die Stadt sich seit dem 17. Jahr- 
hundert vergeblich gesehnt hatte — die unbedingte Anerkennung ihrer 
Neutralität in allen künftigen Reichskriegen. 

Einen wie geringen Werth diese Neutralitätszusicherung hatte, sollten 
die Hamburger freilich bald genug erfahren. 

Als im Frühjahr 1803 Bonaparte sich anschickte, die bereits vom 
Nationalconvent und vom Directorium geplante Occupation des Kurfürsten- 
thums Hannover ins Werk zu setzen, Hess er in derselben Instruction 
(vom 22. Mai 1803), die den General Mortier anwies, in das Hannoversche 
einzurücken, diesem zugleich den Befehl ertheilen, sich in Hamburg und 



115 

Bremen alle dort beflndliclien englischen Schiffe, alle dem Feinde gehörigen 
Magazine, sowie sämmtliche dort anwesende englische Matrosen ausliefern 
zu lassen. Wurden auch diese Vorschriften nicht vollstreckt, so er- 
folgte doch bereits Mitte Juni d. J. die Besetzung des Hamburgischen 
Amtes Bitzebttttel, eine Massregel, die, abgesehen von dem Leid, das 
durch sie der unmittelbar geschädigten Landschaft zugefügt wurde, Hamburg 
in zwiefacher Hinsicht aufs empfindlichste traf. Sie hatte die für den 
Hamburgischen Handel so überaus verderbliche englische Eibblockade zur 
Folge und zerriss mit einem Schlage die schöne Illusion, dass die Hanse- 
städte durch die Bestimmungen des jüngsten Reichsschlusses für immer 
aller Kriegsnoth enthoben seien. Da femer die preussischen Bemühungen, 
Bonaparte zur Räumung Cuxhavens zu bewegen, nach einigen vergeblichen 
Anläufen erlahmten, so lag überdies am Tage, dass die Zeiten, in denen 
die Hansestädte an Preussen einen starken Rückhalt hatten, vorüber 
waren. Schon seit dem Juni 1803 befand sich Hamburg innerhalb der 
Machtsphäre Napoleons. 

Den Drohungen der Franzosen weichend, musste sich Hamburg daher 
gleich den anderen Hansestädten dazu verstehen, den hannoverschen 
Landständen ansehnliche Summen darzuleihen, die selbstverständlich nicht 
der Landeswohlfahrt Hannovers, sondern der französischen Militärherrschaft 
in diesem Lande zum Nutzen gereichten. 

Ein Gewaltact besonderer Art war der an dem britischen Geschäfts- 
träger Rumbold verübte, den Napoleon in der Nacht vom 24. auf den 
25. October durch hundert Mann aus Harburg herübergekommener fran- 
zösischer Soldaten in seiner vor den Thoren Hamburgs gelegenen Land- 
, Wohnung aufheben und nach Paris schleppen liess. Napoleon wollte durch 
diesen Streich seinem Groll gegen England Luft machen und insbesondere 
gegen die englischen Diplomaten, die er beschuldigte, sich an Conspirationen 
und Mordplänen wider ihn betheiligt zu haben. Er wollte aller Welt 
kund thun, dass er den englischen Agenten den Schutz des Völkerrechts 
nicht mehr zuerkenne. Zugleich hoffte er, aus den Papieren Rumbolds 
neues Anklagematerial gegen das englische diplomatische Corps entnehmen 
zu können. Der Vorfall rief begreiflicher Weise in Hamburg die grösste 
Bestürzung hervor. Sofort suchte der Senat von dem französischen Ge- 
sandten Aufklärung zu erhalten, während er an die übrigen in Hamburg 
residirenden Diplomaten gleichlautende Noten richtete, in denen er das 
Geschehene mit dem Ausdruck des tiefsten Bedauerns zur Anzeige brachte 
und zugleich verhiess, alle von ihm abhängenden Mittel anzuwenden, um 
die Freilassung der Person und der Effecten des Vergewaltigten zu 
reclamiren. Aber alle Vorstellungen und Beschwerden, die der Senat an 
Reinhard in Hamburg, an Bemadotte in Hannover, an Talleyrand in 
Paris richten liess, waren fruchtlos. Der Streich wäre ja sicher unter- 

8* 



116 

blieben, wenn Napoleon nicht geglaubt hätte, dem wehrlosen Kleinstaat 
Hamburg alles bieten zu können. Dass Preussen, das seit Jahr und 
Tag bei so mancher Verletzung der Neutralität Norddeutschlands ein Auge 
zugedruckt hatte, sich gerade dieser Sache ernstlich annehmen werde, 
war ihm schwerlich in den Sinn gekommen. Einen Bin weis auf Preussens 
Missfallen an dem Attentat beantwortete er mit der prahlerischen 
Bemerkung: er werde, wenn er es für nöthig halte, kein Bedenken tragen, 
Kumbolds Collegen Jackson (den britischen Gesandten am preussischen 
Hofe) durch zehn Gensdarmen unmittelbar vor den Thoren von Berlin auf- 
heben lassen. Anders lautete freilich seine Sprache, als er von der 
thatsächlichen Wirkung, die sein jüngster Gewaltact in Berlin hervor- 
gerufen, Kunde erhalten hatte. Hardenberg, der damals die auswärtigen 
Angelegenheiten in Berlin leitete, war der Ansicht, dass Gründe des Eechts, 
der Ehre und der Klugheit gleichmässig dafür sprächen, gegen diese 
erneute Verletzung des norddeutschen Gebietes Verwahrung einzulegen, 
umsomehr, da Rumbold als Geschäftsträger nicht nur in Hamburg, sondern 
auch bei dem niedersächsischen Kreise, also in gewisser Weise auch bei 
dem König von Preussen beglaubigt gewesen. Unter dem Einfluss Hardenbergs 
entschloss sich daher Friedrich Wilhelm IH., einen Brief an Napoleon zu 
richten, in dem er die Entführung Rumbolds als eine ihm persönlich 
zugefügte Beleidigung hinstellte und weiter ausführte, dass er nach allen 
Seiten hin compromittirt sein werde, wenn er nicht durch die sofortige 
Befreiung Rumbolds Genugthuung erhalte. Dies der wesentliche Inhalt 
des Schreibens, bei dessen Abfassung jede das Selbstgefühl Napoleons 
verletzende Wendung sorgfältig vermieden war. Es ermöglichte dem 
Kaiser einen ehrenvollen Rückzug. Wenn dieser jedoch nicht erfolgte, 
war eine kriegerische Verwickelung schwer zu vermeiden. Krieg mit 
Preussen zu führen, lag aber jener Zeit nicht in dem Plan Napoleons. 
Er zog es daher vor, den Grossmüthigen zu spielen und alsbald der 
Welt zu verkünden, dass Rumbold zufolge der ihm vom König von 
Preussen zu Theil gewordenen Protection freigelassen und über Cherbourg 
nach England zurückgeschickt worden sei. Der Stimmung, in die er 
durch diese unfreiwillige Nachgiebigkeit versetzt wurde, gab er 
mit den Worten Ausdruck: „Der König von Preussen hat mir 
eine schlimme Viertelstunde bereitet; ich könnte sie ihm mit Zinsen 
zurückgeben." Lucchesini, der preussische Gesandte in Paris, der diese 
Aeusserung in einer vertraulichen Depesche vom 26. November 1804 
nach Berlin meldete, gab auch sonst zu verstehen, dass er es für wahr- 
scheinlich halte, Napoleon werde für den ihm von Preussen auferlegten 
Zwang früher oder später Vergeltung üben.^) Was Hamburg betraf, so 

*) Auszüge aus dieser als Note secr^tissime bezeichneten Depesche habe ich in 
(Sybels) Histor. Zeitschrift, Band 62, S. 30—33 mitgetheilt 



117 

wurde es durch die von Preussen bewirkte Erledigung des Zwischenfalles 
von der Sorge befreit, dass England die Regierung der Stadt zur Rechen- 
schaft ziehen werde. Die Redressirung der Gewaltthat war freilich keine 
vollständige. Die Papiere Rumbolds wurden in Paris zurückbehalten. 
Auch hatte er selbst vor seiner Abreise von dort eine Verpflichtung ein- 
gehen müssen, die ihn verhinderte, auf seinen Hamburger Posten zurück- 
zukehren. Er wurde daher im folgenden Jahre durch Edward Thomton 
ersetzt, der zuvor britischer Legationssecretär in Berlin gewesen war. 

Vielleicht hängt auch eine andere Personalveränderung in dem 
diplomatischen Corps zu Hamburg mit dem geschilderten Zwischenfall 
zusammen. In seinem Bericht an TaUeyrand vom 22. October hatte 
Reinhard es als ein Unglück bezeichnet, in die erwähnte Angelegenheit 
eingeweiht worden zu sein. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass ein 
solches Wort, in dem eine Kritik des Verfahrens Napoleons lag, dem 
Gesandten dessen Ungnade zugezogen, obwohl er sichtlich bemüht gewesen 
ist, seinen Freimuth durch die Haltung seiner späteren Depeschen ver- 
gessen zu machen. Thatsache ist es, dass er im Frühjahr 1805 von 
Hamburg abberafen und durch Bourrienne ersetzt wurde. 

Von den Hoffnungen, mit denen man im Jahre 1802 die Ernennung 
Reinhards zum Gesandten beim niedersächsischen Kreise in Hamburg 
begrüsst hatte, war nur wenig in Erfüllung gegangen. Der in seinem 
innersten Wesen ehrenhafte Mann war, um seiner diplomatischen 
Mission gerecht zu werden, zur Verstellung und Hinterlist genöthigt 
worden. Der humane Freiheitsfreund musste sich als Werkzeug eines 
gewaltthätigen Despotismus gebrauchen lassen. Anderseits hatte er seine 
persönliche Uneigennützigkeit nicht verleugnet. Sein Abgang von Hamburg 
war daher für die Stadt ein um so grösserer Verlust, als sein Nachfolger 
schon mit dem Leumund der Habgier belastet nach Hamburg kam und 
während der nächstfolgenden Jahre das Seinige that, um ihn in erhöhtem 
Masse zu verdienen. 

Im übrigen war Bourrienne ein umgänglicher, geschmeidiger Herr, 
der sich in den Hamburgischen Verhältnissen bald zurecht fand und auch 
ein gewisses Wohlwollen für die Hansestädte zur Schau trug. Anfänglich 
wandte er sich den ihm ertheilten Instructionen gemäss vorzugsweise der 
Aufgabe zu, die Emigranten und die Presse in Hamburg zu überwachen. 
Hinsichtlich der Presse geriethen seine Forderungen allerdings gelegentlich 
mit denen anderer Diplomaten in Conflict. Namentlich der russische 
Geschäftsträger, der seinen Bestrebungen, den Hamburgischen Corre- 
spondenten in französischem Sinne zu lenken, entgegentrat und das Blatt 
vielmehr unter russischen Einfluss zu bringen suchte, machte ihm viel zu 
schaffen. Zeitweilig brachte Bourrienne es jedoch dahin, dass die Redaction 
des Correspondenteu ihm die Correcturbogen zur Begutachtung vorlegte. 



118 

Wichtigere Aufgaben fielen Bourrienne zu, als nach dem Pressburger 
Frieden aufs neue Besorgnisse bezüglich des Fortbestandes der Unabhängig- 
keit Hamburgs auftauchten. Durch diesen Frieden war Augsburg, eine der 
sechs Städte, denen der jUngste Eeichsschluss die Beichsunmittelbarkeit 
zugesichert hatte, der Krone Bayern überwiesen worden. Es schien also 
die Befürchtung gerechtfertigt, dass den norddeutschen Eeichsstädten ein 
gleiches Schicksal bevorstehe, zumal von einer beabsichtigten Gebiets- 
erweiterung Preussens verlautete. Von dieser Beunruhigung der Hanse- 
städte suchten die französischen Machthaber Vortheil zu ziehen. In einem 
Erlass vom 25. Februar 1806 wurde Bourrienne von Talleyrand angewiesen, 
die Hansestädte in ihren Besorgnissen vor Preussen zu bestärken und 
zugleich geltend zu machen, dass Frankreich die einzige Macht sei, die 
der preussischen Begehrlichkeit entgegenzutreten vermöge. Er solle des- 
wegen den Städten empfehlen, sich um ein französisches Protectorat zu 
bewerben und sich bereit zu erklären, als Entgelt für den ihnen zu 
gewährenden Schutz eine einmalige Zahlung von sechs Millionen Livres 
zu leisten und überdies während der Dauer des Krieges jährlich zwei 
Millionen zu entrichten. Es zeigte sich jedoch, dass die Städte sich nicht 
in so plumper Weise ins Netz ziehen Hessen. Was konnte widersinniger 
sein, als, um den Schein der Unabhängigkeit zu retten, sich in die Lage 
von abhängigen Tributärstaaten zu begeben! Man richtete ein Schreiben 
an Napoleon, in dem man zwar anscheinend seine Protection, thatsächlich 
aber die Garantie der Stipulationen von 1803 nachsuchte. Ueberdies wurde 
ein ähnliches Gesuch an den Kaiser von Russland gerichtet. 

Durch das Wohlwollen und den gemeinsamen Schutz sämmtlicher 
Grossmächte schien die Zukunft der Hansestädte am ehesten sicher gestellt 
zu sein, weswegen sie jedes besondere Schutzverhältniss als gefährlich 
betrachteten. Es entstand daher für sie eine erneute Verlegenheit, als 
ihnen nicht lange, nachdem Kaiser Franz II. die deutsche Kaiserkrone 
niedergelegt hatte, von dem preussischen Gesandten, dem Freiherm 
von Grote, die erste Andeutung darüber gemacht wurde, dass Preussen 
ihren Beitritt zu dem neu zu begründenden nordischen Reichsbunde erwarte. 
Sie waren weder geneigt, sich einer preussischen Vormacht zu unter- 
werfen, noch auch auf die ihnen 1803 zugestandene Neutralität, die nach 
dem Eintritt in ein preussisch-norddeutsches Bündniss aufs äusserste 
gefährdet schien, zu verzichten. 

Wären übrigens auch die Hansestädte dem Eintritt in den von Preussen 
geplanten Bund günstiger gesinnt gewesen, so hätte daraus doch nichts 
werden können ; denn Napoleon liess bereits Ende August den französischen 
Gesandten in Berlin und in Hamburg seinen Willen kundthun, dass er 
eine Aenderung der politischen Stellung der Hansestädte nicht dulden werde. 



119 

Bekanntlich gehörtie die Gegnerschaft Napoleons dem preussischen 
Bandesplan gegenüber, die am anschaulichsten in seinem Bemühen, den 
Anschluss der Hansestädte zu verhindern, ans Licht trat, zu den Ver- 
anlassungen des preussisch-französischen Krieges von 1806. Während 
dieser sich vorbereitete, pflogen Vertreter der Hansestädte in Lübeck 
Berathungen darüber, wie unter den obwaltenden Zeitverhältnissen das 
uralte Bündniss zu festigen und dadurch widerstandsfähiger zu machen sei. 
Es galt namentlich, sich über einen Ersatz für die in Wegfall gekommenen 
Keichsinstitutionen und über gemeinsame Massnahmen zur Erhaltung der 
hanseatischen Unabhängigkeit, Neutralität und Handelsfreiheit zu ver- 
ständigen. Man war fortdauernd davon überzeugt, dass der Nutzen, den 
die Städte durch ihren Handel sämmtlichen Mächten Europas gewährten, 
die beste Bürgschaft für die Erhaltung ihrer Unabhängigkeit bilde. 
Zugleich aber war es eine Lieblingsvorstellung des Bremer Senators 
Smidt, der auf die Lübecker Berathungen den hervorragendsten Einfluss 
übte, dass die Hansestädte als Asyle des Friedens, als Zufluchtsorte für 
Personen dienen möchten, die sich den Stürmen des Zeitalters zur 
Förderung einer ruhigen, für das Fortschreiten der Wissenschaften und 
Künste heilsamen Thätigkeit entziehen wollten. Inmitten einer von Krieg 
und wilder Leidenschaft erfüllten Welt sollten die Städte gleichsam 
wie glückliche Eilande von aller Noth verschont bleiben; sie sollten für 
unberührbar, für heilig gelten. Während man in diesem Sinne zu Lübeck 
über die realen und idealen Aufgaben der Hansestädte berieth, hatte der 
Krieg zwischen Frankreich und Preussen begonnen. Für den preussischen 
Staat als solchen herrschte noch immer in den Hansestädten wenig 
Sympathie; aber man ahnte, dass der Ausfall dieses Krieges für ganz 
Deutschland verhängnissvoll sein werde. Am 18. October 1806, zu einer 
Zeit, als die Kunde von der Schlacht bei Jena noch nicht nach Hamburg 
gedrungen, die öffentliche Meinung vielmehr durch eine falsche Kunde 
über preussische Erfolge irre geführt wurde, schrieb der dortige 
französische Consul nach Paris, dass schlecht verbürgte Meldungen vom 
Kriegsschauplatze die Gesinnungen der Menschen, in deren Mitte er 
weilte, offenbart hätten. Man wünsche den Sieg der preussischen Waffen, 
nicht aus Sympathie für Preussen an sich, sondern „weil — wie sie sagen — 
Preussen die deutsche Sache vertheidige. Vergeblich stellt man ihnen vor, 
dass Bevölkerungen, die weder denselben Souverän, noch dieselben Gesetze, 
noch dieselben Interessen haben, keine einheitliche Nation ausmachen können. 
Alles, was ihre Sprache redet, gehört nach ihrer Auffassung zu ihrer Nation." 
Der mitgetheilten Aeusserung fügte der Franzose die bemerkenswerthen 
Worte hinzu : Die von ihm wahrgenommene leidenschaftliche Erregung lasse 
die Gefahr hinlänglich erkennen, die sich für Frankreich ergeben würde, 
wenn es die getrennten Glieder dieses grossen Körpers vereinige. 



120 

Es gereicht Hamburg zur Ehre, dass eine derartige Beobachtung in 
dieser Stadt gemacht werden konnte. Immerhin bedurfte es noch harter 
Prüfungen, ehe die nationalen Gesinnungen in den Hansestädten zu voller 
Keife gelangten. Zunächst ging ihr sehnlichster Wunsch noch dahin, auch 
während dieses für Deutschland entscheidenden Krieges neutral zu bleiben. 
Wenn der Resident der Hansestädte, K. W. Woltmann, Mitte September 
dem Grafen Haugwitz erklärt hatte: „kein militärischer Fusstritt müsse 
auf den Grenzen der Hansestädte geschehen, kein Labsal fiii- verwundete 
Krieger von ihnen gefordert werden", so entsprach dies dem hanseatischen 
Standpunkte auch noch in der nächstfolgenden Zeit. Das hinderte 
freilich nicht, dass am 6. November blutige Kämpfe in den Strassen von 
Lübeck ausgefochten wurden, und dass am 19. November die Franzosen 
in Hamburg, am 20. in Bremen einrückten. 

Mancherlei Demüthigungen und Beeinträchtigungen seines Erwerbs- 
lebens waren Hamburg während der letzten Jahre beschieden; doch noch 
im Sommer 1806 hatte Joh. E. F. Westphalen eine begeisterte Schilderung 
der Entwicklung des Hamburgischen Handels im Ausgange des 18. Jahr- 
hunderts entworfen:*) „Hamburgs Flagge wehte im Eothen Meere, am 
Ganges und in China, sie wehte in den Gewässern von Mexico und Peru, 
in Nordamerika, in den holländischen und französischen Inseln und Be- 
sitzungen von Ost- und Westindien. Sie war geachtet in allen Welttheilen, 
und fremde Nationen beneideten uns nicht, dass unsere Schiffe uns die 
Schätze beider Indien zuführten, denn auch zur Beförderung ihres Vortheils 
geschah dieses^; und er hatte dem hinzufügen können: „So ist es noch jetzt 
am Anfang des 19. Jahrhunderts". Freilich vermochte er dabei bange Zukunfts- 
ahnungen nicht völlig zu unterdrücken. Die von ihm geäusserte Besorgniss, 
dass die Grundlage von Hamburgs Wohlfahrt, seine Unabhängigkeit, bedroht 
werden könne, war nur zu bald in Erfüllung gegangen. Seit dem 
November 1806 war Hamburg nur noch dem Namen nach ein selbständiges 
Gemeinwesen. Die alte Verfassung, die alte Obrigkeit bestanden noch 
eine Weile fort, aber Napoleon war der Gebieter Hamburgs. 

Es ist nicht möglich, im einzelnen alle die Leiden zu schildern, 
welche die französische Occupation, die endlose Reihe der Requisitionen 
und die Durchführung der Continentalsperre für Hamburg mit sich brachten. 
Besonders wurde die letztere für Hamburg verhängnissvoll. 

Das Continentalsystem Napoleons war bekanntlich keineswegs — 
wie man es früher oft dargestellt hat — nur ein Ausfluss des Cäsaren- 
wahnsinns, sondern ein in seiner Grossartigkeit und Consequenz staunens- 



*) Aufsatz über Hamburgs Handelsentwicklung, der in den Knopf des St. Petri- 
Kircbthnrms gelegt wnrde, und von dem eine Abschrift sich unter den Beilagen der 
ProtokoUe der Commerzdeputation erhalten hat 



121 

würdiger Versuch, nicht nur durch wfrthschaftliche Massre^eln politische 
Zwecke zu erreichen, sondern ein schwieriges wirthschaftliches Problem 
durch politische und militärische Machtmittel zur Lösung zu bringen. Wie 
in Frankreich und in der Schweiz, so hat auch in Deutschland dieses 
System auf die Entwicklung des Gewerbfleisses vielfach segensreich ein- 
gewirkt; dem Handel der Hansestädte aber konnte es nur zum Verderben 
gereichen. 

Bereits am 20. November 1806 erging von Marschall Mortier, dem Ober- 
befehlshaber der französischen Truppen in Hamburg, ein Schreiben an den 
Senat, in welchem dem Willen Napoleons gemäss vorgeschrieben war, dass 
alle in der Stadt und deren Gebiet befindlichen englischen Waaren versiegelt 
und mit Beschlag belegt werden sollten, sowie dass sämmtliche Banquiers 
und Kaufleute, welche Geld oder Waaren in Händen hätten, die der 
englischen Industrie entstammten, gleichviel ob sie Engländern oder anderen 
gehörten, darüber binnen 24 Stunden eine schriftliche Declaration einzu- 
reichen hätten. 

Wenn man sich vergegenwärtigt, welche Bedeutung der englische 
Handel bisher für Hamburg gehabt hatte, und dass nach ungefährer 
Schätzung sich damals für 50 Millionen Mark Banco Hamburgisches Eigen- 
thum auf dem Meere oder in fremden Ländern befand, das, wenn England 
Eepressalien gebrauchen wollte, für Hamburg verloren war, so begreift 
man, dass diese Befehle die grösste Bestürzung hervorriefen, und dass die 
ausserordentlichsten Anstrengungen gemacht wurden, um den Kaiser zur 
Bücknahme oder doch wenigstens zur Ermässigung der erwähnten und 
ähnlichen Anordnungen zu bestimmen. Mitglieder des Rathes und der 
Commerzdeputation beeilten sich, ihm Vorstellungen zu machen, und folgten 
ihm deshalb bis ins polnische Gebiet. In einer Denkschrift stellten sie 
alles zusammen, was sich vom allgemeinen, wie vom Hamburgischen 
Standpunkte gegen die Massnahmen wider den englischen Handel sagen 
Hess. Bei einer Audienz, die dem Syndicus Doorman vom Kaiser gewährt 
wurde, erklärte dieser jedoch: um England durch Repressalien zum 
Frieden zu bestimmen, sei er gezwungen, Massregeln zu ergreifen, die 
unter anderen Umständen abscheulich und nur der Barbaren und Ostgothen 
würdig sein würden.^) 

Wie erwähnt, musste die barbarische d. h. culturzerstörende Seite 
dieser Politik vor allem die Hansestädte treffen. Nicht an die einzelnen 
im Interesse der Continentalsperre ergriffenen Massregeln, sondern nur an 
ihre Wirkungen kann hier erinnert werden. Zunächst mögen hier die 



*) Der Bericht Doormans ist leider nicht erhalten. Die angegebenen Worte 
werden von dem prenssischen Gesandten, dem Freiherm von Grote, in seinem Bericht 
vom 24. Decbr. 1806 mitgetheilt Berl. A. 



122 

wehmttthigen Worte folgen, mit denen August von Hennings seiner Ein- 
drücke während seines Verweilens an den schönen Eibufern unterhalb 
Altonas gegen Ende des Jahres 1809 gedenkt: „Wie unbeseelt floss die 
Elbe bei Neumühlen; nur die Ebbe und Fluth spielte einsam mit den 
Wellen. Ich hörte am Ufer kein Geräusch als Axt und Säge eines Auf- 
käufers verleckter Schiflfe, der sie am Strande zerschlug. Wer konnte 
ahnen, dass Menschen je das schöne Bild schwellender Segel auf dem 
herrlichen Strome vernichten würden, die sicher von Indien und vom 
Eismeer ihren Tribut hierher brachten, den Menschen zur Ehre und zur 
Freude! Wenn das schöne, sanfte, erhabene, wohlthätige, erfiischende 
Bild wiederhergestellt sein wird, dann wird man schaudern über den 
Vandalismus, der es zerstören konnte, wenigstens ebenso sehr, wie über 
den, der Werke der Kunst zerstört." 

Genauere Mittheilungen über die traurigen Zustände, die jener Zeit 
in Hamburg herrschten, finden sich in einer Denkschrift, die der mehrfach 
genannte Joh. E. F. Westphalen wenige Wochen, nachdem er in den 
Rath gewählt war, an Bourrienne richtete. Er suchte darin nachzuweisen, 
dass die Verluste, die Hamburg seit dem November 1807 durch die 
französischen Einquartierungen und Requisitionen und namentlich durch 
die Störung des Handels erlitten, etwa 91 Millionen Mark Banco betrügen. 
In demselben Schriftstück gab er eine ergreifende Schilderung von dem 
damaligen Nothstande, der ihm als Mitglied der Armenverwaltung vor 
Augen getreten war. In der Versammlung der Armenvorsteher — schreibt 
er — seien Frauen mit zahlreichen Familien erschienen, die vielleicht 10 bis 
20 Jahre von den Familienhäuptem redlich ernährt worden, bis diese 
plötzlich die Ihrigen verlassen hatten, — zum Theil aus Verzweiflung über 
die Nahrungslosigkeit dem Wahnsinn verfallen oder zum Selbstmord 
getrieben. Keine Möglichkeit bestehe mehr, den Armen Ai'beit zu ver- 
schaffen, und bald könne man überhaupt nichts mehr für sie thun. 

Gewiss wird uns diese Darstellung nicht übertrieben erscheinen, 
wenn wir uns vergegenwärtigen,' dass die Schiffahrt so gut wie gänzlich 
eingegangen war, dass der Binnenhandel mit den grössten Schwierigkeiten 
kämpfte, dass, wie Westphalen angibt, die Zuckeraiedereien, die zuvor 
2200 Menschen Beschäftigung gegeben, zwei Drittel ihrer Arbeiter 
entlassen hatten, indess die übrigen nur noch aus Menschenfreundlichkeit 
in Brod erhalten wurden, und dass in anderen Gewerbszweigen ähnliche 
Verhältnisse obwalteten. „Wir sind hier so tief gefallen, dass wir bereits 
auf dem Punkte stehen, das letzte ausgeraubte deutsche Dorf zu beneiden." 
So schrieb Georg Kemer, der seit 1803 als Arzt in Hamburg lebte und 
von 1807 bis 1810 nebenher als Vertrauensmann des Bremischen Senats 
thätig war und als solcher dem Bremischen Senator Smidt über die 
Hamburgischen Zustände berichtete. Anders lautete das Wort, das 



123 

Bounienne zugeschrieben wird: „Die Eeichthümer dieser Stadt sind un- 
erschöpflich, selbst das Pflaster ist hier von Gold." Es scheint freilich, 
dass Bourrienne selbst da Gold aufzutreiben verstand, wo andere nur 
unergiebiges Gestein zu erblicken vermochten. Später legte ihm Napoleon 
bekanntlich zur Last, dass er sich in Hamburg auf unerlaubte Weise 
7— 8 Millionen erworben habe.^) Da er in dieser einträglichen Stelle 
jedenfalls nur verweilen konnte, so lange die Stadt wenigstens dem Namen 
nach ein selbständiges Gemeinwesen blieb, so lag es sicher in seinem 
Interesse, dass ihr durch Angliederung an den Rheinbund eine solche 
nominelle Unabhängigkeit gesichert werde. 

Seit dem Jahre 1807 war von den hansestädtischen Senaten selbst 
wiederholt erwogen worden, ob es sich empfehle, den Eintritt der Städte 
in den Rheinbund zu beantragen. In Bremen hatte sich namentlich 
Senator Smidt, in dessen Ansichten seit 1 806 ein gründlicher Wandel vor- 
gegangen, auf das entschiedenste dafür ausgesprochen. Unter den nun- 
mehrigen Verhältnissen schien ihm eine isolirte Stellung der Hansestädte 
die grösste Gefahr in sich zu bergen. Die Idee der hanseatischen 
Neutralität galt ihm jetzt als eine veraltete und chimärische. Auch war 
ihm ein Anschluss an den Rheinbund schon deswegen willkommen, weil 
dieser, wenn auch nicht alle, so doch den grössten Theil aller Deutschen 
umfasste.*) In Hamburg überwog dagegen offenbar die Rücksicht auf 
England, die Abneigung, sich unaufgefordert neue Fesseln anlegen zu 
lassen, und überhaupt die Scheu vor einem Schritt, dessen Folgen man 
nicht übersehen konnte. Um solchen Bedenken ein Gegengewicht zu 
geben, wandte sich Bourrienne gelegentlich (im Jahre 1 808) an ein Mitglied 
des Hamburgischen Rathes mit den warnenden Worten : Wenn die Städte 
die einzigen sein wollten in ganz Deutschland, die der Protection des 
Kaisers gänzlich entbehren zu können glaubten, so würden sie am Ende 
als das Opfer ihres Eigensinns und ihrer Halsstarrigkeit fallen. Zu einer Zeit, 
wo alle deutschen Staaten, einer nach dem anderen, um die Aufnahme in 
den Rheinbund gebeten, wo fast alle europäischen Mächte, und jetzt selbst der 
König von Spanien, ihr Heil nur aus den Händen des Kaisers erwarteten, 
bekümmerten sich die Städte um nichts. Müsse der Kaiser nicht glauben, 
dass sie eine so unüberwindliche Anhänglichkeit an England hätten, dass sie 
trotz aller erlittenen Drangsale sich nicht im mindesten bewegen Hessen, 
sich seinem System freiwillig anzuschliessen? Er werde sie aus Verdruss dem 
ersten Besten überlassen, der sich die Mühe gäbe, sich um sie zu bewerben.^) 

*) Correspondance de Napoleon I. Band 21, S. 346. Aehnliche Anklagen finden 
sich in demselben Bande S. 85, 100 und 325. 

^ Vgl. Johann Smidt Ein Gedenkbuch znr Säcularfeier seines Geburtstags. (Bremen 
1873.) S. 291—296. 

3) Nach einem Bericht von Senator Smidt vom 14. Mai 1808. Brem. A. 



124 

Obwohl diese Worte zu ernstem Nachdenken Anlass gaben, waren 
sie doch nicht im Stande, in Hamburg das Widerstreben gegen eine 
hanseatische Initiative zur Herbeiführung des Anschlusses zu überwinden. 
Lieber wollte man das gegenwärtige Leid noch eine Weile tragen, als 
einen Schritt thun, von dem man befürchtete, dass er eine künftige Besserung 
der Lage erschweren werde. Dass Napoleon im Sommer des Jahres 1808 daran 
dachte, das nordwestliche Deutschland einschliesslich Hamburgs mit Holland 
zu vereinen, scheint den Hamburgern nicht bekannt geworden zu sein. 
Dieser Plan blieb allerdings unausgeführt, da König Ludwig sich damals 
sträubte, in die Voraussetzung dieser Gebietserweiterung, den Verzicht auf 
die holländischen Provinzen Brabant und Seeland, zu willigen. 

Im Herbst 1809 beschäftigte sich Napoleon aufs neue mit der 
Zukunft der Hansestädte. Am 26. September des Jahres gab er in 
einem aus Schönbrunn an den damaligen Minister des Auswärtigen, den 
Grafen Champagny, gerichteten Schreiben seinen Willen zu erkennen, dass 
bald nach dem Frieden der bisherige provisorische Zustand in Deutschland 
durch eine festere Organisation ersetzt werde. Zu diesem Zwecke schien 
unter anderem erforderlich, dass die politischen Verhältnisse der Hansestädte 
geregelt wüiden. Napoleon bezeichnete es als das Vortheühafteste für 
Frankreich, sie als kaiserliche Städte bestehen zu lassen, ordnete aber im 
übrigen an, dass sie ein Contingent zur Rheinbundsarmee zu stellen hätten. 
Ihm schwebte offenbar der Gedanke vor, dass die Städte sich dem Eheinbund 
anschliessen, also auch ferner ein gewisses Sonderdasein führen, zugleich 
aber in ganz anderer Weise, als die übrigen Rheinbundstaaten, ihn als 
ihren eigentlichen HeiTU betrachten sollten. Er wünschte auf die Verwaltung 
und namentlich auf die Polizei in den Städten Einfluss üben zu können 
und ihre diplomatischen Beziehungen auf die mit Frankreich beschränkt 
zu sehen. Welche Einrichtungen zur Erreichung dieses Zieles im 
einzelnen zu treffen waren, darüber sollte Reinhard, der mittlerweile 
die Gnade Napoleons wieder gewonnen und sein Vertreter am Hofe des 
Königs Jerome in Kassel geworden, sich mit Bourrienne verständigen und 
alsdann dem Kaiser geeignete Vorschläge unterbreiten. Bourrienne war 
als Gesandter in Hamburg nicht völlig zu umgehen, aber es war offenbar 
Napoleons Meinung, dass die Angelegenheit im wesentlichen durch Reinhard 
betrieben werden solle. Dieser suchte dem Vertrauen des Kaisers, zugleich 
aber auch den Interessen der Hansestädte gerecht zu werden, indem er 
zunächst Besprechungen von Deputirten der drei hanseatischen Senate in 
Hamburg veranstaltete. Er wünschte den Hansestädten nur die zur 
Erreichung des kaiserlichen Willens unerlässlichen Opfer aufzuerlegen, 
hoffte aber zugleich ihre Vertreter überreden zu können, dass sie sich mit 
den unter den obwaltenden Umständen nothwendig gewordenen Aenderungen 
der hansestädtischen Institutionen einverstanden erklärten. Zu diesem 



125 

Behufe theilte er am 31. October den Deputirten in Gemeinschaft mit 
Bourrienne die vorläufig von ihnen formulirten Vorschläge mit. Die 
wichtigsten der von den Gesandten beantragten Neuerungen waren folgende: 
Die Städte sollten künftig als „Villes TJnies Imperiales" einen Staat des 
Eheinbundes bilden, sie sollten den kaiserlichen Adler in ihrem Wappen 
und ihrer Flagge führen und dem Kaiser die hohe Polizei zuerkennen. 
Die hohe Polizei sollte durch den „Ministre Imperial" ausgeübt werden, 
und in jeder Stadt sollte einer der Syndici, der „Syndic Imperial", der 
vom Kaiser zu bestätigen wäre, als Mittelglied zwischen dem Ministre 
Imperial und dem Senat dienen. Ausserdem sollte der Kaiser das Recht 
haben, in Kriegszeiten die Obersten des von den Städten zur Rheinbund- 
armee zu stellenden Contingents zu ernennen. Die Städte sollten beim 
Kaiser-Protector einen gemeinsamen Gesandten unterhalten ; verboten sollte 
es ihnen dagegen sein, diplomatische Agenten an andere Regierungen zu 
schicken oder diplomatische Vertreter solcher bei sich aufzunehmen. Auch 
fremde Consuln sollten ihre Functionen in den Hansestädten nicht ohne 
Genehmigung des Kaisers ausüben. Andere Vorschläge betrafen die 
Gleichstellung der christlichen Confessionen, die Verhältnisse der Juden, 
die Einführung des französischen Gewichts- und Masssystems, sowie die 
des Code Napoleon und ferner eine umfassende Reform der bisher geltenden 
städtischen Verfassungen. 

Gegen diese Vorschläge, namentlich die ersterwähnten, erlaubten sich 
die hansestädtischen Deputirten mancherlei Einwendungen zu machen. 
Sie wünschten, dass den Hansestädten völlige Gleichstellung mit den 
übrigen Rheinbundstaaten zugestanden, dass von der Einsetzung „kaiser- 
licher" Syndici oder sonstiger Einrichtungen zur üeberwachung der 
Städte abgesehen und ihr diplomatischer Verkehr mit anderen Staaten 
nicht verkümmert werde. Auch legten sie Gewicht darauf, dass die 
einzelnen Städte als gesonderte politische Gemeinwesen bestehen blieben, 
und dass sie die Bezeichnung „freie Hansestädte", ferner auch ihre bis- 
herigen VSTappen und Flaggen, die von allen Nationen gekannt und geachtet 
seien, beibehalten dürften. Sie gaben der Hoffnung Ausdruck, dass es 
den Städten gestattet sein werde, ihre Contingentspflicht durch Geld- 
leistungen abzulösen, und brachten auch bezüglich der vorgeschlagenen 
Justizreform, sowie einiger anderer Punkte verschiedene Bedenken oder 
Abänderungsvorschläge vor. 

In dem Bericht, den Reinhard und Bourrienne hierauf (am 8. No- 
vember 1 809) an Charapagny sandten, bemühten sie sich, die Anschauungen 
der hansestädtischen Deputirten getreu wieder zu geben. Sie beantragten 
auch, auf einzelne hanseatische Einwendungen oder Gegenvorschläge 
Rücksicht zu nehmen. Zum Schluss aber empfahlen sie nachdrücklich, 
dass, sobald sich der Kaiser fUr eine Modalität des Anschlusses der Hanse- 



126 

Städte entschieden habe, von jeder weiteren Verhandlung mit ihnen 
abgesehen werde; anderenfalls würde sich die Sache nur endlos in die 
Länge ziehen, denn im Grunde gefalle ihnen nichts von allem, was zur 
Modiflcation ihres bisherigen Zustandes vorgeschlagen worden sei. 

Nach Einreichung dieses Berichts arbeitete Champagny den Entwurf 
eines Vertrages zwischen Napoleon und den Hansestädten aus, der fast 
noch mehr, als in den letzten Vorschlägen der Gesandten angedeutet 
worden war, den Wünschen der Städte entgegenkam. Am 13. Januar 1810 
wurde dieser Entwurf dem Kaiser unterbreitet. Eine Weisung desselben, 
auf dieser Grundlage abzuschliessen oder weiter zu verhandeln, ist jedoch 
niemals erfolgt. Auch scheint Napoleon auf die Idee, die Hansestädte an 
den Eheinbund anzugliedern, nicht mehr zurückgekommen zu sein. Wo- 
durch die Aenderung seiner Ansichten herbeigeführt wurde, darüber lassen 
sich begreiflicher Weise nur Vermuthungen äussern. 

In dem Schreiben an Champagny vom September 1809, in dem 
zuerst die Ansicht ausgesprochen war, die Hansestädte dem Napoleonischen 
System auf dem Wege besonderer Vereinbarungen einzufügen, war zugleich 
der Wille bekundet, das gesammte Deutschland zu organisiren, d. h. mit 
anderen Worten: den Eheinbund zu erweitern und innerlich zu befestigen. 
Im December desselben Jahres aber berichtete der Bremische Syndicus 
Gröning aus Paris, der Kaiser wolle von einer Consolidirung des Ehein- 
bundes Abstand nehmen, weil er sich fürchte, den Gemeingeist dadurch 
in Deutschland wieder zu beleben, der für Frankreich gefährlich werden 
könnte. Sicher ging Napoleons Tendenz von dieser Zeit an weniger dahin, 
Deutschland zu organisiren, als vielmehr, es auseinander zu reissen und 
dadurch zu entnationalisiren. Am 20. Mai 1810 schrieb er jenen Brief 
an seinen Bruder Ludwig, in dem er andeutete, dass, wenn dieser sich 
seinen Plänen gefügiger gezeigt hätte, Holland durch eine die nord- 
deutschen Lande bis Hamburg umfassende Gebietserweiterung vergrössert 
worden wäre, was dazu beigetragen haben würde, den deutschen Geist 
noch heimatloser zu machen^). Es liegt nahe, dass die Erfahrungen, die 
er noch im Herbst 1809 gemacht hatte, das Attentat von Staps und die 
letzte Erhebung in Tirol, diese Umstimmung in ihm hervorgerufen. War 
also der Plan, aus Deutschland ein von Frankreich abhängiges Ganzes zu 



^) „Si V0U8 aviez suivi ce plan de conduite, vous seriez aujourd'hui roi de six miUions 
de srtjets ; j'aurais con8ider6 le tröne de HoUande comme un pifedestal, sur lequel j'anrais 
6tendu Hambourg, Osnabrück, et une partie du nord de P Allem agne, pnisqne c'eüt 6t6 nn 
noyau de peuple qui eüt d6pays6 davantage l'esprit allemand, ce qui est le premier but de ma 
politique." Der Brief findet sich nicht in der Gesammtausgabe der Correspondenz Napoleons L, 
sondern bei Rocqnain, Napoleon ler et le roi Louis (Paris 1875) S. 273 ff. und neuerdings 
wieder abgedruckt bei L6on Lecestre, Lettres in^dites de Napolfeon ler. (Paris 1897.) 
Band 2 S. 31 ff. 



127 

bilden, aufgegeben, so lag auch kein Grund vor, die Hansestädte zum 
Rheinbund in Beziehungen zu setzen. Allerdings hatte Napoleon noch am 
24. December 1809 mit Bezug auf den erwähnten Bericht von Reinhard 
und Bourrienne geschrieben: „Was man mir hinsichtlich der Hansestädte 
vorschlägt, scheint mir ziemlich vernünftig." Aber er hatte hinzugefügt: 
„Die Hauptsache ist, dass ich in der Lage bin, dort im Falle eines See- 
krieges meine Befehle gegen die Engländer zur Ausführung zu bringen." 
War dies die Hauptsache, so lag die Frage nahe, ob sich das Ziel durch 
Einverleibung der Städte in Frankreich nicht viel einfacher erreichen lasse. 
Noch waren sie allerdings von den Grenzen des französischen Reiches weit 
entfernt. Aber die Einverleibung Hollands bahnte den Weg; und wie 
Napoleon Holland seiner Unabhängigkeit beraubte, um die Continentalsperre 
dort wirksamer durchzuführen, so sprachen die gleichen Gründe dafür, auch 
die Küstenlande des nordwestlichen Deutschlands mit Frankreich zu vereinigen. 
Zugleich lockte den Kaiser der Gedanke, dass auf diese Weise eine aus- 
schliesslich durch französisches Gebiet führende Canalverbindung zwischen 
der Seine und der Ostsee herbeigeführt werden könne. Es wurde erwähnt, 
dass schon zur Zeit der Republik die Anlage eines derartigen Canals als 
für Frankreich sehr erwünscht bezeichnet worden war. In den Jahren 1809 
und 1810 aber war namentlich in den Hansestädten auf den Nutzen solcher 
Canalverbindiingen aufmerksam gemacht worden. In dem Aprilheft, des 
Politischen Journals vom Jahre 1809 hatte der Hamburgische Deichinspector 
Heinrich Wilhelm Heydemann darauf hingewiesen, dass nach der Vollendung 
des Canals von St. Quentin, der Paris mit Brüssel, Antwerpen und Amsterdam 
zu verbinden bestimmt sei, es nur noch der Canalverbindung zwischen der 
Hunte und Leda sowie zwischen der Oste und Geeste bedürfe, um eine 
binnenländische, vor Seegefahr und Kapern geschützte Schiffahrt von Paris 
nach Lübeck zu ermöglichen. Insbesondere die Lübecker Hessen es sich 
angelegen sein, den Franzosen den Nutzen dieses Wasserweges klar zu 
machen, sie hofften auf diese Weise das Interesse Frankreichs für die seit 
geraumer Zeit betriebene, aber immer wieder ins Stocken gerathene Ver- 
besserung des Stecknitzcanals zu erwecken. 

Es muss dahin gestellt bleiben, ob und wie weit diese Darlegungen 
auf das Canalproject Napoleons und auf seine EntSchliessungen bezüglich 
der Hansestädte Einfluss geübt haben. Die Hansestädte ahnten wohl, dass 
etwas wider sie im Werke war; doch in der Hauptsache wurde alles im 
tiefsten Geheimniss vorbereitet und besonders dafür Sorge getragen, dass 
die jener Zeit in Paris anwesenden Vertreter der Hansestädte nicht vor- 
zeitig Witterung erhielten. Der hanseatische Resident Abel und der 
Bremische Syndicus Gröning erachteten noch am 7. December 1810 die 
Sachlage für durchaus beruhigend. Dem Hamburgischen Syndicus Doorman 
wurde fi-eilich aus den Kreisen des seit geraumer Zeit in den Hintergrund 



128 

getretenen Talleyrand das Wort zngeraunt, die Zeiten seien gefährlich, die 
Städte könnten sich nur dadurch retteo, dass sie sich schleunigst dem 
Kheinbunde anschlössen. Doch hatte dieser in dem betreffenden Äugen- 
blick völlig werthlose Wink offenbar nur den Zweck, die Dienstbeflissenheit 
des Warnenden zu bezeugen. 

Das erste bekannt gewordene Actenstfick, das sich mit der Ein- 
veileibung der Hansestädte beschäftigt, ist der Bericht, den Champagny, 
selbstverständlich der Anweisung des Kaisers gemäss, am 8. December 1810 
an diesen richtete.') Hier findet sich schon die berühmte Wendung : „Die 
Einverleibung der Hansestädte, Lauenburgs und aller Ktistenlande zwischen 
der Elbe und der Ems ist durch die Umstände geboten." Es heisst darin 
weiter: „Die unermesslichen Magazine von Helgoland würden nnaofhörlicli 
drohen, sich auf das Festland zn entleeren, wenn ein einziger Ponkt an 
den Küsten der Nordsee dem englischen Handel offen bliebe, und wenn 
die Mündungen der Jahde, der Weser und der Elbe ihm nicht filr immer 
verschlossen würden." Zugleich wurde die Nothwendigkeit der Herstellung 
einer Canalverbindung zwischen Frankreich und der Ostsee durch den 
Hinweis begründet, dass die Beschlüsse des britischen Geheimen Eathes 
die Privilegien der neutralen Schiffahrt zerstört hätten, so dass der Kaiser 
nur noch veimittelst der binnenländischen Seliiffahrt im Stande sei, seine 
Arsenale zu verproviantiren und den Handel mit dem Norden in sicherer 
Weise zu bewerkstelligen. Dieselbe Begründung der ins Auge gefassten 
Eeunioneti kehrte in der Botschaft des Kaiser^ an den französischen Senat 
vom 10. December und zum Theil im Seuatsconsult vom 13. December wieder. 
Am Abend des 10. December, als die gewöhnliche Cour beim aus- 
wärtigen Minister stattfand, erhielt Syndicus Doormau von einigen fran- 
zösischen Senatoren Andeutungen über den Inhalt der kaiserlichen Bot- 
schaft vom gleichen Tage. Der Minister leugnete jedoch vorläufig noch 
alles ab, um erst am folgenden Morgen dem Hamburgischen Syndicus im 
Auftrage des Kaisers mitzutheilen, dass der Beschluss gefasst worden, die 
Hansestädte nebst den übrigen Küstenlanden des nordwestlichen Deutsch- 
lands mit Frankreich zu vereinigen. Er fügte hinzu, der Kaiser habe dies 
;e der Wohlfahrt des Reiches für nothwendig befunden.*) 
Berichten der hanseatischen Deputirten zufolge rief die Kunde 
jüngsten Entschliessung Napoleons in Paris die grösste Bestürzung 
3 hatten den Eindruck, dass auch die Franzosen diesen Gewaltact 
;ilig für ihr Land und ihren Handel betrachteten. Es schien, 
ihm die Losung: „Ewiger Krieg mit England" gegeben sei. 

-espondance de Napoleon, I. Band 21, S, 305 ff. 

I und daa Folgende nacb den Berichten des hansestSdtischen Residenten Abel 

liBcheo Sjndicna QrQning ans Paris. Brem. A. 



129 

Auch in anderen Theilen Europas verursachte er begreiflicher Weise 
ausserordentliche Erregung. In Berlin sah man darin „eine neue Bethätigung 
des unseligen Incorporationssystems Napoleons" und besorgte verstärkte 
Bedrückung des Verkehrs, zumal wenn dem Prinzen Eckmühl die oberste 
Gewalt in den neu zu bildenden Departements beigelegt werden sollte. 
Tiefe Niedergeschlagenheit herrschte in den Hansestädten. In Hamburg 
war die traurige Kunde am 18. December eingetroffen. In der Mittheilung, 
die der Senat der Bürgerschaft in der gemeinsamen Sitzung des 22. Decembers 
von der Willensäusserung Napoleons machte, konnte er nicht umhin, der 
Wehmuth darüber Ausdruck zu geben, dass die Unabhängigkeit Hamburgs, 
die mit Kecht von den Bürgern als das höchste Kleinod geschätzt worden 
sei, dahingeschwunden. Doch fügte er hinzu, „die Bürgerschaft werde sich 
mit dem Rath leicht überzeugen, dass unter den obwaltenden Umständen 
allein eine völlige Resignation in diesen Willen des Kaisers und ein 
Bestreben, möglichst die Nachtheile einer solchen Veränderung in unserer 
Lage zu vermindern, den Interessen dieser Stadt angemessen sein könne." 
Der Mehrheit der Bevölkening blieb hiemach nichts weiter übrig als 
Resignation. Und in der That trag die Stadt fortan das Gepräge 
hofl&iungsloser Ergebung. 

Einen Versuch zu machen, die Nachtheile der Einverleibung nach 
Kräften zu vermindern, war die Aufgabe, die den hansestädtischen Deputirten 
in Paris zufiel. Sie waren in der That redlich bemüht, durch Einreichung 
von Denkschriften und mündliche Vorstellungen zu bewirken, dass von 
der hanseatischen Eigenart der Städte möglichst viel in die neue 
Aera hinübergerettet, und dass es ihnen womöglich gestattet würde, ihre 
altehrwürdigen Verfassungen als Communalverfassungen beizubehalten. Von 
Wichtigkeit schien es, insbesondere den Prinzen Eckmühl zu gewinnen, da 
Napoleon ihn zum Präsidenten der Commission ernannt hatte, welcher die 
Organisation der neuen Departements oblag. Als nun Syndicus Gröning 
diesem am 29. December die Wünsche der Hansestädte vortrug, erklärte 
er anfänglich, es sei die Absicht der Commission, so viel von dem 
Bestehenden beizubehalten, als mit der Rücksicht auf das Ganze verträglich 
sei, wie ja auch Napoleon angeordnet habe, so wenig wie möglich 
Neuerungen einzuführen. Anderseits aber bemerkte er: es sei eine gewisse 
Amalgamation nothwendig. Worin bestehe die Stärke des französischen 
Reiches? Darin, dass von Rom bis Lübeck nach einerlei Grundsätzen, 
nach einerlei Gesetzen regiert werde. Es ist deutlich, dass durch diese 
letzte Aeusserung der Werth der ersteren wesentlich reducirt ward. Den- 
noch hörten die Vertreter der Hansestädte nicht auf, auch nachdem 
Davout seinen Posten in Hamburg bereits angetreten, bei den französischen 
Machthabem im angedeuteten Sinne thätig zu sein. Eckmühl gab daher 
in einem Schreiben (vom 20. April 1811) dem Kaiser zu erkennen, dass 

9 



130 

er das längere Verweilen jener Deputirten in Paris für nachtlieilig erachte, 
da es dazu beitrage, in den Hansestädten chimärische Hoffnungen za nähren 
und dadurch den passiven Widerstand, dem die Einführung der neuen In- 
stitutionen begegne, zu verstärken. Er fügte hinzu: „Man wird diese 
Leute nicht gefügig machen, so lange sie einen Schatten von Hoffnung 
haben". ^) Das Dante'sche „Lasciate ogni speranza voi ch'entrate" wünschte 
somit Davout gleichsam an die Eingangspforte der neuen französischen 
Departements gesetzt zu sehen. 

Die Ilrtheile über Davout gehen seit einiger Zeit sowohl in Frank- 
reich wie in Deutschland ziemlich weit auseinander, so dass es auch 
in dieser kurzen Schilderung seines ersten Hamburgischen Aufenthalts 
erforderlich scheint, einige Bemerkungen über seine Persönlichkeit einzu- 
schalten. In einem seiner Ende December aus Paris gesandten Berichte 
meldete Gröning u. a., dass strenge, wenngleich oft dem Anschein nach 
harte Eechtlichkeit allgemein an dem Marschall gerühmt werde. Dieser 
Ruf war nicht unbegiUndet. Rechtlichkeit und Härte, allerdings nicht bloss 
scheinbare, sondern wirkliche Härte bezeichneten sein Wesen auch während 
seiner späteren Laufbahn. Ausserdem herrschte allgemeine üebereinstimmung 
über die unbegrenzte, bis zum Fanatismus gesteigerte Hingebung, die 
Davout seinem Kaiser bekundete. Rist schreibt ihm die Aeussening zu: 
„Ich würde meinen Bruder töten, wenn der Kaiser es beföhle". Den 
gleichen Sinn hat es, wenn nach Thiöbaults Memoiren *) Davouts General- 
stabschißf General de Laville von ihm behauptete, er würde seine Gattin 
und seine Kinder opfern, wenn die Pflicht es geböte. In ähnlichem Sinne 
wurde dem Hamburgischen Senator Bartels wiederholt von Franzosen ver- 
sichert, Eckmühl hänge mit so unbeschränktem Vertrauen am Kaiser, dass, 
wenn dieser ihm beföhle, mit seiner Cavallerie ins offene Meer zu sprengen, 
er ohne weitere Ueberlegung dem Befehl zu folgen sich anschicken würde. 
Dass er dem Kaiser in der That eine unbedingte, unerschütterliche und 
zugleich völlig uneigennützige Hingebung widmete, erhellt auch aus den 
vertraulichen Briefen, die er an seine Gattin richtete. Die erwähnten 
Ueberlieferungen deuten allerdings an, dass sein Gehorsam gegen den 
Kaiser, sein Fanatismus der Pflichterfüllung weder durch Regungen des 
Gemüths, noch durch Erwägungen des Verstandes ermässigt wurden. Dies 
war in der That der Eindruck, den seine Haltung im grossen und ganzen 
bei Feind und Freund hervorrief, was freilich nicht ausschliesst, dass er 
im einzelnen auch Napoleon gegenüber gelegentlich sein durch genauere 
Kenntniss der Sachlage begründetes eigenes Urtheil zur Geltung brachte. 

Allgemeine Anerkennung fand die Fürsorge, die Eckmühl seinen 
Soldaten zu Theil werden liess. Diese rühmt auch Thi6bault, der sonst 

^) Pariser Nat. A. 
2) Band V S. 50. 



131 

eben nicht gut auf ihn zu reden ist, allerlei unverbürgte Anekdoten auf- 
tischt, um ihn in ein schlechtes Licht zu stellen, und ihn überhaupt als 
einen kleinlichen, brutalen Despoten und noch dazu als einen mittelmässigen 
Feldherm schildert. Dass Eckmühl seine Erfolge nur der Tüchtigkeit seiner 
Unterfeldherren verdankt habe, wird niemand Thiebault nachsprechen dürfen. 
Er verdankte seine Siege, wenn vielleicht auch nicht genialer Strategik, 
so doch seiner militärischen Kenntniss und Erfahrung, seiner Entschlossenheit 
und Beharrlichkeit und vor allem der Herrschaft, die er über seine Truppen 
ausübte. Er war der geborene Befehlshaber. Wenigstens in der Zeit 
seiner glänzendsten militärischen Leistungen übertraf ihn keiner in der 
Fähigkeit, Disciplin zu halten und zugleich die Truppen mit dem heiligen 
Feuer der Kriegsbegeisterung zu erfüllen. Bedeutend war auch seine 
organisatorische Begabung und unvergleichlich seine Arbeitskraft, die er 
allerdings wohl mitunter dadurch zu sehr zersplitterte, dass er aus Misstrauen 
gegen seine Untergebenen sich auch mit kleinen und allerkleinsten Dingen 
befasste. Unzureichend waren dagegen seine politischen Fähigkeiten. Um 
der ihm in Hamburg gestellten Aufgabe gewachsen zu sein, fehlte es ihm 
überhaupt an Weite des Blickes und an Menschenkenntniss. Alle Staaten 
und Individuen zerfielen für ihn nur in zwei Kategorien, Anhänger und 
Widersacher seines Kaisers, Feinde Englands oder dessen Helfershelfer. 
Nicht nur die Hamburger, sondern auch die fremden Diplomaten behandelte 
er je nach dem Masse von Ergebenheit gegen Napoleon, das er bei ihnen 
voraussetzen zu dürfen glaubte. Unter den Vertretern fremder Staaten 
nahm zeitweilig Joh. Georg Eist, der früher dänischer Geschäftsträger 
gewesen und nach der Einverleibung Hamburgs zum Generalconsul ernannt 
wurde, eine bevorzugte Stellung ein. Obwohl persönlich kein Freund des 
damaligen französischen Eegiments, hat er doch als Vertreter eines für 
franzosenfreundlich geltenden Staates, als ein Mann von grosser Klugheit 
und diplomatischem Geschick, der Davout bei seinen Eigenheiten zu 
nehmen verstand, bei diesem anfanglich die beste Aufnahme gefunden. Doch 
dem Wohlwollen, das Davout füi- ihn hegte, wurde bald eine gute Portion 
von Argwohn beigemischt. Dass Rist sich von seinen alten Hamburger 
Freunden nicht völlig lossagen wollte und überhaupt nicht geneigt war, seinen 
Verkehr völlig nach dem Wunsche des Prinzen einzurichten, dass er vielleicht 
auch nicht in jedem Augenblick seine Worte und Mienen vollständig genug 
beherrschte, um nicht ein gewisses Befremden über manche Massnahmen und 
Aeusserungen Davouts hervortreten zu lassen, war für letzteren Grund 
genug, um an seiner Ergebenheit zu zweifeln. Wie Rist schon Mitte 
Mai 1811 in einem vertraulichen Briefe^) seinem Minister schrieb, wurde 



^) Bist an den Minister Eosenkranz vom 14. Mai 1811. Eophg. Aosw. A. Die 
Mittheünngen über Davont, die sich in Bists Lebenserinneningen finden, sind wohl 

9* 



132 

er beobachtet und hatte stets das Gefühl, sich auf glühenden Kohlen zu 
bewegen. Man mag hieraus schliessen, mit welchem Argwohn Davout gar 
erst das Thun und Treiben der Vertreter Preussens und Schwedens ver- 
folgte. Kaum minder misstrauisch als die fremden Diplomaten überwachte 
er seine französischen Untergebenen. Gegenüber jedem von ihnen, der 
auch nur im geringsten sich einer Pflichtvergessenheit oder eines Mangels 
an erwünschtem Diensteifer schuldig machte, brach sein Unwille und zwar 
oft in der schroffsten Form hervor. Es kann hiemach nicht Wunder 
nehmen, dass er sich den Hamburgern, die nach seiner Auffassung ins- 
gesammt der verdammungswürdigen Kategorie von Menschen angehörten, 
als ein finsterer, argwöhnischer Gewaltherrscher gezeigt hat. 

Am 9. Februar 1811 war Prinz Eckmühl in Hamburg eingetroffen, 
nicht mit allgemeinem Enthusiasmus empfangen, wie es dank einer allzu- 
beflissenen Feder im „Hamburgischen Correspondenten" zu lesen war, 
sondern in aller Stille, weil er sich jeden feierlichen Empfang verbeten 
hatte. Alsbald begann er seine Thätigkeit an der Spitze der Eegierungs- 
commission, deren Aufgabe war, die altüberlieferten und unter sich ausser- 
ordentlich verschiedenen Einrichtungen im Gebiet der drei neu zu 
organisirenden Departements durch die französischen Institutionen zu 
ersetzen. Manche Neuerungen sollten sofort, andere im Laufe des 
Jahres 1811 durchgeführt werden. Am 1. Januar 1812 sollte alles auf 
dem Fusse der alten französischen Departements geordnet sein. Davout 
hatte in dem Grafen Chaban und dem Staatsrath Faure zwei hervorragend 
tüchtige und pflichtgetreue Mitarbeiter. Indessen entsprach es seiner 
Natur, sich keineswegs mit der formellen Oberleitung zu begnügen, sondern 
er betrachtete das ganze gewaltige Organisationswerk als seine persönliche 
Angelegenheit. Rist durfte daher von einer Herculesarbeit Davouts reden. 

In militärischer Beziehung hatte Davout von Napoleon die Aufgabe 
erhalten, Helgoland den Engländern zu entreissen. Es wurden von ihm 
zu diesem Behufe mit den dänischen Behörden Verabredungen getroffen 
und alsdann in der Nacht vom 18. auf 19. November 1811 zwanzig Kanonen- 
böte ausgesandt. Aber das Unternehmen scheiterte kläglich. Davout 
schob es darauf, dass die französische Marine nicht von dem gleichen 
Feuergeiste erfüllt sei, wie die französische Armee. 

Wenigstens zum Theil erfolgreicher waren die technischen Arbeiten, 
für deren Durchführung er zu sorgen hatte. Um eine bequemere Ver- 
bindung zwischen den neuen und alten französischen Departements ins 
Leben zu rufen, galt es, eine Landstrasse von Hamburg bis nach Wesel 



das Beste von allem, was Zeitgenossen über den eisernen Marschall geschrieben haben. 
Doch vielleicht noch werthvoller sind Rists Berichte an den Minister des Auswärtigen in 
Kopenhagen, die im Folgenden vielfach verwerthet worden sind. 



133 

zu bauen. Bereits im Laufe des Jahres 1811 wurde sie in der Hauptsache 
fertiggestellt, was freilich nur möglich war, indem man rücksichtslos 
durchgriff, sich durchaus nicht dabei aufhielt, besätes Land zu umgehen, 
und die Anwohner der geplanten Verkehrslinie zwang, sich für einen 
geringen Tagelohn an der Arbeit zu betheiligen. Sicher hat auch das 
unermüdliche Drängen Davouts das Werk beschleunigen helfen. 

Minder unmittelbaren Einfluss vermochte Eckmühl auf die von 
Napoleon projectirten Canalbauten zu üben, obwohl er sich selbstverständlich 
auch für diese lebhaft interessirte. Zu den Vorarbeiten für die Verbesserung 
des Stecknitzcanals wurde sofort geschritten. Den früher zu diesem Behuf 
entworfenen Plan galt es namentlich in dem Sinne abzuändern, dass der 
Canal auch von massigen Seeschiffen (zu 50 Lasten) befahren werden 
konnte. Grössere Schwierigkeit bot die Anlage der Canäle zwischen dem 
Rhein und der Elbe. Es ergab sich sehr bald, dass sie mehr Zeit und 
Ausgaben erfordern und geringeren Nutzen bringen würden, als Napoleon 
vorausgesetzt hatte. Bereits am 9. August 1811 schrieb Napoleon an 
den Marineminister Decrös, der geplante Canal zwischen Rhein und Elbe 
werde offenbar in JYiedenszeiten von bescheidenem Werthe sein, und auch 
im Hinblick auf Kriegszeiten sei es zweifelhaft, ob die Anlage eines neuen 
Canals vortheilhafter sei, als wenn man die Schiffahrt von Hamburg und 
Cuxhaven durch die Watten nach der Zuidersee leite. Kurz darauf gab 
er die Weisung, das Fahrwasser der Watten austiefen und für die Sicher- 
stellung der Wattenfahrt durch Kanonenböte und Anlage von Batterien 
Sorge tragen zu lassen. Das Canalproject wurde jedoch keineswegs so 
vollständig aufgegeben, wie es hiemach scheinen konnte.*) Es stellte 
sich nämlich heraus, dass die Wattenfahrt zwischen den Mündungen der 
Elbe und der Weser durch Stürme und durch den Wechsel von Ebbe und 
Fluth gefährdet und auch gegen feindliche Angriffe nicht leicht zu sichern 
sein werde, weshalb man die Anlage einer binnenländischen Wasserstrasse 
zwischen den unteren Läufen beider Ströme unter allen Umständen för 
geboten hielt. Nach den Weisungen des bekannten französischen Ingenieurs 
Jousselin wurden Vermessungen vorgenommen, an denen sich u. a. auch 
der Hamburgische Wasserbautechniker Woltman betheiligte. In den vor- 
läufigen Projecten wurden verschiedene Linien theils dicht am Meeresufer, 
theils mehr landeinwärts ins Auge gefasst; doch jede bot ihre besonderen 
Schwierigkeiten, sodass man weder bezüglich der Richtung des Canals 
selbst, noch hinsichtlich der Localität des mit ihm in Verbindung zu 
setzenden Kriegshafens an der Unterelbe zu einem endgültigen Beschluss 
gekommen ist. 



^) Das Folgende nach Papieren ans dem Nachlass von Reinhard Woltman. 



134 

Dass bei den Bemühungen, derartige schwierige technische Probleme 
zu lösen, Eckmühl hinter den Sachverständigen zurücktrat, erschien selbst- 
verständlich. Dass aber auch bei der Behandlung commercieller Fragen 
die Sachkenntniss ein gewichtiges Wort mitzureden hatte, scheint ihm 
weniger zum Bewusstsein gekommen zu sein. Hin und wieder hat er 
allerdings der in eine „Chambre de commerce" umgewandelten Commerz- 
deputation oder ihren Vertretern Gehör gegeben; aber deren Ansichten 
waren ihm von vornherein verdächtig, und man mag hinzufügen, er würde 
sich selbst verdächtig vorgekommen sein, wenn er den Darlegungen 
Hamburgischer Kaufleute irgend einen erheblichen Einfluss auf seine Ent- 
schliessungen eingeräumt hätte. Doch auch anderen Sachverständigen 
gab er nur ausnahmsweise Gehör. Als Rist gelegentlich einmal einen 
Versuch machte, Davout bezüglich gewisser commercieller Massregeln 
umzustimmen, stellte dieser den Auseinandersetzungen des dänischen 
Generalconsuls seine eigenen Anschauungen über den fraglichen Gegenstand 
gegenüber. Diese waren freilich der Art, dass Rist es nicht für geboten 
erachtete, auch nur den Versuch einer Widerlegung zu machen. 

Der ihm von Napoleon zugewiesenen Aufgabe, die Continentalsperre in 
den neuen Departements aufs strengste durchzuführen, suchte Eckmühl als 
Soldat und Polizeibeamter gerecht zu werden. Misstrauische üeberwachung 
und rücksichtslose Energie erschienen als die geeignetsten Mittel, um 
diesen Zweck zu erreichen. Die Gerechtigkeit erheischt jedoch anzuerkennen, 
dass nicht bei allen commerciellen Anordnungen des Marschalls blinde 
Rücksichtslosigkeit obwaltete. So bestimmten ihn z. B. mitunter politische 
Erwägungen, den Vorstellungen Rists zu Gunsten des dänischen Handels 
doch eine gewisse Beachtung zu schenken. 

Einen Gegenstand eingehender Erörterungen bildete die Frage, ob 
in Hamburg ein Entrepot einzurichten sei. Die französische Regiening 
war bereit, eine solche Anlage gutzuheissen, vorausgesetzt, dass die 
Stadt selbst den Bau der erforderlichen Magazine übernehmen würde. 
Es scheint aber, dass die Hamburger hiergegen gi'osse Bedenken hatten, 
weil sie besorgten, dass durch die Herstellung neuer Lagerräume der Werth 
des Grundeigenthums allzu erhebliche Verminderung erleide. Die An- 
gelegenheit wurde daher zwar nicht aufgegeben, aber vertagt. Zu weiterem 
Entgegenkommen den Hamburgern gegenüber war man um so weniger 
geneigt, als man in der Stadt und deren Umgebung immer wieder ver- 
botenen Waaren oder verbotener Correspondenz mit England auf die Spur 
kam. Haussuchungen, Verhaftungen und Strafverfügungen wegen Ueber- 
tretung der Continentalsperre wollten daher kein Ende nehmen. 

Kaum weniger als den Hamburger Kaufleuten war der Prinz den 
Mitgliedern des ehemaligen Hamburger Senats abgeneigt. Einige von 
diesen hatten sich in den Ruhestand begeben, andere aber sich dazu ent- 



135 

schlosseD, auch unter den neuen Verhältnissen Aemter zu bekleiden. 
Verschiedene ehemalige Rathsherren waren Mitglieder des Municipal- 
Conseils geworden, das zuerst am 19, Februar unter dem Vorsitz des 
provisorischen Maires, des früheren Bürgermeisters Heise, zusammengetreten 
war. Diese letzteren, wie überhaupt wohl die meisten alten Hamburger, 
die sich auch während der französischen Herrschaft mit den öffentlichen 
Angelegenheiten befassten, thaten es offenbar in dem Wunsche, auch jetzt 
noch nach Kräften für die Wohlfahrt ihrer Mitbürger Sorge tragen zu 
können. Sie bemühten sich redlich, so manche der von den Franzosen ins 
Auge gefassten Massregeln abzuwenden oder zu ermässigen. Wo das nicht 
möglich war, verzögerten und erschwerten sie doch die Ausführung, weil 
sie sich nicht so schnell daran gewöhnen konnten, sich über das hinweg- 
zusetzen, was ihnen früher für recht und billig gegolten hatte. Schon 
hieraus erklärt es sich zur Genüge, dass Davout ihnen nicht besonders 
gnädig gesinnt war. 

Unter den Eintragungen in den Protokollen der Municipalität finden 
sich wenige, die merkwürdiger wären, als die vom 2. und 4. April 1811, 
aus denen ersichtlich ist, dass die Mitglieder dieser Körperschaft am 
ersten dieses Monats durch ein untergeschobenes Billet des Secretäi-s der 
Regierungscommission, Petit de Beauverger, „wegen dringender Geschäfte" 
zum Präfecten beschieden wurden, um alsbald zu erfahren, dass sie in den 
April geschickt waren. Etwas später vernahm man, dass auch andere 
angesehene Männer ähnlich angeführt worden seien. Wahrscheinlich 
bandelte es sich um die nicht zur Municipalität gehörigen Mitglieder des 
ehemaligen Senats. Die Municipalräthe hatten anfänglich die Absicht, sich 
zu beschweren, verzichteten jedoch darauf, als sie erfuhren, dass Prinz 
Eckmühl „die ganze Sache als einen unschuldigen Spass ansehe, den einer 
seiner jungen Leute gemacht habe". Es ist mit ziemlicher Sicherheit 
anzunehmen, dass Davout selbst der Urheber dieses Spasses war, der 
freilich den Vertretern einer tief unglücklichen Stadt gegenüber nicht als 
unschuldig, sondern nur als roh bezeichnet werden kann. 

In den Briefen Davouts an seine Gattin, die vor einiger Zeit von 
seiner Tochter, der Marquise von Blocqueville, herausgegeben wurden, 
erscheint er unzweifelhaft als ein Mann, dem es an Zartgefühl nicht fehlte. 
Den HamburgeiTi gegenüber glaubte er jedoch offenbar dieser Tugend 
nicht benöthigt zu sein. Während er aber die Kaufleute und Würdenträger 
des alten Hamburgs absichtlich verletzend behandelte, um ihnen seinen 
Unwillen über ihr Widerstreben gegen die Neuordnung der Dinge fühlbar 
zu machen, so lässt sich anderseits nicht verkennen, dass während seines 
Waltens in Hambui'g wenigstens anfönglich die Tendenz hervortrat, die 
ärmere Bevölkerung der Stadt durch wohlthätige Verfügungen und sonstige 
Gunstbezengungen für das französische Regiment zu gewinnen. In Beschlag 



136 

genommene Gfiter wurden für milde Stiftungen bestimmt. Auf EckmuUs 
persönlichen Antrag wurden Wegearbeiten in St. Georg angeordnet, um 
älteren Arbeitern eine gewisse Einnahme zu sichern. Zur Feier der 
Geburt des Königs von Rom wurden die Kinder im Waisenhause, die 
Insassen der Hospitäler, ja selbst die Gefangenen im Zucht- und im 
Spinnhause, auf der Frohnerei und in den Wachen mit besonderen 
Mahlzeiten oder doppelten Rationen regalirt, und wenig später, bei 
Gelegenheit der Taufe des französischen Thronfolgers, wurde verfugt, dass 
im Pfandhause den armen Leuten ihre Pfänder zurückgegeben oder doch 
die Hälfte der Pfandsumme gestrichen werden solle.*) Durch solche Ver- 
anstaltungen wurden jedoch die ärmeren Volksklassen ebensowenig mit der 
französischen Herrschaft ausgesöhnt, wie die übrigen durch die Erwägung, 
dass manche der französischen Neuerungen, wie z. B. die französische 
Gerichtsverfassung und die Gleichstellung der Confessionen, als Fortschritte 
zu betrachten waren. Ueberwiegend blieb in allen Klassen der Bevölkerung 
das Gefühl der Unterdrückung. Und ganz abgesehen davon hasste man 
die französischen Institutionen, gleichviel ob sie gut oder schlecht sein 
mochten, weil sie eben fremd und aufgezwungen waren. Für die Befriedigung 
eines fremden Elirgeizes wurden die Hamburgischen Mannschaften aus- 
gehoben. Für fremde Zwecke mussten die Hamburger Steuern und wieder 
Steuern zahlen. Anscheinend fremder Despotenlaune zu Liebe mussten sie 
sich im Handel und Verkehr unaufhörlicher Controlle und unerträglichen 
Chicanen unterwerfen. Nur gar zu viele unter den bisher für redlich und 
zuverlässig geltenden Einwohnern glaubten es daher mit ihrem Gewissen 
vereinbaren zu können, jene Gebote und Anordnungen durch ein schlau 
ersonnenes Schmuggelsystem zu umgehen. 

Wie die zur Täuschung der Zollwächter dienenden Kunstgriffe und 
Zettelungen einerseits, so zeigten die von Eckmühl besoldeten Spiondienste 
und Angebereien, zu denen sich auch Hamburgische Einwohner hergaben, 
anderseits, dass die Stadt, deren materielle Wohlfahrt längst darniederlag, 
auch in ihrer sittlichen Existenz gefährdet war. 

Trotz alledem ist die Zeit der Fremdherrschaft nicht ohne segensreiche 
Folgen für Hamburg geblieben. Viele Hamburger sind sich erst in dieser 
Periode ihres Deutschthums vollkommen bewusst geworden, und diejenigen, 
die schon vorher nationale Gesinnungen gehegt hatten, wurden in ihrer 
Denkungsart bestärkt. 

Nur in aller Kürze kann hier angedeutet werden, wie sich in Hamburg 
unter dem Einfluss der erschütternden Ereignisse des Napoleonischen Zeit- 
alters der Uebergang von kosmopolitischen zu patriotischen Gesinnungen 
vollzogen hat. 

^) Nach den MunicipalitätsprotokoUen im Hamb. A. 



137 

m 

Zu den Stätten einer den Angehörigen der verschiedensten Völker 
zugänglichen Geselligkeit, in deren Mitte weltbürgerliche Begeisterung für 
die französische Eevolution oft in lebhaftester Weise zum Ausdruck gelangt 
war, hatten während des letzten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts die 
Häuser zweier hochangesehener Hamburgischer Kaufleute, das von Georg 
Heinrich Sieveking und das Joh. H. E. Westphalens gehört. Da ist es nun 
bemerkenswerth, dass der Sohn des ersteren, Karl Sieveking, bereits in 
seiner bei seinem Abgang vom Johanneum „über die Ansicht, die der Freund 
des Vaterlandes von der Geschichte hat" gehaltenen Rede von seiner 
patriotischen Denkungsart Zeugniss gegeben'). Seine Universitätsjahre, die 
zugleich die Jahre der tiefsten Erniedrigung von Deutschland waren, haben 
ihn in dieser Gesinnung bestärkt. Im Jahre 1811 wurde er für kurze Zeit 
Privatsecretär seines Oheims, des mehrfach genannten Diplomaten Karl 
Reinhard in Cassel, und der Gedanke ward ihm nahe gelegt, sich gleich 
diesem dem französischen Staatsdienst zu widmen. Aber es war ihm ein 
unerträglicher Gedanke, „während das ganze Vaterland auf dem Amboss 
lag, mit zum Hammer zu gehören." In demselben Brief, in dem sich diese 
Auslassung findet, fügt er der Aeusserung eines Franzosen: „Um diese 
Lande gut zu regieren, müsse man die Deutschen daraus vertreiben" die 
eigenen Worte hinzu : „Wirklich haben die Deutschen schon jetzt nirgends 
mehr das Heimweh, als in ihrem Vaterlande" ^). Indem er sich während der 
folgenden Jahre in historische Studien lernend und lehrend vertiefte, suchte 
er für eine künftige bessere Zeit Kräfte zu sammeln. 

Inzwischen waren bei Westphalen und seiner Gattin durch das 
unmittelbare Anschauen des Elends, das die Franzosenherrschaft über 
die geliebte Heimatstadt gebracht hatte, mit dem Zorn wider die Unter- 



*) Abgedruckt von Director Gurlitt in der Pnblication: Zwei Proben deutscher Beden, 
welche von Studlrenden im Johanneum gehalten worden sind. (Hbg. 1 808.) S. 1 5—24. Bemerkens- 
werth ist namentlich die folgende Stelle (S. 2 1) : ,,Haben die Deutschen von Griechenland nichts, 
nichts von Philipp von Macedonien vernommen? hörten sie nie, wie er sich eindrängte in 
den !Rath der Amphiktyonen, wie er in die Innern Händel sich mischte, wie endlich mitten 
in Griechenland seine Heere ungestraft standen, wie freie Männer von ihm sich Verfassungen 
geben und Gesetze vorschreiben Hessen, die sie an das Joch allmählich gewöhnten, wie 
selbständiger, vaterländischer Sinn, Nationalcharakter und endlich alles Grosse unter dem 

Drucke fremder Herrschaft verschwand Vielleicht wenn man die Parallele gezogen, 

wenn man geahnet hätte, was die Zukunft hüllte, was sie noch hüllt, es hätten die Deutschen 
nicht vergessen, dass sie zu Einer grossen Nation gehören.'' Noch bedeutsamer vielleicht 
ist der Ausruf, den der noch nicht 18jährige einem Hinweis auf die Geschicke Deutschlands 
während des dreissigjährigen Krieges folgen lässt (S. 2''2): „Wehe der Nation, die nur in 
äussrer Hülfe Rettung sieht! Auch diese äussre Hülfe wird sie nicht retten, wenn nicht 
der Glaube da ist an eigne Kraft.^ 

^ Brief an Graf Gustav Schlabrendorf vom 21. Juli 1811 (unter den Schlabrendorf- 
Papieren im Eönigl. Staatsarchiv in Breslau). Vgl. auch Poels Bilder aus vergangener 
Zeit Zweiter Theil. Bilder aus Karl Sievekings Leben (Hamburg 1887) I. S. 155 ff. 



138 

drücker auch warme patriotische Empfindungen erweckt worden. Ihren 
der Vaterstadt und dem Vaterlande gewidmeten Gesinnungen hat 
Christine Westphalen namentlich in den „Gesängen der Zeit'' Ausdruck 
gegeben. Schon in dem ersten Gedicht dieser Sammlung „1806*' beklagt 
sie die unheilvolle Veränderung, die Hamburg, der Sitz der Freiheit und 
des Friedens, zufolge schnöder Gewaltthat erfahren hat. Schwermüthig 
malt sie sich aus, wie nicht nur Glück und Wohlstand vernichtet, sondern 
auch der freie Sinn gebrochen wird, und der Enkel, durch Sklaverei 
entnervt, feige den Ketten lächelt und den Gesetzen Hohn spricht Doch 
schliesslich ruft sie sich selbst das Trostwort zu: 

„Hinweg da Bild der Schmerzen; 

Dn Tranm, der mich nmwand! 
Nie weicht ans dentschem Herzen 

Gott! Freiheit! Vaterland!" 

Ein Gedicht von ihr aus dem Jahre 1807 schliesst mit dem Weheruf: 

„Und, ach! Die Menschheit sich vor Einem Menschen bengt!" 

und eins aus dem Jahre 1810 beginnt mit den Worten: 

„Wir spotten deiner Uebermacht, 
Tyrann der weiten Erde!" 

Man begreift nach diesen Proben ihrer Dichtung, dass sie von den 
französischen Machthabern vergeblich aufgefordert wurde, Napoleon zu 
besingen.') Statt dessen hat sie in ihren Versen immer wieder ihrem 
Gram Über das Unglück und die Schmach Hamburgs und Deutschlands, 
nicht selten aber auch der zuversichtlichen Hoffnung auf dereinstige 
Erlösung Worte geliehen. Es war nicht möglich, dem Vertrauen auf 
Deutschlands sieghafte Zukunft bündigeren Ausdruck izu geben, als es in 
dem Distichon geschehen ist, das sie ihrer Dichtung „Auf Wartburgs 
Höhen" (1812) hinzufügte: 

^Dentschland, schinmmre nicht länger! Erheb' in der mächtigsten Kraft Dich! 
Trane der Stärke des Arms; Teufel beschwört er noch hent!" 

Indessen die trefflichen Gesinnungen, die Karl Sieveking in seinen 
Briefen äusserte und Christine Westphalen ihren sorgsam behüteten, erst 
im Jahre 1815 dem Druck übergebenen Poesien anvertraute, vermochten 
zunächst nicht auf weitere Kreise Einfluss zu üben. In der Zeit nach der 
Einverleibung wäre ja zweifellos jede öffentliche patriotische Kundgebung 
als Hochverrath bestraft worden. Doch nicht lange vorher, im Verlaufe 
des Jahres 1810, hatte der wackere Buchhändler Friedrich Perthes in 
Hamburg sein „Vaterländisches Museum" erscheinen lassen, in der Absicht, 
die vaterländische Denkungsart im deutschen Volke zu kräftigen. Zu- 
gleich hatte ihn bei der Begründung dieses Organs der Gedanke geleitet, 
indem er die besten und bestgesinnten deutschen Schriftsteller zur Mit- 



^) Nach einer handschriftlichen Notiz in dem Exemplar der ^Qes&nge der Zeit", 
das im Besitz der Hamhnrger Stadtbihliothek ist. 



139 

arbeiterschaft aufforderte, eine litterarische Vereinigung zu schaffen, die 
sich dereinst in einen Bund verwandeln könne, der „zu kräftigen Thaten 
Kraft und Zusammenhang besitze". ^ Der einzige erschienene Jahrgang 
enthält u. a. Jean Pauls „Nachdämmerungen für Deutschland", patriotische 
„Reflexionen" von Görres, zwei von vaterländischem Geiste beseelte Reden 
des Königsberger Professors HfiUmann, ausserdem einen Aufsatz von Saalfeld 
über die politische und mercantilische Wichtigkeit der Hansestädte, in 
dem es gelegentlich von diesen heisst, „der blühende Baum ihres 
Glückes sei durch den Sturm entblättert, der ertötend über Europa dahin- 
fuhr". Es ist aus diesen wenigen Andeutungen ersichtlich, dass es in dem 
„Vaterländischen Museum" ebensowenig an warmherzigen patriotischen 
Mahnworten, wie an Aeusserungen scharfer Kritik über das Napoleonische 
Zeitalter fehlte. Sicher gehörte ein ungewöhnlicher Muth dazu, derartiges 
im Jahre 1810 zu veröffentlichen. Auf die Fortsetzung dieser Publication 
musste Perthes allerdings verzichten, als Hamburg der unmittelbaren 
Gewalt Napoleons unterthänig geworden; doch seine Gesinnungen bewahrte 
er treu, einer besseren Zukunft entgegeuharrend. Bekannt ist seine 
eigene Aeusserung: „Die Ideologie, wie Napoleon das ihm im Wege 
stehende Geistige nannte, zu alle dem drang Davout und seine Gehülfen 
nicht, und so wurden die Grundsätze wahrer Ordnung, Freiheit und 
Nationalität, wie ein stummes Geheimniss von uns bewahrt, bis die 
Morgenröthe kam."*) 

Die Tiefe des deutschen Gemüths- und Geisteslebens war für Davout 
in der That eine fremde Welt. Immerhin ahnte er, dass in der deutschen 
Litteratur eine Macht liege, die der französischen Hen-schaft früher oder 
später gefährlich werden konnte. In seinen ünteiTedungen mit Rist liebte 
er es, von der deutschen Litteratur wie von einer verderblichen Pest zu 
reden; und er blieb bekanntlich nicht bei Worten stehen. Von Hamburg 
aus gab er Befehl, den verdienten Schriftsteller Rudolph Zacharias Becker zu 
Gotha in seiner Wohnung verhaften und unter Escorte von 50 Cavalleristen 
nach Magdeburg führen, weil er an verschiedenen Artikeln der von diesem 
herausgegebenen „Nationalzeitung der Deutschen" Anstoss genommen hatte. 
Dass diese Gewaltthat in dem Gebiete eines Rheinbundfürsten vor- 
genommen wurde, rechtfertigte Davout Rist gegenüber mit dem Hinweis, 
man brauche mit einem Rheinbundfürsten, namentlich mit einem solchen 
dritten Ranges, nicht viel Federlesens zu machen. Napoleon habe durch 
die Verhaftung des Herzogs von Enghien den Massstab dafür gegeben, 
wie weit die Unabhängigkeit der Rheinbundfürsten zu respectiren sei. 



') Vgl. Friedrich Perthes* Leben, nach dessen schriftlichen nnd mündlichen Mit- 
theilnngen aufgezeichnet von Clemens Theodor Perthes, Band 1, S. 166. 

^ Friedrich Perthes' Leben, Band 1, S. 183. 



140 

So glaubte Eckmühl also selbst die schnödeste Gewaltthat seines 
Abgottes als Vorbild für seine Handlungsweise hinstellen zu können. 
Man kann daraus entnehmen, dass er ebenfalls völlig im Geiste Napoleons 
zu verfahren meinte, wenn er gegen die Hamburger möglichst schroflf und 
rücksichtslos vorging. Ueberhaupt darf man bei der Beurtheilung Davouts 
nie tibersehen, dass der grössere Theil der Verantwortung für das Leid, 
das er den Hamburgern zufügte, auf Napoleon fällt. Anderseits steht 
fest, dass sie aufathmeten, als er am 4. März 1812 in aller Frühe die 
Stadt verliess, um sich an dem Heereszuge wider Russland zu betheiligen. 
Die Männer, die nunmehr in Hamburg die oberste Gewalt hatten, der 
Generaldirector der Polizei, d'Aubignosc, und der Präfect des Depaitements 
der Eibmündung, Baron De Conninck, führten ein etwas gelinderes 
Regiment. Von einem Systemwechsel war freilich nicht die Rede. 

Erst die Katastrophe, von der Napoleons Armee in Russland betroflfen 
wurde, bildete einen Wendepunkt wie in der allgemeinen, so in der Ham- 
burgischen Geschichte. Allerdings wurden die Hamburger fortwährend 
allzu sehr von den Argusaugen der französischen Polizeiorgane überwacht, 
als dass sie es hätten wagen können, gleich den Bremern nach dem 
Bekanntwerden des berühmten 29. Bulletins den Jubel ihres Herzens durch 
laute Freudenbezeugungen zu bekunden. Doch war seit Beginn des 
Jahres 1813 auch in Hamburg aus immer deutlicheren Anzeichen zu 
ersehen, dass die französische Zwingherrschaft ihren lähmenden Zauber 
nicht mehr übte. Immer furchtloser offenbarte sich die Abneigung, ja 
selbst die Missachtung denjenigen gegenüber, vor denen man noch vor 
kurzem gezittert hatte. Der Tumult vom 24. Februar, zunächst nur der 
Ausbruch der lange verhalteijeii Wuth über die Plackereien der Zollwächter, 
enthüllte den Franzosen überhaupt, wie verhasst sie in der Hamburgischen 
Bevölkerung waren. Gleichsam epidemisch griff die aufrührerische Ge- 
sinnung von Hamburg aus um sich. In den benachbarten Landschaften, 
wie in den Städten Lübeck, Lüneburg und Stade kam es zu franzoseri- 
feindlichen Demonstrationen und Aufläufen; und obwohl die äusserliche 
Ruhe ziemlich schnell wiederhergestellt wurde, dauerte doch die Gährung 
in den Gemüthern fort, und es erklärt sich hieraus, dass sich bei den 
französischen Beamten zu der Furcht vor den Kosaken ein nicht geringes 
Grauen vor dem erwachenden Freiheitsgeist der niederdeutschen Bevölkerung 
gesellte. Der Unteipräfect von Lüneburg, der statt des erkrankten Pi'ä- 
fecten der Eibmündung nach Paris berichtete, schrieb am 28. Februar: 
„wenn die Russen kämen, so würden sicher alle Franzosen daran denken 
müssen, sich ihrer Haut zu wehren. Sie würden von den Einw^ohnem 
angegriffen werden;" und etwas später schrieb er über die letzteren, sie 
seien russisch, englisch, nur nicht französisch gesinnt. Dass sie deutsch- 

Pariger Nat.-A. 



Ul 

gesinnt sein könnten, war freilich fUr ihn, wie für so manche Franzosen 
ein fernliegender Gedanke. 

Zu der Beunruhigung der französischen Beamten in Hamburg trug viel- 
leicht am meisten bei, dass der militärische Oberbefehlshaber St. Cyr, der 
allerdings zufolge der Entsendungen nach Magdeburg nicht mehr über eine 
sehr erhebliche Truppenzahl gebot, völlig den Kopf verloren hatte. Er schrieb 
am 3. März an den Grafen Chaban : Da die Truppen, über die er verfüge, 
unzureichend seien und man bei der Erregung der Bevölkerung auf neue 
Unruhen gefasst sein müsse, so sei es geboten, die Eventualität eines 
Eückzuges ins Auge zu fassen. Dieser werde sich in militärischer Weise 
vollziehen; um Nichtmilitärs, Frauen und Kinder werde man sich nicht 
kümmern können.*) Dieser unüberlegte Brief hatte natürlich die Folge, 
dass die Beamten vor allem daran dachten, sich selbst oder doch die 
Ihrigen in Sicherheit zu bringen. Zunächst suchten sie in Altona eine 
Zuflucht, und zwar in solcher Zahl und in solcher Eile, dass doi-t nach 
wenigen Tagen in keinem Wirthshaus mehr ein Unterkommen zu finden war. 

Am 12. März wurde Hamburg von den bisher noch anwesenden 
französischen Truppen und Behörden verlassen. 

„Zerspringe nicht in deiner UeberfÜUe, 

Mein Herz, im wonnetranknen Freiheitsrausch!'' 

So beginnt ein beim Abzüge der Franzosen aus Hamburg entstandenes 
Gedicht von Christine Westphalen. Die Mehrheit der Bevölkerung fühlte 
sich schon an diesem Tage wie von einem schweren Alp befreit. Nicht 
so freilich der Maire und die Mitglieder der Muuicipalität, die als einzige 
Vertreter der französischen Herrschaft zuiiickgeblieben waren. Deren Lage 
war begreiflicher Weise eine ausserordentlich peinliche. Mit dem Rufe: 
„Auf Wiedersehen in zwei Monaten" hatte d'Aubignosc die Stadt verlassen. 
Kurz vorher hatte er ein Schreiben an den Maire gerichtet, das alsbald nach 
seiner Abreise der Muuicipalität vorgelegt werden sollte. Der Zweck dieses 
Schreibens war, die Aussichtslosigkeit aller gegen Frankreich geplanten Unter- 
nehmungen darzuthun. Russland — hiess es da — operire zu weit von seinen 
Grenzen, um so grosse Anstrengungen fortsetzen zu können. Oesterreich werde 
nichts gegen Frankreich unternehmen, wenn es nicht gar für dasselbe sein 
werde. Preussen beginne die Gefahr der Insurrection zu spüren. Der 
König, der von seinen ünterthanen beherrscht sei, werde sich diesem Joch 
zu entziehen wissen und aufs neue die Sache der Civilisation ergreifen. 
Dänemark werde unerschütterlich neutral bleiben und den Hamburgern 
helfen, den Pöbel im Zügel zu halten. Schweden werde eine Demonstration 
machen, vielleicht Pommern wieder in Besitz nehmen und alsdann die 
Verzeihung des Kaisers zu erlangen suchen. Den Engländern sei es um 



^) Nach den Angaben Rists vom 5. März 1813. Kopenhg. Answ. A. 



U2 

nichts weiter zu thnn, als ihre Waaren ia Deutschland einznschinnggelii o. s. w. 
„Nun Überlegen Sie," heisst es weiter, „was alles der Kaiser Feinden von 
so verschiedenen Absichten und Interessen, so schwachen und so schlecht 
geleiteten Kräften entgegenstellen kann, und Sie werden, wie jeder denkende 
Mensch, zu dem Urtheil gelangen, dass drei Monate hinreichen, damit 
Frankreich die Stellung wieder erlangt, welche die ihm innewohnende 
Macht und das Oenie seines Herrschers dem Lande fttr immer sichern 
müssen." Gleichviel welchen Werth die Mitglieder der Municipalität den 
einzelnen Angaben dieses Schreibens beimassen, jedenfalls mussten sie mit 
der Möglichkeit rechnen, dass die Franzosen noch einmal wiederkommen 
konnten. Dem an sie gerichteten Ansinnen, sich aufzulösen, den alten 
Senat wieder zu berufen oder eine provisorische Regierung einzusetzen, 
glaubten sie dalier nicht ohne Gefahr, nachträglich der Pflichtverletzung 
geziehen zu werden, Folge leisten zu können. 

Zum Glück fehlte es in Hamburg nicht an Männern, die sich von 
den Franzosen unabhängig fühlten und eine gewisse Initiative zu ergreifen 
bereit waren. Neben dem bereits als Patrioten genannten Friedrich Perthes 
hatten J. L. von Hess, Mettlerkamp, Ferdinand Beneke, Ewald und Prell 
sich bereits vor dem Abzug der Franzosen bemüht, nicht nur die deutschen 
Gesinnungen, sondern auch die Wehrfähigkeit der Hambui^er zu stärken. 
Unter diesen trat, wie in späterer Zeit Mettlerkamp, so im Frühjahr 1813 
der aus der alten Hansestadt Stialsund stammende J. L. von Hess am 
meisten hervor. Bei seinen Bemühungen um die Wehrbarmachung der 
Hamburger kam es ihm zu gute, dass er in jüngeren Jahren im schwedischen 

TT -gedient hatte. Er war überdies ein ungewöhnlich beß-higter, 

sreieher, vielseitig gebildeter Mann, der als Schriftsteller und 
aicht nur in Hamburg eine angesehene Stellung einnahm, sondern 
I übrigen Deutschland geachtet war. Die auf ihn gesetzten 
reu vermochte er allerdings später nicht völlig zu erfüllen. Dies 
jedoch nicht verhindern anzuerkennen, dass er sich durch seinen 
r die gute Sache, namentlich im März 1813, um Hamburg verdient 
hat. Durch zwei seiner gesinnnngsverwandten Berliner Freunde 
ischen ihm und dem mit einer russischen Heeresabtheilnng vor- 
en Oberst Tettenbom eine Verbindung hergestellt, so dass dieser von 
ide der Dinge in Hamburg rechtzeitig Kunde erhielt. Als am Morgen 
März Tettenbom in Bergedoif mit Hess zusammentraf, gab er ihm 
ichening, dass er von seinem Kaiser eimächtigt sei, den Hamborgem 
:ünden, so lange der russische Kaiserthron stehe, würden die 
ichen Adler nicht wieder auf Hamburgs Wällen aufgepflanzt werden. 
;pntirte der Municipalität, die ebenfalls in Bei^edorf eingetroffen, 
vergeblich eine Audienz bei Tettenbom zu erlangen. Er liess 
elmehr zu verstehen geben, dass er nicht mit der Monicipalität 



143 

einer iranzösischen Stadt verhandeln wolle ; wenn er diese noch bei seinem 
bevorstehenden Einzug in Hamburg antreffe, werde er die Stadt als eine 
eroberte betrachten und die sämmtlichen Municipalbeamten verhaften lassen.*) 
Die Folge hiervon war, dass sich die Municipalität in der Nacht vom 
17. auf den 18. März auflöste und den ältesten der vormaligen Bürger- 
meister, von Graflfen, veranlasste, den Senat sofort wieder zu berufen. 
Aber auch die Körperschaft, die jetzt an die Spitze von Hamburg trat, 
war sich der vollen Schwere ihrer Verantwortlichkeit bewusst; sie ent- 
sandte zwei Deputirte an Tettenboni, um ihm den Wunsch vorzutragen, 
dass er vor seinem Einzüge duich eine die Hamburgischen Behörden 
möglichst wenig compromittirende Proclamation die Stadt für frei und 
unabhängig erkläre. Tettenbom verlangte jedoch, dass, noch ehe er ein- 
ziehe, die Unabhängigkeit der Stadt vom Senat selbst proclamirt werde. 

Glücklicher als die Männer, die bei jedem ihrer Schritte die Ver- 
gangenheit und die Zukunft Europas bedächtig in Erwägung zu ziehen 
hatten, vermochte die Masse der Hambuigischen Bevölkerung der Stimme des 
Herzens zu folgen. Der am 18. März mit elementarer Gewalt hervorbrechende 
Volksjubel war nicht nur für Hamburg, sondern für ganz Deutschland ein 
epochemachendes Ereigniss. Am 17. März hatte König Friedrich Wilhelm III. 
den berühmten Aufruf „An mein Volk" erlassen, der in ergreifenden 
Worten auf die Nothwendigkeit eines letzten entscheidenden Kampfes um 
des Daseins, um der Ehre willen hinwies. Der Aufruf war nur an Preussen 
gerichtet, doch schwebte von vornherein die Befreiung von ganz Deutschland 
als Ziel vor. Für diese aber war es von erfreulichster Vorbedeutung, dass 
bereits am folgenden Tage eine volkreiche deutsche Stadt, die vor kurzem 
noch von Napoleon als ein Stützpunkt der französischen Herrschaft in 
Deutschland angesehen war, mit dem Jubel über ihre Erlösung zugleich 
ihren Abscheu vor der Fremdherrschaft zu erkennen gab. 

„Es diene dieser erste glückliche Erfolg als Vorbote und Beispiel 
unserer ferneren Fortschritte in Deutschland!" So hiess es in einem Erlass 
der preusl^ischen Eegierung an den preussischen Gesandten in Hamburg, 
als dieser über den Einzug Tettenborns und die Freudenkundgebungen der 
Hamburger berichtet hatte. 

Doch nicht allein in begeisterten Demonstrationen, sondern durch 
Thatenlust und Opfermnth äusserte sich die Gesinnung der alten Hansestadt. 
Bereits am 26. März konnte Graf Grote nach Berlin berichten: „DieHambui-ger 
bewähren ihre guten Gesinnungen durch die Schnelligkeit, mit welcher sich 
die Freiwilligen stellen. Schon sind 1400 Infanteristen und 200 Mann zur 
Cavallerie aufgezeichnet, von denen viele, die vorher mehrere tausend Mark, 
um bei der Conscription einen Stellvertreter zu kaufen, verwandt haben, 

*) ManicipalitätsprotokoU vom 17. März 1813, Abends IIV2 Uhr. Hamb. A. 



144 

nun noch selbst die Kosten ihrer Equipirung tragen" *). Auch aus der 
Entfernung kamen Hamburgische Jünglinge herbei, um sich in die hanseatische 
Legion einreihen zu lassen, so z. B. eine Anzahl junger Hamburger, die jener 
Zeit in Göttingen studirten, unter diesen der nachmals so berühmt gewordene 
Joh. Franz Encke *). Karl Sieveking, der in dem vorausgegangenen Winter 
in Göttingen als Docent der Geschichte gewirkt hatte, tiat in die Bürger- 
garde ein und fand auch sonst während dieses denkwürdigen Jahres manche 
Gelegenheit, seine patriotische Gesinnung zu bewähren. 

Patriotisch zeigten sich damals die edler gearteten Söhne Hamburgs 
nicht nur in dem Sinne, wie man das Wort früher brauchte, nicht nur 
durch opferbereites Eintreten für die Heimatstadt, sondern auch durch die 
feurige Begeisterung, mit der sie den Gedanken der Befreiung des ganzen 
deutschen Vaterlandes ergriffen. Unter den Schriften, die dies bezeugen, 
sei hier insbesondere die kleine Publication von Ferdinand Beneke „Heer- 
geräth für die hanseatische Legion" hervorgehoben. Der Zweck des 
Verfassers war, bei den hanseatischen Kriegern hanseatischen Gemeinsinn, 
zugleich aber auch warme, das ganze Deutschland umfassende Vaterlands- 
liebe zu wecken. Als Aufgabe stellte er ihnen den Kampf bis an Deutsch- 
lands künftige Grenze, damit „das grosse Vaterland, ganz und eins, seine 
uralte Reichsstelle in Eui'opas Mitte; — wie die Natur es so deutlich 
will: trennend das Feindselige, verknüpfend das Verwandte — wieder 
einnehme." 

Das Hervortreten solcher Gesinnungen war an sich schon ein segens- 
reiches Ergebniss jener grossen Zeit, wenn auch nicht alle Hoffnungen, 
die man an die Erhebung Hamburgs in den Märztagen 1813 geknüpft 
hatte, in Erfüllung gingen. 

Die Hamburgische Geschichte in der Zeit vom März 1813 bis 
Mai 1814 ausführlicher darzustellen, muss ich mir für eine spätere 
Gelegenheit vorbehalten. An dieser Stehe möge es genügen, darauf 
hinzuweisen, dass, w^enn es auch den Hamburgern nicht beschieden war, 
an den grossen gewaltigen Entscheidungen der Freiheitskriege theil- 



*) Drei Tage zuvor hatte er geschrieben : „Ich kann meinem gestrigen Bericht hente 
unr hinzufügen, dass der Patriotismus der Hamburger sich durch Beweise bestätigt. Eine 
sehr grosse Menge junger Leute nimmt täglich freiwillig Dienste unter der hanseatischen 
Legion. Es ist unglaublich, wie alles elektrisirt ist." Berl. A. 

^ Sowohl Joh. Franz Encke, der nachmalige Astronom, wie auch August Encke, 
der nachmalige preussische General gehörten der hanseatischen Legion an. Der erstere 
hatte sich freilich auf dem Marsche von Göttingen nach Hamburg die Füsse wundgegangen, 
sodass er erst im Juni 1813 in die reitende Artillerie eintreten konnte, in der sein jüngerer 
Bruder August, der sich unmittelbar nach seinem Abgang vom Johanneum zum Eintritt 
in die Legion gemeldet hatte, bereits Wachtmeister war. Vgl. Bruhns, Joh. Franz Encke 
(Leipzig 1869). S. 24 ff. 



145 

zunehmen, wenn sie selbst in Ermangelung ausreichenden Beistandes von 
aussen nicht einmal die eigene Stadt erfolgreich zu vertheidigen ver- 
mochten, doch die Tüchtigkeit ihrer Leistungen jener Zeit von Freund 
und Feind anerkannt wurde. In dem Bericht des im März 1813 an Stelle 
De Connincks zum Präfecten des Eibdepartements ernannten Baron ßreteuil 
vom 30. Mai ist von einer wahrhaft beispiellosen Hartnäckigkeit, von 
einem bis zum Wahnsinn getriebenen Widerstände der Hamburger die 
Eede. unter den Kundgebungen von deutscher Seite sind nicht zum 
wenigsten die Worte des Rittmeisters Baersch bemerkenswerth, der 
speciell von der Hamburger Bürgergarde aussagte, dass sie „ehrenvoll, 
zu ruhmwürdigem Beispiel für ganz Deutschland, für Selbständigkeit und 
Freiheit gekämpft habe." Gemessener, aber darum nicht weniger anerkennend 
sind die Zeilen, in denen der preussische Gesandte die in Hamburg 
während der Frühlingsmonate 1813 gewonnenen Eindrücke zusammen- 
fasste: „Das Zeugniss, dass die Hamburger der allgemeinen Sache willig 
grosse Opfer brachten, dass sie mit Eifer und Patriotismus handelten, und 
dass sie, wenn man den Ort hätte vertheidigen können, willig die grössten 
Gefahren getheilt haben wüi-den, kann man ihnen unmöglich versagen." 

Nachdem die Stadt aufs neue in die Gewalt der Franzosen gekommen, 
vermochten allerdings nur diejenigen, die als Glieder der hanseatischen 
Legion und der hanseatischen Bürgergarde in der Nordarmee kämpften, 
ihre Liebe für die Vaterstadt und für Deutschland durch die That zu 
bekunden. Aber auch die Leiden der Daheimgebliebenen sind nicht ver- 
geblich gewesen, denn sie trugen dazu bei, die Theilnahme des übrigen 
Deutschlands für Hamburg rege zu erhalten, in den Hamburgern aber 
die üeberzeugung zu wecken, dass die Stadt nur durch die innige Ver- 
bindung mit dem deutschen Gesammtvaterlande vor der Wiederkehr 
ähnlicher Drangsale bewahrt werden könne. 



IV. Aus der Zeit von 1814—1888. 

I. Zur Geschichte der nationalen Gesinnung in Hamburg. 

In seinen Anfang 1814 geschriebenen „Wünschen bei Hamburgs 
Wiedergeburt" hat Senator Abendroth seine Anschauungen über das ver- 
gangene Verhalten Hamburgs in die scharfkritischen Worte zusammen- 
gefasst: „Wir haben uns wohl etwas zu wichtig geglaubt." Er fügte 
hinzu : „Dass wir für die Zukunft nicht so hülf los und schutzlos nantes in 
gurgite vasto bleiben können, sagt die Erfahrung. Was würde es uns 
helfen, frei zu sein, wenn Deutschland nicht frei wäre!" 

10 



U6 

Von nicht minder einsichtiger und patriotischer Denkniigsart zeugen 
die Worte, die Senator Bartels am 20. Mai 1815 seiner „Actenmasagen 
Darstellung des Verfahrens der Franzosen bei dem durch den Marschall 
Davout befohlenen Verbrennen des Krankenhofes zwischen Hamburg und 
Altona" vorausschickte : Er wähle die gegenwärtige Zeit, d. h. den Zeitpunkt, 
als Napoleon von Elba nach Frankreich zurückgekehrt war, „um auch ein 
Scherflein dazu beizutragen, damit man die Ungerechtigkeit der Franzosen 
nicht vergesse und der Vorsatz immer fester werde, nicht zu dulden, dass 
unser Wille wieder dem ihrigen unterthan werde. Die deutsche Nation ist 
stärker, als irgend eine andere ; sie ist unüberwindlich, wenn nur Einigkeit 
unter uns heri-scht." 

Wie sehr auch in weiteren Kreisen der Hamburger Bevölkerung die 
nationale Gesinnung Wurzel gefasst hatte, das erhellt besonders aus ver- 
schiedenen Vorkommnissen des Jahres 1816. Auf Veranlassung des Senats 
fanden zwischen diesem und den bürgerlichen CoUegien mehrfach Verhand- 
lungen darüber statt, ob und in welcher Weise die Feier der nationalen 
Gedenktage zu beschränken oder durch Verlegung auf einen Sonntag zu 
modificireu sei. Da ist es nun bemerkenswerth, dass die Oberalten sich 
zwar gegen die Vervielfältigung der Hamburg allein angehenden politischen 
Feste aussprachen, dagegen auf eine würdige Feier des 18. Octobers, als 
des „Festes aller Deutschen", das grösste Gewicht legten und insbesondere 
die vorgeschlagene Verschiebung derselben auf den folgenden Sonntag 
aufs entschiedenste verwarfen. Sie erklärten: darin, dass es sich um eine 
in ganz Deutschland gleichmässig veranstaltete Nationalfeier handele, liege 
gerade der grossherzige Charakter des Festes. Die Gemüther seien jetzt 
mehr denn je für nationale Einstimmigkeit. Der Senat sah sich veranlasst, 
der in solcher Weise von den Oberalten und ähnlich auch von den Sechszigem 
zum Ausdruck gebrachten öffentlichen Meinung nachzugeben. *) Die Schlacht 
bei Leipzig wurde auch im Jahre 1816 am 18. October gefeiert, und am 19. 
konnte der Hamburger Correspondent seinem Bericht darüber die Worte 
vorausschicken: „Millionen feierten diesen Tag mit uns, nirgends aber ist es 
gewiss mit innigerer Empfindung geschehen, als hier." 

Wohl noch grösserer Enthusiasmus aber hatte sich in Hamburg 
während der patriotischen Festtage offenbart, die hier einen Monat zuvor 
stattgefunden, als Blücher der Gast dieser Stadt war. Bereits am 28. August 
hatte der Senat bei den Oberalten beantragt, dem Feldmarschall, der dem 
Publicum als das Idol des deutschen Vaterlandes gelte, durch die üblichen 
Festivitäten die öffentliche Achtung zu bezeugen. Die Oberalten erklärten 
sich selbstverständlich damit einverstanden. Was aber officiell zu Ehren 
Blüchers geschehen konnte, wurde weit überboten durch die ihm aus allen 

Dies und das Folgende nach dem Oberalten-ProtokoU vom Jahre 1816 im Hamb. A- 




147 

Kreisen entgegengetragene Begeisterung. Eine ungezählte Menge war ihm 
über die Grenzen des Hamburgischen Gebiets entgegengezogen. Alle Häuser 
selbst vor den Thoren der Stadt waren erleuchtet, als er sich ihr am 
Abend des 12. Septembers nahte. „Blücher, nichts als Blücher! ist jetzt 
die Jubellosung in Hamburg" ; so hiess es an einem der nächsten Tage in der 
Zeitung. Wo immer sich der greise Feldmarschall den Blicken der 
Bevölkerung zeigte, wollte das Zujauchzen kein Ende nehmen. In so 
überwältigender, in so erdrückender Weise stürmte die Liebe und Ver- 
ehrung der Hamburger auf ihn ein, dass er äusserte, die Hamburger 
Festtage hätten seinem robusten Körper mehr zugesetzt, als manche 
Campagne.^) Vor seiner Abreise aber gab er den Wunsch zu erkennen, 
das Bürgerrecht der von ihm so sehr geliebten freien Stadt Hamburg zu 
erhalten. Mit begreiflicher Freude und Genugthuung wurde diesem Wunsch 
entsprochen. 

Auf solche Tage des patriotischen Rausches folgten dann freilich 
wieder ruhigere Zeiten, in denen der Sinn auf das Nächstliegende gerichtet 
war, in erster Linie auf die Wiederaufrichtung des Wohlstandes der 
Einzelnen und des Gemeinwesens. Darin mochte ja in der That mancher 
realistiscli angelegte Hamburger seine volle Befriedigung finden. Wer 
aber in idealistischer Gesinnung, das Herz noch immer erfüllt von den 
Hoffnungen, welche die Zeit der nationalen Erhebung wachgerufen, seine 
Blicke über die Grenzen der Heimatstadt hinaus auf die deutsche Ge- 
sammtheit, auf das deutsche Vaterland zu richten pflegte, der musste von 
Jahr zu Jahr mehr enttäuscht werden. An Stelle des im Aufruf von 
Kaiisch verheissenen ehrwürdigen Reiches, das aus dem ureigenen Geist 
des deutschen Volkes hervorgehen sollte, war der deutsche Bund getreten. 
Auch von diesem hoffte man in den Hansestädten anfänglich, dass er die 
nationalen Bedürfnisse wenigstens in einiger Beziehung zu befriedigen im 
Stande sein werde. Aber auch die bescheidensten Erwartungen blieben 
unerfüllt. 

Es ist allgemein bekannt, dass der im Juni 1817 von den vier freien 
Städten an den Bund gerichtete Antrag, durch welchen Massregeln zum Schutze 
der deutschen Flagge wider die Gewaltthätigkeiten der Barbaresken 
bezweckt wurden, zwar zur Niedersetzung einer Commission und zu einigen 
patriotischen Kundgebungen Anlass gab, aber keinerlei thatsächliches 



^) In der gleichzeitigen Aufzeichnung der Tochter des Pastors Grautoff wird die 
Schilderung der Anwesenheit Blüchers in Hamburg mit den Worten beschlossen: „Wo er 
sich im Volke zeigt, ist das Gedränge immer sehr gross und des Zujauchzens kein Ende. 
Diese allzu grosse Zuneigung der Hamburger mag indess in der Länge lästig für ihn 
werden. Er sagte gestern zu Vater, er würde schon am Freitag Hamburg verlassen, 
weil er fürchtete, wenn er länger bliebe, dass man ihn dann hier begraben müsse, so sehr 
fühle er sich angegriffen durch die immerwährende Folge von Festlichkeiten/ 

.10* 



148 

Ei^ebniss erzielt hat.') Nicht minder erfolglos blieben die Bemöhangen 
der freien Städte im Interesse des deutschen Postwesens. Doch wegen 
der gleichsam typischen Art, mit welcher der betreffende Antrag vom 
deutschen Bunde begraben wurde, möge seiner hier in dei' Kürze gedacht 
werden. Von Hamburg, wo begreiflicherweise die beklagenswerthen 
Mängel des deutschen Postwesens noch mehr, als in den Übrigen Bundes- 
staaten empfunden wurden, erging am 8. Mai 1819 die Weisung an Syndicos 
Gries, den Bevollmächtigten der Stadt beim Bundestage, sich mit den 
Vertretern der anderen freien Städte über die erforderlichen Schritte zn 
verständigen, um durch Vennittlung des Bundes die Abstellung der 
schlimmsten Missstände auf dem erwähnten Gebiete zu erwirken. *) Die 
Anregung schien auf guten Boden zn fallen. Der Hamburgische Vorschlag 
wurde von den Bevollmächtigten der übrigen freien Städte g^tgeheissen. 
und im Einvernehmen mit ihnen entwarf Gries den an die Bundes- 
versammlung zu richtenden Antrag. Als das Erwünschteste wurde darin 
die BegiUndung einer einheitlichen Bundespost bezeichnet, die abgesehen 
von den Vorzögen einer centralisirten Verwaltung auch noch den Tortheil 
gewähren werde, dass ihr Ertrag zu gemeinschaftlichen ßundeszweeken 
verwandt werden könne. Da dies jedoch vorläufig als ein unerreichbares 
Ideal angesehen werden musste, so beschränkte sich der Antrag im wesent- 
lichen darauf, unter Bezugnahme auf die zur Zeit im deutschen Post- 
wesen hervorgetretenen Mängel und Unzuträglichkeiten eine Verständigung 
aller Bundesstaaten Über Massregeln zur Herbeiführung der möglichsten 
Schnelligkeit und Wohlfeüheit der Postcommunication zu befürworten. Der 
Inhalt des Antrages, der am 2d. Juli d. -T. von dem stimmfQhrenden Gesandten 
der Städte in der Bundesversammlung verlesen wurde, fand anscheinend all- 
gemeine Zustimmung. Der Bundestagspräsident, Graf von Bnol-Schauenstein, 
schlug die Ernennung einer Commission von drei Mitgliedern zu weiterer 
Berathung des Gegenstandes vor. Indessen wurde von anderer Seite 
emgewandt, dass es gegen das Herkommen beim Bundestage Verstösse, so 
schnell zur Niedersetzung einer Commission zu schreiten. Man beschloss des- 
halb ftlrs erste nur, — in der nächsten Sitzung auf den Gegenstand zurückzu- 
kommen. Aber auch in dieser (am 3. August) wurde die sofortige Einsetzung 
emer Commission beanstandet. Es hiess, eine solche würde doch mit ihrer 
Arbeitnichtreclitvorwärtskommenkönnen,ehedieInstructionen eingegangen. 
Man beschloss daher nunmehr, „dass dieser Gegenstand den ßegierangen 
emptehlend vorzutragen und Instructionen hierüber in der Hofiiinng zu erbitten 
TZ', l '°^'?' "*''' ^'° ^'"«" ^'« Bundesversammlung in den Stand setzen 
^|™^^dei^mäcli8t zu erwählenden Commission einen sicheren Leit- 

-) D,«, und d« Folgende n«cL einer Äote des Hamb. A. 



149 

faden ihres Gutachtens an Händen zu geben**. Als Ursache dieser Ver- 
zögerung bezeichnete Gries (in seinem Bericht vom 6. August) die 
Besorgniss einiger Gesandten, ihre Regierungen möchten es übel aufnehmen, 
„wenn die Bundesversammlung es sich anmasste, bei einem Gegenstand, 
der in die Kegierungsrechte eingriffe und noch dazu ein Regal beträfe", 
ohne vorgängige Instructionseinholung zum Niedersetzen einer Commission 
zu sehreiten. Nicht minder bemerkenswerth ist es, dass der Vertreter Bayerns, 
Freiherr von Aretin, bei der Erörterung des Antrages zwar versicherte, sein 
Hof werde bereit sein, „zu einem gemeinntitzlichen Resultat mitzuwirken," 
jedoch zugleich andeutete, seiner Ansicht nach werde die Sache durch unmittel- 
bare Communication zwischen den Regierungen oder durch eine Zusammen- 
kunft von Postbeamten besser gefördert, als durch Ueberlegungen in einer 
Bundestagscommission. Da nun überdies der Generalpostdirector der 
Thurn und Taxis'schen Post dem Bundestagspräsidenten sein lebhaftes 
Missfallen darüber zu erkennen gab, dass die freien Städte es gewagt 
hätten, ein so abfälliges Urtheil über, das bestehende deutsche Postwesen 
zu Protokoll zu geben, so konnte das Schicksal des Antrages im Grunde 
schon vor den Bundestagsferien als entschieden angesehen werden. 

Von den hansestädtischen Senaten wurde ungeachtet solcher Miss- 
erfolge der deutsche Bund als die nun einmal zu Recht bestehende deutsche 
Centralbehörde in Ehren gehalten. Es erscheint aber begreiflich genug, 
dass sich in vielen Kreisen der Wunsch regte, eine so unzureichende 
politische Organisation Deutschlands durch eine den nationalen Bedürfnissen 
gemässere ersetzt zu sehen. Bei manchen führte dies zu phantastischen 
Traumgebilden und schwärmerischen patriotischen Entwürfen, bei änderen 
auch wohl zu politischen Erwägungen, die einen mehr realpolitischBa, 
Charakter trugen. 

Unter den politischen Schriftstellern Hamburgs und Deutschlands nahm 
J. L. von Hess auch nach den Freiheitskriegen eine geachtete Stellung ein. 
Als im Jahre 1 820 das berüchtigte Manuscript aus Süddeutschland erschienen 
war, das vorgeblich vom Standpunkt des wahren und reinen Deutschlands, 
thatsächlich von dem eines sich überhebenden süddeutschen Particula- 
rismus gegen die Hansestädte, wie gegen Preussen unbegründete Angriffe 
in ungebührlichster Form vorbrachte, da trat Hess mit seiner Schrift: „Aus 
Norddeutschland kein Manuscript" (1821) nicht nur für die Hansestädte, 
für die er schon so oft seine Feder geführt, sondern auch für Preussen 
ein und verkündete laut vor aller Welt Preussens dereinstigen Beruf, 
indem er erklärte, sobald Preussen in den Besitz einer repräsentativen 
Verfassung gelangt sei, werde kein deutscher Staat sich besser dazu eignen, 
„der Einigungs-, der Haltungspunkt zu sein, um den die anderen Theile 
Deutschlands die Peripherie ausmachen." 



150 

Es verdient jedenfalls Beachtung, dass zehn Jahre, ehe im Schwaben- 
lande Paul Pfizer und Friedrich Notter in ihrem beiiihraten „Briefwechsel 
zweier Deutschen" die Forderung der Hegemonie Preussens über das ganze 
nicht- österreichische Deutschland gleichsam wie ein neues Programm in die 
Welt hinaussandten, ein Hamburgischer Schriftsteller sich zu ähnlichen 
Gesinnungen bekannt hatte. ^) Allerdings waren solche Anschauungen in 
Hamburg jener Zeit nur vereinzelt vertreten. Im allgemeinen trugen hier 
die unerfreulichen Zustände des deutschen Bundes, wie einst die des alten 
deutschen Kelches, dazu bei, den Particularismus einerseits, den Kosmo- 
politismus anderseits zu nähren. Trotzdem war der Geist der Freiheits- 
kriege nicht erstorben. Die lebendige Erinnerung an die erlebten Schmerzens- 
und Freudentage, die Kampfgenossenvereine, die vaterländischen Lieder, 
die dem Jahre 1813 entstammten und hier insbesondere bei der jährlich 
wiederkehrenden Feier des 18. Octobers erklangen, bewirkten vereint, dass 
die Gesinnungen, die jene grosse Zeit 'wachgerufen, der Hambnrgischen 
Bevölkerung nicht verloren gingen. 

Zur Erweckung vaterländischer Gesinnungen unter der heranwachsenden 
Jugend trug namentlich die im Jahre 1816 ins Leben gerufene Hamburger 
Tumerschaft bei. Fast symbolische Bedeutung hatte es, dass kurze Zeit 
nach ihrer Begründung Blücher in ihrer Mitte erschien und ermuthigende 
Worte an sie richtete. Der Geist der Freiheitskriege hat ihren trefflichen 
Bestrebungen die höhere Weihe gegeben, und zu ihren Festtagen gehörte 
vor allem der Tag der Schlacht bei Leipzig. Nachdem am Vormittag des 
18. Octobers ein öffentliches Schauturnen stattgefunden, zogen des Abends 
die Hamburger Turner Jahr um Jahr mit ihren Fackeln nach der Stemschanze, 
um das weithin lodernde Freudenfeuer zu entzünden und zugleich ihre Herzen 
an patriotischen Reden und Liedern zu erheben*). 

Im Jahre 1838 wurde nicht nur der 18. October, sondern vorher 
schon der 18. März festlich begangen. Bemerkenswerth ist, dass man 
auch bei der letzterwähnten Feier nicht etwa nur Hamburgs gedachte. 
Man pries es als den schönsten Ruhm der Vaterstadt, dass sie nächst 
Preussen dem übrigen Deutschland mit leuchtendem Beispiel vorangegangen. 

Wie fast in allen deutschen Landen, war auch in Hamburg während 
der vierziger Jahre dieses Jahrhundeils das Nationalgefühl aufs neue im 
Steigen begriffen. Neben den allgemeinen Anregungen, die das Zeitalter 



^) An andrer Stelle (in Sybels Histor. Zeitschrift, Band 62 S. 41) habe ich bereits 
auf eine Denkschrift vom Jahre 1807 aufmerksam gemacht, die von einem ans Preussen 
gebürtigen Bewohner Hamburgs herrührt, und in der schon 14 Jahre früher betont ward, 
dass Preussen berufen sei, den Stamm zu bilden, an den sich allmählich alles Gleichartige, 
aUes Deutsche anschUessen werde. 

^) Vgl. Carl Schneider, Die Hamburger Tumerschaft von 1816 von ihrer Begründung 
bis zur Gegenwart (Hamburg 1891). S. 20 u. 38. 



151 

bot, wirkten in dieser Beziehung noch manche besondere Verhältnisse 
auf Hamburg ein. Der grosse Brand von 1842 hatte zunächst allerdings 
die naturgemässe Wirkung, dass alle Gedanken auf das heimische Gemein- 
wesen concentrirt wurden. Linderung des Nothstandes, Herstellung der 
zerstörten Stadttheile, Massregeln, um der Wiederkehr ähnlicher Kata- 
strophen vorzubeugen, das waren Aufgaben, die eine Zeit lang die ganze 
Kraft der besten Männer des Gemeinwesens erforderten. Aber anderseits 
hatte sich die Hoifnung, welcher König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen 
in seinem Briefe) an den Hamburger Senat Ausdruck gegeben, in glänzender 
Weise bewahrheitet. Die schweren Leiden und die Noth Hamburgs waren 
von dem gesammten deutschen Vaterland als gemeinsame Leiden und 
gemeinsame Noth gefühlt und getragen worden. Hamburg hatte aus allen 
Theilen des Vaterlandes so zahlreiche Beweise von menschenfreundlicher 
Gesinnung und HUlfsbereitschaft empfangen, dass diese Liebe Gegenliebe 
wecken und das Bewusstsein des innigen Zusammenhangs mit allem, was 
deutsch war, verstärken musste. 

Aber auch sonst hat diese ünglückszeit zur Belebung nationaler 
Gesinnungen beigetragen. Sie diente dazu, die Hamburger aus einer 
gewissen Lethargie aufzurütteln. Obwohl seit dem Jahre 1814 nur 
vereinzelte Reformen auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens durch- 
geführt worden, so war doch bei vielen die Ansicht herrschend gewesen, dass 
alles in Hamburg vortrefflich bestellt sei. Seitdem man aber in jenen 
unheilvollen Maitagen mit Schrecken wahrgenommen, wie manche der 
vielgepriesenen Einrichtungen im Augenblick der Noth versagten, schwand 
der Ruf nach Reformen nicht wieder von der Tagesordnung. Im Jahre 1844 
bildete sich in der „Patriotischen Gesellschaft" eine besondere Section 
für vaterstädtische Angelegenheiten. Dass in dieser bei Erwägung dessen, 
was der Vaterstadt Noth that, die Beziehungen Hamburgs zum Gesammt- 
vaterlande nicht ausser Acht gelassen wurden, dafür sorgte eines der 
eifrigsten Mitglieder, Professor Wurm, ein Mann von umfassenden 
historischen und staatsrechtlichen Kenntnissen, bei dem der Trieb und 
die Fähigkeit, für die Oeflfentlichkeit zu wirken, gleich stark vertreten 
waren, der auf die politische Bildung der Hamburger den nachhaltigsten 
Einfluss übte und diesen Einfluss nicht zum wenigsten zur Erweckung 
und Kräftigung nationaler Gesinnungen verwerthete. 

In der erwähnten Section für die vaterstädtischen Angelegenheiten 
beantragte Wurm, wie im nächsten Abschnitt weiter ausgeführt werden soll, 
gleich anfänglich, die Beziehungen der Hansestädte zum Zollverein auf die 
Tagesordnung zu setzen, und in der Rede, mit der er am 6. Januar 1845 



Abgedrnckt bei H. Schleiden, Versuch einer Geschichte des grossen Brandes in 
Hamburg, S. 3*20 f. 



152 

die Verhandlungen über dieses Thema eröffnete, gedachte er der Sehnsucht 
und des Strebens nach einer politischen Einheit, „entspmugen aus dem 
Bewnsstsein, dass wir uns anderen fühlbar machen könnten, wenn wir 
selbst uns nur fühlten, dass Deutschland, wenn es nur eins wäre, sich 
allen Übrigen Staaten gleichstellen könnte." Er betonte daher wiederholt, 
dass man bei der Erörterung der erwähnten anscheinend nur handels- 
politischen Frage deren Zusammenhang mit den nationalen Einheits- 
bestrebungen stets im Äuge behalten müsse. 

Von nicht minder patriotischer Sinnesart war der andere Tertreter 
der historischen Wissenschaft in dem damaligen Hamburg, Lappenbei^, 
dem sich freilich seiner amtlichen Stellung zufolge weniger Veranlassung 
bot, seinen Gesinnungen in weiteren Kreisen Ausdruck zu geben. Doch 
fanden auf dem Germanistentage zu Lübeck im Jahre 1847 beide soeben 
erwähnte Männer Gelegenheit, ihren Patriotismus in wirkungsvoller Weise 
kund zu geben. Alsbald nacli der Eröffnung der Versammlung hielt Wurm 
einen Vortrag „über das nationale Element in der Geschichte der Hansa-"') 
Nachdem er die Herrlichkeit der allen Hansa gefeiert, redete er auch von 
deren Niedergang, um dann zu den unerfreulichen Zuständen der deutschen 
Gegenwart hinüberzuleiten. Anknüpfend an die empfindliche Schädigung, 
welche die Deutschen seit geraumer Zeit durch die portugiesische Schiffahrts- 
gesetzgebung erfahren, rief er aus: „Ich meine, jeder Deutsche moss es 
empfinden, dass es eine Schmach und ohne Beispiel in der Geschichte ist, 
dass eine so grosse Nation ihre Einheit dem Auslande gegenüber nicht 
geltend zu machen weiss, dass der geringste Staat ihr jeden Schimpf 
anthun kann und sie keine Waffe hat, dem zu begegnen." Dann aber folgte 
die begeisterte Prophezeihung: „Es muss und wird kommen, wir werden, 
wir Deutschen alle, noch einmal in einem Schiffe zusammenstehen." 

Nach Wurm erhielt Lappenberg das Wort, als Berichterstatter der 
Commission, die auf seine Anregung zur Prüfung der Frage eingesetzt 
war, wie auf die Erhaltung der deutschen Nationalität und Sprache ausser- 
halb der deutschen Bundesstaaten eingewirkt werden könne. - Lappenberg 
betonte namentlich, von wie grosser Wichtigkeit es für Deutschland sei, dass 
die deutschen Ausgewanderten in fremden Erdtheilen sich ihrer Nationalität 
nicht Bntg..=Da..ten und sich überhaupt des Zusammenhanges mit dem Muttei^ 
lieben. Er empfahl zu diesem Behuf u. a., dass die deutschen 
h über eine gemeinsame Bundesconsulats-Instruction, sowie 
ng der heimgekehrten Ausgewanderten verständigten. Ferner 
regung, dass man den deutschen Ausgewanderten, die für die 
äeutschen Schulen und Kiichen die Hälfte der erforderlichen 
gebracht hätten, die andere Hälfte ans der Heimat zukommen 



153 

lasse. Grösseren Eindruck, als diese Vorschläge, über deren Ausführbarkeit 
und Zweckmässigkeit die Ansichten getheilt waren, machte der Satz, den 
Lappenberg an die Spitze des letzten Abschnittes seines Berichtes gestellt 
hatte : „Wenn in Deutschland bisher die Auswanderung nur als eine Abhülfe 
für die überströmende erwerblose Bevölkerung betrachtet ist, und daher 
Massregeln zu deren Schutze und engerer Verbindung derselben mit der 
Heimat nicht ergriffen waren, so ist davon der Grund wesentlich in dem 
Mangel nicht nur deutscher Colonien, sondern selbst einer deutschen See- 
macht zu suchen."^) Dass Lappenberg mit dieser Aeusserung allerdings 
keine agitatorische Wirkung bezweckt hatte, geht schon aus seiner weiteren 
Bemerkung hervor: „Wir können nur von derjenigen Lage unserer Nation 
ausgehen, welche die gegenwärtige ist, und deren wesentliche Veränderung 
kaum zu erwarten steht." Indessen sollte bald genug eine wenigstens dem 
Anscheine nach durchgreifende Verändening der Verhältnisse eintreten. 
Bereits im folgenden Jahre konnte Lappenberg zum Schluss seiner historischen 
Abhandlung über die Bundeszeichen der deutschen Hanse*) der Hoffnung 
Ausdruck geben, „dass die unter der Leitung eines edlen, füi' Deutschlands 
Ruhm begeisterten Prinzen neu entstehende deutsche Flotte, indem sie die 
Erbschaft der fast verwelkten Siegerkränze der einst die nordischen Seen 
beherrschenden Hansestädte nicht verschmähet, die Ausrüstungen derselben 
zur See in ihrem Particular-Interesse für immer unnöthig machen werde." 

Wie bezüglich der deutschen Flotte, so sollten auch in so mancher 
anderen Hinsicht die Hoffnungen des deutschen Volkes noch einmal getäuscht 
werden. Immerhin begann eine neue Periode der deutschen Geschichte. 

Es bedarf der Erwähnung kaum, dass Hamburg an allem, was die 
deutsche Nation während des jüngst verflossenen halben Jahrhunderts 
äusserlich und innerlich erlebt hat, den unmittelbarsten Antheil genommen 
hat. Nur in aller Kürze kann hier an die wichtigsten Momente erinnert 
werden. Freiheit und nationale Einheit waren auch in Hamburg im Jahre 
1848 die Losungsworte. Auch hier begeisterte man sich für die Idee der 
Begründung eines durch Einheit mächtigen, dem Ausland Achtung gebietenden 
deutschen Reiches. In der ersten patriotischen Aufwallung und von 
Sehnsucht erfüllt, was an ihnen war, zur Wiederherstellung des nationalen 
Ansehens beizutragen, zogen aus Hamburgs Mitte eine Reihe edler Jünglinge 
und Männer in den Kampf für Schleswig-Holstein; und mit athemloser 
Spannung vernahmen die Daheimgebliebenen die Botschaften vom Kriegs- 
schauplatz ebenso wie die vom Frankfurter Nationalparlament. 

Der Gang der Verhandlungen in Frankfurt wui'de selbstverständlich 
in Hamburg von den Einzelnen je nach ihrer Parteistellung verschieden 



*) A. a. 0. S. 35. 

^ In der Zeitschrift des Vereins für Hamb. Geschichte, Band 3 S. 171. 



154 

beurtheilt. Manche hatten von vornherein kein gedeihliches Ei^ebniss 
erwartet, nicht wenige aber die Erfüllung aller ihrer für die Grösse, 
Freiheit und Einigkeit Deutschlands gehegten Wünsche erhofft. Die 
Enttäuschung konnte nicht ausbleiben. Es folgte eine Zeit, in der 
man vielfach auf die Bewegung des Jahres 1848 wie auf einen Rausch 
oder wie auf eine Jugendthorheit zurückblickte. Und doch blieb die Be- 
wegung nicht ohne segensreiche Nachwirkungen, zu denen vor allem 
gehörte, dass die Sehnsucht nach einem einigen Deutschland, das man im 
Jahre 1848 gleichsam wie ein entzückendes Traumbild geschaut hatte, 
wenn auch zeitweilig zurückgedrängt, doch mit immer erneuter Kraft 
hervorbrach. Kaum bei einer anderen Gelegenheit äusserte sich in Hamburg 
diese Sehnsucht so ergreifend, wie während der Schillerfeier vom Jahre 
1859, da alle Kreise der Bevölkerung wetteiferten, zugleich mit ihrem 
Enthusiasmus für Schiller auch ihren patriotischen Hoffnungen Ausdruck 
zu geben. Wie in so mancher anderen deutschen Stadt, wurde auch in 
Hamburg die zu Ehren des volksthümlichsten deutschen Dichters veran- 
staltete Feier zu einer gewaltigen nationalen Demonstration. Niemals 
vielleicht sind die patriotischen Mahnworte aus Schillers „Jungfrau von 
Orleans" und „Wilhelm Teil" mit nachdrucksvoUerer Betonung voi^etragen 
und mit stürmisclierem Beifall vernommen worden. 

Solche Stimmungen und Gesinnungen, wie sie im November 1859 
aller Orten in Deutschland hervortraten, waren die Voraussetzung der 
Einigung Deutschlands, die freilicli nicht durch Begeisterung allein, sondern 
vor allem durch staatsmännische Genialität und unvergleichliche militärische 
Leistungen verwirklicht ward. 

Bei der lebhaften Theilnahme, die man in Hamburg stets für das 
benachbarte Schleswig-Holstein gehegt hatte, war es begreiflich genug, 
dass man die endgültige Loslösung dieser Gebiete von Dänemark freudig 
begrüsste. Nur mit getheilter Sympathie verfolgte man dagegen die Er- 
eignisse des Jahres IHGG. Der deutsche Patriotismus hatte in Hamburg 
bei vielen eine grossdeutsche Färbung. Die Hamburgische Politik war seit 
dem Bestehen des deutschen Bundes dahin gerichtet gewesen, zu allen 
deutschen Bundesstaaten gute Beziehungen zu unterhalten. Ueberdies 
fühlte man sich seit 1857 Oesterreich gegenüber für die während der 
Handelskrisis geleistete Hülfe zur Dankbarkeit verpflichtet. Der Wunsch 
der Mehrheit des Senats und der Bürgerschaft ging deshalb dahin, in dem 
grossen deutschen Entscheidungskampfe neutral zu bleiben. Nur um 
seiner Selbsterhaltung willen entschloss sich Hamburg am 4. Juli dazu, 
seine Truppen mobil zu machen und dem König von Preussen zur Ver- 
fügung zu stellen. 

Die preussische Aufforderung, dem in Aussicht genommenen nord- 
deutschen Bunde beizutreten, hatte der Senat schon einige Tage vorher im 



ir 



155 

wesentlichen zastünmend beantwortet. ^) Im Februar 18G7 entsandte auch 
Hamburg seine Vertreter in den constituirenden norddeutschen Reichstag. 
Durch das Inkrafttreten der norddeutschen Bundesverfassung (am 1. Juli 1867) 
wurden den Hamburgern allerdings neue Lasten aufgebürdet; aber reichen 
Ersatz gewährte das Hochgefühl, einem starken, in sich gefestigten staatlichen 
Verbände anzugehören, der, wenn auch nicht alle, so doch die Mehrheit 
aller Deutschen umfasste. So manches, wonach man sich seit Jahren ver- 
geblich gesehnt hatte, war nun erreicht worden oder stand in naher Aussicht. 

Hamburgische oder hansestädtische Consuln waren seit Jahrhunderten, 
und so auch in neuerer Zeit redlich bemüht gewesen, flir die Rechte und die 
Interessen der Hamburgischen Kaufleute in fremden Ländern einzutreten. 
Auch für Angehörige anderer deutscher Bundesstaaten haben sie sich ihrer 
Instruction gemäss gelegentlich verwendet. Aber nur zu oft hatte es sich 
gezeigt, dass ihre Intervention vergeblich oder doch unzulänglich geblieben. 
Bezeichnend ist, dass die hanseatischen Senate im Jahre 1862 beim Beginn 
der mexicanischen Wirren auf Anregung ihres eigenen Generalconsuls in 
Mexico die nordamerikanische Regierung ersuchten, im Nothfalle den in 
Mexico weilenden Hansestädtern ihren Schutz angedeihen zu lassen. Die 
Regierung in Washington erklärte sich bereit, diesen Wunsch zu eifüllen, 
und noch im Frühjahr 1867, wenige Monate, ehe die Verfassung des 
norddeutschen Bundes in Kraft trat, sahen sich die gebrandschatzten und 
mit fernerer Vergewaltigung bedrohten Hambuiger und Bremer Kaufleute 
in der Stadt Mexico veranlasst, den dortigen nordamerikanischen Consul 
zu bitten, sich ihrer anzunehmen. Es war ihnen offenbar selbst peinlich, 
als Deutsche fremdländischen Schutz anzurufen ; aber nur auf diese Weise 
glaubten sie während des jener Zeit in Mexico herrschenden Terrorismus 
ihre persönliche Freiheit und ihr Eigenthum sichern zu können.*) Wie 
ganz anders gestaltete sich die Stellung des hansestädtischen Kaufmanns 
in fremden Erdtheilen, wenn in Zeiten solcher Bedrängniss ein deutscher 
Consul oder Gesandter, der die Macht des norddeutschen Bundes hinter 
sich hatte, für ihn eintrat! 

Allerdings war die deutsche Marine erst im Werden begriffen, und 
es fehlte nicht an Stimmen, welche die Bedeutung einer deutschen See- 
macht für die commerciellen Interessen in Frage stellten. In einer in 
Hamburg erschienenen Schrift, die einen wegen seiner gemeinnützigen 
Bestrebungen sehr geschätzten Bürger dieser Stadt zum Verfasser hatte, 
wurde sogar dringend vor der Gründung einer deutschen Flotte gewarnt. 



Vgl. die Note des Syndicns für die auswärtigen Angelegenheiten an den königl. 
prexissischen Gesandten in Hamburg vom 2G. Juni 1S6G im Staatsarchiv, herausgeg. von 
L. E. Aegidi und A. Klauhold, Band 11, S. 155. 

^ Nach Documenten im Besitz der Hamb. Stadtbibliothek. 



156 

weil eine solche die Lage des dentscben Seehandels nicht verbessern, 
sondern ungünstiger gestalten würde. Die deutschen Kanflente — heisst es 
da — wären zur Zeit die geachtetsten und beliebtesten der Welt, wegen 
der ihnen eigenen Vorzüge, zum Theil aber auch, weil keine zu Conflict^n 
Anlass bietende deutsche Kriegsflotte vorhanden sei. Im Gegensatz zu dieser 
Ansicht begrüsste freilich die überwiegende Mehrheit der Hamburgischen 
Kanflente, die in fernen Landen, zum Theil auf exponirtem Posten als Pioniere 
deutschen Handels und deutscher Gesittung weilten, die Entwickelung der 
deutschen Marine mit freudiger Genugthuung, wie ja überhaupt die segens- 
reichen Folgen der Erstarkung Deutschlands von den Deutschen im Auslande 
vielfach noch lebliafter als im Inlande empfunden wurden. 

Die letzten Bedenken gegen die neue ßichtung der deutschen Politik, 
die letzten Ueberreste particularistischer und weltbürgerlicher Anschauungen 
in Hamburg aber wurden im Jahre 1870 durch den Sturm der Kriegs- 
begeisterung hinweggefegt. Hamburg, das in früheren Zeiten so oft 
während der Kämpfe um die Rheingrenze abseits gestanden und nach 
Neutralität getrachtet, um sein Handelsinteresse zu wahren, lebte jetzt nur 
dem einen Gedanken, alle Kräfte der nationalen Sache zur Verfugung zu 
stellen. „Jetzt zeigt, dass Ihr Hanseaten seid!'' so lautete der ermunternde 
Zuruf an die Söhne Hamburgs, als sie am 2. December berufen waren, 
heldenmüthig in einen der blutigsten, ruhmvollsten und entscheidendsten 
Kämpfe des grossen Krieges einzugreifen. Mit Fug und Recht durfte man 
die Hanseaten an ihre ruhmreiche Vergangenheit erinnern, auf manchen 
Ehrentag in ihrer Geschichte durften sie zurückschauen; nie zuvor aber 
hatten hanseatische Krieger um so hehren Siegespreis gerungen, nie zuvor 
sich in solcher Weise um das deutsche Vaterland verdient gemacht. 
Den hanseatischen Regimentern wurde das Lob zu Theil, dass sie den 
älteren Heeresabtheilungen , die auf eine längere Kriegserfahrung 
zurückblicken konnten, sich ebenbürtig erwiesen hatten. Die aus 
Frankreich heimgekehrten Hamburgischen Krieger durften daher am 
17. Juni 1871 in der Heimatstadt ihren Einzug halten in dem freudigen 
Bewusstsein, mit dazu beigetragen zu haben, dass der tausendjährige 
Kampf um die Rheingrenze nunmehr zu Gunsten Deutschlands ent- 
schieden, und dass ein neues, mächtiges, wahrhaft nationales deutsches 
Reich erstanden war. 

Was in Hamburg so viele patriotische Herzen seit den Zeiten 
der Freiheitskriege ersehnt hatten, das war nun errungen worden. Im 
Besitz des kostbaren Gutes der nationalen Einheit durfte man hoffen, 
dass auch alle die übrigen realen und idealen Güter, die das Ziel der 
Wünsche des deutschen Volkes bildeten, den vereinigten Kräften erreichbar 
sein würden. 



t 
^ 



157 

2. Hamburg und der Zollverein. 

Nicht ganz so schnell, wie in politischer Beziehung, ist auf wirthschaft- 
lichem Gebiet ein dauerndes Einvernehmen zwischen Hamburg und dem 
übrigen Deutschland zu Stande gekommen. Dies in erschöpfender Weise 
zu erklären, mtisste man auf die Wirthschaftsgeschichte vergangener 
Jahrhunderte zurückgehen. Doch dürfte es in diesem Zusammenhang 
genügen, das Verhältniss Hamburgs zum deutschen Binnenlande seit den 
Freiheitskriegen und insbesondere seit der Begründung des Zollvereins 
etwas näher ins Auge zu fassen. 

Verhältnissmässig schnell hatten sich die Hansestädte von den schweren 
Verlusten erholt, von denen sie während der Zeit der Napoleonischen Herr- 
schaft betroffen waren. Ihr erneuter Aufschwung wurde aber von dem übrigen 
Deutschland keineswegs mit ungetheilter Freude begrüsst. Hatten sie 
schon in früheren Jahrhunderten manche abgünstige und gehässige Urtheile 
über sich ergehen lassen müssen, so wurden diese doch durch die Schmähungen, 
die das bereits erwähnte „Manuscript aus Süddeutschland" (im Jahre 1820) 
gegen sie schleuderte, beträchtlich überboten. Die Städte werden darin als 
englische Factoreien, ihre Bewohner als deutsche Barbaresken, als eine 
Kaste von Kaufleuten bezeichnet, deren Streben auf Plünderung des übrigen 
Deutschlands, auf Vernichtung seiner Industrie gerichtet sei. Doch auch in 
zahlreichen anderen Publicationen dieses Zeitraums wird den Hansestädten 
zum Vorwurf gemacht, dass sie den Fremden Handlangerdienste leisteten, 
den Deutschen aber das Nationalvermögen abzapften. 

Die besonders häufig erhobene Anklage, dass der Handel der Hanse- 
städte dem englischen dienstbar sei, war im Grunde nur Wiederholung 
bekannter Aeusserungen Napoleons, die ja allerdings durch die thatsächliche 
Bedeutung, die der Handel zwischen Grossbritannien und den Hansestädten 
seit dem Jahre 1795 erlangt hatte, einigermassen gerechtfertigt erschienen. 
Dass auch zur Zeit der Continentalsperre der Verkehr zwischen England 
und den Hansestädten nicht völlig abgebrochen war, ist in einem 
früheren Abschnitt angedeutet worden. Nach dem Sturz Napoleons 
gelangten die Handelsbeziehungen zwischen England und den Städten 
aufs neue zu ausserordentlicher Bedeutung, da den letzteren nach 
dem Aufhören der Continentalsperre die Erzeugnisse der mittlerweile 
vielfach vervollkommneten britischen Industrie in verstärktem Masse 
zuströmten. Wenn nun zufolge dessen die englischen Waaren auf dem 
Wege über die Hansestädte in die entlegensten deutschen Städte und 
Dörfer eindrangen, so waren doch dafiir offenbar die hansestädtischen 
Kaufleute nicht allein verantwortlich zu machen. Es war jedenfalls 
nicht ihre Schuld, dass die Zölle in den verschiedenen deutschen Staaten 
der Einfuhr britischer Erzeugnisse keine grösseren Schwierigkeiten 



158 

bereiteten, und dass die binnenländischen Consamenten die englischen 
Waaren besser oder preiswttrdiger fanden, als die Producte des vorläufig 
noch minder entwickelten deutschen Gewerbfleisses. 

Schwerwiegender als der Vorwurf, dass die Hansestädte durch 
Beförderung der englischen Einfuhr nach Deutschland den Absatz deutscher 
Waaren im Inlande schädigten, konnte der andere erscheinen, dass sie 
bei der Ausfuhr nach fremden Ländern und Erdtheilen den deutschen 
Erzeugnissen nicht die gebührende Berücksichtigung schenkten. Doch 
auch gegen diese Anklage waren die hansestädtischen Kaufleute gewappnet. 
Seitdem die süd- und mittelamerikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit 
erlangt hatten, kamen sie für den hansestädtischen Export in erster Linie 
in Betracht. Insbesondere dem Unternehmungsgeist Hamburgischer Kauf- 
leute war es zu danken, dass in diesen ausgedehnten Gebieten der deutsche 
Handel dem englischen wirksame ConcuiTenz bereitete. Dieser Erfolg 
kam auch dem Absatz deutscher Industrie zu gute. Aber freilich nur 
allmählich, da die Bewohner jener Länder vorwiegend an die Erzeugnisse 
der englischen Industrie gewöhnt waren. Hätten sich nun die Hamburger 
Kaufleute darauf gesteift, die Länder Süd- und Mittelamerikas aus- 
schliesslich mit deutschen Producten zu versorgen, so würden sie das 
Hamburgische Handelsinteresse nicht etwa der deutschen Industrie, sondern 
dem concurrirenden englischen Handel geopfert haben. Ausserdem pflegten 
die Hansestädter mit Recht diejenigen, die sie ihres internationalen 
Handelsbetriebs wegen unpatriotischer Gesinnung bezichtigten, darauf 
hinzuweisen, dass nur der Welthandel sie in den Stand setze, sich der 
Ausfuhr deutscher Waaren anzunehmen, soweit solche damals überhaupt 
möglich war, und dass sie, auf diese allein beschränkt, ihre Schiffe weder 
in so grosser Anzahl noch so oft wie bisher übers Meer zu entsenden 
vermöchten. 

Immerlün bleibt die Frage offen, ob die Hansestädte nicht schon 
damals den industriellen Interessen Deutschlands ein grösseres Entgegen- 
kommen, eine wirksamere commercielle Führung hätten angedeihen 
lassen können, als es thatsächlich geschehen, ob sie nicht vielleicht 
doch noch mehr, als mit Eücksicht auf die Wünsche der überseeischen 
Consuraenten unbedingt erforderlich, den Export englischer Waaren vor 
dem der deutschen Producte bevorzugt haben. Wenn letzteres der 
Fall war, so dürfte es zum Theil aus dem Umstand zu erklären sein, dass 
der Bezug der englischen Producte nicht selten weit geringere Schwierig- 
keiten bot, als die der entsprechenden deutschen Waaren, namentlich 
so lange man bezüglich dieser auf den Frachtwagenverkehr oder auf die 
durch zahlreiche Zölle gehemmte Flussschiffahrt angewiesen war. Immerhin 
steht fest, dass, seitdem der deutsche Gewerbfleiss erfreulichere Fortschritte 
gemacht hatte, auch eine zunehmend grössere Menge deutscher Waaren von 



159 

den Hansestädten exportirt wurde. Wie grossen Werth diese auf die deutsche 
Ausfuhr legten, geht u. a. daraus hervor, dass sie bei den Verhandlungen, die 
sie mit verschiedenen amerikanischen Staaten über den Abschluss von Handels- 
verträgen führten, wiederholt bestrebt waren, Begünstigungen für die aus 
hanseatischen Häfen exportirten deutschen Producte zu erlangen.^) Sie nützten 
auf diese Weise dem Binnenlande, und sie hatten selbst von den in diesem Sinne 
vereinbarten Vertragsbestimmungen um so grösseren Vortheil, je mehr die 
deutsche Industrie sich entwickelte. 

Das deutsche Binnenland und die Hansestädte förderten einander 
wechselseitig, wenigstens soweit es sich um die wesentlichen Ergebnisse 
ihrer Wirthschaftspolitik handelte. Vorübergehend machte sich freilich auch 
ein gewisser Gegensatz ihrer Interessen geltend, oder es hatte wenigstens 
den Anschein, dass ein solcher bestehe.*) 

Als eine Schädigung ihres Handelsbetriebs betrachteten es die Hanse- 
städte, dass sich Kurhessen im August 1831 zum Anschluss an das seit 
1828 zwischen Preussen und Hessen-Darmstadt bestehende ZoUbündniss 
verstand und dadurch ein vom Osten bis zum Westen Deutschlands 
reichendes zusammenhängendes Zollgebiet geschaffen wurde. Während 
früher die hansestädtischen Waarentransporte von und nach dem Süden 
sich zwischen den verschiedenen deutschen Zollgebieten hindurch winden 
konnten, war nunmehr, wie die Hamburger Commerzdeputation klagte, kein 
Fussbreit Landes mehr zu ungehindertem Durchgange frei, üeberall waren 
die hohen preussischen Transitozölle zu entrichten. Es wurde das um so 
schwerer empfunden, als damals ja auch Süddeutschland noch nicht zum 
Zollverein gehörte und anderseits in Frankreich kurz zuvor für die über 
Havre aus der See kommenden und seewärts gehenden Waaren die Durch- 
gangsabgaben aufgehoben worden, sodass zu befürchten stand, der genannte 
französische Hafen werde einen Theil des bisherigen Handels der Hanse- 
städte mit Süddeutschland und der Schweiz an sich reissen. Auf 
Anregung des preussischen Gesandten, Herrn von Normann, legte der 
Hamburger Senat seine Besorgnisse wegen der Nachtheile, die sich aus 
dem Vertrage Preussens mit Kurhessen für den hansestädtischen und 
daher auch für den deutschen Handel ergeben würden, in einer ausführ- 
lichen Denkschrift dar. Dieser wurde alsbald eine wahrscheinlich aus dem 
preussischen Finanzministerium stammende Entgegnung ^) zu Theil, welche 

*) Vgl. Baasch, Beiträge zur Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen Hamburg 
und Amerika (in der Festschrift der Hamburgischen Amerika-Feier 1S92) S. 101 f., 111, 
135, 157, 163, 169, 182. 

^ Das Folgende im wesentlichen nach Documenten des Hamb. Staatsarchivs sowie 
nach Schriftstücken des Archivs der Hamb. Handelskammer. Einzelne Ergänzungen bot 
das Brem. Staatsarchiv. 

^ „Berlin, den 23. April 1832" datirt, doch dem Hamburger Senat erst am 20. Juli 
d. J. zugestellt. Hamb. A. 



die Hambargischen Bedenken unter Hinweis auf die weitere Entwickelung 
der deutschen Zollpoliük Preussens zurückwies. Es hiess da u. a.: „Der 
Anschlnss Kurhessens sei nur ein vorläufiger Fortschritt zur Erreichung des 
allgemein ersehnten Zieles, den freien Verkehr der deutschen Staaten möglichst 
zu erweitem." Dieser Zweck lasse sich nicht auf einmal erreichen. 
Auch Hamburg werde daher die Ergebnisse abzuwarten haben, die Ton 
den Beschlttssen mehrerer deutscher Staatsregienmgen zu hoffen seien. 
Schon zufolge der Handelsverträge mit Bayern und Würtemberg könnten 
die Erzeugnisse dieser Länder abgabefrei durch Preussen, Hessen-Dannstadt 
und jetzt auch durch Kurhessen nach Hamburg gelangen. Sobald eine 
Zollvereinigung mit Bayern, Würtembei^ und anderen sUdlich von Preussen 
und Hessen belegenen Ländern erfolgte, würden alle Durchgangsabgaben 
im Verkehr zwiscJien diesen Ländern und Hamburg aufhören und die von 
Hamburg geäusserten Befürchtungen nur noch für den Verkehr mit der 
Schweiz zutreffen. Zum Schluss wurde der Ueberzeugung Aasdnick 
gegeben, dass die bevorstehende Entwickelung eines grösseren deutschen 
Zoll- und Handelsvereins die wohlthätigsten Folgen fUr Hamburg 
' ' würde. 

)urch diese Antwort wuide der Hamburger Rath keineswegs voU- 
n beruhigt. Es machte sich geltend, dass die preussische Zoll- 
politik nicht nur aus wirtUschaftlichen, sondern auch aus politischen 
)n beanstandet wurde. Das allmähliche Anwachsen des Zollverbandes 
inschluss eines Gebietes nach dem anderen erregte Bedenken, weil 
die hinzutretenden Staaten eine Minderung ihrer politischen, wie 
wiithschaftlichen Autonomie zu bedeuten schien. „Nichts wäre 
gemeinen und auch für uns wünschensweilher", — heisst es in 
elation eines Ratlismitgliedes vom September 1832 — „als dass 
llwesen Deutschlands nach einem und demselben Princip und mit 
)en Zollsätzen für alle Staaten dem Qesammtiuteresse des Vater- 
angemessen geordnet würde. Eine sorgföltige Erwägung durch 
«aten Deutschlands in einer gemeinsamen Berathung, aus welcher 
;leiclie Währung, Masse und Gewichte als natürliche Folgen eben- 
ervorgehen würden, müsste solcher Vereinigung vorausgeben. Statt 
wolle Preussen sein System ganz Deutsehland auferlegen." 
lolche Anschauungen waren jener Zeit in Hamburg vorherrschend. 
itellte sich auf den Standpunkt deijenigen deutschen Staaten, die 
■und des !9. Artikels der Bundesacte die Regelung des deutschen 
sens von Bundeswegen wünschten und deshalb Preussens Tendenz, 
izelnen deutschen Staaten von Grenze zu Grenze für sein Zollsystem 
vinnen, als Eigenmächtigkeit verurtheilten. 

Us daher Hannover und Sachsen im Verlaufe des Jahres 18.32 bei 
radesversammlung die "Wiederaufnahme der Verhandlungen übei- die 



161 

AusfQhraDg des 19. Artikels der Bundesacte beantragt und dabei den 
speciellen Wunsch geäussert hatten, dass die Durchgangszölle in Deutschland 
von Bundeswegen geregelt würden, folgte Hamburg ihrem Beispiel. Die 
im Namen der Stadt am 10. Januar 1833 an den Bund gerichtete Note 
protestirte wenigstens indirect gegen die durch den Anschluss Kurhessens 
an das preussisch-darmstädtische Zollbündniss bewirkte Erschwerung des 
deutschen Handelsverkehrs, indem sie den Grundsatz aussprach : „Welchen 
Umfang auch ein einzelnes Zollsystem gewinnen möge, — so lange noch 
zwei Bundesstaaten durch die Zolllinie der dazwischen liegenden von 
einander getrennt bleiben, so lange haben sie das Recht auf eine 
ungehinderte Handelsverbindung, in welchem der Bund sie zu schützen 
berufen ist". Als das grundsätzlich Eichtigste und Erwünschteste bezeichnete 
es die Hamburger Erklärung, dass die Durchfuhr von keinen anderen Ab- 
gaben, als den zur Erhaltung der Landstrassen erforderlichen Wegegeldern 
betroffen werde. Als mindestes Zugeständniss aber forderte sie nach dem 
Beispiel der hannoverschen und sächsischen Note, dass die Transitoabgaben 
für den Landtransport nicht über den zur Zeit der Gründung des Bundes 
geltenden Tarif gesteigert würden, da es, wenn auch nicht dem Buch* 
Stäben, so doch dem Geiste der Bundesacte entspreche, die für die Fluss* 
Schiffahrt aufgestellten Grundsätze dem Verkehr auf der Landstrasse eben- 
falls zu gute kommen zu lassen. 

Ein Artikel der in Darmstadt herausgegebenen „Teutschen Vaterlands- 
Zeitung" spottete darüber, dass in der Hamburger Erklärung so viel von 
dem Geist der Bundesverfassung die Eede sei. In der That zeugt 
diese Note davon, welchen Werth man in Hamburg damals noch der 
Bundesacte und dem Bundestage beimass. Allmählich ist darin ein 
Wandel eingetreten. Noch im Verlauf desselben Jahres, in dessen Beginn 
der erwähnte Hamburgische Antrag in Frankfurt zu Protokoll gegeben 
wurde, schloss Preussen jene Verträge mit Bayern und Würtemberg, 
sowie mit Sachsen und den thüringischen Staaten ab, zufolge deren der 
deutsche Zoll- und Handelsverein am 1. Januar 1834 ins Leben trat. 
Schon damals umfasste er über 23 Millionen Deutsche, also mehr als die 
Hälfte aller Bundesangehörigen, eine Thatsache, deren Bedeutung natürlich 
auch in Hamburg nicht verkannt wurde. 

Bemerkenswerth ist, dass seit dem Jahre 1834 namentlich in Süd- 
deutschland immer neue Stimmen vernehmbar wurden, die den Beitritt der 
Hansestädte zum Zollverein forderten. Wie sehr diesem Verband die 
natürliche Tendenz innewohnte, sich zu erweitern und abzurunden, und wie 
schwer es fiir ein in seinen Machtbereich fallendes kleineres Staatswesen 
war, sich seiner zu erwehren, zeigte das Geschick der freien Stadt Frankfurt 
am Main, die dem Eintritt in den Zollverein längere Zeit aufs äusserste 
widerstiebt und zur Verstärkung ihrer Sonderstellung noch im Jahre 1834 

u 



162 

einen Handelsvertrag mit England geschlossen hatte, doch bald genug, 
von Preussen und Hessen in die Enge getrieben, sich genöthigt sah, iu 
London Loslassung von dem eben vereinbarten Veilrage zu erbitten und 
sich dem Zollverein in die Arme zu werfen. Bereits im Februar 1 834 hatte 
ein Artikel der Augsburger Allgemeinen Zeitung den Hamburgern das Ver- 
halten Frankfui-ts als abschreckendes Beispiel hingestellt und ihnen an- 
empfohlen, „in einer am Ende doch unabwendbaren Sache nicht zu wai-ten, 
bis sie unter ' nachtheiligeren Verhältnissen angenommen werden müsse." 
Mehr Eindruck, als diese Kundgebung in einem der hansestädtischen 
Handelspolitik notorisch feindseligen Journal, düifte es in Hamburg gemacht 
haben, dass von Seiten eines Frankfurter Bürgermeisters nicht lange nach 
dem in Frankfurt erfolgten Umschwung vor jeder entschiedenen Opposition 
gegen Preussen gewarnt wurde. Nun war allerdings die geographische 
Lage der Hansestädte, deren Gebiet nirgends an das des Zollvereins 
grenzte, von der Frankfurts wesentlich verschieden; sie hatten daher 
Zwangsmassregeln, wie die gegen Frankfurt geübten, nicht zu befürchten. 
Immerhin zeigte das Beispiel dieser Stadt, wie bedenklich es für einen 
kleinen Staat war, auf die Rechtsgleichheit aller Bundesglieder bauend 
und die thatsächlichen Machtverhältnisse ausser Acht lassend, sich dem 
Zollverein gegenüber gleichsam auf den Kriegsfuss zu stellen. 

Doch nicht nur der Eespect vor der Macht Preussens, sondern das 
gesteigerte Bewusstsein der Interessengemeinschaft bewirkte, dass in den 
Hansestädten vom Jahre 1836 an ungefähr ein Jahrzehnt lang stets erneute 
Projecte auftauchten, welche die Herbeiflihrung einer näheren Verbindung 
mit Preussen und dem Zollverein, mitunter allerdings auch mit den übrigen 
deutschen Staaten zum Gegenstand hatten. 

Die erste Anregung dazu bot die Schiffahrtsgesetzgebung verschiedener 
europäischer Staaten, neuerdings insbesondere Portugals, durch welche die 
hansestädtische Schiffahrt in empfindlicher Weise benachtheiligt wurde. 
Je unwahrscheinlicher es war, dass es Hamburg allein oder in Ver- 
bindung mit den anderen Hansestädten gelingen werde, die auswärtigen 
Seemächte zu grösseren Zugeständnissen zu bestimmen, um so mehr drängte 
sich der Gedanke auf, dass dies vielleicht durch eine gemeinsame Action der 
beim Seehandel interessirten deutschen Staaten erreichbar sei. In diesem Sinne 
entwarf Karl Sieveking (seit 1820 Syndicus) im November 1836 das Project 
einer „erneuerten deutschen Schiffahrtshanse", als deren Mitglieder er, von 
den Hansestädten abgesehen, Preussen, Hannover, Oldenburg, Holstein, 
Mecklenburg, also sämmtliche deutsche Seeuferstaaten ausser Oesterreich, 
ins Auge fasste. Die nächste Aufgabe des Verbandes sollte darin bestehen, 
diejenigen fremden Mächte, von denen die Flaggen der betreffenden deutschen 
Staaten irgend welche Zurücksetzung erfahren hatten, auf diplomatischem 
Wege und, wenn dieser nicht zum Ziele führte, durch Eetorsionsmassregeln 






163 

zur EespectiruDg der deutschen Interessen anzuhalten. Weitere gemeinsame 
Massregeln zu Gunsten der deutschen Schiffahrt und des deutschen Handels 
sollten vorbehalten bleiben. Als wünschenswerth bezeichnete Sieveking, 
dass die betheiligten Bundesstaaten jährliche Conferenzen zur Erwägung 
aller auf den Vertrag bezüglichen Verhältnisse beschickten, und dass die 
Schiffe dieser Staaten neben der besonderen Flagge des Einzelstaats eine 
gemeinschaftliche Flagge führten, die sie als deutsche Schiffe kenntlich 
machte.*) Zur Empfehlung seiner Vorschläge deutete er noch an, es 
werde in der öffentlichen Meinung und speciell bei Preussen einen guten Ein- 



Da es manchen Leser interessiren dürfte, das merkwürdige Project yoUständig 
kennen zu lernen, so möge hier der Wortlaut folgen: 

Sämmüiche dem deutschen Bunde angehörigen üferstaaten der nördlichen Meere, 
nämlich, J. J. M. M. die Könige von Preussen, Hannover und Dänemark, J. J. K. K. 
H.H. die Grossherzöge von Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg, die Senate der freien 
Hansestädte Lübecl^, Bremen und Hamburg, vereinigen sich unter folgenden Bedingungen 
zur Erneuerung einer deutschen Schiffahrtshanse. 

1. Die allerhöchsten, höchsten und hohen Contrahenten übernehmen die Verpflichtung, 
sofern keine früheren Verträge im Wege stehen, in sämmüichen Häfen ihrer zum deutschen 
Bunde oder zum deutschen Zollverein gehörigen Staaten die Flagge fremder Nationen in 
ähnlicher Modalität und zu einem gleichen Belauf den discriminirenden Abgaben zu 
unterwerfen, welche von ihrer eigenen Flagge in den Häfen der gedachten Nationen 
erhoben werden. 

2. Dem discriminirenden Schiffszoll wird als Eetorsion ein Schiffszoll, dem Hafen- 
geld ein Hafengeld, dem Lootsgeld ein Lootsgeld, dem discriminirenden AusfuhrzoU von 
Waaren ein Einfuhrzoll, dem EinfnhrzoU ein Ausfuhrzoll entgegengestellt. 

3. Der Ertrag dieser von jedem einzelnen Contrahenten erhobenen discriminirenden 
Ketorsionsabgaben wird als Entschädigung oder Prämie unter diejenigen Schiffe des 
dieselben erhebenden Staats vertheilt, welche mit den Schiffen der dadurch belasteten 
Flagge concurriren. 

4. Um dieser Massregel den Charakter vorübergehender Nothwehr zu lassen, vereinigt 
man sich dahin, dieselbe von dem Augenblick an aufzuheben, wo die betreffende fremde 
Regierung auf die von ihr erhobenen discriminirenden Abgaben zu Gunsten der Flagge 
sämmtlicher Contrahenten, wo nicht ohne Unterschied des Ursprungs und Verschiffungsorts 
der Ladung, doch wenigstens rücksichtlich der aus deutschen Häfen verschifften deutschen 
Erzeugnisse verzichtet. Auch die Erzengnisse des dem deutschen Bunde angehörigen 
Theils der österreichischen Monarchie sind in dieser Beziehung als deutsche zu betrachten. 
Eine Ausdehnung der Reciprocitäts vertrage auf die aus deutschen Häfen, unter deutschen 
Flaggen ausgeführten Erzeugnisse der Schweiz wird als ein Gegenstand der Verhandlung 
angesehen. 

5. S. M. der König von Preussen, als das einzige, dieser Schiffahrtshanse und dem 
ZoUverein des Binnenlandes zugleich angehörige Mitglied des deutschen Bundes, übernimmt 
es, die Einleitung zu gleichmässiger, die freie Bewegung des Handels möglichst wenig 
beeinträchtigender Ausfertigung deutscher Ürsprungs-Certificate zu treffen, falls dieselben 
durch die Handelsgesetzgebung fremder Staaten als unentbehrlich erscheinen sollten. 

6. Als ein Emblem dieses Vereins und zur Versinnlichung seiner Solidarität in 
Beziehung auf den beabsichtigten Zweck, verbinden sich die Contrahenten zu einem der 
Flagge jedes einzelnen unterzuordnenden gemeinschaftlichen Flaggenzeichen. 

11 ♦ 



164 

druck machen, weun Hamburg in dieser Sache die Initiative ergreife; auch 
meinte er, dass „eine solche Verbindung als eine Vaccine gegen den unsem 
Verhältnissen weniger angemessenen Zollverein zu betrachten sei". Indessen 
stiess sein Project in Hamburg selbst auf Bedenken der verschiedensten 
Art. Man fand es zu weitaussehend, man bezweifelte, dass es bei den 
übrigen deutschen Nordseestaaten die erforderliche Unterstützung finden 
werde. Auch vermochte man sich in Hamburg nicht für Retorsionsmass- 
regeln zu begeistern ; man hielt dafür, dass sie zwar der Rhederei förderlich, 
für den Hamburgischen Handel aber nicht vortheilhaft seien. So erklärte 
es sich, dass der Sievekingsche Vorschlag vorläufig bei Seite gelegt wurde. 

Die Nothwendigkeit, eine Verständigung mit Preussen zu suchen, 
drängte sich jedocli in andrer Weise auf, als die preussische Regierung 
am 21. Januar 1839 im Namen des Zollvereins einen Vertrag mit Holland 



7. J&hrlich werden Bich Abgeordnete sämmtlicher Gontrahenten in Hamburg zar 
Erwägung aller auf diesen Vertrag bezüglichen Verhältnisse yersammeln, und sich über 
das Directorium bis zur nächsten Versammlang vereinigen. 

S. Die Gontrahenten werden durch wechselseitige Mittheilungen der yon ihnen 
abgeschlossenen Handels- und Schiffahrts- Verträge, der ihren Gonsulaten ertheilten 
Instructionen und yon denselben* erstatteten Berichte, der sich auf ihren Zweck beziehenden 
Gesetze fremder Staaten, der Zahl auf ihren Werften von Jahr zu Jahr erbauter oder 
ihre Häfen besuchender Schiffe, mit Unterscheidung des Verladungsorts, der Flagge und 
des Tonnengehalts ein gemeinsames Archiv begründen. 

9. Sie behalten es sich vor, zu Gunsten des deutschen Handels und der deutschen 
Schiffahrt den Stipulationen dieses Vertrages von Zeit zu Zeit eine grössere, mit ihren 
Souveränitätsrechten, mit den Grundgesetzen und Beschlüssen des deutschen Bundes, so 
wie mit bestehenden Staatsverträgen verträgliche Ausdehnung zu geben. 

10. Besonders werden die Gontrahenten sich eine Vereinigung aber die im FaU 
eines Seekriegs aufzustellenden Grundsätze angelegen sein lassen und derselben schon 
im Frieden die eventuelle Sanction der Seemächte zu verschaffen suchen. Ihr Bestreben 
wird in dieser Beziehung dahin gerichtet sein: 

1 . Den maritimen Handelsverkehr auch kriegführender Mächte nach Analogie 
des continentalen wo möglich gänzlich der Sphäre des Kriegs zu entziehen. 

2. EventueU den Rechten der Neutralität durch wechselseitige Verbürgung 
einer gewissenhaften Erfüllung der davon unzertrennlichen Pflichten die 
Achtung der kriegführenden Mächte zu erhalten. 

3. Derselben sowohl in Betreff des Eigenthums als der Flagge jede mit den 
einander widersprechenden völkerrechtlichen Grundsätzen der Seemächte zu 
vereinigende Erweiterung auszube dingen. 

11. Bevor die Gontrahenten zu wirklichen Retorsionsmassregeln schreiten, werden 
sie unter Mittheilung des gegenwärtigen Vertrags gemeinschaftlich diplomatische Schritte 
thun, um den Zweck ohne Retorsion zu erreichen und auf der Grundlage der ßeciprocit&t 
die vertragsmässige Aufhebung der den deutschen Handel und die deutsche Schiffahrt 
belästigenden discriminirenden Abgaben zu erwirken. 

12. Diese Vereinigung wird für einen zehnjährigen Zeitraum vom an 

geschlossen und verbindet diejenigen Gontrahenten, welche sich nicht Ein Jahr vor Ablauf 
dieses Zeitraums davon lossagen, auf anderweitige zehn Jahre. 



165 

abschloss, durch den diesem Lande zum Nachtheil der Hansestädte erhebliche 
Zugeständnisse gemacht wurden. Die erste Kunde von diesem Vertrag 
erregte in Hamburg begreiflicherweise ebensoviel Unwillen, wie Ver- 
wunderung. Der letzteren Empfindung gab Kirchenpauer im Februar 1839 
in einer zunächst in der „Börsenhalle", später als selbständige Publication 
erschienenen Abhandlung kräftigen Ausdruck.^) Er bezeichnete es als 
höchst auffällig, dass ein Land, das bisher mercantilisch feindlich gegen 
das innere Deutschland gewesen, vor den Hansestädten bevorzugt werde, 
die schon um ihres eigenen Interesses willen dem Zollverein gegenüber 
nur einer freundschaftlichen Haltung fähig wären. 

In ähnlichem Sinne äusserte sich bald darauf Syndicus Sieveking 
(am 28. Februar) in einer Unterredung mit dem ihm persönlich befreundeten 
preussischen Ministerialdirector Eichhorn. Dieser war jedoch bemüht, die 
Besorgnisse der Hamburger zu beschwichtigen. Preussen — bemerkte 
er — habe allerdings für geboten erachtet, Holland entgegenzukommen, 
da es diesem Ernst zu sein scheine, die alten Geleise einer Deutschland 
engherzig, ja feindselig entgegentretenden Handelspolitik zu verlassen. 
Indessen habe man sich ausdrücklich das Recht vorbehalten, die gleichen 
Vortheile auch andern Staaten einzuräumen. Er wünsche bei dieser 
Gelegenheit den Beweis zu liefern, dass nichts der preussischen Regierung 
ferner liege, als das fremde Holland auf Kosten des deutschen Hamburgs 
unverhältnissmässig zu begünstigen. Hamburg möge nur seinerseits 
ein unbedeutendes Zugeständniss namhaft machen, das anderen Staaten 
gegenüber als Vorwand für seine Gleichstellung mit Holland dienen könne. 
Der Hamburger Senat glaubte hierauf geltend machen zu dürfen, dass das, 
was Hamburg bisher schon auf Grund des von ihm befolgten liberalen 
Handelssystems und durch die von ihm abgeschlossenen Handelsverträge 
dem Zollverein an Vortheilen gewährt habe, ein reichliches Aequivalent für 
die in Aussicht gestellte Begünstigung bilde. Der Hinweis auf dieses dem 
Zollverein bisher gewissermassen unentgeltlich bewiesene Entgegenkommen 
konnte freilich der preussischen Regierung schon mit Rücksicht auf andere 
Staaten, denen man die Gleichstellung mit Holland nicht umsonst gewähren 
wollte, nicht genügen. Und so musste sich denn Hamburg dazu verstehen, 
foilan eine grössere Reihe von Artikeln, sofern sie aus den Vereinsstaaten 
kommen oder dahin gehen würden, von dem ohnehin schon niedrigen 
Eingangszoll gänzlich zu befreien und zugleich die unter dem Namen 
„SchiflfszoU" von den oberelbischen, vereinsländischen Schiffen erhobene 
Abgabe zu vereinfachen.*) 

Auf dieser Grundlage gelang es im December 1839 ein Ueber- 
einkommen herbeizuführen, durch das Hamburg gleicher Vortheile wie 

*) Vgl. W. von MeUe, Gustav Heinrich Kirchenpancr S. 42 ff. 

^) Vgl. Lehmann, Eamb. Rath- und Bürgerschlfisse, Band 5, S. 16C ff. 



166 

Holland theilhaftig wurde.') Die specielle Gefahr, von iler Hambor^ fm 
Anfang des Jahres 1839 bedroht za sein schien, war somit abgewaadt; 
doch begreift es sich, dass die allgemeine Besoi^:ni8B fortbestand, der 
hanseatische Handel könne durch Vereinbarungen Preussens nnd des Zoll- 
vereins mit auswärtigen Staaten beeinträchtigt werden. Hierin lag ein 
erneuter Antrieb, darüber nachzusinnen, ob und in welcher Weiße eine 
Annäherung an den Zollverein erfolgen könne. 

Seit dem Jahre 1839 haben auf die Erörterung dieser Frage in 
Hamburg die von der Schwesterstadt Bremen ausgehenden Anregungen 
erheblichen Einfluss geübt. Den Gedanken, ein vertragsmässiges Ver- 
hältniss zwischen den Hansestädten und dem Zollverein herzustellen, vertrat 
dort jener Zeit in erster Linie Johann Smidt (seit 1821 Bürgermeister 
in seiner Vaterstadt), bei dem — wie bereits in einem ü'üheren Abschnitt 
angedeutet worden — Bremischer Localpatriotismns, hanseatisches 
Gemeinschaftsgefühl and deutsche Vaterlandsliebe innig mit einander 
verknüpft waren. Als Helfer und Mitarbeiter bei diesen Bestrebungen 
trat ihm zunächst sein Sohn Heinrich Smidt,*) etwas später auch 
Arnold Dnckwitz zur Seite. Der erstere war der Verfasser der Bremischen 
Denkschrift über das Verhältniss der Hansestädte zum Zollverein (vom 
11. Mai 1839), die schon jener Zeit weiteren Kreisen bekannt geworden 
ist.*) Den Grundgedanken dieses und so manches andern Aufsatzes ober 
das angegebene Thema hat Heinrich Smidt in einem Briefe an Professor 
Wurm (vom 2. December 1839) zusammengefasst, in dem er halb scherzhaft 
schrieb: „Der Zollverein und die Hansestädte als die natürlichsten Ver- 
treter seines Weltseehandels sind ein für einander bestimmtes Paar, aus 
dem Grosses hervorgehen kann. Ihre Ehe ist eine Nothwendigkeit Ob 
dabei Gütergemeinschaft eintritt oder nicht, ist ausserwesentlich. Bekommen 
sie einander nicht, so bleiben sie kinderlos, und ihr Erbtheil f^Ilt 
Fremden zn." 

Auf die Berathungen des Hamburger Senats über die erwähnte Frage 
hat namentlich eine nicht in Druck gelangte Denkschrift des älteren Smidt 
vom September 183S» Einfluss getlbt. In dieser ward u. a. darauf hin- 
gewiesen, dass, wenn die auswärtigen Staaten die Hansestädte früher als 
die wahren ThOrhUter von Deutschland anzusehen gewohnt gewesen, sie 
neuerdings täglich mehr begreifen lernten, dass durch die Städte nur der 
Vorhof zu Deutschland geöffnet, nnd dass der eigentliche Hausschlüssel 

') Ein Abkommen ähnlicher Art wurde am 4. SuÜ 1840 swiachen Bremen und dem 
Zollverein zu Stande gebracht. 

*) Vgl. aber diesen W. 7. Bippen im Brem. Jahrbuch, Band 10, S. 1—10. 

^ Wiederabgedruckt im Anhang der Schrift „Die Aufgabe der HaiiBest&dt« gegen- 
über dem dentscben Zollverein" (d. i. dea CommisBionaberichta an die Taterst&dtische 
SecÜon der Patriotisch en Gesellschaft) Hambn^ 1S4T. S. 337 ff. 



167 

zu dem grossen Verkehrsgebiet, das zur Zeit den noch getrennten Parzellen 
gegenüber vorzugsweise das ßecht habe, sich das deutsche zu nennen, 
in Berlin verwahrt werde. Von einer vertragsmässigen Verbindung der 
Hansestädte mit dem Zollverein hoffte Smidt daher, dass durch sie die 
Stellung der Städte nicht nur Deutschland, sondern auch dem Auslande 
gegenüber eine Besserung erfahre. Das Hauptgewicht legte er darauf, 
dass die Hansestädte in dem betreffenden Vertrage ausdrücklich als Ver- 
treter und Beförderer des deutschen Weltverkehrs anerkannt würden. 
Wie er sich die Einzelheiten des Vertrages dachte, wird von ihm nichl 
näher angegeben. Er bezeichnete es nur im allgemeinen als wünschens- 
werth, dass die Vereinbarung, ohne das System und die Selbständigkeit 
der Hansestädte zu beeinträchtigen, doch eine gemeinschaftliche Vertretung 
und Förderung der gemeinsamen Interessen zur Folge habe. 

In Hamburg beeilte man sich, diesen Vorschlag in üeberlegung zu ziehen, 
schon „um sich nicht von Bremen ins Schlepptau nehmen zu lassen". In 
der Eelation, in der Syndicus Sieveking am 12. December 1839 über die 
Smidtsche Denkschrift berichtete, ist zunächst die Constatirung der Thatsache 
bemerkenswerth, dass alle Bemühungen, auf Grund des Artikels 19 der 
Bundesacte etwas für die materiellen Interessen Deutschlands zu erreichen, 
als gescheitert anzusehen seien. Eine Annäherung an den Zollverein 
erschien auch Sieveking geboten und zwar, den Anschauungen Smidts 
entsprechend, in der Weise, dass die Städte nicht Glieder, sondern 
„zugewandte Bundesgenossen" des Zollvereins würden. Da es jedoch 
erwünscht schien, dass in dem zu vereinbarenden Abkommen genau formulirt 
würde, welche Rechte der Zollverein den Hansestädten, welche Zugeständnisse 
die letzteren dem Zollverein zu bewilligen hätten, so wurden von einer 
Senatscommission zwei Vertragsentwürfe ausgearbeitet und erörtert. In 
dem ersten, ausführlicheren Entwurf ward eine ausserordentlich innige 
Einigung der beiden Contrahenten in Aussicht genommen; doch kamen 
innerhalb der Commission selbst Zweifel darüber zum Ausdruck, ob darin 
nicht dem Zollverein allzuviel zugemuthet und anderseits auch den Hanse- 
städten allzu drückende Verbindlichkeiten auferlegt würden. Der zweite, 
kürzere Entwurf war unverfänglicher und mehr von idealer Bedeutung, als 
von praktischer Tragweite. Bemerkenswerth ist, dass darin aufs neue die 
Einführung einer gemeinschaftlichen deutschen Flagge vorgeschlagen ward. ^) 



^) Der 5. and 6. Paragraph des Entwurfs lauten wie folgt: 

§ 5. Beide Theile vereinbaren sich, znr Bezeichnung ihrer innigen Verbrüderung, 
unbeschadet der wie bisher, so auch femer yon ihren Schiffen zu führenden Flagge jedes 
einzelnen Staats, zu einem gemeinschaftlichen Flaggenzeichen, dessen facultatiye Ausdehnung 
auf die Schiffe der nicht zum ZoUverein oder der Hanse gehörenden Staaten des deutschen 
Bundes sie diesen Staaten und dem Bunde anheimstellen. 



168 

So diingend schien die Lösung des erwähnten Problems, dass 
auch ausserhalb des Eathes stehende Männer in Hamburg sich mit ihm 
befassten. Professor Wunn erörterte diese Frage in seiner kleinen Schrift: 
„Die Handelspolitik der Hansestädte und das Interesse des deutschen 
Vaterlandes". Auch er betonte die Nothwendigkeit der Herstellung eines 
vertragsmässigen Verhältnisses zwischen den Hansestädten und dem Zoll- 
verein. Zur Erreichung dieses Zieles — meinte er — durften die Städte 
auch vor einem Opfer nicht zurückschrecken, das in das Getriebe ihr^ 
Staatshaushaltes mehr oder minder eingreife. „Ist es ein Opfer, das mit 
ihrer Bestimmung als deutsche Hansestädte, als Welthandelsstädte Deutsch- 
lands, vereinbar erscheint, das ihren Häfen und ihren Niederlassungen 
diejenige Fi-eiheit lässt, wodurch sie allein für Deutschland sein und 
leisten können, was sie sollen, so dürfen sie das Opfer nicht scheuen". 

Ein Jahr später berührte Soetbeer, damals der zweite Secretär der 
Commerzdeputation, in der Schlussbetrachtung seines Buches über den Handel 
Hamburgs *) dasselbe Thema. Nach Erwähnung der Hamburgisch-preussischen 
üebereinkunft vom Jahre 1839 sprach er den Wunsch aus: „Mögen zeitig 
und wohlbedacht über die fernere innige vertragsmässige Verbindung 
Hamburgs mit dem grossen deutschen Zollverein Unterhandlungen gepflogen 
werden und diese, von beiden Seiten mit Offenheit, Vertrauen und Wohl- 
wollen geführt, einen dauerhaften, den wahren gegenseitigen Interessen 
gemässen Zustand begründen". Da er jedoch gleichzeitg als Vertheidiger 
der Handelsfreiheit, die in Hamburg nicht künstlich geschaffen, sondern 
organisch gewachsen sei, nicht nur den eigentlichen Zollanschluss verwarf, 
sondern auch gegen Navigationsgesetze, DifferenzialzöUe und sonstige 
Retorsionsmassregeln, bei denen ein Zusammenwirken zwischen den Hanse- 
städten und dem Zollverein möglich gewesen wäre, die verschiedensten 
Bedenken geltend machte, so ist nicht recht ersichtlich, wie er sich jene 
„fernere innige vertragsmässige Verbindung" vorgestellt hat. Am meisten 
scheint er sich damals von Oonventionen der deutschen Seeuferstaaten für 
besondere, klar vorliegende Zwecke versprochen zu haben. 

Die Erörterungen von Soetbeer fanden eine gewisse Ergänzung in 
einem Aufsatze, den Kirchenpauer, damals erster Secretär der Commerz- 
deputation, (lieser im Sommer 1841 vorlegte. Er betont darin, dass die 
öffentliche Meinung, die zur Zeit mächtiger sei als je, sich gewöhnt habe, 
den Zollverein und Deutschland für gleichbedeutend zu nehmen und daher 
in den Gegnern des Zollvereins auch Gegner der Nation zu erblicken, und 

§ G. Diesem gemeinschaftlichen Flaggenzeichen wird das Beichswappen zam Grande 
gelegt, wie auch die deutsche Hanse es im Mittelalter geführt, mit denjenigen Aendernngen, 
welche die federatiye Umgestaltung der Verhältnisse durch die Bnndesacte und den 
Zollverein am einfachsten anzudeuten geeignet sind. 

Hamburg 1840, S. 273 fL 



169 

dass hieraus eine unverkennbare Gefahr für die Hansestädte hervorgehe. Um 
diese Gefahr abzuwenden, gelte es, die sich entwickelnde Feindschaft, 
ehe sie zum Ausbruch komme, in Freundschaft umzuwandeln. Zu diesem 
Zwecke empfahl er nicht etwa den Zollanschluss, den er als etwas für 
Hamburg durchaus Verderbliches mit Entschiedenheit verwarf. Auch von der 
sofortigen Herbeiführung einer „tractatenmässigen Verbindung zwischen dem 
binnenländischen Zollverein und den deutschen Eüstenlanden^, die er in 
seiner erwähnten Abhandlung über den Handelsvertrag vom 21. Januar 1839 
als erstrebenswerthes Ziel bezeichnet, sah er jetzt ab. Als das Empfehlens- 
wertheste für ein gutes Einvernehmen zwischen dem Zollverein und den 
Hansestädten und dem beiderseitigen Interesse entsprechend erschien es ihm, 
wenn sie sich von Fall zu Fall zu gemeinsamer Action dem Auslande gegen- 
über verbänden. Den nächsten Anlass dazu schien ihm Portugal zu bieten, das 
vor kurzem den nordamerikanischen Freistaaten Ausnahmen von seiner 
den auswärtigen Flaggen sonst so ungünstigen Gesetzgebung bewilligt hatte. 
Da die deutschen Staaten ein gemeinsames Interesse hätten, derselben 
Vorzüge theilhaftig zu werden, so bezeichnete er es als wünschenswerth, 
dass sich Preussen namens des Zollvereins, Dänemark für Holstein und 
Lauenburg, Hannover, Mecklenburg, Oldenburg und die Hansestädte behufs 
Erreichung dieses Zieles zu einer gemeinschaftlichen Action verbänden. ^) 
Wenn der erste derartige Versuch Erfolg gehabt, so werde man sich 
in ähnlicher Weise über gemeinsames diplomatisches Vorgehen auch anderen 



^) Wie sich Kirchenpauer diese Action der genannten Staaten yorsteUte, deutete er 
an, indem er den Inhalt der abznschliessenden Convention durch folgende Paragraphen 
bezeichnete: 

§ 1. Die genannten Regierungen verbinden sich, einen (oder zwei) Abgeordneten 
auf gemeinschaftliche Kosten, mit den Vollmachten der verschiedenen Regierungen ver- 
sehen, nach Lissabon zu senden, um über einen Schiffahrts- und Handelsvertrag mit Portugal 
zu unterhandeln. 

§ 2. Der solchergestalt mit Portugal abzuschliessende Handels- und Schiffahrts- 
vertrag wird .für alle die genannten Regierungen, jedoch für eine jede besonders (sodass 
jede besonders aufkündigen kann) geschlossen und in einem gemeinschaftlichen Document 
abgefasst, von welchem jeder der contrahirenden Staaten eine Ausfertigung erhält 

§ 3. Der Zweck und die Grundlage des mit Portugal abzuschliessenden Vertrages 
wird die Gleichstellung der Schiffe der verschiedenen deutschen Staaten mit denen der 
begünstigtsten Staaten und eventualiter mit der Nationalflagge sein, wogegen der portu- 
giesischen Flagge in den deutschen Häfen gleiche Rechte zugesichert werden. 

§ 4. Sollte sich die portugiesische Regierung weigern, hierauf einzugehen, so werden 
die Eingangs genannten deutschen Staaten solche gemeinschaftliche Massregeln in Erwägung 
ziehen, welche geeignet wären, ihrem gemeinschaftlichen Ansuchen grösseren Nachdruck 
zu geben. 

Zu diesem Entwurf fügt Kirchenpauer die charakteristischen Worte hinzu: „Im 
Eingänge ist Oesterreich nicht genannt; es versteht sich von selbst, dass der Beitritt 
Oesterreichs im höchsten Grade willkommen wäre. — Noch besser der Bundestag, aber 
mit dem wäre wahrscheinlich nicht aus der Stelle zu kommen." 



170 

earopäischen oder auch amerikanischen Staaten gegenüber verständigen 
können. Vielleicht werde ans solcher wiederholten Gemeinschaft der Action 
ein dauerndes Btindniss erwachsen, nnd „wer mag sagen, ob wir nicht damit 
enden werden, die britische Navigationsacte über den Haufen zn werfen." — 

Das von Kirchenpauer erwähnte Verhalten Portugals gegen die aus- 
wärtigen Flaggen, das, wie bemerkt, bereits im Jahre 1836 auf das 
Sievekingsche Project einer „deutschen Schiffahrtshanse" Einfluss geübt 
hatte, spielte seit dem Jahre 1841 in den Bestrebungen, zwischen den 
Hansestädten und dem übrigen Deutschland eine handelspolitische An- 
näherung herbeizuführen, aufs neue eine erhebliche Rolle. Am 8. September 
wurde ein den erwähnten Vorschlägen Kirchenpauers einigermassen ent- 
sprechender Antrag der Commerzdeputation an den Senat gerichtet.^) 

Nicht ganz in der hier vorgeschlagenen Wei^e, doch wesentlich in 
demselben Sinne waren in der nächstfolgenden Zeit der Bremer Joh. Smidt 
und der Hamburger Karl Sieveking aufs eifrigste bemüht, eine deutsche 
Gesammtaction zur Erreichung des angegebenen Zwecks ins Werk zu 
setzen. Ihnen erschien es das Gerathenste, dass zunächst Oesterreich, 
Preussen und die Hansestädte, welche letzteren durch eine ausserordentliche 
Gesandtschaft in Lissabon vertreten werden sollten, dort im Einvernehmen 
mit einander „innerhalb der Grenzen gerechter Reciprocität" Schiffahrts- 
verträge abschlössen, und dass die so vereinbarten Einzelverträge durch 
eine in Form eines Bundesschlusses erfolgende Reciprocitätsverbürgung 
sämmtlicher deutscher Seeuferstaaten und durch einen „namens des Bundes 
in seiner Eigenschaft einer in politischer Einheit verbundenen Gesammt- 
macht" abzuschliessenden deutschen Schiffahrtsvertrag mit Portugal 
ergänzt würden. 

Dies sollte übrigens nach der Ansicht der beiden genannten 
hanseatischen Politiker nur der Ausgangspunkt für ihre weitergehenden 
Pläne zur Herstellung einer deutschen Handels- und Schiffahrtsgemeinschaft 
bilden. Beide waren beflissen, namentlich auch Mettemich für ihre Ideen 
zu gewinnen, da man von ihm einen günstigen Einfluss auf die Eiit- 
schliessungen des Bundestages erwartete. 

Dass sie auf Oesterreich und auf den deutschen Bund rechnen zu können 
glaubten, erscheint um so auffälliger, wenn man sich vergegenwärtigt, wie 
wenig von diesen bisher im Interesse des deutschen Wirthschaftslebens 
geleistet worden war. Bei seinem früheren Project vom Jahre 1836 hatte 
Sieveking selbst — wie erwähnt — von einer Betheiligung Oesterreichs 
abgesehen. Für den ihm und Smidt nunmehr vorschwebenden Plan aber 

») Es findet sich darin folgende bemerkenswerthe SteUe: „Die vereinigten Staaten 
[von Nordamerika] werden den Vorzug wahrscheinlich nicht erlangt haben, ohne die Drohung 
von Eetorsionsmassregeln durchblicken zu lassen; Vereinigte Staaten Deutschlands würden 
vielleicht mit gleichem Erfolg dasselbe thun können." 




171 

scliien die Mitwirkang des deutschen Bandes und deshalb auch Oesterreichs 
unentbehrlich. Es kam darauf an, dass der Bund nicht nur Portugal, sondern 
allen auswärtigen Staaten gegenüber als Gesammtmacht auftrete, um zu 
erwirken, dass das Ausland der Einfuhr aus dem ganzen Bundesgebiet unter 
hansestädtischer Flagge durchweg die Vorzugsrechte der directen Einfuhr 
zuerkenne. Dass der deutsche Bund sich bisher noch nicht als Macht gezeigt 
hatte, erklärte man sich aus der Bivalität zwischen esterreich und Preussen. 
Man glaubte jedoch, dass diese zurücktreten werde, wenn nicht eine der 
genannten Grossmächte, sondern die Hansestädte die Initiative zur Begrün düng 
des projectirten deutschen Handels- und Schiffahrtsvereins ergreifen würden. 

Neben solchen, das ganze Deutschland umfassenden Entwürfen fehlte 
es den Hansestädten übrigens auch in den vierziger Jahren nicht an Vor- 
schlägen und Mahnungen, sich sobald wie möglich mit dem Zollverein zu 
verständigen. Die Nachricht, dass Hannover mit Preussen über den Anschluss 
an den Zollverein verhandele, veranlasste den Hamburgischen Minister- 
residenten in Wien, von Graffen, in einem am 16. Oktober 1842, also wenige 
Monate nach dem grossen Brand, an den Senat gerichteten Schreiben, diesem 
auf das dringendste anzurathen, ebenfalls mit Preussen in Unterhandlungen 
wegen des Zollanschlusses einzutreten. Sowohl nationale Gesichtspunkte, 
wie auch Beweggi-ünde der Klugheit werden dafür von ihm geltend 
gemacht. Bemerkenswerth sind namentlich die folgenden Erwägungen, die 
ihm eine rasche Entschliessung wünschenswerth erscheinen Hessen. Wenn 
der Anschluss Hamburgs unvermeidlich sei, so könne beim Wiederaufbau der 
Stadt darauf Rücksicht genommen werden, wodurch möglicherweise Millionen 
erspart würden. Femer bezeichnet von Graffen es als wohl möglich, „dass 
man uns jetzt noch einen Freihafen gewährt, ein Umstand, der für uns 
von der höchsten Wichtigkeit ist und die nachtheiligen Folgen, welche der 
Anschluss haben könnte, beinahe abwenden würde.** Es ist daraus ersichtlich, 
dass er unter dem Anschluss Hamburgs keineswegs ein völliges Aufgehen der 
Stadt im Zollverein verstand. 

Der Gedanke, dass die Hansestädte durch Verhandlungen mit dem 
Zollverein erwirken könnten, dass man ihnen das Fortbestehen ihrer Frei- 
häfen gewährleiste, scheint auch dem Hamburgischen Ministerresidenten 
in Berlin, Carl Godeffroy, vorgeschwebt zu haben. Damit eine solche 
Ausnahmsstellung weniger Anstoss errege, erschien es diesem rathsam zu 
beantragen, dass alle deutschen Hafenstädte, namentlich die Ostseestädte, 
die in früheren Jahrhunderten zur Hansa gehört hatten, für Freihäfen 
erklärt würden. Er gab sich der Hoffnung hin, dass bei der an mass- 
gebender Stelle herrschenden Vorliebe für alles Mittelalterliche das Zauber- 
wort „Hansa" eine vielleicht unberechenbare Begeisterung für diese Idee 
erwecken werde.*) 

*) Schreiben an Syndicus Banks vom 31. Januar 1S42. Hamb. A« 



172 

So manche Vorschläge aber auch gemacht wurden, um eine An- 
näherung zwischen den Hansestädten und dem Zollverein herbeizuführen^ 
so blieb doch vorläufig alles beim Alten. Dass dieser Mangel jedes Ein- 
vernehmens fflr die Städte nachtheilig werden konnte, zeigte sich aufs 
neue, als am 1. September 1844 der Zollverein einen Vertrag mit Belgien 
abschloss, durch den Antwerpen ein vor den Hansestädten bevorzugter 
Zoll Vereinshafen zu werden schien. Wie im Jahre 1839, wurden von 
Hamburg wieder Vorstellungen nach Berlin gerichtet. Wie damals, gab 
man der Hoflftiung Ausdnick, dass Preussen und der Zollverein Begfinstigungen, 
die sie dem Hafen eines auswärtigen Landes zugestanden, den Häfen des 
deutschen Bundes nicht vorenthalten würden. Die Antwort liess nicht lange 
auf sich warten, fiel aber für Hamburg nicht sehr befriedigend aus. Dass der 
preussische Minister des Auswärtigen, Herr von Bülow, in seinem Schreiben 
an den Hamburgischen Residenten (vom 4. December 1844) darzuthun suchte, 
der Vertrag mit Belgien werde keineswegs alle die erwarteten nachtheiligen 
Folgen für Hamburg haben, machte weniger Eindruck, als der Umstand, dass er 
dem Hamburgischen Ansinnen principiell jede Berechtigung bestritt. „Wenn 
Preussen und seine Zollverbündeten mit einem Nachbarstaate nicht ohne 
Fürsorge fttr die Gesammtwohlfahrt Deutschlands einen Vertrag schlössen, 
durch den jenem Staate in Vergeltung angemessener Zugeständnisse gewisse 
Vortheile und Erleichterungen des Verkehrs bedungen worden sind, so 
könne weder dem Kechte noch der Billigkeit nach von anderen deutschen 
Staaten, die an dem abgeschlossenen Vertrage nicht theilnahmen, beansprucht 
werden, an den zugestandenen Voilheilen Mitgenuss zu haben.'' Er gab 
zu verstehen, dass das Verlangen der Hamburger nur eine Berechtigung 
haben würde, wenn Deutschland in commercieller Beziehung eine Einheit 
bilde, was zu bewirken Preussen bisher vergeblich angestrebt habe. Unter 
den obwaltenden Umständen — das ist der Kern von Bülows Ausführungen 
— müsse sich Hamburg gefallen lassen, von Preussen als Ausland betrachtet 
zu werden. 

Der Vertrag zwischen dem Zollverein und Belgien, sowie die Bülowsche 
Note hatten die begreifliche Folge, dass man in Hamburg aufs neue daiHber 
nachsaun, wie man dem Zollverein gegenüber die Auslandsqualität abstreifen 
könne, ohne doch in ihm aufzugehen. Bei den Erwägungen hierüber wurde 
gelegentlich der Vorschlag gemacht, die Hansestädte sollten sich zunächst 
mit den übrigen, nicht zum Zollverein gehörigen norddeutschen Seeufer- 
staaten, insbesondere mit Hannover, verständigen, um bei den erforderlichen 
Verhandlungen mit dem Zollverein einen desto kräftigeren Eückhalt zu haben. 
Es ist aber charakteristisch, dass man diesen Vorschlag wesentlich aus dem 
Gninde verwarf, um bei Preussen kein Misstrauen zu erwecken. 

Dass es erwünscht sei, sich direct mit Preussen zu verständigen, 
wurde namentlich von dem bekannten Historiker und Archivar Lappenberg 



173 

in einem gegen Ende des Jahres 1844 abgegebenen Gutachten hervorgehoben. 
Er betonte darin, dass man bezüglich der wirthschaftlichen Einigung 
Deutschlands vom deutschen Bunde nichts zu erwarten, vielmehr mit der 
durch den Zollverein gestützten „Präponderanz" Preussens zu rechnen habe. 
Mit Preussen müsse die Stadt unterhandeln, und zwar nicht in ihrer 
Eigenschaft als Bundesstaat, sondern als die vermöge ihrer geographischen 
Lage und ihrer vielhundertjährigen commerciellen Vergangenheit berufene 
Vertreterin des norddeutschen Seehandels. Ein baldiger, vertragsmässiger 
Abschluss mit Preussen sei für Hamburg eine Lebensfrage. 

Unter den Erörterungen, die dem erwähnten Thema ausserhalb des 
Senats zu Theil wurden, möge zunächst ein Gutachten von Soetbeer 
hervorgehoben werden, das im März 1845 unter den Mitgliedern der Commerz- 
deputation cursirte, weiteren Kreisen aber nicht bekannt wurde. Auf 
die Nothwendigkeit einer üebereinkunft mit dem Zollverein wurde von 
Soetbeer hier noch weit nachdrücklicher hingewiesen, als in seiner 
Abhandlung vom Jahre 1840. Er deutete an, dass die Zeiten vorüber 
seien, in denen Hamburg, auf die Vorzüge seiner geographischen Lage und 
die Segnungen des Freihandels bauend, die Ergebnisse der auswärtigen 
Handelspolitik ruhig hätte abwarten können. Ferner machte er darauf 
aufmerksam, dass der Zwischenhandel zwar immer noch von grosser 
Bedeutung für Hamburg sei, doch an Wichtigkeit dem deutschen Handel 
Hamburgs nicht mehr gleichstehe. Auch sei der von Hamburg vermittelte 
Handelsverkehr zwischen Deutschland und dem Ausland noch einer gross- 
artigen Entwicklung und Ausdehnung fähig. Im Interesse dieses Verkehrs 
empfehle es sich, durch rechtzeitiges Entgegenkommen zu verhüten, dass 
Hamburg vom Zollverein schlechter, als andere Häfen, behandelt werde. 
Der directe Anschluss käme erst in Betracht, wenn Hannover beigetreten, 
und würde alsdann nicht leicht abzulehnen sein. Er würde jedenfalls eine 
vollständige Umgestaltung des Hamburgischen Handels, wie er sich seit 
Jahrhunderten entwickelt habe, erforderlich machen. Unter den damaligen 
Umständen hielt er es für rathsam, dem Zollverein zur Durchführung von 
DifferenzialzoUmassregeln — zu deren systematischer Anwendung er 
neuerdings hinzuneigen scheine — die Hand zu bieten und etwa zu diesem 
Zweck für die Anlage von Entrepots geeignete Localitäten, wie den 
Grasbrook, den ßaakenwärder oder Hammerbrook zur Verfügung zu stellen. 
Dadurch werde man vielleicht nicht nur einer ungünstigen Behandlung in 
der Gegenwart, sondern auch der künftigen Nöthigung zum Anschluss 
vorbeugen können. 

Wie im vorigen Abschnitt ^) erwähnt, beschäftigte sich damals, abgesehen 
vom Senat und der Commerzdeputation, auch die Patriotische Gesellschaft 

») Vgl. Seite 151. 



174 

mit der Frage, wie sich die Hansestädte zum Zollverein zu stellen hätten, 
und wurde deren Erörterung von Professor Wurm in der Section für die 
vaterstädtischen Angelegenheiten angeregt. Wurm hatte als geborener Süd- 
deutscher Fühlung mit dem deutschen Binnenlande, anderseits aber war er 
während seines damals mehr als siebzehnjährigen Aufenthalts in Hamburg 
angelegentlich bemüht gewesen, sich über die hansestädtische Handels- 
politik, ihre Ziele und Bedürfnisse zu unterrichten, und hatte namentlich 
während der letzten Zeit über die erwähnte Frage aufs eifrigste mit 
Johann und Heinrich Smidt in Bremen correspondirt. ^) Somit war er aufs 
trefflichste vorbereitet, um die Debatte zu leiten. Wie ebenfalls bereits 
angedeutet worden, beleuchtete er in dem Vortrage, mit dem er am 
6. Januar 1845 die Verhandlungen eröffnete, die Frage namentlich vom 
nationalen Standpunkt. Aehnlich, wie Kirchenpauer in seinem angeführten 
Gutachten vom Juli 1841, betonte er, dass die Sehnsucht nach Einheit, 
die im deutschen Bunde keine Befriedigung gefunden, den Zollverein 
als sein Idol erfasst habe^ weshalb man den abseits stehenden Hanse- 
städten zum Vorwurf mache, dass sie die deutsche Einheit verhinderten. 
Wenn einmal eine parlamentarische Regierung den Zollverein leiten würde, 
dürften die Bedenken gegen den vollständigen Anschluss der Hansestädte, 
die vorläufig noch gerechtfertigt erschienen, in der That wegfallen. Auch 
jetzt aber müssten die Städte dem Zollverein bei der Erfüllung seiner 
Aufgaben hülfreich sein und sich an einer gemeinschaftlichen deutschen 
Handelspolitik betheiligen.*) 

Während der weiteren Besprechung dieses Themas, die auch noch 
in den Sectionsversammlungen vom Februar, März und April fortgesetzt 
wurde, bezeichnete eine grössere Anzahl von Mitgliedern es unter ver- 
schiedener Begründung ebenfalls als sehr erwünscht, dass die Hansestädte, 
ohne dem Zollverein beizutreten, ihm doch so weit wie möglich entgegen- 
zukommen suchten. Mit Entschiedenheit für den Anschluss sprachen sich 
jedoch nur die Hauptredner der Versammlungen vom 3. März und 7. April, 
C. Woermann und E. Hundeiker aus. Der erstere meinte freilich, dass 
der Anschluss erst ausführbar und wünschenswerth sei, wenn Hannover 
und Holstein beigetreten, doch war er der Ansicht, man müsse diesen 
Fall schon jetzt ins Auge fassen, da die Städte durch ihre Sonderstellung 
in eine ganz unhaltbare Lage kommen könnten. Im Gegensatz zu denen, 
die da hofften, dass man sich durch einen Freundschafts- und Handels- 
tractat mit dem Zollverein vor einer feindlichen Politik desselben schützen 
und Antheil an seinen Verträgen sichern könne, war Woermann der 



') Die betreffenden Briefe der beiden Smidt, wie auch die Concepte von Wurms 
Briefen finden sich anf der Hamb. Stadtbibliothek. 

^ Dies nnd das Folgende nach den Protokollen der yaterstädtischen Section der 
Patriotischen Gesellschaft. 




175 

Meinung, dass man ohne die Zusage, sich anschliessen zu wollen, sobald 
die Umstände es gestatteten, zu keiner Verständigung mit dem Zollverein 
gelangen werde, da man ja zu wenig Aequivalente für die erwarteten 
Vortheile anzubieten habe. Auch sprach er die Ueberzeugung aus, dass 
die Nachtheile des Zollanschlusses zu hoch angeschlagen würden. Durch 
ein grossartiges Entrepot lasse sich manche Ersparung an Geld und Zeit 
erreichen. Zufolge des Anschlusses werde vielleicht der Handel mit 
englischen Manufacturwaaren leiden, der mit deutschen Manufacturwaaren 
sich jedoch hoffentlich um so mehr heben und überdies ein Aufschwung 
der Hamburgischen Fabriken zu gewärtigen sein. 

Noch entschiedener verfocht E. Hundeiker die Sache des Zoll- 
anschlusses. Er war der Ansicht, Hamburg solle nicht auf die Nachbar- 
staaten warten, sondern diesen den Impuls zum Eintritt in den Zoll- 
verein geben. 

Selbstverständlich blieben diese Keden nicht ohne Entgegnungen. 
Indessen kam man im Verlauf der Debatte zu der Ueberzeugung, dass ein 
so schwieriges Thema in mündlichen Verhandlungen nicht erschöpfend 
genug erörtert werden könne. Man entschloss sich daher, ungeachtet der 
früher dagegen geltend gemachten Bedenken, eine Commission einzusetzen, 
die nach gründlicher Prüfung ein Gutachten liefern sollte über „die Aufgabe 
der Hansestädte gegenüber dem jetzigen Bestand und System des deutschen 
Zollvereins, sowie in Bezug auf eine gemeinsame deutsche Handelspolitik." 

In die Commission wurden Professor Wurm, Dr. Th. Müller (der 
nachmalige Senator) und sechs Kauf leute gewählt; zu diesen wurde später 
noch der Jurist Dr. De Chapeaurouge hinzugezogen. Nachdem man über den 
wesentlichen Inhalt des abzugebenden Urtheils berathen und, von zwei aus 
verschiedenen Gründen dissentirenden Stimmen abgesehen, zu über- 
einstimmenden Ergebnissen gelangt war, übernahmen Professor Wurm und 
Dr. Th. Müller die Ausarbeitung des Berichtes, der Anfang 1847 im Druck 
erschien. In den drei ersten Abschnitten desselben wird die historische 
Entwickelung des hansestädtischen Handelssystems, das Verhalten des 
deutschen Bundes zu dem Streben nach einer deutschen Handelspolitik und 
endlich die Geschichte des deutschen Zollvereins behandelt. Erst der vierte 
Abschnitt enthält das eigentliche Gutachten, dessen Ausführungen von den 
in den Sectionsversammlungen geltend gemachten Ansichten namentlich darin 
abweichen, dass nicht sowohl von einer Verständigung der Hansestädte 
mit dem Zollverein, als vielmehr von dem Antheil der Hansestädte an der 
herzustellenden gesammtdeutschen Handelseinheit die Kede ist. Von einer 
Erörterung der Frage, ob sich ein Anschluss der Hansestädte an den Zoll- 
verein empfehle, glaubte man absehen zu können, weil zur Zeit das Gebiet 
der Hansestädte nirgends an das Vereinsgebiet grenzte. Aber auch die 
Herstellung eines anderweitigen vertragsmässigen Verhältnisses zum Zoll- 



176 

verein, wie es von so manchen Seiten als wttnschenswerth oder gar noth- 
wendig bezeichnet worden war, vermochte der Commissionsbericht den 
Hansestädten nicht zu empfehlen. Er machte dagegen geltend, dass jedes 
Abkommen mit dem Zollverein eine Separatunterhandlung von ungewissem 
Ausgange voraussetze und der Antheil, der den Hansestädten bei der 
Abschliessung und Ausführung gemeinsamer Massregeln eingeräumt werden 
dürfte, in hohem Grade zweifelhaft erscheine. Ausserdem sei es unstatt- 
haft, dem Zollverein irgend welche Zugeständnisse zu machen, die man 
anderen deutschen Ländern, z. B. den zum hannöverisch-oldenburgischen 
Steuerverein gehörigen Staaten oder Oesterreich versage ; denn dem ganzen 
Deutschland seien die Hansestädte angewiesen mit dem Pfunde zu dienen, 
das ihnen anvertraut sei. 

Als natürlichsten Ausgangspunkt für eine handelspolitische Einigung 
Deutschlands bezeichnet der Commissionsbericht eine deutsche SchiflFahrts- 
gesetzgebung, die für das gesammte Bundesgebiet möglich sei, ohne dass 
deshalb eine Verschmelzung der Zolltarife erforderlich werde. Im einzelnen 
empfiehlt der Bericht, nicht etwa die complicirteu Schiflfahrtsacten anderer 
Völker nachzuahmen, sondern sich zunächst ' auf die Einführung einer 
deutschen Flagge, die jedoch die unterscheidenden Abzeichen der einzelnen 
Staaten nicht ausschliesse, auf die Begünstigung der directen Einfuhr vor 
der indirecten und auf behutsame Anwendung von Retorsionsmassregeln zu 
beschränken. Sobald erst das deutsche Bundesgebiet in seiner völker- 
rechtlich anerkannten Integrität als ein Schififahrtsgebiet constituirt sei, 
werde die deutsche Centralgewalt auch weitere Veranlassung finden, die 
deutsche Flagge nach aussen hin zu vertreten. 

Es begreift sich, dass in diesem Zusammenhange noch eine Eeihe 
andrer nationaler Forderungen, wie die Errichtung deutscher Consulate, 
die Einführung eines gleichförmigen Systems der Münzen, Masse und 
Gewichte erwähnt wurden. Für manche Missstände, durch die der deutsche 
Handel litt, das Fehlen eines gemeinsamen deutschen Handelsrechtes, den 
Zustand der deutschen Ströme, die AVehrlosigkeit der deutschen Küsten, 
glaubte die Commissio» allerdings erst dann auf Abhiilfe rechnen zu können, 
wenn es zufolge des erstarkenden Natioftalgefühls zu einer weiteren Ent- 
wickelung der Bundesverfassung gekommen sei. 

Wohlthuend berührt der patriotische Sinn, der durchweg in dem 
Commissionsbericht zum Ausdruck gelangt. Er legt den Bewohnern der 
Hansestädte nachdrücklich ans Herz, ihi-e Kräfte einer deutschen Schiff- 
fahits- und Handelspolitik zur Verfügung zu stellen, und bekennt sich zu 
dem Grundsatze, dass das weltbürgerliche Element, das der Grosshandel in 
sich trage, dem nationalen unterzuordnen sei, so oft eine CoUision von 
Ansprüchen entstehen könnte. 



177 

Die lehrreiche und fesselnd geschriebene Publication erregte innerhalb 
und ausserhalb Hamburgs nicht geringes Aufsehen. Sie wurde von vielen 
Seiten namentlich deshalb mit Freuden begrüsst, weil sie die erste Ham- 
burgische Kundgebung war, die, nicht von Einzelnen, sondern von einer 
angesehenen Körperschaft ausgehend, für die wirthschaftlichen Einigungs- 
bestrebungen in Deutschland eintrat. Durch ihren vielseitigen Inhalt wirkte 
sie anregend auf die Zeitgenossen, wie auch noch auf die folgende 
Generation. Einen praktischen Erfolg erzielten die in ihr enthaltenen 
Vorschläge allerdings ebenso wenig, wie die verwandten Projecte, die Smidt 
und Sieveking der österreichischen und der preussischen Regierung zu 
empfehlen bemüht gewesen. 

Dass die genannten Männer beiMettemich nur freundliche Worte geemtet 
hatten, war nicht zu verwundern. Aber auch in Berlin überwogen längere 
Zeit die Bedenken gegen ihre Pläne. Abgesehen von sonstigen Einwendungen 
fand man, dass eine gesammtdeutsche Handels- und Schiffahrtspolitik ohne 
vorgängigen Anschluss der Nordseestaaten an den Zollverein zu einem allzu 
complicirten System führen würde. ^) Man meinte auch wohl, solche Einigung 
nütze nur den Hansestädten, denen dadurch die Vortheile des Zollvereins zu- 
fallen würden, ohne dass sie an dessen Lasten theilnähmeu ; das Zustande- 
kommen eines deutschen Schiffahrtsbundes werde sie in ihrem Widerstände 
gegen den Zollverein bestärken. Von anderer Seite wurde freilich geltend 
gemacht, dass die handelspolitisclie Annäherung zwisclien den Nordsee- 
staaten und dem Zollverein vielleicht den wirklichen Anschluss der ersteren 
an den letzteren vorbereiten werde. Lebhaftere Sympathien fand die Idee 
eines deutschen Schiffahrtsvereins in Preussen erst zu einer Zeit, als sich 
Hamburg an der Befürwortung der Bundespläne nicht mehr betheiligte. 
Die von Duckwitz ausgearbeitete Denkschrift vom 8. November 1844, die 
den in Hamburg vorherrschenden Anschauungen wenig entsprach, fiel im 
übrigen auf günstigen Boden. Duckwitz bezeichnete darin die Anwendung 
von DifferenzialzüUen als das geeignetste Mittel, um dem deutschen See- 
handel Freiheit und Unabhängigkeit zu erkämpfen ; er betonte aber auch die 
Rückwirkung, die derartige Massregeln auf die deutsche Industrie üben 
würden, und hob u. a. hervor, dass eine solche Ermuthigung des deutschen 
Unternehmungsgeistes auch die rheinischen Städte aus ihrer bequemen 
Passivität aufrütteln und in ihnen dieselbe Rührigkeit wachrufen werde, 
die bereits im deutschen Norden heimisch sei. Um dieselbe Zeit oder 
wenig später wurden in der Presse und auf verschiedenen Landtagen 
ähnliche Forderungen ausgesprochen. In Berlin interessirten sich ver- 
schiedene einflussreiche Männer, insbesondere der Präsident des 1844 



Vgl. A. Zimmermann, Geschichte der preussisch-deutschen Handelspolitik, 
Oldenhurg und Leipzig, 1892, S. 187 ff. 

12 



178 

begründeten Handelsamtes, Herr von Rönne, fflr die Vorschläge von Dnckwitz. 
DurcU das stärkere Hervorkehren der Differenzialzollidee schien das Project 
eines allgemeinen deutschen oder doch alle deutschen Nordsee- und Ostsee- 
staaten umfassenden Schiffahrtsvereins einen neuen Beiz zu erhalten. Die 
Bedenken gegen dasselbe schwanden freilich auch jetzt nicht. Immerhin 
wnrden von der preussischen Regierung mehrfach Vertraaensmänner nach 
Hannover, Oldenbui^, Bremeo and Hamburg gesandt, nm io Erfahrung zu 
bringen, wie weit man auf die Betheiligung der betreffenden Staaten im 
Fall der Verwirklichung eines solchen Projectes rechnen könne. 

In Hamburg war beim Senat wie bei der Eanfmannschafl die Abneigung 
gegen die Einführung von Unterscheidnngszöllen in der letzten Zeit wo 
möglich noch gestiegen. Dennoch wurde mit Rucksicht auf die in Deutsch- 
land zunehmende Agitation im Januar 1S47 vom Senat eine Commissioa 
beauftragt, aufs neue zu untei'sochen, welchen Einfluss das DifferenzialzoU- 
System auf den Handel Hamburgs und Deutschlands Qben würde. Neben 
den Bremisclien und den von diesen etwas abweichenden Vorschlägen 
Rönnes lag ein Project von Soetbeer vor, dessen Tendenz dahin ging, die 
nationale Flagge zu begünstigen, ohne jedoch den Handel der Hansestädte 
einzuschränken oder sie der Gefahr auszusetzen, mit dem Ausland in Conflict 
zu gerathen. Dies letztere Pi'oject erschien selbstverständlich als das 
imverfäDglichste. ludessen wui-de es für das Erwünschteste gehalten, die 
bisherigen Bahnen überhaupt nicht zu verlassen. Es fragte sich nui-, wie 
man sich zu verhalten habe, wenn es zu einer Verständigung unter den 
übrigen deutschen Staaten komme. Am G. und 7, April weilte der prensslsche 
llinisterialdirector Gebeimratb Patow in Hamburg, nm die Ansichten des 
Senats Ober die von ihm mitgebrachten „Vorschläge für die Errichtung eines 
deutschen SchilTahrts- und Handelsvereins-* in Eifahrnng zu bringen. Ohne 
die ftbrigen.s nur halboföciellen Anfragen des preussischen Conuuissars geradezu 
ablehnend zu beantworten, gaben doch die mit ihm verhandelnden Senats- 
deputirten unter Voriegung statistischen Mateiials ihren Bedenken Ausdruck, 
worauf Patow äusserte: man verkenne in Preussen weniger, als in den süd- 
und mitteldeutschen Staaten, das Gewicht der Hamburgiscben Interessen und 
Gegengründe, indessen lege man überall aus politischen Motiven noch weit 
~ ' ' ' ^ mercantilischen, der Sache Werth bei und gebe zu erkennen, dass 
11s auch ohne Hamburg abschliessen könne. In dem bald darauf 
ein Senat und der Comnierzdeputation wegen dieser Frage 
;n Meinungsaustausch bezeichnete die letztere es als ratbsam, 
n möglicherweise zur Förderung des erörterten Projects weiter 
in Verhandlungen mit Preussen und den übrigen betheiligten 
Staaten nicht ausznsehlie.^sen, da es leichter sei, wenn man 
rnherein betheilige, auf die Fassung der Beschlüsse Einfluss zn 
•äter bei nai hträglichem und eizwangenem Beitritt die einmal 



179 

angenommenen Beschlösse im Hamburgischen Interesse zu modiflciren. 
Zugleich aber gab die Commerzdeputation der Hoffnung Ausdruck, dass es dem 
Senat gelingen werde, durch Vorstellungen die preussische Regierung zu 
vorläufigem Verzicht auf das Project zu bestimmen. 

In der That Hess sich die Senatscommission angelegen sein, in einem 
Gutachten, das auf reiflicher Ueberlegung aller einschlägigen Verhältnisse 
und dem Studium eines überaus umfangreichen Materials beruhte, den 
Nachweis zu liefern, dass das vorgeschlagene DifferenzialzoUsystem den 
erwarteten Zweck verfehlen und der deutschen Nation mehr Nachtheil als 
Gewinn zuziehen würde. Mit der endgültigen Eedaction wurde Kirchenpauer 
betraut, der sich dieser Arbeit mit solchem Eifer unterzog, dass die Denk- 
schrift des Senats bereits im Juli gedruckt vorlagt). Sie wurde an die 
preussische und andere betheiligte Regierungen gesandt und erlangte, 
zumal nachdem sie durch Veranlassung der Commerzdeputation ins' 
Englische übersetzt worden war, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus 
Verbreitung. Damals und später wurde sie als eine der besten Schriften 
anerkannt, die je vom Standpunkt des Freihandels veröffentlicht worden. 
Begreiflicherweise rief sie auch Opposition hervor; doch war der Hauptzweck 
erreicht, die Anhänger der Differenzialzollpolitik erkannten, dass und weshalb 
auf Hamburgs Mitwirkung nicht zu rechnen sei, und die Gegner des Systems 
fühlten sich dui'ch die Hamburgische Bundesgenossenschaft gekräftigt. 
Wenn auch die preussische Regierung schon etwas früher zufolge der bereits 
im Anfang des Jahres von Hamburg erhobenen Einwände und der wieder 
stärker hervorgetretenen freihändlerischen Strömung im eigenen Lande 
von dem Project mehr und mehr zurückgekommen war, so trug doch die 
Hamburgische Denkschrift wesentlich dazu bei, dass sich der Enthusiasmus 
für Unterscheidungszölle in Deutschland verminderte. 

Freilich war diese Wirkung nicht andauernd. Aus der nationalen 
Bewegung von 1848 ging neben der Forderung nach politischer Freiheit 
und Einheit das verstärkte Verlangen hervor, dass Deutschland auch in 
wirthschaftlicher Beziehung eine Einheit bilde und der Handelspolitik des 
Auslandes gegenüber minder wehrlos dastehe. 

Da ist es nun bemerkenswerth , dass in Hamburg, wo — wie im 
vorigen Abschnitt angedeutet — die nationale Begeisterung sich in jenem 
Jahre nicht minder lebhaft, als irgendwo in den weiten Gebieten des 
Vaterlandes, äusserte, sich gleich anfanglich die Besorgniss geltend niaclite, 
die Einheitsschwärmerei könne zur Vernichtung der commerciellen Selb- 
ständigkeit und Handelsblüthe der Stadt führen. Einen wie mächtigen 
Einfluss Erwägungen dieser Art auf die öffentliche Meinung übten, zeigte 
sich nicht zum wenigsten bei den Wahlen zum Frankfurter National- 



») W. V. MeUe, a. a. 0. S. 171. 

12* 



Parlament. Im Gegensatz zu den Vorschlägen de» ausschliesslich politischen 
Antrieben folgenden deutschen Clabs, der zwei Juristen und einen Architekten 
aufgestellt hatte, erhielten die Candidaten der Börse, nämlich die beiden 
angesehenen Kaufleute, Ernst Merck und Edgar Eoss, und Dr. Heckscher 
eine aberwältigende Stimmenmehrheit. 

Vermöge ihrer freihändlerischen Gesinnungeu und ihrer kanfinänniscben 
Erfahrungen zur Vertretung der Hamburgischen Handelsinteressen trefflich 
geeignet, fanden Merck und Eoss Bberdies einen starken Rückhalt bei der 
Commerzdeputaüon, die begreiflicherweise den Gangder Ereignisse namentlich 
unter dem GesichL<ipunkt ihrer Rückwirkung auf den Hamburger Handel 
mit lebhaftester Aufmerksamkeit verfolgte.») Bereits am 19. April wurden 
ihr von Soetbeer mit Rücksicht auf die obwaltenden Verbältnisse einige 
Torschläge unterbreitet. Soetbeer bezeichnete es als erwünscht, die 
Grundzüge eines Plans zu entwerfen, nach dem während der bevorstehenden 
Verhandlungen über eine gemeinschaftliche deutsche Zollverfassnng und 
Handelsgesetzgebnng die Interessen des deutschen Seehandels und insbe- 
sondere diejenigen Hamburgs wahrzunehmen seien. Die völlige Erhaltung des 
bestehenden Zustandes zu fordern, erschien ihm im Hinblick auf die in Dentsch- 
hind heri'schende Stimmung unrathsam. Er meinte, die Handelsstellung Ham- 
burgs werde im wesentlichen für die Zukunft gesichert sein, wenn man es 
dahin bringen könne, dass Hamburg-Altona als Freihafen innerhalb des 
geeinigten Deutschlands anerkannt werde, wie Triest bisher innerhalb des 
üSteiTeichischen Zollgebiets. Ueberdies hielt er für angemessen, dass man, 
um dem Vorwurf des Particularismus zu entgehen, die Einführung des Frei- 
liafensystems für den deutsclien Handel ganz im allgemeinen und namentlich 
auch für die wichtigeren Ostseehäfen beantrage. Weitere Vorschläge 
Soetbeers gingen dahin, durch Vereinbanmgen mit anderen Seeplätzen, 
sowie mit den Regienuigen derjenigen Staaten, die bisher nicht zum 
Zollverein gehörten, ferner durch Entsendung von Sachverständigen nach 
Frankfurt und durch Publication von Denkschriften im Interesse des 
Freihandels zu wirken. In der That wurde bald genug aus mancherlei 
Anzeichen ersichdich, dass es ausserordentlicher Anstrengungen bedürfen 
den Hamburgischen Anschauungen und Interessen der erregten 
1 Meinung gegenüber Geltung zu verschaffen. Abgesehen von 
dings zunächst unwirksamen Beschluss des Bundestags vom 
lass alle deutschen Staaten binnen acht Tagen Bevollmächtigte 
kfurt entsenden sollten, um bis zum I.Juli l«i8 die Zolleinheit 
kIs ins Leben zu rufen, mahnte der Eifer, mit dem die süd- 
Industriellen für den fortdauernden und womöglich noch zu 
den Schutz der deutschen Gewerbthätigkeit eintraten, eine ent- 

9 Folgende Torzngsweise oach Schriftstöckea des Comm. A. 



181 

sprechende Eührigkeit im Interesse des Freihandels im allgemeinen, wie 
insbesondere zu Gunsten des Hamburgischen Handels zu bekunden. 

Um in letzterer Beziehung auf sicherer Grundlage zu fassen, richtete 
die Gommerzdeputation gegen Ende Mai an eine Reihe angesehener 
Hamburgischer Handelshäuser die Anfrage, ob es für ihre speciellen 
Handelsbetriebe Wünschenswerther sei, die Sicherstellung des Hamburgischen 
Freihafens anzustreben oder dahin zu wirken, dass Hambui^ eine „deutsche 
Handelsstadt mit wohl geordnetem Entrepotsystem werde". Die Aufgabe, 
die eingehenden Elinzelgutachten in einer für die Oeffentlichkeit bestimmten 
Denkschrift zu verwerthen, fiel Soetbeer zu, der mittlerweile auf Wunsch 
der Commerzdeputation als deren Vertrauensmann und zugleich als volks- 
wirthschaftlicher Berather der Hamburger Parlamentsmitglieder nach 
Frankfart gereist war. 

Inzwischen war auch der Senat veranlasst worden, zu der Frage der 
künftigen Handelsverfassung Deutschlands Stellung zu nehmen. Von Ende 
Juni bis Anfang Juli hatten in Hannover auf Anregung der dortigen 
Regierung Conferenzen von Vertretern derjenigen deutschen Staaten statt- 
gefunden, die bisher dem Zollverein nicht beigetreten waren. Man zeigte 
sich dort keineswegs gewillt, die Rechte und Interessen der Einzelstaaten 
dem Einheitsgedanken unbedingt zum Opfer zu bringen. Vielmehr war 
man der Ansicht, dass bei der Regelung der deutseben Zoll- und Handels- 
verfassuug die financiellen und Verkehrsverhältnisse der einzelnen Staaten 
soweit zu beiücksichtigen seien, als dies mit dem Interesse der Gesammt- 
heit vereinbar erscheine. Auch wurde die Zulassung von Freihäfen und 
sonstigen Einrichtungen, die dem Handel die freie Bewegung erhalten 
könnten, in Aussicht genommen. Anderseits lautete aber einer der Haupt- 
sätze, über die man sich geeinigt hatte: „Es wird als Grundbedingung der 
in Rede stehenden Zolleinigung angenommen, dass kein deutscher Staat 
sich von dem gemeinsamen Zollgebiet ausschliessen darf."*) Als daher der 
Senat, der auf diesen Conferenzen durch Kiichenpauer vertreten war,*) 
von deren wesentlichen Ergebnissen der Commerzdeputation Mittheilung 
gemacht hatte, bezeichnete diese es als nothwendig, dahin zu wirken, da^^^s 
bei der zu erwartenden Proclamirung der Handelseinheit Deutschlands die 
Interessen der grösseren Seehäfen und des Seehandels überhaupt durch 
einen möglichst bestimmt gefassten Zusatz sicher gestellt würden.') 

Noch im Laufe des Monats Juli wurden die Senatoren Kirchenpauer 
und Geffcken als Bevollmächtigte des Hamburger Senats nach Frankfuit 
deputirt, da der volkswirthschaftliche Ausschnss der Nationalversammlung 

^) A. Dnckwitz, Denkwürdigkeiten aus meinem öffentlichen Leben Ton 1841 — 1S(>6 
(Bremen 1877), S. 266. 

') Vgl. W. von MeUe, a. a. 0., S. 209. 

^) Antrag der Commerzdepntation an den Senat vom 19. JoU 1848. Comm. A. 



182 

mit grösserem Erfolg, als einige Zeit zuvor der Bundestag, die deutschen 
Regierungen zur Entsendung von volkswirthschaftlichen Sachverständigen 
aufgefordert hatte. Hamburg war also in Frankfurt, abgesehen von seinen 
Pariamen tsdeputirten, durch zwei angesehene Mitglieder des Senats und 
durch den ProtokoUisten der Commerzdeputation vertreten, zu denen im 
Laufe der Zeit noch verschiedene Specialsachverständige hinzukamen. 
Trotzdem hatten die Hamburger einen schweren Stand. Namentlich fiel 
es zu ihren Ungunsten ins Gewicht, dass der Bremer Duckwitz, dessen 
Ideen über Zoll- und Handelsangelegenheiten den in Deutschland vor- 
herrschenden sehr viel näher standen, als die ihrigen, am 9. August 
zum Reichshandelsminister ernannt worden war. 

Bereits einige Wochen zuvor hatte Duckwitz sein berühmtes „Memo- 
randum, die Zoll- und Handelsverfassung Deutschlands betreffend" ver- 
öffentlicht, aus dem ersichtlich war, dass ihm die Beibehaltung der hanse- 
städtischen Freihafenstellung in ihrem bisherigen Umfange mit den 
nationalen Bedürfnissen unvereinbar erschien. Seiner Ansicht nach hatte 
man nur die Wahl, entweder das Freihafensystem gewissen Einschränkungen 
zu unterwerfen oder sich mit dem Entrepotsystem zu begnügen. Im 
ersteren Falle gelte es, Vorkehrungen zu schaffen, einerseits um Controll- 
massregeln für die Erhebung der eventuell vom Reich angeordneten 
Differenzialzölle durchführen zu können, anderseits um den Industrieerzeng- 
nissen der Freihäfen zollfreie Einfuhr und den in die Freihäfen gebrachten 
Boden- und Industrieproducten des Binnenlandes zollfreie Rückfuhr nach 
dem inneren Deutschland zu ermöglichen. Falls man Sich für Entrepots 
entscheide, sei es erwünscht, die mit diesem System verbundenen Unzu- 
träglichkeiten möglichst zu vemugern, indem man es, so weit thunlich, 
dem Freihafensystem annähere. Die Entrepots dürften nicht so eingerichtet 
werden, wie es jener Zeit gebräuchlich, sondern gleichsam auf verschliess- 
bare Räume zurückgeführte Freihäfen sein. „In den sicher verschlossenen 
und von aussen bewachten Entrepots würden die Eigenthümer mit den 
Waaren machen können, was sie wollen, umpacken, verändern, mischen 
u. s. w., gerade wie im Freihafen, und sie auch ganz in derselben Weise 
wieder versenden." 

Es ist ersichtlich, dass Duckwitz die Herstellung eines einheitlichen 
deutschen Zollwesens mit der Rücksicht auf die Bedürfnisse des Seehandels 
möglichst zu vereinigen suchte; aber das Einheitsinteresse war für ihn 
das höhere. 

Auch Soetbeer, der unter den verschiedenen Vertrauensmännern, die 
in Frankfurt das Interesse des Hamburgischen Handels vertraten, als 
Schriftsteller und gleichsam als berufsmässiger Sachverständiger hervoiragte, 
war, wie bereits angedeutet, der Ansicht, dass dem Verlangen nach 
Einheit Zugeständnisse gemacht werden müssten. Aber er meinte — wie 



18.1 

er in einer als Mannscript gedruckten Denkschrift sagt — „die Nation 
verlange nicht allein eine einheitliche, sondern zugleich ebensosehr eine 
gute Handels- und Zollverfassung" und betonte deshalb, die commercielle 
Einheit müsse das Ergebniss besonnener Prüfung und sachverständiger 
Verhandlungen sein.^) Einen werthvoUen Beitrag für die von ihm 
gewünschte Prüfung aller einschlägigen Verhältnisse bot er selbst in 
seiner mit Benutzung der Hamburgischen Einzelgutachten ausgearbeiteten 
Denkschrift: „Die deutsche Handels- und Zollverfassung und das Freihafen- 
system. Mit besonderer Kücksicht auf Hamburg." Er führte darin aus, 
dass das Freihafensystem aus einer eigen thümlichen deutschen Entwicklung 
hervorgegangen, die sich zum Nutzen des deutschen Handels vortrefflich 
bewährt habe,^ und suchte nachzuweisen, dass die Fürsorge für das 
commercielle Gesammtinteresse Deutschlands und namentlich für den 
Absatz deutscher Fabricate nach dem Ausland davon abhalten müsse, 
das Freihafensystem durchweg durch Entrepot-Einrichtungen zu ersetzen. 
Auch das DiflFerenzialzollsystem wurde von ihm entschieden bekämpft, 
wobei er sich theils auf die Denkschrift des Hamburger Senats vom 
Jahre 1847, theils auf neue Argumente berief. Wie er jedoch schon in 
seinem nur für die Commerzdeputation bestimmten Gutachten von 1845 
angedeutet hatte, dass die Hansestädte auch ohne Verzicht auf ihre 
Freihafenstellung, wenn es erforderlich sei, dem übrigen Deutschland bei 
der Durchführung von Unterscheidungszöllen behülflich sein könnten, so 
betonte er dies ausdrücklich für den Fall, dass sich Deutschland veranlasst 
sähe, Retorsionsmassregeln gegen andere Länder zu ergreifen. 

Diese Schrift, die vor ihrer Veröffentlichung als Manuscript bei den 
Commerzdeputirten circulirt hatte, war von diesen beifällig aufgenommen. 
Sie beanstandeten nur, dass darin dem Diflferenzialzollsystem ein wenn 
auch noch so bedingtes Zugeständniss gemacht worden. Indessen konnte 
Soetbeer sich darauf berufen, dass die Hamburger Volksvertreter es mit 
ihm für rathsam erachtet hatten, in diesem Punkte der öffentlichen Meinung 
entgegenzukommen. Auch Geffcken und Kirchenpauer missbilligten dies 
Zugeständniss nicht; sie wiesen in einem Bericht vom 16. August darauf 
hin, wie empfindlich die Nationalversammlung sei, wo es sich um Kraft- 
äussernngen des einigen Deutschlands handele. Man musste dem in der That 
Rechnung tragen, wenn man nicht die Hamburgischen Interessen völlig aufs 
Spiel setzen wollte. „Wir stehen bis jetzt fast ganz allein mit unseren 
Wünschen nach Erlangung des Freihafens" heisst es in demselben Schreiben. 
In gleichem Sinne äusserten sich mehrere Hamburger Kauf leute, die auf den 
verschiedenen in Frankfurt tagenden Congressen das Hamburgische Handels- 
interesse vertreten hatten, noch mehrere Monate später. 



') Bemerkongen betrefifend die Herstellung einer einheitlichen deutschen Handels- 
and Zollyerfassmig ^Als Manuscript gedruckt). Frankfurt am Main 1846. 



184 

Völlig nutzlos waren die Bemühungen der Hamburger an der Stätte 
der damaligen deutschen Centralgewalt dennoch nicht. Abgesehen von der 
erwähnten Publication Soetbeers^) wirkte der mündliche Austausch in dem von 
Merck gegründeten Freihandels verein, dem bereits in der Mitte des Augusts 
dreissig Mitglieder der Nationalversammlung „von allen Farben der politischen 
Meinungen" beigetreten waren, und sicher nicht wenig imponirte die kräftige 
Vertretung, die Kirchenpauer und Geflfcken den Hamburgischen Interessen in 
den Couferenzen der volkswirthschaftlichen Regierungscommissare zu Theil 
werden Hessen. Allerdings findet sich noch in einem Brief Gefifckens vom 
18. October, in dem er von den Berathungen bezüglich der in das Reichs- 
grundgesetz aufzunehmenden Bestimmungen über das Zollwesen berichtet, die 
Aeussening : „Wie es mir möglich werden soll, irgend einen Satz über Frei- 
häfen in den Entwurf hineinzubringen, ist noch nicht abzusehen." Kaum sehr 
viel hoffnungsvoller klangen die folgenden Worte seines Schreibens: „Die 
Freihafenfrage ist sehr schwierig zu behandeln, sie darf nicht zu sehr in 
den Vordergrund gedrängt werden, weil Hamburg, dann als ausgeschlossen 
betrachtet, seinen Einfluss auf die ganze Angelegenheit einbüssen würde 
und am Ende doch vielleicht kein Freihafen wird. Das Richtigste scheint, 
im ganzen für Handelsfreiheit und demnach für massige Tarifsätze zu 
kämpfen. Indem das geschieht, kämpfen wir zugleich für den Freihafen, 
der leichter unter liberalen Bedingungen zugestanden werden kann, wenn 
massige Zollsätze eine peinliche ControUe weniger nöthig machen." Doch 
fand sich bald genug Gelegenheit, sich dem ersehnten Ziel auf directerem 
Wege zu nähern. Unzweifelhaft ist es auf die Anregungen Kirchenpauers 
und Gefifckens zurückzuführen, dass die Regierungscommissare in ihrer 
Erklärung vom 10. November zum ersten Satz von § 33 des Reichsver- 
fassungsentwurfes: „Das deutsche Reich soll Ein Zoll- und Handelsgebiet 
bilden" den Zusatz beantragten: „Die Aussonderung einzelner Orte und 
Gebietstheile bleibt der Reichsgewalt vorbehalten".*) Ungeachtet der 
Opposition, welche dieser Zusatz bei dem volkswirthschaftlichen Ausschuss 
der Nationalversammlung erweckte, wurde er doch von der Nationalver- 
sammlung selbst am 21. November mit erheblicher Stimmenmehrheit an- 
genommen. 

Vom historischen Standpunkt angesehen war diese Entscheidung 
namentlich deshalb von Wichtigkeit, weil jener Zusatz aus der Reichs- 
verfassung von 1849 mit den durch die Umstände gebotenen Modificationen 

^) Von der Bedentang, die man ihr beimass, zengt schon der Umstand, dass zwei 
halb officielle, vom Reichshandelsministerium veranlasste Schriften ihre Ansfühmngen zn 
widerlegten suchten. 

^) Die Resultate der Berathungen der Regiernngscommissaire in Frankfurt am Main 
l<S4S/4i) zur Herstellang der Zoll-Einheit im deutschen Reiche (HaUe 1851), S. 3. 



185 



f 



in den Verfassungsentwurf des Dreikönigsbttndnisses, sowie in den Entwur 
einer Verfassung des norddeutschen Bundes vom Juni 1866 aufgenommen 
wurde. 

Für den Augenblick hatte man nur so viel erreicht, dass eine der 
hansestädtischen Freihafenstellung ungünstige Vorentscheidung vermieden 
war. Die Frage, ob Hamburg thatsächlich ausserhalb der deutschen Zoll- 
linie bleiben werde, galt keineswegs für erledigt. In der Mitte des 
Decembers 1 848 sah sich Soetbeer daher veranlasst, der Commerzdeputation 
ein Promemoria zu unterbreiten, in dem er, um seine frühere Denkschrift 
zu ergänzen und eine völlig unbefangene Prüfung der obschwebenden Frage 
zu erleichtem, sowohl die Argumente, welche flr den Nicht-Ausschluss 
geltend gemacht wurden, wie diejenigen, die zur Abschwächung der von 
dem Anschluss zurückschreckenden Besorgnisse dienen konnten, objectiv 
darlegte. Anderthalb Monate später (am 31. Januar 1849) forderte der 
Senat die Commerzdeputation sogar zu einem Gutachten darüber auf, welche 
Einrichtungen und Anstalten als unerlässlich und wünschenswerth anzusehen 
seien, falls Hamburg nicht ausserhalb der Zolllinie bleiben sollte. Es 
bestanden nicht nur trotz jenes § 33 Zweifel darüber fort, ob Hamburg 
die offenbare Abneigung des übrigen Deutschlands gegen das Freihafen- 
system überwinden werde, sondeni es tauchten selbst bei den eifrigsten 
Anhängern des Freihandels darüber Zweifel auf, ob, wenn im übrigen 
die deutsche Zolleinheit eine Wahrheit werde, nicht die Nachtheile 
des Zollausschlusses für Hamburg die des Anschlusses überwiegen würden. 
Bemerkens werth ist, dass selbst Kirch enpauer am 7. März 1849 aus 
Frankfurt schrieb: „Dass ein Freihafen für uns zu erreichen sei, habe ich 
nie far unmöglich gehalten und glaube auch noch, dass wir ihn erlangen 
können. Ob aber unsere eigenen Finanzen es gestatten, ob wir unserem 
Detailhandel und unseren Fabriken es werden genehm machen können, 
wage ich nicht zu beurtheilen. Sehr viel wird bei der Wahl zwischen 
beiden Eventualitäten darauf ankommen, wie in dem einen Fall die Entrepot- 
Einrichtungen und wie im anderen Falle die Zolllinie sich gestalten würde." 

Beide erwähnten Fragen waren während der vergangenen Monate 
in Hamburg wiederholt erörtert worden. Bezüglich der letzteren hatte 
man erwogen, ob die Zolllinie in die Richtung der Acciselinie fallen könne, 
oder ob es vielleicht zweckmässig sei, auch die Vorstadt St. Georg in 
die Zolllinie hineinzuziehen und dadurch für Hamburg die Vorzüge des 
Freihafens und der partiellen Zugehörigkeit zum Zollgebiet gleichzeitig zu 
erlangen. Hinsichtlich der ereten Frage hatte die Commerzdeputation 



Von dieser Idee waren die St Georger allerdings nicht erbaut. Am 30. Juni 1S48 
richtete das Kirchencollegium von St. Georg, als die gesetzliche Vertretung der Vorstadt, 
eine Supplik an den Senat, in der es die schon früher beantragte Vereinigung St Georgs 



1^ 

in ihr-^r Arr.Tf.r. i.if Ll* rnrüitit Ai5a*i«^ü des Semats tob 31. Januar, 
wi> ^::. .ü '•:•=:: r'-^r frl.r'-ra •>r>x^!i'irrL ierrorrekoben, dass im Fall 
drt* Z'IIii.v.-lL-^r^ fir EiT-TT? AüIxTri lÄ da* Art des Porto franco in 
G-L:La erf-ri-rl::: ?r::T:u •.►rf irn^ü E.ir -ias Ein- md Ausgehen der Waaren 
eiL«=rr Z»/.!:- iT Z-^ --Trrü-zr -■'ilr'^i in iLüem der betreffenden Säume 
vrlliz fre:^ E-=rirrCT2z -Vi:-:lir: 5*ria blIsj*. Ehe jedoch die Hamburger 
sich tr*:T 'ii-r?^ uzi ILlI: i^ r"::ijre aztirr einander und mit den Beichs- 
fc-Lvri-n Ti^r?::!:: :I^ iir.rüL tri.! i:-^ Fra^kfcrter Parlamentsberrlichkeit 
inr>AL.3:: -ier imp r»' vi-irtr- E<^: iir»rc:rninz zssammen. 

E< tinrn :1:1a vieler >:fl>re JiLre. oine dass jedoch die Discnssion 
über das VerliI:iLi>s »irr Hii.s^ti.iTe zam ZoUverein je ToDig zur Ruhe 
gelangt wäre. Er>*:L!rri? Azj^t^lz iierxu bot. dass sich Hannover im 
Jahre 1^.'»1 m.! «.»l i-tl'^ 1:^ im fo'^enien Jahre mit Preossen über den 
Beitritt zum Z-IlTervin eiiiLr:«?- unl «ieaizuf- -Ige vom 1. Januar 1854 an, 
nacL'lem die neaen Vertrize in Kraft g^etreten* Hamburg vom Zollverein 
erreicht, Brem^^-n S'vgur \**zl ihm um^rilc-sjsen war. 

Obwohl tierlaroL eine ganz neur Lug^e für die Hansestädte entstand, 
verharrten sie «i'-ch in Tirer bisLerizrn Zurückhaltung, und zwar Bremen 
niiht min«l^r al> Han^Vur^. Den in h*T: ien Städten jener Zeit voriierrschenden 
An^ohaaungen gib Otti» Gil i»^n;«r:>ter in seinen 1*^53 in der Weserzeitung 
venjffentlifhten Frir-f»^n Aus-Iru. k. An die Spitze seiner Erörterungen stellte 
er allerdings den Satz: «Wem der Z«»llverein die Hans^estädte haben will, 
so müssen sie l»eitreten." Etwaigen Zwangsmas^regeln des Hinterlandes 
gegenüber — meinte er — wür»len sie nur die Wahl haben, sich zu ruiniren 
oder sich zu nnierweifen. Es war hiemach klar, dass die Städte, um ihre 
Freihafenstellung zu behauj-ten, darauf angewiesen waren, darzuthun, 
dass sie in ihrer Sonderstellnng für das übrige Deutschland mehr zu 
leisten im Stande seien, als nach erfolgtem Zollanschluss. Dieser Aufgabe 
suchte sich Gildemeister durch den wt^iieren Inhalt seiner Artikel in der 
Weserzeitung zu unterziehen. Denselben Zweck verfolgte der Hamburger 
Senator Geffcken in >einer wenig später erschienenen Schrift über die 
Stellung der Hansestädte. M 

Für Hamburg wurde die Situation noch viel ernster, als im Jahre 1 804 
Schleswig-Holstein und Lauenbui^ aus ihrer Verbindung mit Dänemark 
losgelost wurden. 



mit der inneren Stadt anfs neae befürwortete, um auf diese Weise den gefährlichen 
Frojecten derjenigen Torznbengen, die der bisherigen Vi>rstadt ^die BoUe eines aosserhalb 
de«i Freigebietes and innerhalb der ZoUIinie gelegenen Fabrikoites" zuweisen wollten. 
VgL Hamb. Nachrichten Tom 11. Jnli I>4S. 

^) Die SteUnng der Hansestädte. 1. Heit. Bemerkungen Teranlasst durch sechs 
Artikel der Weserzeitnng. Hamburg lSa3. 2. Heft In nSherer Beziehnng auf Hambnrg. 
Hamburg 1854. 



187 

In der Erwartung, dass demnächst nicht nur diese Gebiete, sondern 
auch die mecklenburgischen Lande dem Zollverein beitreten würden, ver- 
anlasste der Hamburger Freihandelsverein im Jahre 1865 eine Untersuchung 
darüber, welche Haltung Hamburg unter diesen Umständen einnehmen 
sollte. Das Ergebniss war im wesentlichen folgendes: Man verschluss 
sich nicht der Erkenntniss, dass, wenn für den internationalen Zwischen- 
handel Freilager gewährt und für die Wiederausfuhr von Artikeln, die 
sich nicht für Entrepots eigneten, Zurückerstattung des Zolls zugesichert 
würde, der Beitritt zum Zollverein manche Vortheile bringen werde: für 
den Grosshandel ungehemmten Verkehr mit dem wichtigsten Absatzgebiet, 
ausserdem Förderung der Industrie, des Handwerks, des Detailhandels. 
Indess schienen diese Erwägungen minder ins Gewicht zu fallen, als die 
Betrachtung, dass Hamburg nur durch die freie Bewegung seines Handels 
in den Stand gesetzt werde, trotz ungünstigerer geographischer Lage den 
Wettkampf mit London und Liverpool aufzunehmen, und dass die Handels- 
freiheit, in deren vollständigem Genuss die Stadt aufgeblülit sei und ihren 
und den deutschen Handel am besten gefördert habe, duixh den Zoll- 
anschluss aufs Spiel gesetzt werde. 

Diese Anschauungen wurden in dem von Hargreaves ausgearbeiteten 
Bericht dargelegt.*) Obwohl hier alles kurz zusammengefasst war, was 
seiner Zeit für und gegen den Beitritt zum Zollverein vorgebracht zu 
werden pflegte, so Hessen doch schon die Ereignisse des folgenden 
Jahres 1866 und insbesondere der thatsächlich bevorstehende Zollanschluss 
von Schleswig-Holstein und Lauenburg, wie auch von Mecklenburg eine 
nochmalige Prüfung der erwähnten Frage erwünscht erscheinen. Die 
Commerzdeputation richtete deshalb am 26. September wieder ein Rund- 
schreiben an alle bedeutenden Hamburger Firmen, um sie zu Aeusserungen 
über die zur Entscheidung vorliegenden Punkte vom Standpunkte ihres 
besonderen Geschäftsbetriebes zu veranlassen. Zur Begründung dieser 
erneuten Aufforderung wurde angeführt, dass sich die Verhältnisse seit 
dem Jahre 1848 in mancher Beziehung geändert hätten. Das in jener Zeit 
noch mächtig vertretene Streben nach einem deutschen SchifiFahrtsgesetze 
und Diflferenzialzollsystem, welches damals dem Fortbestande vollständiger 
Freihäfen am gefahrlichsten entgegenstand, sei mittlerweile geschwunden. 
Der Zollvereinstarif zeige im Vergleich mit dem von 1848 einen ausser- 
ordentlichen Fortschritt im Sinne des Freihandels, anderseits habe 
der früher zu Gunsten des Freihafensystems so sehr hervorgehobene 
Zwischenhandel nach dem nördlichen Europa sich nicht in dem gleichen 



*) Hamburgs Stellung zum Zollverein bei dem eventuellen Eintritt von iSchleswig, 
Holstein, Lauenburg und Mecklenburg. (Bericht des Freihandels- Vereins. Als Manuscript 
gedruckt Berichterstatter J. Hargreaves.) Hamburg 1865. 



188 

Verhältniss fortentwickelt, wie das deutsche Import- und Exportgeschäft. 
Ferner wurde betont, dass diejenigen, die sich für Beibehaltung des Frei- 
hafens aussprechen würden, auf Vorkehrungen im Interesse des Handels- 
betriebs mit dem Binnenlande bedacht sein müssten, wogegen diejenigen, die 
den Zollanschluss empfehlen würden, über zollfreie Niederlagen, den ZoU- 
credit u. s. w. Vorschläge zu machen hätten. 

Die Mehrheit der befragten Hamburger Firmen sprach sich gegen 
den Zollanschluss aus.^) 

Im Sinne dieser Mehrheit traten auch der Hamburger Senat und 
die in den constituirenden norddeutschen Reichstag gewählten Ham- 
burgischen Deputirten in Berlin für die Aufrechterhaltung der Freihafen- 
stellung ein, und obwohl es bekanntlich nicht an Gegenbestrebungen fehlte, 
wurde der Artikel 34 so, wie er bereits in der Vorlage enthalten war, 
in die Verfassung des norddeutschen Bundes aufgenommen. Der Wortlaut 
desselben: „Die Hansestädte Lübeck, Bremen und Hamburg mit einem dem 
Zweck entsprechenden Bezirke ihres oder des umliegenden Gebietes bleiben 
als Freihäfen ausserhalb der gemeinschaftlichen Zollgrenze, bis sie ihren 
Einschluss in dieselbe beantragen" war ersichtlich den Hansestädten 
günstiger, als der § 33 der Reichsverfassuiig von 1849. Der letztere 
machte die Gewährung eines Freihafens von dem Belieben der Reichs- 
regierung abhängig, während der erstere einen etwaigen künftigen Zoll- 
anschluss der Hansestädte deren eigener Entschliessung anheimstellte. 

Dass jedoch für Hamburg nach der Einführung der norddeutschen 
Bundesverfassung trotz der ihm bewilligten Sonderstellung auch in wirth- 
schaftlicher Beziehung eine neue Situation eingetreten war, fand seinen 
Ausdruck auch in dem Antrag des Senats an die Bürgerschaft vom 
September 1867, in dem die Einsetzung einer gemischten Commission zur 
Berathung der durcli den Anschluss Hamburgs an den norddeutschen Bund 
hervorgerufenen wirthschaftlichen und financiellen Fragen vorgeschlagen 
war. Im Eingang des Antrags ist von der Vereinigung der Staaten des 
norddeutschen Bundes zu einem mit den Hansestädten in organischem 
Zusammenhang stehenden wirthschaftlichen Ganzen die Rede. In anderer 
Beziehung bemerkenswert!! ist die folgende Erklärung des Senats: Er habe 
niemals verkannt, dass principiell der vollständige Anschluss an die 
nationale Gemeinschaft auch im Verkehrsleben das Wünschenswertheste 
sei, und ebenso wenig, dass sehr beachtenswerthe Interessen Hamburgs 



*) Im Druck erschienen: „Zwanzig Gutachten in Bezug auf Hamburgs künftiges 
Verhältniss zum Zollverein. Herausgegeben von Freunden der FreihafensteUung" und 
„Neun Gutachten, die künftige handelspolitische SteUung Hamburgs betreffend. Heraus- 
gegeben von dem Verein für den Anschluss Hamburgs an den ZoUverein". 



189 

durch den Ausschluss von derselben benachtheiligt würden. Trotzdem sei 
er zu keiner Zeit darüber zweifelhaft gewesen, dass der Anschluss der 
Stadt im gegenwärtigen Augenblick nicht nur die mercantile Gesammt- 
stellung Hamburgs, sondern auch den deutschen Handel und die deutsche 
Industrie, als deren Vertreter im Welthandel die Hansestädte zu wirken 
hätten, empfindlich schädigen würde. 

Zu diesem Senatsantrag stellte eine Gruppe von Btirgerschafts- 
mitgliedern den Ergänzungsantrag, dass der zu wählenden gemischten 
Commission gleichzeitig das Mandat zu unparteiischer Prüfting der Frage 
ertheilt werde, ob und in wieweit der Freihafen oder der Zollanschluss 
dem Gesammtinteresse Hamburgs am meisten entspreche. In der sich 
hierüber entspinnenden Bürgerschaftsdebatte wurde u. a. als wünschens- 
werth bezeichnet, zu untersuchen, ob sich nicht solche Einrichtungen 
schaffen Hessen, die auch im Fall des Anschlusses das Interesse des 
Welthandels genügend sicherten. Die Mehrheit der Bürgerschaft war 
jedoch der Ansicht, dass die einschlägigen Fragen schon zuvor hinlänglich 
geprüft worden seien. 

Da indessen die Besorgniss obwaltete, dass der Zollanschluss von 
Schleswig-Holstein und Mecklenburg die wiilhschaftliche Existenz zahl- 
reicher Bewohner Hamburgs gefährden werde, so galt es Massregeln zu 
ergreifen, um dem soweit wie möglich vorzubeugen. Zu diesem Behuf wurde 
bei der Feststellung der Zollgrenze darauf Bedacht genommen, dass für 
Fabrikanlagen sich eignende, vom Mittelpunkt der Stadt nicht allzu weit 
entlegene Theile des Landgebiets in den Zollverein eingeschlossen wurden, 
wodurch zugleich den Wünschen Preussens entsprechend eine erhebliche 
Abkürzung der Zollgrenze erreicht ward. Ausserdem wurde mit preussischen 
Commissaren über die Herstellung einer Zollvereinsniederlage verhandelt. 
Anfänglich hatte man gehofft, dass die zu schaffende ZoUvereinsenclave 
im Hamburger Freihafengebiet nicht nur dem Handel mit ZoUvereinswaaren, 
sondern auch der Fabrikation dienen könne. Der Bundesrath wollte 
jedoch einen industriellen Betrieb innerhalb der Zollvereinsniederlage 
nicht zugestehen. Die hierdurch hervorgerufene Enttäuschung vieler 
Hamburger Gewerbetreibenden gelangte zum Ausdruck, als Anfang 1809 
die auf die Zollvereinsniederlage bezüglichen Senatsvorlagen in der Bürger- 
schaft zur Verhandlung kamen. Es wurde jetzt im Interesse der durch 
den Zollausschluss Hamburgs Benachtheiligten der Antrag gestellt, der 
Senat möge sich mit der preussischen Regierung darüber ins Einvernehmen 
setzen, dass ein städtisch bebauter Theil des Hamburgischen Territoriums 
dem Zollverein angeschlossen werde. Indessen war die Mehrheit der 
Bürgerschaft mit dem Senat der Ansicht, dass man erst die Wirkung der 
jüngsten Abmachungen abzuwarten habe, ehe man sich auf neue Experimente 
einlasse. 



190 

Die Mehrheit der Hamburger begrflsste es auch mit Frenden, dass 
— nachdem Lübeck im Jahre 1868 dem Zollverein beigetreten war — der 
Artikel 34 der norddeutschen Bandesverfassung zu Gunsten Hamburgs und 
Bremens in die deutsche Keichsverfassung von 1871 hinübergenommen wurde. 

Die hansestadtische Freihafenstellung schien nunmehr gesichertei' als 
je zuvor. Der Missgunst, welche Ausnahmestellungen hervorzurufen pflegen, 
schien durch den Umstand vorgebeugt zu werden, dass die Städte (schon 
seit der Begründung des norddeutschen Bundes) für ihre Befi-eiung vom 
Zoll eine bedeutende Aversionalsumme entrichteten. Dazu kam, dass, 
seitdem die Hansestädte sich durch ihre patriotische Haltung im Jahre 1870 
die Anerkennung des gesammten Vaterlandes erworben hatten, es noch 
ungerechtfertigter, als früher, erscheinen musste, sie wegen der Vertheidigung 
ihrer Welthandelsinteressen undeutscher Gesinnung zu bezichtigen. Dessen 
ungeachtet dauerte die Agitation gegen die Freihafenstellung der Hanse- 
städte fort. 

Dass innerhalb der Städte selbst sich viele Kreise durch den ZoU- 
ausschluss geschädigt glaubten und es zum Theil in Wirklichkeit waren, ist 
zur Genüge hervorgehoben worden. Unter der Freihafenstellung Hambui^s 
und Bremens litten ferner die diesen zunächst gelegenen Ortschaften, 
insofern ihr Verkehr mit den Zollausschlussgebieten und über diese hinaus 
unverkennbar erschwert wurde. In weiteren Kreisen Deutschlands empfand 
mau es überdies als eine Benachtheiligung, dass der Consum in zwei 
volkreichen deutschen Städten die auswärtigen Erzeugnisse vielfach vor 
den deutschen bevorzugte. Abgesehen hiervon, wurde trotz des 
Widejspruclis der Hansestädte stets aufs neue wiederholt, dass letztere, 
sobald sie sich dem Zollgebiet angeschlossen hätten, ihr Interesse noch 
mehr mit dem des deutschen Binnenlandes identificiren würden. Endlich 
erschien es als eine unerwünschte Anomalie, dass in dem politisch geeinigten 
Deutschland die wirthschaftliche Einheit zufolge des Widerspruchs der 
Hansestädte noch immer nur ein ersehntes Zukunftsbild war. 

Die somit gleichmässig aus realen und idealen Antrieben hervor- 
gegangene Bewegung für den Zollanschluss trat begreiflicher Weise mit 
verstärkter Kraft hervor, seitdem in Deutschland gegenüber der bisher 
vorherrschenden Freihandelspolitik eine schutzzöllnerische Strömung zur 
Geltung gelangte. 

Es folgten nun Vorgänge, die noch in aller Erinnerung leben, und 
auf deren Einzelheiten einzugehen unnöthig erscheint. Nur der wichtigsten 
Momente möge hier zur Vervollständigung dieser Skizze gedacht werden. 
Der Keichskanzler bekundete den Wunsch und Willen, dass Hamburg 
im Interesse des wirthschaftlichen Gedeihens der deutschen Gesammtheit 
auf seine Sonderstellung verzichte. In Hamburg aber baute man auf den 



191 

Artikel 34 der Reichsverfassung, indem man zugleich an der Ansicht 
festhielt, dass die Sonderstellung Hamburgs für die Wohlfahrt Deutschlands 
nicht nachtheilig, sondern vielmehr förderlich sei. Hieraus ergab sich 
ein Gegensatz, der sich anscheinend immer mehr verschärfte, zur tiefen 
Beküramerniss eines jeden, dem Hamburgs und Deutschlands Geschicke 
am Herzen lagen. Anderseits musste die Erkenntniss von dem Vor- 
handensein dieses Gegensatzes mit Noth wendigkeit dahin führen, dass 
man nach Mitteln und Wegen zu seiner Begleichung strebte. Es war 
nicht denkbar, dass Hamburg dauernd im Widerspruch zu den Wünschen 
der Mehrheit der Nation und zu dem ausgesprochenen Willen der Reichs- 
regierung verharrte. Hatte einst als Hauptsatz der hanseatischen Politik 
gegolten, dass die Existenz der Hansestädte von dem Wohlwollen sämmt- 
licher handeltreibenden Nationen abhänge, so beruhte jetzt — darüber war 
auch in Hamburg kein Zweifel — der Fortbestand der eigenartigen Existenz 
der Hansestädte auf dem Wohlwollen und der Werthschätzung des übrigen 
Deutschlands. Wenn also bei der deutschen Nation und bei der Regierung 
des deutschen Reiches "die Ansicht vorherrschte, dass die Hansestädte in 
ihrer Sonderstellung der deutschen Gesammtheit nicht die Nutzleistung 
gewährten, die man von ihnen verlangen konnte, so musste man sich dieser 
Anschauung anbequenken, selbstverständlich freilich nur unter der Bedingung, 
dass man durch solche Willfahrigkeit es sich nicht unmöglich machte, 
dem Reich den erwarteten Nutzen zu leisten, dass man nicht durch 
Selbstverstümmelung das Reich verstümmelte. 

Diese letztere Gefahr schien jedoch ausgeschlossen, als die Vertretung 
des Reichskanzlers ihre Bereitwilligkeit zu erkennen gab, wenn nur der Haupt- 
zweck eiTeicht würde, es nicht an Zugeständnissen zur Sicherstellung 
des Hamburgischen Welthandels fehlen zu lassen. Somit war die Aussicht 
eröffnet, auf Grund beiderseitiger Nachgiebigkeit zu einem Abkommen zu 
gelangen; es fragte sich nur, auf welcher Grundlage. Seit November 1880 
fanden zwischen Mitgliedern des Hamburgischen Senats und Vertrauens- 
männern des Reichskanzlers informatorische Besprechungen statt, um eine 
Grundlage für die Verständigung zu finden. Der Vorschlag, einen Theil der 
bewohnten Stadt als Freihafen zu belassen und nur den Rest in die Zolllinie 
hineinzuziehen, wurde, auch abgesehen von den technischen Scliwierigkeiten, 
die seine Verwirklichung bot, von der Reichsregierung als principiell 
unzulässig bezeichnet. Gegen die Einführung eines Entrepotsystems, wie 
es in London, Liverpool, Antwerpen und in den holländischen Hafen- 
städten zur Anwendung gelangt war, walteten in Hamburg die 
grössten Bedenken ob, zumal eine kurz zuvor unternommene Studienreise 
Hamburgischer Sachverständiger aufs neue zu dem Ergebniss geführt hatte, 
dass derartige Entrepots den besonderen Verhältnissen des Hamburgischen 
Handels nicht genügten, weil sie dem Verkehr des Kaufmanns mit seiner 



192 

Waare allzu viele Schwierigkeiten bereiteten. Indessen war ja, wie 
bemerkt, bereits im Jahre 1848 von Duckwitz, wie von der Hamburger 
Commerzdeputation die Möglichkeit ins Auge gefasst worden, Entrepots 
herzustellen, die nur von aussen bewacht würden. Es konnte nicht anders 
sein, als dass die Entwürfe und Vorschläge, die jener Zeit zu Tage gefordert 
waren, um die deutsche Zolleinheit und das hansestädtische Welthandels- 
interesse mit einander in Einklang zu bringen, anregend wiikten, als es 
galt, dieses Problem zu definitiver Lösung zu bringen. Auch was über 
Freihäfen andrer Länder, namentlich Italiens, aus älterer und neuerer Zeit 
bekannt geworden, bildete einen Gegenstand eindringenden Studiums. Vor 
allem aber war es die richtige Würdigung der thatsächlichen Verhältnisse, 
die im A'erein mit dem Wunsch, einem wirklichen Conflict vorzubeugen, 
dahin führte, dass der Weg zum Ausgleich gefunden wurde. 

Der Vorschlag, dass zwar die gesammte Bevölkerung in den Zoll- 
verband eintrete, zugleich aber ein nicht zur Wohnstadt gehöriger, nur 
von aussen bewachter, mit dem erforderlichen Raum für die gewünschte 
freie Bewegung ausgestatteter Freihafen dem Hamburgischen Welthandel zur 
A^erfügung gestellt werde, erlangte auch die Zustimmung des Eeichs- 
kanzlers. Nachdem über diesen wichtigen Punkt Einigung erzielt worden, 
war es verhältnissmässig weniger schwierig, auch bezüglich der übrigen 
eine Verständigung herbeizuführen. 

So kam es zu jener viel besprochenen Vereinbarung vom 25. Mai 1881. 
Dank dem Entgegenkommen des Reichskanzlers und den rastlosen und 
einsichtigen Bemühungen der weitblickenden Männer, die während der 
letzten Verhandlungen Hamburgs Interessen vertreten hatten, war die Stadt 
vor der Gefahr behütet worden, in die sie durch längere Fortdauer der bis- 
herigen Differenzen unzweifelhaft gerathen wäre. Auch hatte man erreicht, 
dass der für Hamburgs commercielle Weltstellung unentbehrliche Freihafen, 
wenn auch in veränderter Gestalt, fortbestand. Darin, dass Reichskanzler und 
Bundesrath sich mit der Fortdauer eines solchen Freihafens einverstanden 
erklärten, lag zugleich die beste Rechtfertigung der Zähigkeit, mit der die 
Hamburger bis dahin ihre Freihafenstellung vertheidigt hatten. Anderseits 
Avar auch Hamburg genöthigt gewesen, in wichtigen Punkten nachzugeben. 
Es musste erhebliche financielle Lasten auf sich nehmen und — was mehr 
bedeutete — sich in ganz neue Verhältnisse hineinleben. Mit Recht hatte 
ein ehrwürdiges Mitglied des Hamburger Senats bei der Eröffnung der 
Bürgerschaftssitzung vom 15. Juni 1881 betont, dass es ein schwerer Ent- 
schluss sei, sich von einem Zustand der Dinge zu trennen, der Jahrhunderte 
hindurch gedauert habe, in welchem Hamburg zu hoher Blüthe gelangt 
war, und der zur lieben und bequemen Gewohnheit geworden; aber er 
hatte zugleiöh die staatsmännischen Gesichtspunkte hervorgehoben, nach 



193 

denen es geboten war, den rechten Augenblick zum Abschluss eines 
ehrenvollen und vortheühaften Friedens nicht verstreichen zu lassen.^) 
Der Frieden war erreicht worden. Doch nicht alle vermochten ihn so- 
gleich gutzuheissen, und die Ansichten über die Wirkungen, die das Abkommen 
vom 25. Mai auf das wirthschaftliche Leben Hamburgs und des übrigen 
Deutschlands ausüben werde, gingen noch längere Zeit weit auseinander. 
Mit Vertrauen und selbst mit überschwänglichen Hoffnungen auf der einen 
Seite, mit Zweifeln und Besorgnissen auf der anderen, sah man dem für 
den October 1888 in Aussicht genommenen thatsächlichen Zollanschluss 
entgegen, und auch nach diesem Zeitpunkt wurde darüber gestritten, ob 
und wie weit die seitdem wahrgenommene erfreuliche Zunahme des Ham- 
burgischen Handels auf den Zollanschluss oder auf andere von ihm mehr 
oder minder unabhängige Ursachen zurückzuführen sei. Immerhin steht 
fest, dass auch die früheren Widersacher des Zollanschlusses sich mit der 
vollendeten Thatsache ausgesöhnt haben. Allgemein wird das Segensreiche 
der auf Grund der Vereinbaning von 1881 aufgeführten, von allen Sach- 
kundigen bewunderten neuen Hafenanlagen anerkannt. Insbesondere aber 
besteht völlige üebereinstimmung über den unschätzbaren Werth, den es 
für Hamburg hat, die letzte Faser jedes Zweifels darüber ausgetilgt zu 
haben, dass kein Gegensatz zwischen dem Hamburgischen und dem 
gesammtdeutschen Wirthschaftsinteresse vorhanden sei. 



ScUussbetraclituiig. 

Fester und inniger, als vorher, ist seit dem Jahre 1888 die Verbindung 
Hamburgs mit dem übrigen Deutschland geworden, und mehr und mehr 
scheint das Sonderleben dieser Stadt in dem Leben der deutschen 
Gesammtheit aufzugehen. Immerhin veimag Hamburg seine berechtigten, 
d. h. dem Vaterland zum Frommen gereichenden Besonderheiten zu bewahren 
und so auch fernerhin in der bisherigen eigenartigen Weise seine com- 
merciellen Fähigkeiten und seinen bürgerlichen Gemeinsinn zu bethätigen. 

Wenn bereits vor mehr als zweihundert Jahren, da die Hamburger 
sich mühselig durch eigene Anstrengungen der afrikanischen Seeräuber 
und der nicht minder räuberischen europäischen Kaper erwehrten, gerühmt 
ward, dass der Hamburgische Handel dem gesammten Deutschland zum 
Nutzen und zur Ehre gereiche, wieviel leichter vermag er dieses Lobes 
theilhaftig zu werden, da ein kaiserliches Wort verheisst: „Es soll ihm 
stets der Schutz des kaiserlichen Aars folgen, wohin er auch seine Bahnen 



*) S. die Rede von Senator Dr. Petersen bei H. Eberstein, Hamburgs Anschluss an 
das deutsche Zollgebiet. Verhandlungen «wischen Senat und Bürgerschaft (Hamburg 1881), 

S. 43 f. 

18 



194 

über die Welt ziehen möge". Und wenn es auch keine eigene Hamburgische 
Handelspolitik, keine Hamburgische Handelsgesetzgebung mehr gibt, so 
vermag dafür der Hamburgische Kaufmann veimöge seiner Erfahrungen, 
seines Weitblicks und des Ansehens, dessen er sich in der handeltreibenden 
Welt erfreut, seinen Einfluss auf die Regelung der commerciellen Verhältnisse 
des Gesammtyaterlandes zur Geltung zu bringen. 

Der bürgerliche Gemeinsinn Hamburgs hat sich stets auch in schweren 
Tagen bewährt, in Kriegszeiten oder wenn die Stadt von Brandkatastrophen 
oder von verheerenden Epidemien heimgesucht wurde. Vielleicht aber 
noch schwierigere Aufgaben, als je zuvor, werden in Zukunft an ihn heran- 
treten, insofern es gelten wird, den sich immer stärker aufdrängenden socialen 
Anforderungen des Zeitalters durch Massnahmen der städtischen Social* 
Politik gerecht zu werden. Dass der gute Erfolg nicht ausbleibe, dessen 
dürfen wir uns getrösten im Hinblick auf jene von Alters her überlieferten 
Vorzüge des Hamburgers, die Verbindung menschenfreundlicher Gesinnung 
mit Umsicht, Ausdauer und sicherem Takt in der Erkenntniss des Prakti- 
schen und mit Erfolg Durchführbaren. 

Zu Hamburgs lEhren wurde in früheren Zeiten stets auch der über- 
aus rege Antheil angeführt, den die Stadt an dem geistigen Leben des 
deutschen Volkes genommen. In der Mitte des 17. Jahrhunderts stand 
Hamburg unter den deutschen Städten, die sich um die Förderung der 
Wissenschaft verdient machten, in erster Linie. Auch im 18. Jahrhundert 
wurde Hamburg zu den wichtigsten Pflegestätten deutscher Litteratur 
und Wissenschaft gezählt Im 19. Jahrhundert vermochte die Stadt diese 
Ehrenstellung nicht mehr völlig zu behaupten. Mehr und mehr setzte sich 
im übrigen Deutschland die Ansicht fest, dass in Hamburg die idealen 
Interessen von den materiellen gleichsam erdrückt würden. Eine Vor- 
stellung, die neuerdings günstigeren Urtheilen zu weichen beginnt, doch 
zu keiner Zeit als völlig berechtigt gelten konnte. An Fi-eunden und 
Vertretern der Wissenschaft, Litteratur und Kunst hat es hier auch im 
19. Jahrhundert nie gänzlich gefehlt. Wenn das Kunstinteresse der Ham- 
burger sich längere Zeit fast ausschliesslich der Musik zuwandte und um 
die Wende des vorigen Jahrhunderts Verständniss fllr die bildende Kunst nur 
bei sehr wenigen zu finden war, so hat sich darin, schon mit den ersten Jahr- 
zehnten dieses Jahrhunderts beginnend, ein erfreulicher Wandel vollzogen. 
Die Sammlungen kunstsinniger Bürger und insbesondere die Schöpftmgen 
so mancher auch ausserhalb der Vaterstadt hochgeschätzten Hamburger 
Künstler legen davon rühmliches Zeugniss ab. Nicht wenige der in unserem 
Jahrhundert entstandenen kirchlichen und Profanbauten, vor allen unser jüngst 
vollendetes prächtiges Rathhaus, werden auch in ferner Zukunft den Ham- 
burgischen Architekten zur Ehre gereichen. Nicht minder erfreulich ist es, 
dass dank trefflicher Anleitung das Verständniss für Kunst und Kunstgewerbe 



% 



195 

in immer weitere Kreise der Bevölkerung gedrungen ist. üeberhaupt haben 
sich in der Hambnrgischen Bildungspflege während der letzten Jahrzehnte 
unvergleichliche Fortschritte vollzogen. Das Volksschulwesen wurde so 
gut wie neu begiiindet. Die Zahl der öffentlichen höheren Schulen 
wurde stetig vermehrt. Als mustergültig anerkannte Museen und sonstige 
Sammlungen sind erstanden, erweitert oder umgebildet worden. Auch von 
den Leitern dieser Anstalten abgesehen, wirkte und wirkt eine nicht 
geringe Anzahl von Vertretern der verschiedenen Wissenschaften in den 
mannigfachsten Berufs- und Lebensstellungen. Schon hat man begonnen, 
diese Kräfte oder doch viele von ihnen zu gemeinsamer Lehrthätigkeit 
im Sinne einer Volksuniversität zusammenzufassen, und man darf hoffen, 
dass durch diese Bestrebungen eine neue Aera des wissenschaftlichen, 
vielleicht auch des litterarischen und künstlerischen Lebens in Hamburg 
eingeleitet werde. Doch so gross auch die Versuchung ist, muss der 
Historiker es sich versagen, diesen Gedankengang weiter zu verfolgen und 
von dem Boden der Vergangenheit und Gegenwart in die weiten Gefilde 
idealer Zukunftswünsche hinüberzuschweifen. Gestattet aber wird es ihm 
sein, der üeberzeugung Ausdruck zu geben, dass unsere Stadt, die in 
vergangenen Jahrhunderten so manchen Gefahren getrotzt und so manche 
Drangsale glücklich überstanden hat, auch der Zukunft getrost entgegen- 
sehen kann, wenn sie an ihren alten Traditionen festhält, wenn Unter- 
nehmungsgeist und Ehrenhaftigkeit im Geschäftsbetrieb, Werthschätzung 
alles dessen, was der deutsche Geist auf den Gebieten der Wissenschaft, 
Litteratur und Kunst geschaffen, Hingebung an das heimische Gemeinwesen 
und unverbrüchliche Treue gegen das Vaterland auch fernerhin die Grund- 
züge des Hamburgischen Lebens bilden. 



Oedrackt beiLtttcke&Wulff, E. H. Senats Buchdrackem. 



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